FRAU SELICKE: Hier! Nu trink erst! (Setzt die Kanne auf den Tisch.)

TONI (die sich vor dem geöffneten Bündel auf dem Teppich niedergekauert

hat): Ja. Gleich!

FRAU SELICKE (hat sich leicht auf den Sophatisch gestützt und sieht ihr

zu): Mäntel? ... Da kannst Du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen!

Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von Deinem Leben!

TONI (immer noch mit dem Ordnen der Zeugstücke beschäftigt): Na! 's ist

doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst!

FRAU SELICKE (aufseufzend): Ach ja, ja!

TONI: Aber ein _Leben_ auf den Strassen? Kaum zum Durchkommen!

FRAU SELICKE (nickend): Das glaub ich! ... Du wirst Dich schön haben

schleppen müssen mit dem alten Bündel! Bist Du denn nich wenigstens ein

Stück mit der Pferdebahn gefahren?

TONI: Ach, Alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen!

FRAU SELICKE (ihr die Tasse zuschiebend): Aber Du trinkst ja gar nicht!

Trink doch erst!

TONI: Ja! (Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlürfend,

von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend): Schön warm!

FRAU SELICKE: Bist Du der Mohr'n vorhin begegnet?

TONI: Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an!

FRAU SELICKE: Sie wollte mal wieder horchen? Nicht wahr?

TONI: Ja! ... Sie fing natürlich von Linchen an! Und, was wir diesmal

für'n schlechtes Weihnachten durchzumachen hätten und so, na Du weisst

ja!

(Sie bückt sich wieder zu ihren Mänteln.)

FRAU SELICKE: Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kümmern!

TONI: Na, von mir bekommt sie nichts raus!

FRAU SELICKE: Die mögen schön über uns schwatzen! .... Solche Menschen!

Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt

Bier wie'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast Du noch

nicht gemerkt?

TONI: Na, ja! Lass doch man, Mutterchen! Lass sie alle machen, was sie

wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! (Ist aufgestanden und steht

nun, die Hände unter der Tischplatte, da.) Rück doch mal'n bischen den

Tisch! Ich möchte mir da die Mäntel zurecht legen! (Frau Selicke hilft

ihr.) Der Vater kann doch jetzt unmöglich mehr auf dem Komptoir sein?

FRAU SELICKE (hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und

sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her): I,

ich dachte gar! ... Wer weiss, wo der jetzt wieder steckt!

TONI (hinter dem Tisch auf dem Sopha die Zeugstücke ordnend): Na, er

wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bischen etwas einkaufen, für

Linchen!

FRAU SELICKE: I, jawohl doch! Und .... du lieber Gott, was soll nicht

alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiss übrigens, ob er

diesmal so viel zu Weihnachten kriegt wie sonst! .... Er thut wenigstens

so! .... Das heisst, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt

einem ja nie die Wahrheit! .... Andre Männer theilen ihren Frauen alles

mit und berathen sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja für

garnichts ästimirt! Der weiss ja alles besser! ... Nein, so ein

trauriges Familienleben, wie bei uns .... Pass mal auf: Der hat heute

wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kömmt nu vor morgen früh

nich nach Hause!

TONI: Na, ich dachte gar! ... das wäre doch! ... Heute!

FRAU SELICKE: Na, du wirst ja sehn! Vergang'ne Nacht hat mir wieder mal

von Pflaumen geträumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen,

dass es Skandal giebt!

TONI: Ach Gott! darauf kann man doch aber nichts geben!

FRAU SELICKE: Na, pass auf! Meine Ahnungen trügen mich nie!

TONI: Aber wie kann man blos so abergläubisch sein, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Abergläubisch? Nein, gar nicht! Ich bin garnicht

abergläubisch! Aber es ist doch komisch, dass es bis jetzt jedesmal

eingetroffen ist!

TONI: Ach, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf

verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf!

TONI: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so

ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich!

Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn

räsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhören und

durch sein Räsonniren wird es ja doch nicht besser.

FRAU SELICKE: Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man müsste

garnich drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann

aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen

Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein

unmöglich! .... Dann läuft mir jedesmal die Galle über!

TONI: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn

schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du musst es gar nicht

beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst

mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an

nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Ja! 's is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht

resolute haben sollen!

TONI: Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach!

FRAU SELICKE: Nein! 's ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun

nicht empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor

Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann

soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das _kann_ ich

einfach nicht! Das _kann_ ich nicht!! ....

TONI (seufzend): Aber dann würde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein

bischen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar

nicht so schlimm, wie er thut!

FRAU SELICKE: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt!

Ich _kann_ mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein!

TONI: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr

Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu

nähen.)

FRAU SELICKE: Willst Du heute noch nähen?

TONI: Ja, ein bischen!

FRAU SELICKE: Ach! das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! .... So

ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt!

TONI: Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und

wir Andern? Liebe Zeit! ...

