Die Familie Selicke.
Arno Holz -- Johannes Schlaf.
Die
Familie Selicke.
Drama in drei Aufzügen.
Vierte Auflage.
Berlin 1892.
Verlag von Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr).
Vorwort.
Am 8. April 1890, einen Tag später nachdem »Die Familie Selicke« über
die »Freie Bühne« gegangen war, schrieb Theodor Fontane in der
»Vossischen Zeitung«:
»Die gestrige Vorstellung der »Freien Bühne« brachte das dreiaktige
Drama der Herren Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke.
_Diese Vorstellung wuchs insoweit über alle vorhergegangenen an
Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier
scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu._ Die beiden am
härtesten angefochtenen Stücke, die die »Freie Bühne« bisher brachte: G.
Hauptmann's: »Vor Sonnenaufgang« und Leo Tolstois: »Die Macht der
Finsterniss,« sind auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin
angesehen, keine neuen Stücke; die Stücke, bezw. ihre Verfasser, haben
nur den Muth gehabt, in diesem und jenem über die bis dahin traditionell
innegehaltene Grenzlinie hinauszugehen, sie haben eine Fehde mit
Anstands- und Zulässigkeitsanschauungen aufgenommen und haben auf diesem
Gebiete dieser kunstbezüglichen, im Publikum gang und gäben Anschauungen
zu reformiren getrachtet, aber nicht auf dem Gebiete der Kunst selbst.
Ein bischen mehr, ein bischen weniger, das war Alles; die Frage, »wie
soll ein Stück sein?« oder, »sind Stücke denkbar, die von dem bisher
Ueblichen vollkommen abweichen?«, diese Frage wurde durch die
Schnapskomödie des einen und die Knackkomödie des anderen kaum berührt.
Ich darf diese Worte wählen, weil ich durch mein Eingenommensein für
Beide vor dem Verdachte des Uebelwollens geschützt bin.«
In seinem Buche: »Die Kunst«, Berlin, Gustav Schuhr, Herbst 1890,
reproducirt der Jüngere von uns diese Stelle und fährt dann fort:
»Ich citire hier diesen Absatz, weil es uns eine Freude ist, konstatiren
zu können, dass es grade Theodor Fontane gewesen, der die jähe Kluft,
die uns von aller bisherigen Bühnenproduktion trennt, Ibsen nicht
ausgeschlossen, als _Erster_ wahrgenommen hat.
Nichts kann uns in der That mehr lächeln machen, nichts zeugt mehr von
der urkomischen Verwirrung, die wir Aermsten unter unseren verehrten
Herren Kollegen, den Schreibern der Zeitungen, nun einmal angerichtet
haben, als wenn man uns in seiner Herzensnoth, die nach Schablonen
schreit, als Nachtreter der grossen Ausländer etikettirt.
Möge man es sich daher gesagt sein lassen. In aller Ruhe, bewusst und
aus unserer Ueberzeugung heraus. Uns ist darum nicht bange. Es wird
dereinst erkannt werden: noch nie hat es in unserer Literatur eine
Bewegung gegeben, die von Aussen her weniger beeinflusst gewesen wäre,
die so von innen heraus gewachsen, die mit einem Wort _nationaler_ war,
als eben grade diejenige, vor deren weiteren Entwicklung wir heute stehn
und die mit unserm »Papa Hamlet« ihren ersten, sichtbaren Ausgang
genommen. Die »Familie Selicke« ist das deutscheste Stück, das unsere
Literatur überhaupt besitzt. Es ist auch nicht ein einziges Element in
ihr und wäre es auch noch so winzig, das uns von jenseits der Vogesen
zugeflogen wäre, von jenseits der Memel, oder von jenseits der Eider.
Und wenn uns _nichts_ dafür ein Beweis gewesen wäre, nicht einmal die
Thatsache selbst, die unerhörten Beschimpfungen, die damals auf uns
niederprasselten, hätten uns hinlänglich darüber die Augen öffnen
müssen. Sätze, wie: »diese _Thierlautkomödie_ ist für das _Affentheater_
zu schlecht!« werden sicher nicht allzu oft niedergeschrieben, selbst in
den bewegtesten Zeiten nicht. Und gar als das Stück erst angekündigt war
in den Zeitungen, als acceptirt zur Aufführung an der »Freien Bühne«,
schrieb dasselbe Blatt: ».... dann wird eben keine Frau, die auf
Reputirlichkeit Anspruch erhebt, sich dort sehen lassen dürfen und die
Herren werden sich in diese Vorstellungen hineinstehlen müssen, wie man
das beim Besuche zweifelhafter Lokale thut.« Mit einem Wort: Es fehlte
nur noch, dass man den Vorschlag machte, uns ins Irrenhaus zu sperren. O
bêtise!
Nun, dieser Vorschlag ist unterdessen, wenn allerdings auch noch nicht
gemacht, so doch »in der That nur mit Mühe unterdrückt worden.«
Vergleiche »Die Grenzboten.«
Offen gestanden: aber es wäre uns doch lieber gewesen, der sogenannte
Idealismus unserer verehrten Herren Gegner hätte sich als etwas Anderes
entpuppt.
Als _was_ er sich entpuppt hat?
