Es verdient Beachtung, dass die Todesstrafe, von der oben S. 309

und besonders wichtig im zweiten Bande S. 434 die Rede ist, auch in

Indien für schwere Vergehn stets allgemein üblich gewesen. Nicht als

ob man sich etwa zu wundern hätte, den milden Hindu, wie man gern

spöttisch sagt, doch nicht so ganz modern nachsichtig, sogar zu Zeiten

von antiker Grausamkeit erkennen zu müssen; vielmehr die indischen

Juristen, die zumeist von der ehrlichen Anschauung ausgehn, hier eine

Ausnahme, gleichsam einen salto mortale machen zu sehn. Denn ein

solcher wäre es für den unbiblischen Rechtsverstand, auf Menschenmord

Todesstrafe zu setzen, solange der Thiermord, z. B. Metzgerei, Jagd,

völlig straflos, ja in gewisser Sanktion bleibt. Oder mit anderen

Worten: da der Inder, entgegen dem Christen, das Leben des Menschen im

Durchschnitte keineswegs als unendliche Werthgröße betrachtet, sondern

nur als das was es ist, nämlich eine dem Grade nach höhere Wesenstufe,

dürfte man konsequent erwarten, bei geduldetem Thiermord auch den

Menschenmord eben nur geduldet (Krieg, Duell), bez. graduell bestraft

zu finden (impetus, dolus). Das ist nun in Indien wirklich, und zwar

von den frühesten Rechtslehrern bis zu den spätesten Kasuisten,

wenigstens theilweise, zu normieren versucht worden. So sehn wir also

hier das ius talionis durchaus nicht unantastbar bestehn; und noch

Asoko, der kein stammelnder Moralprediger, wofür ihn der Unverstand

hält, sondern selbstbewusst wie /Alexander/ jeder Zoll ein König war,

dieser in Krieg und Frieden gleich große, man muss wirklich sagen

ideale Monarch berichtet auf seinem V. Säulenedikt i. f., er habe

fünfundzwanzigmal seit seiner Thronbesteigung (d. i. jedes Jahr)

eine Anzahl Verbrecher begnadigt. Aber eben nur eine Anzahl: wie die

Stelle im IV. Säulenedikt besagt, wo _nāsaṃtaṃ_ als acc. sing. part.

praes. act. von √(naś) zu erklären ist, und _jīvitāye tānaṃ nāsaṃtaṃ

va nijhapayitave_ wörtlich heißt, man lässt (die Hinzurichtenden,

_patavadhā_) an das eilige Schwinden ihrer Lebensfrist denken, d.

h., wie Asoko des näheren ausführt, drei Tage lang in Gesellschaft

ihrer Angehörigen auf den Tod sich vorbereiten, durch Einkehr in sich,

Hingabe des letzten Besitzes und Fasten im Anblick des nahen Endes.

»Denn mein Wunsch ist es«, so schließt der König dieses Edikt, »dass

man also selbst bei der Hinrichtung sich mit dem Jenseits versöhnen

kann. Das Volk aber gedeihe vielfach im rechten Wandel, beherrsche

sich, reiche Almosen dar.«]

[Fußnote 161: Das selbe Gleichniss »ex domo in domum videri migrare«

bei /Cornelius Nepos/, Atticus i. f.]

[Fußnote 162: _na kulejeṭṭhāpaccāyī_, i. e. _na kule jeṭṭhā[ya]

paccāyī_. -- Vergl. das sinngemäße _gurūnaṃ apaciti, vuḍh[ā]naṃ

suśruṣ[ā]_ etc. bei Asoko, Felsenedikt IX, IV, Säulenedikt VII, 2,

_{8}.]

