»Gleichwie etwa, ihr Mönche, am Feiertage, in der Nacht vor dem

Vollmonde, gar manche Leute in Zweifel und Bedenken gerathen, 449

›Nimmt der Mond noch zu, oder ist er schon voll geworden?‹,

aber es nimmt eben der Mond noch zu: ebenso nun auch, ihr

Mönche, sind jene Nonnen durch Nandakos Darlegung der Lehre

zwar erfreut worden, doch nicht vollkommen zufriedengestellt.«

Und der Erhabene wandte sich an den ehrwürdigen Nandako: »Darum

magst du nur auch morgen, Nandako, ebendieselbe Aufklärung den

Nonnen angedeihen lassen.«

»Wohl, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Nandako, dem Erhabenen

gehorchend. Und der ehrwürdige Nandako rüstete sich am nächsten

Tage beizeiten, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī

um Almosenspeise. Als er dort, von Haus zu Hause tretend,

Almosen erhalten, kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und begab

sich dann selbander nach dem Königsgarten.

Es sahn aber jene Nonnen den ehrwürdigen Nandako von ferne

herankommen, und als sie ihn gesehn stellten sie einen Stuhl

zurecht und Wasser für die Füße. Es setzte sich der ehrwürdige

Nandako auf den angebotenen Sitz, und als er saß spülte er sich

die Füße ab. Jene Nonnen boten nun dem ehrwürdigen Nandako

ebrerbietigen Gruß dar und setzten sich seitwärts hin. Und

der ehrwürdige Nandako ließ jenen Nonnen, die da seitwärts

saßen, Wort um Wort ebendieselbe Aufklärung angedeihen wie am

Tage vorher. Nachdem nun der ehrwürdige Nandako jene Nonnen

aufgeklärt hatte, ermahnte er sie:

»Geht nun, ihr Schwestern, es ist an der Zeit.«

Da waren denn jene Nonnen durch des ehrwürdigen Nandako Rede

erfreut und befriedigt; und sie standen von ihren Sitzen auf,

boten dem ehrwürdigen Nandako ehrerbietigen Gruß dar, schritten

rechts herum und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte.

Dort angelangt boten sie dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß 456

dar und stellten sich seitwärts hin. Zu jenen Nonnen, die da

seitwärts standen, sprach der Erhabene also:

»Geht nun, ihr Nonnen, es ist an der Zeit.«

Und jene Nonnen boten dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß dar,

schritten rechts herum und entfernten sich.

Da wandte sich denn der Erhabene, bald nachdem jene Nonnen

fortgegangen, an die Mönche:

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, am Feiertage, in der vollen

Mondnacht, gar manche Leute nicht mehr in Zweifel und Bedenken

gerathen, ›Nimmt der Mond noch zu, oder ist er schon

voll geworden?‹, sondern es ist eben der Mond schon voll

geworden: ebenso nun auch, ihr Mönche, sind jene Nonnen durch

Nandakos Darlegung der Lehre erfreut worden und vollkommen

zufriedengestellt. Wer da, ihr Mönche, jener fünfhundert Nonnen

geringste Nonne ist, ist zur Hörerschaft gelangt, dem Verderben

entronnen, eilt zielbewusst der vollen Erwachung entgegen.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.[208]

147.

Fünfzehnter Theil Fünfte Rede

RĀHULO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da kam dem Erhabenen in einsamer Abgeschiedenheit der Gedanke

in den Sinn: ›Reif geworden sind bei Rāhulo Dinge, die Erlösung

reif werden lassen; wie, wenn ich nun Rāhulo mehr noch zur

Wahnversiegung bereit machte?‹

Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und

ging nach Sāvatthī um Almosenspeise, erhielt in der Stadt, von

Haus zu Hause tretend, das Almosen, kehrte zurück, nahm das

Mahl ein und wandte sich dann an den ehrwürdigen Rāhulo:

»Versieh’ dich, Rāhulo, mit der Strohmatte: wir wollen nach dem 457

Dunkeln Walde gehn, dort bis gegen Abend verweilen.«

»Wohl, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Rāhulo, dem Erhabenen

gehorchend; und er versah sich mit der Strohmatte und folgte

dem Erhabenen Schritt um Schritt nach.