Nun, unserem Dafürhalten nach, als jene berühmte Heine'sche Wanze,
»welche stinkt, wenn man sie tödtet.«
_Berlin_, August 1891.
Arno Holz.
Johannes Schlaf.
Personen:
Eduard Selicke, Buchhalter.
Seine Frau.
Toni, 22 Jahre alt }
Albert, 18 " " } ihre Kinder.
Walter, 12 " " }
Linchen, 8 " " }
Gustav Wendt, cand. theol., Chambregarnist bei ihnen.
Der alte Kopelke.
_Zeit_: Weihnachten. _Ort_: Berlin N.
Erster Aufzug.
Erster Aufzug.
Das Wohnzimmer der Familie Selicke.
(Es ist mässig gross und sehr bescheiden eingerichtet. Im
Vordergrunde rechts führt eine Thür in den Corridor, im Vordergrunde
links eine in das Zimmer Wendt's. Etwas weiter hinter dieser eine
Küchenthür mit Glasfenstern und Zwirngardinen. Die Rückwand nimmt
ein altes, schwerfälliges, grossgeblumtes Sopha ein, über welchem
zwischen zwei kleinen, vergilbten Gypsstatuetten »Schiller und
Goethe« der bekannte Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod
schneidend« hängt. Darunter im Halbkranze, symmetrisch angeordnet,
eine Anzahl photographischer Familienportraits. Vor dem Sopha ein
ovaler Tisch, auf welchem zwischen allerhand Kaffeegeschirr eine
brennende weisse Glaslampe mit grünem Schirm steht. Rechts von ihm
ein Fenster, links von ihm eine kleine Tapetenthür, die in eine
Kammer führt. Ausserdem noch, zwischen den beiden Thüren an der
linken Seitenwand, ein Tischchen mit einem Kanarienvogel, über
welchem ein Regulator tickt, und, hinten an der rechten Seitenwand,
ein Bett, dessen Kopfende, dem Zuschauerraum zunächst, durch einen
Wandschirm verdeckt wird. Ueber ihm zwei grosse alte Lithographieen
in fingerdünnem Goldrahmen, der alte Kaiser und Bismarck. Am
Fussende des Bettes, neben dem Fenster schliesslich noch ein kleines
Nachttischchen mit Medizinflaschen. Zwischen Kammer- und Küchenthür
ein Ofen; Stühle.
_Frau Selicke_, etwas ältlich, vergrämt, sitzt vor dem Bett und
strickt. Abgetragene Kleidung, lila Seelenwärmer, Hornbrille auf der
Nase, ab und zu ein wenig fröstelnd. Pause.)
FRAU SELICKE (seufzend): Ach Gott ja!
WALTER (noch hinter der Scene, in der Kammer): Mamchen?!
FRAU SELICKE (hat in Gedanken ihren Strickstrumpf fallen lassen, zieht
ihr Taschentuch halb aus der Tasche, bückt sich drüber und schneuzt
sich).
WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür. Pausbacken, Pudelmütze,
rothe, gestrickte Fausthandschuhe): Mamchen? darf ich mir noch schnell
'ne Stulle schneiden?
FRAU SELICKE (ist zusammengefahren): Ach, geh du ungezogner Junge!
Erschrick einen doch nich immer so! (ist aufgestanden und an den Tisch
getreten). Kannst Du denn auch gar nich'n bischen Rücksicht nehmen?!
Siehst Du denn nich, dass das _Kind_ krank ist?
WALTER (ist unterdessen auf's Sopha geklettert und trinkt nun
nacheinander die verschiedenen Kaffeereste aus. Den Zucker holt er sich
mit dem Löffel extra raus): Aber ich hab' doch noch solchen Hunger,
Mamchen?
ALBERT (ebenfalls noch hinter der Scene, in der Kammer, deren Thür jetzt
weit aufsteht. Man sieht ihn vor einer kleinen Spiegelkommode, auf der
ein Licht brennt. Knüpft sich grade seine Kravatte um. Hemdärmel.): Ach
was, Mutter! Jieb ihm lieber 'n Katzenkopp un denn is jut!
FRAU SELICKE (die jetzt Walter die Stulle schneidet): Na, Du, Grosser,
sei doch man schon ganz still! Du verdienst ja noch alle Tage welche!
Ich denk', Ihr seid überhaupt schon lange weg?
ALBERT (ärgerlich): Ja doch! Gleich! Aber ich wer' mir doch wohl noch
erst den Rock abbürschten können?
FRAU SELICKE: Na ja, gewiss doch! Steh Du man immer recht vor'm Spiegel
und vertrödle recht viel Zeit! Da werd't Ihr ja Euern lieben Vater
sicher noch finden! Der wird heute grade noch auf'm Comptoir sitzen!
ALBERT: Ach Jott! Nu thu doch man nicht wieder so! Vor Sechs kann er ja
doch heute so wie so nich aus 'm Geschäft!
FRAU SELICKE: So! Na! Und wie spät denkste denn, dass es jetz' is? (hat
während des Streichens der Stulle einen Augenblick inne gehalten, den
Schirm von der Lampe gerückt, die Brille auf die Stirn gerückt und nach
dem Regulator gesehen) ... Jetz' is gleich Dreiviertel!