[Fußnote 163: _mahallako_, wörtlich: groß geworden, d. i. in das Alter

der Reife eingetreten sein: nicht etwa in das Greisenalter, wie die

nordbuddhistischen Lexikographen vermeint haben. Vergl. _mahilā_ =

adulta; _āyuṣmān_, in aetatem esse, etc. -- Aehnlich heißt bei uns

»zu seinen Jahren gekommen sein« zunächst nur, das Alter der Pubertät

erreicht haben: wie z. B. der Sachsenspiegel 1, 42 ausdrücklich

erklärt.]

[Fußnote 164: Genau so der platonische Mythos, den /Sokrates/, im

Gorgias p. 523/4, vorträgt, wo /Rhadamanthys/, »der Richter aus Asien«,

den nackten Geist des Verstorbenen, ερημον παντων των συγγενον και

καταλιποντα επι της γης παντα εκεινον τον κοσμον, der gerechten Krisis

überantwortet. Noch schöner, ohne Mythos, nur klar _Manus_ IV, 239-241;

Raṭṭhapālo in der 82. Rede.

Jene häufige Übereinstimmung mit den Griechen ist schon dem

feinsinnigen Forscher und Beobachter /Megasthenes/ aufgefallen, der da,

bei /Strabo/ p. 713, von den Indern sagt: περι πολλων δε τοις Ἑλλησιν

ὁμοδοξεινπαραπ, und bald darauf, gerade als ob er unsere obige Stelle

im Sinne hätte, fortfährt: παραπλεκουσι δε και μυθους, ὡσπερ και Πλατων

περι τε αφθαρσιας ψυχης ~και των παθ’ ᾁδου κρισεων~, και αλλα τοιαυτα.

-- Vergl. übrigens das altägyptische Todtengericht.

Geistesverwandt sind bei /Shakespeare/ the visible spirits of the

heavens, the ~justicers~, Lear IV, 2.]

[Fußnote 165: Zum letzten Götterboten, dem Lehrer Tod, dem Musageten

der Philosophie, wie er von /Schopenhauer/ nach der berühmten

sokratischen Definition genannt wird, cf. Lieder der Mönche Seite

285 Anm. 1. -- Wie oben der Richter der Schatten im Dialoge die

reflektierende Frage stellt, genau entsprechend lässt /Petrarca/ im

ersten Dialoge De contemptu mundi seinen Augustinus, als ob er eben

jene Frage vernommen, antworten: »dum aequaevum quisque comitatur

ad sepulchrum, necesse est, ipse etiam ad alieni casus praecipitium

contremiscat, et de se incipiat esse sollicitus. -- Eo autem

vehementius movebitur qui iuniorem, qui validiorem formosioremque

videat repentina morte subtractum, sese ante circumspiciet et

dicet: securius hic habitare videbatur, et tamen eiectus est, nec

aetas profuit nec forma nec robur: mihi securitatem quis spopondit

deusve magusve? Mortalis sum profecto.« -- Und merkwürdig: die selbe

Anschauung findet sich, etwa ein viertel Jahrtausend später, beim

gewaltigen Demiourgen des Rinascimento, dem Künstler, von dem /Vasari/

gesagt hat, »non nasceva pensiero in lui, che non vi fusse scolpita

la morte«, also bei /Michelangelo/ wieder, der, gleichfalls in einem

seiner Dialoge, nachdem er in bekannter Weise tiefernst gelächelt, »Io

vi dico che in questo mondo è da piangere«, dann fortfährt: »bisogna

pensare alla morte. Questo pensiero è solo quello che ci fa riconoscere

noi medesimi, che ci mantiene in noi uniti, senza lasciarci rubare

dai parenti, dagli amici, dai gran maestri, dall’ ambizione, dall’

avarizia, e dagli altri vizii e peccati, che l’uomo all’uomo rubano,

e lo tengono disperso e dissipato, senza mai lasciarlo ritrovarsi e

riunirsi. Ed è meraviglioso l’effetto di questo pensiero della morte;