Um diese Zeit aber war der Erhabene von einer vieltausendfachen

Geisterschaar gefolgt: ›Heute wird der Erhabene den ehrwürdigen

Rāhulo mehr noch zur Wahnversiegung bereit machen.‹

Und der Erhabene zog sich ins Innere des Dunkeln Waldes zurück

und setzte sich am Fuß eines Baumes, an geeignetem Orte nieder.

Und auch der ehrwürdige Rāhulo nahm, nach des Erhabenen

Begrüßung, an der Seite Platz. An den ehrwürdigen Rāhulo, der

da zur Seite saß, wandte sich nun der Erhabene also:

»Was meinst du wohl, Rāhulo: ist das Auge unvergänglich oder

vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: sind die Formen unvergänglich oder

vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: ist das Sehbewusstsein

unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: ist die Sehberührung unvergänglich 458

oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: was auch da durch Sehberührung

bedingt an Gefühl hervorgeht, an Wahrnehmung hervorgeht, an

Unterscheidung hervorgeht, an Bewusstsein hervorgeht, ist eben

das unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa

davon behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein

Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: ist das Ohr, die Nase, die Zunge,

der Leib, der Geist unvergänglich oder vergänglich? Sind

die Töne, die Düfte, die Säfte, die Tastungen, die Gedanken

unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meinst du wohl, Rāhulo: ist das Hörbewusstsein, das

Riechbewusstsein, das Schmeckbewusstsein, das Tastbewusstsein,

das Denkbewusstsein unvergänglich oder vergänglich? Ist die 459

Hörberührung, die Riechberührung, die Schmeckberührung,

die Tastberührung, die Denkberührung unvergänglich oder

vergänglich? Was meinst du wohl, Rāhulo: was auch da durch

Hörberührung, durch Riechberührung, durch Schmeckberührung,

durch Tastberührung, durch Denkberührung bedingt an Gefühl

hervorgeht, an Wahrnehmung hervorgeht, an Unterscheidung

hervorgeht, an Bewusstsein hervorgeht, ist eben das

unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Bei solcher Betrachtung, Rāhulo, wird der erfahrene heilige

Jünger des Auges überdrüssig, der Formen überdrüssig, des

Sehbewusstseins überdrüssig, der Sehberührung überdrüssig: und

was auch da durch Sehberührung bedingt an Gefühl hervorgeht,

an Wahrnehmung hervorgeht, an Unterscheidung hervorgeht, an

Bewusstsein hervorgeht, eben dessen wird er überdrüssig;

er wird des Ohres, der Nase, der Zunge, des Leibes, des

Geistes überdrüssig, der Töne, der Düfte, der Säfte, der

Tastungen, der Gedanken überdrüssig, des Hörbewusstseins,

des Riechbewusstseins, des Schmeckbewusstseins, des

Tastbewusstseins, des Denkbewusstseins überdrüssig, der

Hörberührung, der Riechberührung, der Schmeckberührung,

der Tastberührung, der Denkberührung überdrüssig: und was

auch da durch Hörberührung, durch Riechberührung, durch

Schmeckberührung, durch Tastberührung, durch Denkberührung 460

bedingt an Gefühl hervorgeht, an Wahrnehmung hervorgeht, an

Unterscheidung hervorgeht, an Bewusstsein hervorgeht, eben

dessen wird er überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab.

Abgewandt löst er sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,

diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet

das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹

versteht er da.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Rāhulo über das Wort des Erhabenen.

Während da nun diese Darlegung stattgefunden, hatte sich beim

ehrwürdigen Rāhulo das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.

Jener vieltausendfachen Geisterschaar aber war das abgeklärte,

abgespülte Auge der Wahrheit aufgegangen:

›Was irgend auch entstanden ist

Muss alles wieder untergehn.‹[209]

148.

Fünfzehnter Theil Sechste Rede

SECHSFACHE SECHSHEIT

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort

nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«

-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen

aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Die Lehre werd’ ich euch Mönchen aufweisen, deren Anfang

begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die

sinn- und wortgetreue, das vollkommen geläuterte, geklärte

Asketenthum werde ich darlegen; und zwar die sechsfache

Sechsheit: das höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« sagten da aufmerksam jene Mönche zum

Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Sechs innere Gebiete sind zu merken und sechs äußere Gebiete,

sechs bewusstsame Reiche sind zu merken und sechs berührsame

Reiche, sechs fühlsame Reiche sind zu merken und sechs 461

durstsame Reiche.