ALBERT: Ach, Unsinn! Die jeht ja vor!
FRAU SELICKE (für sich, fast weinend): Hach nee! Ich sag' schon! Sicher
is er nu wieder weg, und vor morgen früh wer'n wir 'n ja dann natürlich
nich wieder zu sehn kriegen! Nein, so ein Mann! So ein Mann! ...
ALBERT (noch immer in der Kammer und vor'm Spiegel): Hurrjott, Mutter!
Räsonnir' doch nich immer so! Du _weisst_ ja noch gar nich!
FRAU SELICKE: Ach was! Lass mich zufrieden! Beruf' mich nich immer! Ich
_weiss_ schon, was ich weiss! (unwirsch zu Walter) Da -- haste! Klapp se
Dir zusammen und dann macht, dass Ihr endlich fortkommt! Aus Euch wird
auch nischt!
(Es klingelt.
Einen Augenblick lang horchen beide. Frau Selicke ist
zusammengefahren, Walter starrt, die Stulle in der Hand, mit offenem
Munde über die Lampe weg nach der Thür, die in's Entree führt.)
FRAU SELICKE (endlich): Na? Machste nu auf, oder nich?
(_Walter_ hat die Stulle liegen lassen und läuft auf die Thür zu. Er
klinkt diese auf und verschwindet im Entree.)
ALBERT (der eben aus der Kammer getreten ist, in der er das Licht
ausgelöscht hat. Zieht sich noch grade seinen Ueberzieher an. Aus der
Brusttasche stecken Glacees, zwischen den Zähnen hält er eine brennende
Cigarrette, an einem breiten, schwarzen Bande baumelt ihm ein Kneifer
herab. Modern gescheitelt. Hut und Stöckchen hat er einstweilen auf den
Stuhl neben dem Sopha plazirt. Zu Frau Selicke, indem er mit dem Fusse
die Thür hinter sich zudrückt): Nanu? Das kann doch unmöglich schon der
Vater sein?
FRAU SELICKE (die sich wieder mit dem Kaffeegeschirr zu thun macht,
unruhig): Ach wo!
(Unterdessen ist draussen die Flurthür aufgegangen und man hört die
Stimme des alten _Kopelke_: »Brrr ... is det heit 'n
Schweinewetter!?« -- Die Thür klappt wieder zu, und jetzt schreit
_Walter_ laut auf, ausgelassen: »Ach! Olle Kopelke! Olle Kopelke!«
-- »Nich doch, Kind, nich doch; du thust mir ja weh! Du drickst mir
ja! Du musst doch abber ooch heer'n! Da -- nimm mir mal lieber hier
'n bisken det Menneken ab! ... Brrr ... nee ... ä!«)
ALBERT (zu Frau Selicke, sich die Handschuhe zuknöpfelnd): Ach, _der_
alte Quacksalber?!
FRAU SELICKE: Na, Du, Grossmaul, wirst doch nich immer gleich das Geld
_geb'n_ für'n Docter!
ALBERT (aufgebracht): Ach, Blech! Nich wahr? Nu fang wieder _davon_ an!
...
WALTER (noch halb im Entree): Au, Mamchen, sieh mal! 'n Hampelmann!
Mamchen, 'n Hampelmann! (Er kommt mit ihm in's Zimmer getanzt. Zum alten
Kopelke zurück): Wah? den schenken Se mir?
KOPELKE (behutsam hinter ihm drein. Klein, kugelrund, freundlich,
Vollmondsgesicht, glattrasirt. Sammetjoppe, Pelzkappe, Wollshawl):
Sachteken! Sachteken!
ALBERT (hat sich den Stock schnell unter den Arm geklemmt und sich den
Kneifer aufgesetzt, affectirt): Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke!
KOPELKE: 'n Abend! 'n Abend, junger Herr! (Reicht Frau Selicke die Hand)
'n Abend! (Nach dem Bett hin) Na? Und meine kleene Patientin? Ick muss
doch mal _sehn_ kommen?
FRAU SELICKE (weinerlich): Ach Gott ja! Na, ich kann wohl schon sagen!
KOPELKE (sie beruhigend): Ach wat, wissen Se! det ... det ... e ....
WALTER (hat sich unterdessen mit seinem Hampelmann abgegeben, ihm die
Zunge gezeigt, »Bah!« zu ihm gemacht und tänzelt nun mit ihm um den
alten Kopelke rum, diesen unterbrechend): Olle Kopelke! Olle Kopelke!
KOPELKE (sanft abwehrend): Ach, nich doch, Kind! det 's jo unjezogen! Du
musst nich immer Olle Kopelke sagen! Det jeheert sick nich!
WALTER (Rübchen schabend): Oh ...! Olle Kopelke! ...
ALBERT (wüthend): Hörst Du denn nich, Du Schafskopp? Du sollst still
sein!
WALTER (den Ellbogen gegen ihn vor): Nanu? Du hast mir doch jarnischt zu
sagen?
ALBERT (holt mit der Hand aus).
FRAU SELICKE (mit dem Strickstrumpf, den sie unterdessen wieder
aufgenommen hat, dazwischen): Nein! Nein! Nun sehn Sie doch blos! Die
reinen Banditen! Das Kind! Das Kind! Nehmt doch wenigstens auf das Kind
Rücksicht!