il quale, distruggendo ella per natura sua tutte le cose, conserva

e mantiene coloro che a lei pensano, e da tutte le umane passioni

li difende.« Und noch einmal merkwürdig: wiederum etwa ein viertel

Jahrtausend später hat der herrlichste aller Melodiker, also /Mozart/,

dessen Werk allmälig von /Köchel/ und /Jahn/ erschlossen zwar heute

noch recht ungekannt ist, in der Blüthe seines 31. Jahres genau das

Selbe ausgesprochen, hat den Tod als »Schlüssel zu unserer wahren

Glücksäligkeit« bezeichnet, und gesagt: »da der Tod, genau zu nehmen,

der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar

Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt

gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich

hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes.«

Den schlichtesten Auszug der letzten Götterbotschaft geben vielleicht

die Lieder der Mönche Seite 173, wo es heißt »Ein einzig Tüchlein deckt

ihn, das ist alles, Am Hingeschiednen haftet keine Habe« etc.; sowie

der alte Spruch:

Povre et riche, par tout le mont,

De tout l’avoir qu’assamblé ont,

Qu’enportent ils quant ils s’en vont?

Un drapelet tant seulement.

]

[Fußnote 166: Vergl. /Platon/, Rep. X. No. 14; die Höllenschilderung

und den Feuerwirbelsturm im _Faust_, 2. Theil, bei der Grablegung,

Die rothe Brandung schlägt hervor etc.

]

[Fußnote 167: Ειτα βορβορον πολυν και σκωρ αεινων· εν δε τουτῳ

κειμενους κτλ. /Aristophanes/, Batr. 145/6. Von /Platon/ als alte

Ueberlieferung bezeichnet Phaid. p. 69.]

[Fußnote 168: Ir vleisch die maden âzen | unz ûf daz gebeine. /Konrad/,

Der werlte lôn 222/3.]

[Fußnote 169: _kukkulanirayo_, _kukkuranirayo_ = _sārameyādanam_,

der Hundehölle des _Bhāgavatapurāṇam_ V, 26, _{7}; cf. die uralten

Höllenhunde des _Ṛg-_ und _Atharvavedas_, auch den hesiodischen

Κερβερον ωμηστην Αϊδεω κυνα πεντηκοντακεφαλον. Dann: Aen. VI. 417 ff.;

Inferno VI, 13 ff.: »Cerbero, fiera crudele e diversa... graffia gli

spirti gli scuoia, ed isquatra.« Ebenso hat /Dante/ die anderen mehr

oder minder traumhaften Höllen, die gleichfalls im _Bhāgavatapurāṇam_

l. c., bei _Manus_ etc. etc. kurz angedeutet sind, wahrscheinlich

vermittelst der sog. Paulusapokalypse überkommen und seiner

katholischen Komödie kunstvoll eingefügt. -- Auch die höllischen »dogs

of war« im Julius Caesar, III, 1, _{273}, gehören hierher.]

[Fußnote 170: Vergl. die Stygia unda, Aen. VI, 385, bis hinauf zur

δεινη Στυξ des /Hesiod/, Theog. 776 ͂= dem _vāḍavam der Smṛti_.]