FRAU SELICKE (gähnt): Ach, bin ich -- müde! ... Nächtelang hat man kein

Auge zugethan und mein Fuss thut auch wieder so weh ....

TONI: Ja! Leg Dich ein bischen hin, Mutterchen! Du strengst Dich

überhaupt viel zu sehr an! Das solltest Du gar nicht!

FRAU SELICKE: Ja ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n

bischen schlafen legen! (zum Bett hin.) Ach, mein Mäuschen! (Ist

aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille

auf den Tisch gelegt.) Heute Nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe!

Das weiss ich schon! Ach ja! ... (Gähnt. Schon in der Kammerthür.) Ja,

und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh' man dann

wieder 'n Miether kriegt! .... Ach Gott ja! ... Na! ... (verschwindet in

der Kammer.)

TONI (über ihre Arbeit gebückt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie.

Fernes Glockengeläute, das eine Zeit lang während des Folgenden

fortdauert. -- Es klopft an Wendt's Thür. Toni zuckt leicht zusammen.

Dann): Herein?

WENDT (tritt ein): Störe ich?

TONI: O nein! ... Wünschen Sie etwas?

WENDT (zum Tisch tretend): Ich? ... Nein! (Sieht ihr einen Augenblick

zu.) Sie arbeiten heute noch?

TONI: Ja! 's hilft nichts! Ich muss in den Feiertagen damit fertig

werden!

WENDT: In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mänteln da?

TONI (lächelnd): Ja! Ein tüchtiges Stück Arbeit ist es! .. Hören Sie?

Die schönen Weihnachtsglocken!

WENDT (während er sich ebenfalls einen Stuhl holt und diesen neben den

Tonis stellt): Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken!

TONI: Hören Sie das Glockengeläute nicht gern?

WENDT: Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ...

eh! (macht eine Handbewegung.)

TONI: Wie?

WENDT: Ach! So -- nervös, mein ich!

TONI: Nervös? Ach!

WENDT: Nein! Ich höre die Glocken hier nicht gern!

TONI: Sie wollen doch aber nun Pastor werden?

WENDT: Ja!

TONI: Zu Weihnachten klingen sie immer schön, find' ich! ... Als ich

noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertag Morgen in

die Christmette. Ganz früh. Wir wurden dann tüchtig eingemummelt und

jedes hatte ein kleines Wachsstöckchen. Das wurde in der Kirche

angezündet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir

bescheert. Ich muss immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die

Glocken höre! ... Freilich so schön klingen sie nicht, wie bei uns zu

Hause!

(Kleine Pause. Man hört nur ein wenig stärker und näher das

Geläute.)

WENDT (ein wenig erregt): Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie

... Weihnachten war schöner damals! ... Hm! -- (Beugt sich zu ihr hin,

ohne sie anzusehen.) Toni! Sagen Sie mal!

TONI: Wie?

WENDT: Ich meine ... hm! Ja! Ich musste -- nur eben wieder daran denken

-- dass ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe!

TONI (ohne aufzusehn): Ja! Sie bekommen ja nun -- eine Stellung!

WENDT: Eine Stellung! (Sich zurücklehnend) Komme nun, sozusagen, in

geordnete, bürgerliche Verhältnisse. Ja! Eine Landpfarre!

TONI: Auf's Land kommen Sie?

WENDT: Ja, auf's Land! Auf's Land!

TONI: Ach, das muss Ihnen gewiss recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja so

wie so nicht mehr recht hier in der Grossstadt gefallen!

WENDT: Ja, man lernt hier so viel kennen! ... Aber nun! Landpastor also!

... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzüchterei

und ... und hahaha!

TONI (sieht auf): Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer

Stellung nicht zufrieden?

WENDT: Ach, das ... das ist ja gleichgültig!

TONI: Gleichgültig?

WENDT: Ach, das ... Es könnte freilich -- unter Umständen -- recht schön

sein! (Sieht Toni plötzlich voll an, diese bückt sich noch tiefer über

ihre Arbeit.) Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... (er beugt sich

wieder zu ihr hin.) Alle die Mäntel müssen Sie nun also in den --

Feiertagen nähen?

TONI (leise ernst): Ja! Es macht freilich so mehr Mühe mit der Hand!

Aber mit der Nähmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist.

(Pause.)

Ja, das wird nun ...

WENDT: Wie meinen Sie?

TONI: Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt!

WENDT: Aber die Handarbeit ... das fortwährende Nähen muss doch Ihre

Gesundheit sehr angreifen!

TONI (mit einem Lächeln): Ach, ich bin nicht schwächlich! Man muss nur

Ausdauer und ein bischen Geduld haben.

WENDT (sich zusammenraffend): Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun

etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals für

Scherz ... und ich sah damals auch ein, dass ich noch kein Recht hatte

... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt, wo ich

in -- geordnete Verhältnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie

mir auf meine -- Landpfarre folgen? (Das Geläute hört auf.)

TONI: Sie ... ob ich -- Ihnen ...

WENDT: Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen?

Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen · 第 2 / 27 题