ALBERT (der sich achselzuckend wieder abgewandt hat): Natürlich! So is
recht! Bestärk' ihn man noch immer! Dem lässt Du ja Alles durchgehn! Der
kann ja machen, was er will! Aus dem Bürschchen erziehst Du ja schon was
Rechtes! Vater hat janz recht!
FRAU SELICKE: Nein! Nein! Nu hören Se doch blos! Und da soll man sich
nich gleich schlag_rührend_ ärgern?
KOPELKE (zu Albert): Sachteken, werther junger Herr, sachteken ... (Zu
Frau Selicke) Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue und det ville
Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reenjanischt! ... Ibrijens ... (Er hat
sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten
in der Luft rum) ... wat ick doch jleich noch sagen wollte ... det ...
det ... riecht jo hier so anjenehm nach Kafffee? ... Hm! Pf! Brrr! ...
Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin -- wahhaftijen Jott -- janz aus de
Puste! (Er hat sich seinen grossen, dicken Wollshawl abgezerrt und
schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum) Kopp wech! (Zu Walter,
den er dabei getroffen hat) He? Wah det _Deine_ Neese?
WALTER (der sich den Schnee von den Backen wischt, vergnügt lachend):
Hohohoo!
ALBERT (bereits äusserst ungeduldig, den Hut in der Hand): Na,
jedenfalls ich jeh jetzt! Wir kommen ja sonst _wahrhaftig_ noch zu spät!
FRAU SELICKE: Ja, ja! Macht man, dass Ihr fortkommt!
KOPELKE (zu Albert): Aha! Wol zu Pappa'n uf't Contor?
ALBERT (ausweichend): Ach! ja! Das heisst .. e .. wir wollten so ...
blos 'n bischen vorbeijehn!
KOPELKE (ihm mit einer Handbewegung gutmüthig zublinzelnd, verschmitzt):
Weess schon! (Zu Frau Selicke, halb in's Ohr) Edewachten kenn ick doch?
... (Wieder zu Albert) Na, denn ... e ... denn beeilen 'sick man! Sowat
looft weg!
ALBERT (schon unter der Thür stehend zu Walter, der sich eben seinen
Hampelmann an die Jacke knöpft): Na, willste nu so jut sein oder nich?
WALTER (giebt dem alten Kopelke die Hand): Atchee!
KOPELKE: Atchee, mein Sohn, Atchee! Un jriess ooch Vatern!
FRAU SELICKE: Na, und die Stulle? (Reicht sie ihm noch schnell nach,
Walter beisst sofort in sie hinein) Und dann, sagt, er soll gleich
hierherkommen! Sagt, Toni is auch schon da! Wir warten schon!
ALBERT (hat die Thür bereits aufgeklinkt und macht nun zum alten Kopelke
hin eine stumme, ceremonielle Verbeugung).
KOPELKE: Wah mich sehr anjenehm, werther junger Herr! Wah mich sehr
anjenehm! (Die Beiden verschwinden. Draussen im Entree schlägt _Walter_
hin. Schreit. _Albert_: »Na, Du Ochse!«)
FRAU SELICKE: Ei Herrgott! Was is denn nu schon wieder ... (Will auf die
Corridorthür zu, draussen schlägt die Flurthür zu): Hach! Gott sei Dank,
dass man die Gesellschaft endlich los ist!
KOPELKE (sich die Hände reibend, schmunzelnd): Jo! Wahh is't! 'n bisken
wiewe _sind_ se! Abber -- Jotteken doch! det is doch nu mal nich anders!
det ...
(Vom Bett her Geräusch und Husten.)
FRAU SELICKE (wirft ihr Strickzeug in das Kaffeegeschirr und eilt auf
das Bett zu): Ach, nein! Ich sag schon! Nu haben sie ja das arme Kind
glücklich wieder wachkrakehlt ... Na, mein liebes Herzchen? ... Wie ist
Dir, mein liebes Linchen, he? (Kleine Pause. Frau Selicke hatte sich
übers Bett gebeugt, leises Stöhnen.) Hast Du Schmerzen, mein liebes
Puttchen?
LINCHEN (feines, rührendes Stimmchen): Ma -- ma -- chen?
FRAU SELICKE: Ja, mein Herzchen? Hm?
LINCHEN: Ma -- ma -- chen?
FRAU SELICKE: Hast Du Appetit, mein Schäfchen? ... Nein? Ach, Du mein
Mäuschen!
LINCHEN: Ich -- bin -- so -- müde ...
FRAU SELICKE: Ach, mein Herzchen! Aber, nicht wahr? Du willst jetzt noch
einnehmen?! Onkel Kopelke ist ja da!
LINCHEN: On -- kel -- Ko -- pel -- ke?
KOPELKE (hat sein rothbaumwollenes Schnupftuch gezogen und schneuzt
sich).
FRAU SELICKE (halb zu ihm zurückgewandt): Wollen Sie se mal sehn? Ich
misch' solange die Tropfen! (Lässt ihn an's Kopfende treten und mischt
während des Folgenden am Fussende des Bettes, auf dem Nachttischchen,
die Medicin).