[Fußnote 171: Vergl. _Manus_ VIII, 271: _niḥkṣepyo ’yomayaḥ

śaṉkur jvalann āsye daśāṉgulaḥ_, mit dem Kommentar _lohakīlo

’gninā pradīpto daśāṉgulo mukheṣu kṣeptavyaḥ._ -- Analog bei

uns der nicht etwa nur dantesk visionäre sondern realchristliche

»Schwedentrunk«, im dreißigjährigen Kriege vom rechtgläubigen Soldaten

dem geplünderten Bauer mit Vorliebe verabfolgt, indem er ihn fesselte,

zu Boden warf, ihm ein Sperrholz in den Mund steckte, einen Melkkübel

Mistjauche in den Magen goß und ihm dann auf den Bauch trat, dass es

wieder herausspritzte: cf. /Grimms/ Wörterbuch s. v. Schwedentrunk,

Simplicissimus I, 4, und zumal des Dr. /Lammert/ Geschichte der

Seuchen, Hungers- und Kriegsnoth etc. Wiesbaden 1890, S. 132, wo aus

einer handschriftlichen Chronik noch viel andere, jeder Phantasie

spottende Gräuel enthüllt werden, »unerhörte Martter, davon auch der

teuffel in der höll mit Wissenschaft haben mochte, so sie den Menschen

angethan.« Auch aus neuerer Zeit erzählen Augenzeugen wie treu noch

unsere vereinigten apostolischen Streiter in China höllische Art

bewährt haben.

Man hat gelegentlich gesagt, die Inder gefielen sich in

überschwänglicher Höllenphantasie. Aber leider ist nicht nur

unser „Schwedentrunk“ einer teuflischen Wirklichkeit bedenklich

nahegekommen. Zahllose Beispiele erscheinen als leibhaftige Zeugen,

beweisen wie genau jene Alten ja nicht den satanischen sondern eben den

menschlichen Geist auch auf diesem Gebiete beobachtet und geschildert

haben. Wir Deutsche stehn da gar nicht so fern ab, wie man meinen

möchte, und können uns schon etliche der Akten verrathen lassen, die

Dr. /Lammert/ ein langes Leben hindurch aus Archiven und Urkunden

unermüdlich zusammengetragen hat: und manche Zweifel an höllischer

Objektität werden da schwinden. Man vergegenwärtige sich etwa folgende

typische Fälle, aus tausenden gleicher herausgegriffen, und sei

dabei der kantischen Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit

wohl eingedenk. Der kgl. Bezirksarzt Dr. /Lammert/ also berichtet

l. c. S. 174 f.: „So meldet die Augsburger Chronik am 17. Mai 1634:

»Die speerreiterische Soldaten haussen in schwaben sehr tyrannisch,

tractieren die bauren mit köpff Reitlen, wasser eingießen, die Mäuler

bis auf die Ohren aufschneiden u. dergl.« S. 193 ff.: In Landau und

Umgegend steigerte sich der Hunger so, dass die Leichen aus den Gräbern

gestohlen und verzehrt wurden. »Auch Lebende wurden hin und her

erschlagen und verzehrt; so schlachtete eine Frau ihr eigenes Kind,

salzte es ein, verzehrte es; sie starb darüber im Gefängniss.« Nahe

bei Zweibrücken stritten zwei Weiber um den Besitz eines von Würmern

bedeckten Stückes Aas, wobei eine die andere erwürgte. Rudelweise

durchzogen die Wölfe Elsass und Kurpfalz und die sonst blühenden

Landstriche hatten das Aussehen verödeter Kirchhöfe. Der Rektor

/Gottfried Andreä/ (von Worms) erzählt in seiner Lebensbeschreibung,

dass sich die Leute vor den Bäckerläden einander todt gedrückt haben

und dass der Magistrat auch hier den Kirchhof mit einer Wache hat

versehen müssen; zur selben Zeit sah genannter Rektor vor dem Thore

ein todtes Pferd liegen, »dabei sich eine Weibsperson befand, welche

das Fleisch abschnitt, in ihr Fürtuch nahm und zugleich roh davon

aß, dabei etliche Hunde, welche an der Mitte des Pferdes fraßen und

auf dem Kopfe desselben unterschiedliche Raben.« Graf /Johann von

Nassau-Saarbrücken/ sagt in seinem Schreiben an Kaiser /Ferdinand/

aus eigener Erfahrung, dass er in Städte, Flecken und Dörfer gekommen

sei, da nicht ein Haus gefunden worden, darin nicht ein vor Hunger

verschmachteter Körper gelegen wäre. »Ja, ich habe gesehen, dass die

Leut vor Hunger nicht allein allerhand unnatürliche Speisen und sich

untereinander selbst aufgefressen, sondern rasend worden, wie die

unvernünftigen Thiere, die Sprach verloren, dagegen als Hund und Wölf

geheult, nicht mehr aufrecht, sondern auf allen Vieren gelaufen.«

/Calmet/ in seiner Geschichte von Lothringen berichtet aus dieser

Zeit zum Jahre 1638: Der Hunger war so groß, dass die Menschen Aas,

und zuletzt sich selbst aufzehrten. Der Sohn vergriff sich an der

Leiche des Vaters, der Vater an jener des Kindes, die Mutter an der

Leiche der Tochter, der Reisende schlief nicht sicher neben seinem

Reisegefährten, aus Furcht, dass er ihn todtschlage, um an ihm

den Hunger zu stillen. Auch in der Mainzer Gegend haben sie (nach

/Khevenhiller/) »die Gottesäcker durchsucht, die Gräber aufgebrochen,

die Hochgerichte erstiegen und die Todten zur Speise genommen.« S.

