TONI: Ach ... (Sie bricht in Thränen aus.)

WENDT: Sie weinen?!

TONI: Warum ... das ist -- nicht Recht von Ihnen, dass Sie wieder davon

-- sprechen!

WENDT: Nicht Recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt?

TONI: Das -- geht ja doch nicht! Das geht ja nicht!

WENDT: Das -- geht nicht?!

TONI: Nein! ... Ach Gott!

WENDT: Aber warum denn nicht?

TONI: Ach Gott!

WENDT: Es geht Toni! _Jetzt geht es!_ ... Wissen Sie: in diesen Tagen

fand ich hier ein Buch!

TONI: Ein ... Buch?

WENDT: Ein einfaches Büchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Conceptpapier in

ein Stück blaue Pappe geheftet. Mit solchem weissen Zwirn da! Jemand

hatte es hier liegen lassen, aus Versehn!

TONI (sehr verwirrt): Ein ... das ...

WENDT: Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin!

Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die Eine für sich gemacht hatte,

die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen

abmacht und auskämpft! ...

TONI (weint heftiger): Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen?

WENDT (rückt näher zu ihr und sucht ihr in's Gesicht zu sehen): Ich war

sehr, sehr glücklich, als ich das Alles las!

TONI: Ach! Ich ... aber ich _darf_ doch hier nicht fort!

WENDT: Du _darfst_ nicht?! Toni! Bist Du ... ich meine: Kannst Du's hier

-- aushalten?! Bist Du hier glücklich?!

TONI (immer noch weinend): O Gott! O Gott!

WENDT (sehr erregt): Nein! Nein! Das ist unmöglich, Toni! ... Ich habe

vorhin, drin in meinem Zimmer, gehört, was Du mit Deiner Mutter

sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Scenen

mit angehört, die furchtbaren Scenen! ... ich habe Euer ganzes,

unglückliches Familienleben kennen gelernt! Zwei Jahre lang hab' ich das

Alles gehört und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... (Stöhnt

auf.) Und Du! Wenn man denken muss: zweiundzwanzig Jahre hast Du in alle

dem Elend gelebt und hast es ertragen müssen! Zweiundzwanzig Jahre! ...

Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre!

TONI (verlegen -- trotzig): O, der Vater ist gut ... ein bischen

aufbrausend, aber ... Ach Gott! (Schluchzt.)

WENDT (verbittert): Gut! Gut! (Lacht auf, zornig.) Nein! Nein! Du

_darfst_ nicht länger bleiben! Du _darfst_ nicht länger in diesem

traurigen Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! Du passt nicht

hierher?

TONI: Aber ich ...

WENDT: Hast Du denn gar kein Bedürfniss nach Glück?!

TONI (schüchtern, forschend): Glück?! Ich -- weiss nicht! ... Ich --

verstehe Sie nicht!

WENDT: Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast Du denn nicht

manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schöne

Verhältnisse? Wo Du nicht Tag für Tag -- Herrgott! -- _Tag für Tag!_ all

das Elend hier vor Augen hast? Wie?

TONI: Aber ...

WENDT (leise, etwas höhnisch): Ich habe auch _davon_ etwas in dem

kleinen, blauen Büchelchen gelesen! Siehst Du? Ich kenne Dich ganz

genau! Du bist auch nur ein Mensch!

Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen · 第 3 / 27 题