KOPELKE (hat sich jetzt ebenfalls über das Bett gebeugt.
Täppisch-zärtlich): Na, Lin'ken? Kennste mir noch? Ach Jotteken doch,
_die_ Aermken! Nich wah? Det -- watt doch mal, Kind, 'n Oogenblickchen!
-- Det ... thut doch nich weh? ... Na, sehste!! Ick sag' ja! det ... det
is Allens man auswendig! Det 's janich so schlimm! Uf de Woche kannste
all dreist widder ufstehn! Denn jehste for Mamma'n bei'n Koofmann! Denn
jehste mit ihr uf'n Marcht! Inholen! He? Weesste noch? Uf'n Pappelplatz?
Der mit 't Schielooge? »_Jungens_« sag' ick, »_Bande!_ Wehrt ihr wol det
_Meechen_ sind lassen?« Abber da!! Heidi! Wat haste, wat kannste! ...
Nich wah? Nu nehmste abber ooch sauber in? (Zu Frau Selicke, während er
diese an's Bett treten lässt): Wat det Kind blos for'n Schwitz hat?!
FRAU SELICKE (besorgt): Nich wahr? Ach Gott ja!
KOPELKE (beruhigend): Abber det .. e .. wissen Se! ... Det ... det is
_immer_ so! Det _is_ nu mal nich anders! Det ... (Schneuzt sich
abermals).
FRAU SELICKE (kommt mit dem Löffel): Na, Linchen? Ist Dir wieder besser?
LINCHEN: Ach -- ich -- will -- nicht -- einnehmen!
FRAU SELICKE: O ja, meine Kleine! Du willst doch wieder gesund werden?!
LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!
FRAU SELICKE: Nicht weinen, mein Schäfchen! ... Komm! ... Sonst zankt
der Herr Doctor wieder! Nicht wahr, Onkel Kopelke?
KOPELKE (eifrig nickend): Ja, ja, Kindken! Det muss nu mal so _sind_!
Det je_heert_ sick!
FRAU SELICKE: Nicht wahr? Hörst Du? Komm, mein Liebling! Ja?
LINCHEN: Es -- schmeckt -- so -- bitter!
FRAU SELICKE: Aber nachher kannst Du ja wieder spazieren gehn, mein
Mäuschen?! Und Emmchen zeigt Dir auch ihre Bilderbücher! Ja? ... Komm!
... Na, nu mach doch, Linchen! ... Du musst doch aber auch folgen! ...
Gucke doch! ... Ich verschütte ja das ganze Einnehmen? ... (Sie hat ihr
leise die Hand unter's Köpfchen geschoben).
LINCHEN: Au! Au! ... Du -- ziepst -- mich!
FRAU SELICKE: Oh! .... Na so! .... Nicht wahr? ... Fest! Drück' die
Augen zu! ... Schlucke! Tüchtig! ... _Siehst_ Du? ... Nicht weinen,
nicht weinen! ... So! Nicht wahr? Nu is alles wieder gut! Nu is alles
vorbei!
LINCHEN (dreht sich jetzt unruhig in ihren Kissen rum und hustet
gequält).
FRAU SELICKE: Mein armes, armes Herzchen! Der alte, böse Husten! ... So!
... Nu rücken wir blos noch 'n bischen das Kissen höher, nicht wahr? und
dann schläfst Du _schön_ wieder ein! (Bückt sich über sie und küsst
sie.) Ach, Du mein süsses Puttchen! (Nachdem sie den Wandschirm jetzt
noch _näher_ an's Bett gerückt, zum alten Kopelke) Ach, Gott nein! Nu
sagen Se doch blos? Muss man da nich rein verzweifeln? Das geht nu schon
Tage lang so! Sie wacht geradezu nur noch auf Minuten auf!
KOPELKE (die Hände in den Taschen seiner Joppe, nachdenklich vor sich
hin): Hm! ...
FRAU SELICKE: Und aus dem Doctor wird man auch nicht mehr klug! Der
_sagt_ einem ja nichts! Der _kommt_ kaum noch! Und ... und ... na ja,
wenn wir _Sie_ nicht noch hätten ...
KOPELKE (leichthin): Jo! ... na! ... Wissen Se: det kommt jo bei mir
nich so druf an! (Begütigend) det verseimt mir jo weiter nich! det's jo
man immer so in Vorbeijehn! det -- ach wat! det hat jo janischt zu
sagen! det's jo Mumpitz!! .... Abber det, wissen Se, det mit die
Docters, verstehn Se, da hab'n Se eejentlich woll nich so janz Unrecht!
Ick ... nu ja! Se wissen ja! Ick bin man sozusagen 'n janz eenfacher
Mann ... Abber det kann 'k Ihn' versichern: jeholfen hab 'k schon
manchen! ..... Jott! Ick kennt jo wat bei verdienen! Wat meen'n Se woll!
Abber sehn Se ... will 'k denn? Ick ... nu ja! Ick bin nu mal so!
(eifrig) Wissen Se? de Hauptsach' is jetz': man immer scheen wahm
halten! det Ibrije, verstehn Se, det Ibrije jiebt sick denn janz von
alleene! Janz von alleene! Ick sag: man blos nich immer so ville mang
der Natur fuschen, sag ick! ... Det mit die olle Medizin da zun Beispiel
...