219: In Ruppertshofen und Castorf waren alle Männer gestorben. Die

Kuhhirtin in Ruppertshofen »hat von ihrem todten Manne gerissen und

geschnitten, solches gekocht und mit ihren Kindern gegessen; auch ihrem

Vater die Schenkel abgehauen, gewaschen, gekocht, dergleichen den

Kopf aufgethan, gesotten und gefressen. Als sie gefragt worden, wie

es geschmeckt, hat sie geantwortet, wenn sie nur ein wenig Salz dazu

gehabt hätte, hätt’ es gut geschmeckt.« Der Kommandant von Rheinfels,

Junker /Georg Phil. von Buseck/, hat dies nach genauem Erforschen wahr

befunden. Dergleichen Jammerszenen sollen auch in anderen Gegenden, am

Rhein, Main, an der Lahn, Dill und Sieg vorgekommen sein. S. 228 f.: Im

Fuldaischen und Koburgischen bildeten sich »sogar förmliche Mordbanden,

welche in Höhlen oder leerstehenden Häusern wohnten und von diesen aus

auf Menschenraub ausgingen.« »Wie im vergangenen, so schlachteten auch

in diesem Jahre Mütter ihre Kinder und verzehrten sie, während sich

andere ertränkten.« -- »Haufen Bettler lauerten auf die Vorübergehenden

und tödteten sie, wie denn bei Worms eine solche Bande von ihrem Feuer

verjagt und in den Töpfen die schaurigen Ueberbleibsel von Händen und

Füßen gefunden wurden.« S. 239: Gefangene, im Stockhause verwahrte

weimarische Soldaten, litten so große Noth, dass sie die vor Hunger

gestorbenen Kameraden roh auffraßen. S. 132: Vernehmen wir, zu weiterer

Beleuchtung des Zeitbildes, noch eine Stimme jener Leidensgenossen über

die bestialische Raffiniertheit, mit welcher die schutzlosen Leute von

den Mordgesellen gequält, geschunden und zum Tode gebracht wurden. »Zu

dieser Zeit«, berichtet eine handschriftliche Chronik von Redwitz,

»gieng jammer und Noth an in Unsrem Lande, vnd hat gewehret bis uff das

1637. Jahr, do man den baldt nichts anderst hörte, alss Rauben, stelen,

Morden, brennen vnd sengen, die armen Leuth wurden niedergehauen,

gestochen, geschossen, auch geraitelt, vielen die Augen ausgestochen,

Arm vnd Beine entzwey geschlagen, Ohren vnd Nasen, auch Männliche

Glieder vnd Säugende Brüst wurden ab- vnd ausgeschnitten, ettliche

von Ferne beim Feuer gebratten, theils im Rauchschloth vffgehenket

vnd Fever vnter sie geschieret, ettliche in die Backöffen gestossen,

stroh fürgemacht vnd angezündet, Khün vnd schweffel vnter die Nägel

gestecket vnd angezündet, die Daumen geschraubet, spitzige Knöbel ins

Maul gestecket, dass das Bluth hauffenweiss herauss geloffen, hernacher

den gantzen leib, durch den Mundt, mit Urin und Mistwasser gefüllet,

die Fuesssohlen aufgeschnitten, hernach Salz hineingestreuet, Riemen

auss den leibern geschnitten, und vielen die Rippen in den leib entzwey

geschlagen, Jn Summa die grosse pein vnd vorhin unerhörte Martter

(davon auch der teuffel in der höll mit Wissenschaft haben mochte) so

sie den Menschen angethan, biss sie gestorben vnd verschmachtet oder

presshaft worden, ist nicht zu schreiben.«“

Das wären denn einige flüchtige Streiflichter in unsere eigene

Hölle einer verwichenen Zeit, gräulich genug, um uns die kokytischen

Welten der Heiden nicht mehr so fremdartig wie dem Mephistopheles

dämmern zu lassen. Andeutungen höllischer Phänomene aus der Gegenwart

aber sind ebensowenig da wie dort verschieden: vergl. das unverblümte

Wort im Wahrheitpfade ^{1}S. 155.]

[Fußnote 172: Vergl. des /Dionysius/ Ueberfahrt in das ungeschaffene

Leben, bei /Eckhart/ p. 530.

Das schmerzlich bewegte Aufseufzen des Richters der Schatten, am Ende

obiger Symphonia horrifica, erinnert im letzten fernen Grunde an das

berühmte, von /Schopenhauer/, I § 57 i. m., interpretierte ῳμωξεν ιδων

εις ουρανον ευρυν des unerbittlich vergeltenden Peliden, Mitte der XXI.

Ilias. -- Cf. noch Lieder der Mönche v. 217/218.]

[Fußnote 173: Mit dem siam. Texte _taṃ viddhā_ zu lesen; cf.

_Muṇḍakopan_. II, 2, _{2}: _tad veddhavyaṃ_ (_cetasā bhāvanīyam_), ib.

_{4}: _apramattena veddhavyaṃ śaravat_.]

[Fußnote 174: Von _cando_ Mond; vergl. _Haimadhātupārāyaṇam_ I, 313

_candati dīpyate āhlādayati ca_, und die beliebten nom. person. deriv.

_Candrasomaharidattādi_, e. g. auch _Theragāthā_ 299 _Candano_ und den

_Candranavihāras_, bei /Foucher/, Iconographie bouddhique, Paris 1900,

p. 62.]

[Fußnote 175: Von dem hier so oft genannten Kampfe ζξοχα πβντων gilt

Asokos Wort vom _dhammavijayo_, dem wahren Siege, welchem gegenüber

jeder andere, und noch so ungeheuere -- der König spricht als Eroberer

ganz Hindustans, von Baktrien bis Zeilon, vom Ganges bis zum Indus --

nur von recht geringem Geschmacke ist; der _dhammavijayo_ allein, sagt

Asoko als erfahrener Held auf dem XIII. Felsenedikt, Girnār l. 11, ist

_sa-rasako_, mit ächtem Geschmacke begabt: und nur ihn kann man für

sättigend und beschwichtigend halten, den wahren Sieg.

Das _maraṇaṃ suve_ = dem _śvomaraṇaṃ_ der _Smṛti_, e. g. _Mahābhāratam_

XII, 152, _{12}, »morgen todt«. -- Vergl. /Jakobs/ Epist. 4, _{14},

Korinther I, 15, _{30} & _{55}, und den Scheidegruß des Eremiten

/Antonios/, Anm. 27, ferner das Adagium στιγμω χρονου, von /Demetrios

Phalereus/ überliefert, und /Goethe/, Aus meinem Leben I, 3 i. m. Auch

den schönen Spruch »Chi tempo aspetta, tempo perde«, bei /Rinaldo

D’Aquino/, um 1250; sowie das Wort des Königs D. Rodrigo, im D. Quijote

II, 26 i. m.:

Ayer fuí señor de España,

Y hoy no tengo una almena

Que pueda decir que es mia.