»‚Sechs innere Gebiete sind zu merken‘: das ist gesagt worden;

und warum ist das gesagt worden? Um das Gebiet des Gesichts,

das Gebiet des Gehörs, das Gebiet des Geruchs, das Gebiet des

Geschmacks, das Gebiet des Getastes, das Gebiet des Gedenkens.

‚Sechs innere Gebiete sind zu merken‘: wurde das gesagt, so war

es darum gesagt. Das ist die erste Sechsheit.

»‚Sechs äußere Gebiete sind zu merken‘: das ist gesagt worden;

und warum ist das gesagt worden? Um das Gebiet der Formen, das

Gebiet der Töne, das Gebiet der Düfte, das Gebiet der Säfte,

das Gebiet der Tastungen, das Gebiet der Gedanken. ‚Sechs

äußere Gebiete sind zu merken‘: wurde das gesagt, so war es

darum gesagt. Das ist die zweite Sechsheit.

»‚Sechs bewusstsame Reiche sind zu merken‘: das ist gesagt

worden; und warum ist das gesagt worden? Durch das Gesicht und

die Formen entsteht das Sehbewusstsein, durch das Gehör und

die Töne entsteht das Hörbewusstsein, durch den Geruch und die

Düfte entsteht das Riechbewusstsein, durch den Geschmack und

die Säfte entsteht das Schmeckbewusstsein, durch das Getast und

die Tastungen entsteht das Tastbewusstsein, durch das Gedenken

und die Dinge entsteht das Denkbewusstsein. ‚Sechs bewusstsame

Reiche sind zu merken‘: wurde das gesagt, so war es darum

gesagt. Das ist die dritte Sechsheit.

»‚Sechs berührsame Reiche sind zu merken‘: das ist gesagt

worden; und warum ist das gesagt worden? Durch das Gesicht und

die Formen entsteht das Sehbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung; durch das Gehör und die Töne entsteht das

Hörbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung; durch

den Geruch und die Düfte entsteht das Riechbewusstsein, der

Einschlag der drei giebt Berührung; durch den Geschmack und die 462

Säfte entsteht das Schmeckbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung; durch das Getast und die Tastungen entsteht

das Tastbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung;

durch das Gedenken und die Dinge entsteht das Denkbewusstsein,

der Einschlag der drei giebt Berührung. ‚Sechs berührsame

Reiche sind zu merken‘: wurde das gesagt, so war es darum

gesagt. Das ist die vierte Sechsheit.

»‚Sechs fühlsame Reiche sind zu merken‘: das ist gesagt worden;

und warum ist das gesagt worden? Durch das Gesicht und die

Formen entsteht das Sehbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl bedingt;

durch das Gehör und die Töne entsteht das Hörbewusstsein, der

Einschlag der drei giebt Berührung, durch die Berührung ist

das Gefühl bedingt; durch den Geruch und die Düfte entsteht

das Riechbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung,

durch die Berührung ist das Gefühl bedingt; durch den Geschmack

und die Säfte entsteht das Schmeckbewusstsein, der Einschlag

der drei giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl

bedingt; durch das Getast und die Tastungen entsteht das

Tastbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung, durch

die Berührung ist das Gefühl bedingt; durch das Gedenken und

die Dinge entsteht das Denkbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl bedingt.

‚Sechs fühlsame Reiche sind zu merken‘: wurde das gesagt, so

war es darum gesagt. Das ist die fünfte Sechsheit.

»‚Sechs durstsame Reiche sind zu merken‘: das ist gesagt

worden; und warum ist das gesagt worden? Durch das Gesicht und

die Formen entsteht das Sehbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl bedingt,

durch das Gefühl bedingt ist der Durst; durch das Gehör und

die Töne entsteht das Hörbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl bedingt,