(Es klopft an Wendts Thür.)
FRAU SELICKE: Bitte, Herr Wendt, bitte! Treten Sie nur ein!
WENDT (ist mehr als mittelgross und sehr schlank. Feine, bleiche
Gesichtszüge, das halblange, schwarze Haar einfach hinten übergekämmt.
Dunkle, peinlich saubere Kleidung, kein Pastoralschnitt. Die Thür hinter
sich schliessend zu Frau Selicke): Verzeihen Sie! Ich dachte ... (Zum
alten Kopelke, ihm die Hand reichend) Ah! 'n Abend, Herr Kopelke! Wie
geht's?
KOPELKE (geschmeichelt): 'n Abend, werther junger Herr! Och, ick danke!
Immer noch uf een langet un een kurzet Been! ... Is mich sehr anjenehm
... is mich sehr anjenehm ... (Hört nicht auf, Wendt's Hand zu
schütteln).
WENDT (zu Frau Selicke rüber): Fräulein Toni wollte doch heute etwas
früher kommen?
FRAU SELICKE (die Achseln zuckend): Ja! Na -- Sie wissen ja! Wie das so
is!
KOPELKE (Wendt zublinzelnd und ihm scherzhaft mit dem Finger drohend):
Freilein Toni? Na wachten Se man, Sie kleener Scheeker! ... Frau
Selicken? Ick sage: passen Se mir ja uf die beeden jungen Leite uf!
(Wieder zu Wendt) Det is mich doch schon lange so? ... he? Sie?
FRAU SELICKE (lächelnd): Ach, lieber Gott, ja!
WENDT (der ebenfalls gelächelt hat, zum alten Kopelke): Na, aber Scherz
bei Seite! Ich wollte ihr mal -- da sehn Sie mal! -- _das_ da zeigen!
(Er hat ein grosses, zusammengeknifftes Papier aus der inneren
Brusttasche gezogen und es dem alten Kopelke überreicht).
KOPELKE: Oh! ... He! ... Na -- ick ... e .. Se meen'n, ick soll det hier
-- lesen, meen'n Se?
WENDT (aufmunternd): Gewiss, gewiss, Herr Kopelke! Ich bitte Sie sogar
darum!
KOPELKE: Oh! ... He! ... Na, ick -- bin so frei! (Ist mit dem Papier zur
Lampe getreten. Zu Frau Selicke) Man ... e ... Hab'n Se da nich wo Ihre
Brille, Frau Selicken?
FRAU SELICKE (umhersuchend): Meine Brille? Ach Gott ja! ich ...
KOPELKE (sie ihr von der Stirn nehmend): Lassen Se man, ick hab ihr
schon! (Setzt sie sich auf.) So! Na! Nu kann't losjehn! (Hat das Papier
sorgfältig entfaltet und liest es nun, die Arme weit von sich weg. Nach
einer kleinen Pause, über die Brille zu Wendt hinüber schielend): Nanu?
WENDT (der ihn lächelnd beobachtet): Na?
FRAU SELICKE (neugierig): Was denn?
WENDT (lächelnd): Ja, ja. Frau Selicke!
FRAU SELICKE (wie ungläubig): Ach?
KOPELKE (hat das Papier unterdessen wieder sorgfältig zusammengefaltet
und giebt es nun wieder an Wendt zurück. In komischem Pathos): Nee,
wissen Se! Det kennen Se von mir nich verlangen! Dazu jratulieren Se
sick man alleene!
WENDT (lachend, das Papier wieder einsteckend): Na, na!
FRAU SELICKE (zum alten Kopelke): Was denn? Was denn, Herr Kopelke?
KOPELKE (zu Frau Selicke komisch): Paster! _Land_paster! Mit'ne
Bienenzucht un 'ne lange Feife! (Wieder zu Wendt) Nee, wissen Se! Da
kennen Se sagen, wat Se wollen, verstehn Se, abber for _die_ Brieder
sind Se ville zu schade!
FRAU SELICKE (die Hände zusammenschlagend): Aber Herr Kopelke?!
KOPELKE: Ach wat! (Hat sich wieder sein Schnupftuch hervorgezogen und
schneuzt sich.)
WENDT (ihm vergnügt auf die Schulter klopfend): Na, lassen Sie man! 'n
hübsches Weihnachtsgeschenk bleibt's doch! Was, Frau Selicke?
FRAU SELICKE (immer noch ganz erstaunt): Ach, nein! ..... wahrhaftig?
Also Sie sollen jetzt wirklich Pastor werden?
WENDT: Nun ja! Und ... wie Sie sehn! Ich freue mich sogar von Herzen
drüber!
FRAU SELICKE: Ach ja! Und Sie waren ja auch immer so fleissig! Ich habe
Sie wahrhaftig manchmal recht bedauert! Wenn ich so denke, so die ganzen
letzten Wochen, Tag und Nacht, immer hinter den Büchern ...
WENDT: Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab?
Alles! Alles! Geradezu Alles! -- Und dann, was ich Ihnen noch gleich
sagen muss, ich reise jetzt natürlich nicht erst Drittfeiertag, sondern
schon morgen!
FRAU SELICKE: Schon morgen?