]

[Fußnote 176: Hier vergl. man die 57. Rede; sowie auch der 98sten

drittletzten Vers, _kammunā vattatī loko_: vielleicht zeigt dieser

Ausspruch, nächst den zur 57. Rede beigebrachten orakelartigen Stellen

der _Bṛhadāraṇyakopaniṣat_, die früheste und ergo schärfste Prägung des

faustischen Wortes: »Im Anfang war die That.« -- Genau entsprechend

hat der Pythagoriker /Timaios/ gelehrt: ταν ψυχαν των μεν δειλων ες

γυναικεια σκανεα ποθ’ ὑβριν εκδιδομενα, των δε μιαιφονων ες θηριων

σωματα ποτι κολασιν, λαγνων δ’ ες συων η καπρων μορφας, κουφων δε

και μετεωρων ες πτηνων αεροπορων, αργων δε αι απρακτων αμαθων τε και

ανοητων ες ταν των ενυδρων ιδεαν, De anima mundi i. f. Eine solche

Palingenesie hat auch /Lao-tse/, Kap. 23, dargestellt; ja sogar unser

/Meister Eckhart/, p. 333, 334, 589, der mit siegreicher Geisteskraft

ausführt, wie die Natur aus einem Kraut, das im Garten wächst,

allmälig den Menschen zu entwickeln vermag: den Menschen, der „aller

Kreatur Wesen hat, mit den Steinen, mit den Bäumen, und fürbass mit

allen anderen Kreaturen.“ In diesem Sinne will er auch seine 56., so

geheimnissvolle, aus verborgenster Tiefe schöpfende Rede verstanden

wissen, mit dem indo-aegypto-empedokleischen Thema: »Daz edelste, daz

an dem menschen ist, daz ist bluot, sô ez wol wil; aber daz ergeste,

daz an dem menschen ist, daz ist bluot, sô ez übel wil.« -- Vergl. noch

die schöne Stelle in /Jakobs/ Ep. 3, _{13}: Τις σοφος και επιστημων εν

ὑμιν, δειξατω εκ της καλης αναστροφης τα εργα αυτου εν πραϋτητι σοφιας,

und insbesondere ib. 17 mit oben S. 366 dem Uebergange, der zur Anmuth

führt.]

[Fußnote 177: Vergl. der 124. Rede Anfang, S. 251: und wiederum der

85. Rede Ende, S. 471. -- Beide modi sind _pariyāyena_ anwendbar,

nach _Dhammapadam_ v. 64 u. 65, oder weil, nach /Hippokrates/, ὁ βιος

βραχυς, ἡ δε τεχνη μακρη, ὁ δε καιρος οξυς, ἡ δε πειρα σφαλερη, ἡ δε

κρισις χαλεπη, Aphor. I, 1.]

[Fußnote 178: Diese knappe, so kühn wie besonnen dargestellte Logik

aller Möglichkeit ist zwar oft versucht worden, hat aber in der

wichtigsten Frage, aus Mangel deutlicher Begriffe, nur paradoxe Thesen

ergeben; so z. B. bei /Makarios/, nach /Floss/ p. 148, »qui se ipsum

cogit ad omnia, is est monachus«, bei /Eckhart/ p. 358 u. 447, wo

er sagt: »Socrates sprichet, daz tugende machent unmüglîchiu dinc

müglich.« Cf. noch Lieder der Mönche v. 536 Anm. Negativ aber doch

identisch ist auch der, freilich trivial gewordene, Satz /Lessings/

»Kein Mensch muss müssen.« Erst in der Lehre von der Vereinigung der

Natur und Freiheit, der größten aller Leistungen des menschlichen

Tiefsinns, wie /Schopenhauer/ sie nennt, hat /Kant/ die vollkommene

Auflösung und Ausführung des Problems gegeben.