durch das Gefühl ist der Durst bedingt; durch den Geruch und

die Düfte entsteht das Riechbewusstsein, der Einschlag der drei

giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl bedingt,

durch das Gefühl ist der Durst bedingt; durch den Geschmack

und die Säfte entsteht das Schmeckbewusstsein, der Einschlag

der drei giebt Berührung, durch die Berührung ist das Gefühl

bedingt, durch das Gefühl ist der Durst bedingt; durch das

Getast und die Tastungen entsteht das Tastbewusstsein, der

Einschlag der drei giebt Berührung, durch die Berührung ist das

Gefühl bedingt, durch das Gefühl ist der Durst bedingt; durch

das Gedenken und die Dinge entsteht das Denkbewusstsein, der 463

Einschlag der drei giebt Berührung, durch die Berührung ist das

Gefühl bedingt, durch das Gefühl ist der Durst bedingt. ‚Sechs

durstsame Reiche sind zu merken‘: wurde das gesagt, so war es

darum gesagt. Das ist die sechste Sechsheit. --

»‚Das Auge ist das Selbst‘, eine solche Behauptung, die

kann nicht angehn; beim Auge wird ein Entstehn und Vergehn

wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und Vergehn

wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht und

vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht an

‚Das Auge ist das Selbst‘ zu behaupten: somit ist das Auge

nicht das Selbst. -- ‚Die Formen sind das Selbst‘, eine solche

Behauptung, die kann nicht angehn; bei den Formen wird ein

Entstehn und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Die Formen sind das Selbst‘ zu behaupten: somit ist das

Auge nicht das Selbst, sind die Formen nicht das Selbst. --

‚Das Sehbewusstsein ist das Selbst‘, eine solche Behauptung,

die kann nicht angehn; beim Sehbewusstsein wird ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und

Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es

nicht an ‚Das Sehbewusstsein ist das Selbst‘ zu behaupten:

somit ist das Auge nicht das Selbst, sind die Formen nicht

das Selbst, ist das Sehbewusstsein nicht das Selbst. -- ‚Die

Sehberührung ist das Selbst‘, eine solche Behauptung, die

kann nicht angehn; bei der Sehberührung wird ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und

Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Die Sehberührung ist das Selbst‘ zu behaupten: somit ist

das Auge nicht das Selbst, sind die Formen nicht das Selbst,

ist das Sehbewusstsein nicht das Selbst, ist die Sehberührung

nicht das Selbst. -- ‚Das Gefühl ist das Selbst‘, eine solche

Behauptung, die kann nicht angehn; beim Gefühle wird ein

Entstehn und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Das Gefühl ist das Selbst‘ zu behaupten: somit ist das Auge 464

nicht das Selbst, sind die Formen nicht das Selbst, ist das

Sehbewusstsein nicht das Selbst, ist die Sehberührung nicht das

Selbst, ist das Gefühl nicht das Selbst. -- ‚Der Durst ist das

Selbst‘, eine solche Behauptung, die kann nicht angehn; beim

Durste wird ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen; wobei nun

aber ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen wird, muss einer

‚Mein Selbst entsteht und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen;

darum geht es nicht an ‚Der Durst ist das Selbst‘ zu behaupten:

somit ist das Auge nicht das Selbst, sind die Formen nicht

das Selbst, ist das Sehbewusstsein nicht das Selbst, ist die

Sehberührung nicht das Selbst, ist das Gefühl nicht das Selbst,

ist der Durst nicht das Selbst.

»‚Das Ohr ist das Selbst‘ -- ‚Die Nase ist das Selbst‘[210] --

‚Die Zunge ist das Selbst‘ -- ‚Der Leib ist das Selbst‘ -- ‚Der

Geist ist das Selbst‘, eine solche Behauptung, die kann nicht

angehn; beim Geiste wird ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen;

wobei nun aber ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen wird,

muss einer ‚Mein Selbst entsteht und vergeht‘ als Ergebniss

gelten lassen; darum geht es nicht an ‚Der Geist ist das

Selbst‘ zu behaupten: somit ist der Geist nicht das Selbst.

-- ‚Die Gedanken sind das Selbst‘, eine solche Behauptung,

die kann nicht angehn; bei den Gedanken wird ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und

Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht 465

an ‚Die Gedanken sind das Selbst‘ zu behaupten: somit ist der

Geist nicht das Selbst, sind die Gedanken nicht das Selbst. --

‚Das Denkbewusstsein ist das Selbst‘, eine solche Behauptung,

die kann nicht angehn; beim Denkbewusstsein wird ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und

Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Das Denkbewusstsein ist das Selbst‘ zu behaupten: somit

ist der Geist nicht das Selbst, sind die Gedanken nicht das

Selbst, ist das Denkbewusstsein nicht das Selbst. -- ‚Die

Denkberührung ist das Selbst‘, eine solche Behauptung, die

kann nicht angehn; bei der Denkberührung wird ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn und

Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Die Denkberührung ist das Selbst‘ zu behaupten: somit ist

der Geist nicht das Selbst, sind die Gedanken nicht das Selbst,

ist das Denkbewusstsein nicht das Selbst, ist die Denkberührung

nicht das Selbst. -- ‚Das Gefühl ist das Selbst‘, eine solche

Behauptung, die kann nicht angehn; beim Gefühle wird ein

Entstehn und Vergehn wahrgenommen; wobei nun aber ein Entstehn

und Vergehn wahrgenommen wird, muss einer ‚Mein Selbst entsteht

und vergeht‘ als Ergebniss gelten lassen; darum geht es nicht

an ‚Das Gefühl ist das Selbst‘ zu behaupten: somit ist der

Geist nicht das Selbst, sind die Gedanken nicht das Selbst,

ist das Denkbewusstsein nicht das Selbst, ist die Denkberührung

nicht das Selbst, ist das Gefühl nicht das Selbst. -- ‚Der

Durst ist das Selbst‘, eine solche Behauptung, die kann nicht

angehn; beim Durste wird ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen;

wobei nun aber ein Entstehn und Vergehn wahrgenommen wird,

muss einer ‚Mein Selbst entsteht und vergeht‘ als Ergebniss 466

gelten lassen; darum geht es nicht an ‚Der Durst ist das

Selbst‘ zu behaupten: somit ist der Geist nicht das Selbst,

sind die Gedanken nicht das Selbst, ist das Denkbewusstsein

nicht das Selbst, ist die Denkberührung nicht das Selbst, ist

das Gefühl nicht das Selbst, ist der Durst nicht das Selbst.

»Das aber ist, ihr Mönche, der Pfad, der zur Entstehung der

Persönlichkeit hinführt: ›Das Auge‹, sagt man sich, ›das gehört

mir, das bin ich, das ist mein Selbst.‹ ›Die Formen‹, sagt man

sich, ›das Sehbewusstsein, die Sehberührung, das Gefühl, der

Durst: das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst.‹ ›Das

Ohr‹, sagt man sich, ›die Nase, die Zunge, der Leib, der Geist,

die Gedanken, das Denkbewusstsein, die Denkberührung, das

Gefühl, der Durst: das gehört mir, das bin ich, das ist mein

Selbst.‹

»Das aber ist, ihr Mönche, der Pfad, der zur Auflösung der

Persönlichkeit hinführt: ›Das Auge‹, sagt man sich, ›das gehört

mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ ›Die

Formen‹, sagt man sich, ›das Sehbewusstsein, die Sehberührung, 467

das Gefühl, der Durst: das gehört mir nicht, das bin ich

nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ ›Das Ohr‹, sagt man sich,

›die Nase, die Zunge, der Leib, der Geist, die Gedanken, das

Denkbewusstsein, die Denkberührung, das Gefühl, der Durst: das

gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹

»Durch das Gesicht, ihr Mönche, und die Formen entsteht das

Sehbewusstsein, der Einschlag der drei giebt Berührung, durch

die Berührung entsteht eine Empfindung von Wohl, oder von Wehe,

oder weder von Wehe noch von Wohl. Von einem wohligen Gefühle

getroffen empfindet man Freude, Befriedigung, Ergetzen daran,

und begehrliche Anwandlung kommt einen an. Von einem wehen

Gefühle getroffen wird man bekümmert, beklommen, man jammert,

schlägt sich stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung, und

widerwillige Anwandlung kommt einen an. Von einem weder wehen

noch wohligen Gefühle getroffen mag man dieser Empfindung

Beginn und Vergehn, Labsal und Elend und Ueberwindung nicht

der Wahrheit gemäß verstehn, und unwissende Anwandlung kommt

einen an. Dass aber einer, ihr Mönche, der beim wohligen

Gefühle begehrliche Anwandlung nicht verleugnet, beim wehen

Gefühle widerwillige Anwandlung nicht von sich gewiesen, beim

weder wehen noch wohligen Gefühle unwissende Anwandlung nicht

ausgetilgt, Unwissen nicht verloren, Wissen nicht erworben hat,

noch bei Lebzeiten dem Leiden ein Ende machen werde: das ist 468

unmöglich.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 30 / 40 段