WENDT: Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ...
e ... aber ich vergesse ganz! (Zum alten Kopelke): Sie sprachen vorhin
von Linchen?
KOPELKE: Ick? Nu ja! Ick .. det heest .. ick .. e ... (sieht zu Frau
Selicke hinüber).
FRAU SELICKE: Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich
nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee!
KOPELKE (zu Wendt): Hm ... ja ... sehn Se, ick ... (Plötzlich zu Frau
Selicke): 'ne Tasse Kafffe? (In sich hineinschmunzelnd, sich vergnügt
die Hände reibend): Hm! ... 'ne Tasse Kafffe is jo wat sehr wat
Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee!
Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muss
heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit
de ollen, deemlichen Krankenkassen! ...
FRAU SELICKE (nach der Küche hin): Na, denn werd' ich wenigstens noch'n
paar Kohlen unterlegen! (Mit einem Blick auf die Uhr): Toni muss ja
jeden Augenblick kommen! (Verschwindet durch die Küchenthür, hinter der
bald darauf Licht aufblitzt.) 'n Augenblickchen!
KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend.
Ihr nachsehend): Scheeniken! Scheeniken!
WENDT (langt seine Cigarrentasche vor): Aber ich darf Ihnen doch
wenigstens 'ne Cigarre anbieten?
KOPELKE: Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet
Anersuchen -- mbf! -- Jebrauch zu machen, werther, junger Herr! Abber ..
e ... (winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm
hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand an's Ohr) .. ick meen' man! Ick
beraube Ihnen!
WENDT: O, ich bitte Sie!
KOPELKE: Na, wissen Se! So'n junger Student hat det ooch nich immer so
dicke! .. Na, ick meen' man!
WENDT: Junger Student?! Oho!
KOPELKE: A so! (Blinzelt ihm zu.) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus
keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der
Cigarre und bückt sich über die Lampe). Abber .. nee, wissen Se! (Mit
einem Blick zum Bett hin) Ick weer' ihr man doch lieber draussen
roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?
WENDT: Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegentheil! Hier hätten Sie sie ja doch
so wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich!
KOPELKE: Ja, un denn -- na ja! wat ick also noch sagen wollte! ... Se
mee'n, mit det Kind, mee'n Se?
WENDT: Ja! Ich ... e ... Sie können sich ja denken, wie mich das
unmöglich gleichgültig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja,
wenigstens so viel ich darüber weiss, überhaupt nicht äussern zu wollen
...
KOPELKE (klopft sich mit der Cigarre auf dem Daumen herum): Ja, wissen
Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich
verdenken! Denn, Se könn'n sagen, wat Se wollen -- ick bin man sozesagen
'n ganz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit
det Kind is't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht,
verstehn Se! -- wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch
jehn!
WENDT (finster): Hm ... Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?
KOPELKE (ausweichend): Jott! _det_ nu jrade! _Det_ will ick nu jrade
nich gesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier
den Leiten an't Neethichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des
Geldzählens). Die kennen ooch man nich immer so, wie se wollen!
WENDT (geht erregt ein paar Mal auf und ab): Ach Gott, ja! .... Na! Es
wird ja mal .... anders werden!
KOPELKE: Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja
wol noch jehn! Ja. Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se _mir_ mal zun Beispiel!
Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste
in de Schule! Wat meen'n Se woll?! .. Abber de Umstände, wissen Se! de
Umstände! Et half nischt! Vater liess mir Schuster weer'n! ... Freilich,
mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen
Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujeniren den kleenen Mann! ...
Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt!
Nu bin ick sozusagen alles un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal
een'n durch'n Prozess, da wird mal'n bisken jeschustert, dann mal mit de
Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so
kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen
Deibels, den'n ick ....
(Die Uhr schlägt sechs.)
Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! ... (Wickelt sich schnell den Shawl um)
... den'n ick jeholfen hab', meen' ick! ... (Umhersehend): Hanschuh'n
hat ick ja wol zufällig keene nich jehappt? ... Na, abber man krepelt
sick so durch! (Wendt's Hand schüttelnd): Wah mich sehr anjenehm,
werther junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det
wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf
die Corridorthür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um): Na,
ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Küchenthür):
Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh
seh ick Ihn' doch noch?
WENDT: O, danke, danke! Natürlich!
KOPELKE: Scheeniken! Atchee! (Klinkt die Küchenthür auf.) 'n Abend, Frau
Selicken!
FRAU SELICKE (hinter der Scene in der Küche): Was? Sie wollen schon
gehn?
KOPELKE (während er die Küchenthür wieder hinter sich zudrückt): Na, wat
meen'n Se woll? ...
WENDT (einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufathmend im Zimmer
um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile
beobachtet er sie, dann klingelt es plötzlich im Corridor und er geht
hastig aufmachen): Ah, endlich!
TONI (tritt ein. Sie trägt ein grosses, in ein schwarzes Tuch
eingeschlagenes Bündel vor sich her. -- Sie ist mittelgross, schlank,
aber nicht schwächlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster
Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber
Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe).
WENDT (mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bündel fassend): Geben
Sie!
TONI (abwehrend): Ach, lassen Sie ... ich kann ja ...