Zur heißen Busse, _ātappam_ etc. S. 376-378, cf. das vedische _tapas_,

bez. die ebenso übermächtigende _dīkṣā_, von √(dakṣ) tüchtig sein:

entspricht der ασκησις, bez. μελετη in der Anmerkung 101; auch dem

αναμιμνησκεσθαι, σοχιαν τε και αρετην ασκειν /Platons/, und nicht

minder /Goethes/

Allen Gewalten

Zum Trutz sich erhalten,

Nimmer sich beugen,

Kräftig sich zeigen,

Rufet die Arme

Der Götter herbei.

Die geistige Einigung, der _cetosamādhi_, ibid., hat ein schönes

Analogon in der pythagorischen συναρμογα und im gleichen ἑν γενεσθαι

και τον ανθρωπον δει: und ist dann von unserem großen /Bruno/,

wie mir /De Lorenzo/ mittheilt, sehr innig erkannt worden, da er

im Spaccio, ziemlich gegen Ende, jene libertà di spirito preist, »a cui

tal volta amministra il monachismo (non dico quello de’ cocchiaroni),

l’eremo, la solitudine: che sogliono parturir quel divino sigillo, ch’

è la buona contrazione.« Es ist, im Grunde genommen, /Eckharts/

und /Laos/ Rückkehr zur Einfalt.]

[Fußnote 179: Ὁ τοιουτος παντα τα του κοσμου πραγματα ενδοξα, πλουτον

και τρυφην, και πασαν απολαυσιν, αυτην αυτην τε την γμωσιν, και παντα

τα του αιωνος τουτου βδελυκτα ἡγειται και μισητα, /Makarios/, Homil. IX

§ 8 i. f.]

[Fußnote 180: Cf. die 22. Rede, p. 140.]

[Fußnote 181: _purisadammo_; analog _puruṣapaśus_ in der

_Chāndogyopaniṣat_ II, 6, und το θρεμμα ανθρωπος im /Platon/, De

legibus p. 777.]

[Fußnote 182: Vergl. den »desiderio della bellezza«, nach /Platon/, bei

/Michelangelo/, wie e. g. in den Rime e prose, Chieti 1847, p. 174.]

[Fußnote 183: Die _aṭṭha disā_ acht Richtungen bezeichnen s. v. a. die

acht Freiungen _aṭṭha vimokhā_ der 77. Rede, passim; vergl. auch Lieder

der Mönche, Anmerkung zu v. 1172. -- Die Makarismen /Matth/. V, 3-10,

im Mittelalter _die aht saelekeiten_ genannt, bieten ein christliches

Gegenstück dar; desgl. die, wiederum andersartigen, octo beatitudines

der Scholastiker, vielleicht auch schon des /Irenäus/ Abhandlung

περι ογδοαδος; mehr noch das Durchwandeln der sechserlei Bilder, in

/Fritzlars/ Blume der Schauung. Ueber die Unmittelbarkeit, S. 392, sagt

/Eckhart/, S. 5: Als nû ie ein meister wîser unde mehtiger ist, alsô

ouch sîn werc unmitelîcher geschiht und einveldiger ist.

Zur ganzen Stelle oben S. 390, ‚Dann habt ihr auf eines gestützt

ein anderes abzustoßen‘, sei der geübteren Beobachtung ein gewiss

analoger Spruch /Goethes/ empfohlen, aus der Säligen Sehnsucht, im

West-östlichen Divan, 1. Buch, vorletzter Vers:

Und so lang du Das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunkeln Erde.

Der selbe Gedanke, »Dies um Das«, ist im _Tao-te-king_ wiederholt

vorgetragen.

* * * * *

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 37 / 40 段