WENDT (nimmt ihr das Packet ab): Geben Sie doch! (Indem er es auf's
Sopha trägt). Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen?
TONI (sich die Handschuhe ausziehend, nickt lächelnd. Etwas
scherzhaft-wichtig): Getragen! Ja!
WENDT: Bei der ....?
TONI: Nun -- ja! Es war etwas unbequem bei der Kälte! (Hat die
Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug gelegt und tritt nun,
indem sie sich ihren Mantel aufknöpfelt, an das Bett Linchens) Sie
schläft? Ach, das arme Puttelchen! (Ist wieder etwas zurückgetreten).
Aber ... nein! Ich will doch erst lieber .. ich habe die Kälte noch so
in den Kleidern! (Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel
abzulegen). Danke, danke schön, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da
an den Nagel? (Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an
den Ofen). Ach, ist der schön!
WENDT (der ihr unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge
zwischen der Korridorthür und dem Wandschirm gehängt hat): Wissen Sie
auch, Fräulein Toni, dass ich heute schon auf Sie gewartet habe?
TONI: Ach nein! Wirklich? Auf mich?
WENDT (hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rücken gegen den Tisch, ihr
gegenüber gestellt, aber so, dass das Licht der Lampe noch auf sie
fällt): Ja! Und ... na? Rathen Sie mal, weshalb!
TONI (lächelnd): Ach, das rath' ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir
lieber!
WENDT: Ja? Soll ich's sagen?
TONI: Ja!
WENDT (zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr):
Na ... da! Lesen Sie mal!
TONI: Was denn? (Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas
gegen die Lampe gebückt und liest nun): Ah! Grade heute zum heil'gen
Abend! (hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick
in die Lampe. Langsam, leise): Ja! Das ist ja recht schön! Da können Sie
sich recht freuen!
WENDT: Nicht wahr?
FRAU SELICKE (aus der Küche, deren Thür sie eben aufgemacht hat): Toni?
Wo bleibst Du denn so lange? (Mit einem Blick auf das Bündel auf dem
Sopha) Ach, Du hast wieder ... Armes Mädchen! ... Wart'! Ich bring Dir
gleich noch 'n bischen heissen Kaffee! (Sie will wieder in die Küche
zurück.)
TONI (die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie
zutretend): Mutterchen?! -- Wart' mal! ... Hier! (Man hört Geld
klappern.) Eins -- zwei -- drei ...
FRAU SELICKE: Ach, Gott ja! .. Das liebe Bischen ... das wird wieder weg
sein, man weiss nicht, wie!
TONI: Ist denn der Arzt dagewesen?
FRAU SELICKE: Ach, nein! Du weisst ja! Der alte Kopelke!
TONI: So? Was sagt er denn?
FRAU SELICKE: Bist Du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... (zuckt die
Achseln) nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug!
(Plötzlich) Ach Gott! Ich hab' so eine Ahnung! Du sollst sehn: wir
behalten sie nicht! (Schluchzt.)
TONI (tröstend): Ach Gott! Mutterchen! (Nach einer Weile). Ist denn der
Vater noch nicht da?
FRAU SELICKE (wieder beruhigt): Ach, der!
TONI (abermals nach einer kleinen Pause): Und die Jungens?
FRAU SELICKE: I! die wollten 'n vom Komptoir abholen! Aber die treiben
sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch
die Hauptsache! Die können's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will
nun ... Du bist ja ganz durchfroren! (Geht wieder in die Küche zurück).
TONI (die wieder zum Ofen getreten ist): Dann .... dann reisen Sie nun
wohl bald?
WENDT (der unterdessen an's Fenster getreten war und die ganze Zeit über
auf den Hof hinab gesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht
nun, sich mit den Händen hinten aufs Fensterbrett stützend, wieder zu
Toni hinüber): Ja! Morgen!
TONI (leicht erschreckt): Morgen schon?
WENDT: Ja!
TONI (nach einer kleinen Pause): Ach, die Handschuhe! (Holt sie sich und
tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie
sie hineinthut. Lächelnd): Sehn Sie mal! Da hat er wieder den _Spiegel_
neben's Bauer gestellt .... Der Vogel soll denken, es is noch'n andrer
da, mit dem er sich unterhalten kann .... Der Vater spricht mit dem
Vogel, als wenn er ein Mensch wär'!
WENDT (ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom
Tisch wieder in seine Rocktasche): Ja! ja! ...
TONI: Hm? ... Mätzchen! Mätzchen! ... Ordentlich zärtlich ist er mit
ihm! Der Vater ist ein grosser Thierfreund!
WENDT (der unterdess auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen
ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke einen Augenblick lang
unentschlossen zu. Zögernd): Ja! ich ....
TONI (ihn unterbrechend): Ach, sagen Sie doch! Wie spät ist's denn? (Mit
einem Blick auf den Regulator) der kann doch unmöglich richtig gehn?
WENDT (der jetzt die Thür aufgeklinkt hat): Etwas nach Sechs!
TONI: Nach Sechs? Da müsste er doch nun ... (Seufzt.)
(Wendt geht langsam in sein Zimmer. -- Toni, die ihm nachgesehn hat,
bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder
auf den Sophatisch zu. Sie nimmt das Bündel auf den Teppich runter
und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.)