»Beim Auge, Bruder Channo, beim Sehbewusstsein, bei den durch

das Sehbewusstsein bewusstbaren Dingen, gewahrst du da wohl:

›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹? beim Ohre,

Bruder Channo, bei der Nase, bei der Zunge, beim Leibe, beim

Denken, bei den Dingen, beim Denkbewusstsein, bei den durch das

Denkbewusstsein bewusstbaren Dingen, gewahrst du da wohl: ›Das

gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Beim Auge, Bruder Sāriputto, beim Sehbewusstsein, bei den

durch das Sehbewusstsein bewusstbaren Dingen gewahr’ ich da

wohl: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht

mein Selbst‹; beim Ohre, Bruder Sāriputto, bei der Nase, bei

der Zunge, beim Leibe, beim Denken, bei den Dingen, beim

Denkbewusstsein, bei den durch das Denkbewusstsein bewusstbaren

Dingen gewahr’ ich da wohl: ›Das gehört mir nicht, das bin ich

nicht, das ist nicht mein Selbst‹.«

»Beim Auge, Bruder Channo, beim Sehbewusstsein, bei den durch

das Sehbewusstsein bewusstbaren Dingen hast du was gesehn,

was verstanden und gewahrst da wohl: ›Das gehört mir nicht, 435

das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹? beim Ohre,

Bruder Channo, bei der Nase, bei der Zunge, beim Leibe, beim

Denken, bei den Dingen, beim Denkbewusstsein, bei den durch das

Denkbewusstsein bewusstbaren Dingen hast du was gesehn, was

verstanden und gewahrst da wohl: ›Das gehört mir nicht, das bin

ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹?«

»Beim Auge, Bruder Sāriputto, beim Sehbewusstsein, bei den

durch das Sehbewusstsein bewusstbaren Dingen hab’ ich die

Auflösung gesehn, die Auflösung verstanden und gewahre da

wohl: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht

mein Selbst‹; beim Ohre, Bruder Sāriputto, bei der Nase, bei

der Zunge, beim Leibe, beim Denken, bei den Dingen, beim

Denkbewusstsein, bei den durch das Denkbewusstsein bewusstbaren

Dingen hab’ ich die Auflösung gesehn, die Auflösung verstanden

und gewahre da wohl: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht,

das ist nicht mein Selbst‹.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Mahācundo also an

den ehrwürdigen Channo:

»So magst du denn, Bruder Channo, auch diese Weisung von Ihm,

dem Erhabenen, unwandelbar im Geiste bewahren: ›Eingepflanzt

erzittert man: nicht eingepflanzt erzittert man nicht;

erzittert man nicht, ist man still: still geworden neigt man

sich nicht; neigt man sich nicht, kommt man und geht man nicht:

kommt man und geht man nicht, erscheint und verschwindet man 436

nicht; erscheint und verschwindet man nicht, giebt es kein

hüben und kein drüben noch beider inmitten sein: es ist eben

das Ende vom Leiden.‹«

Als da nun der ehrwürdige Channo mit dieser Ansprache

angesprochen worden, standen Sāriputto und Mahācundo die

Ehrwürdigen von ihren Sitzen auf und schritten von dannen.

Bald aber, nachdem Sāriputto und Mahācundo die Ehrwürdigen

fortgegangen, hat der ehrwürdige Channo zur Waffe gegriffen.

Da begab sich denn der ehrwürdige Sāriputto zum Erhabenen hin,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Sāriputto

zum Erhabenen also:

»Der ehrwürdige Channo, o Herr, hat zur Waffe gegriffen. Wo ist

er jetzt, was ist aus ihm geworden?«

»Hat dir denn nicht, Sāriputto, Channo der Mönch selber schon

untadelig sein erklärt?«

»Es liegt, o Herr, ein Ort, Pubbajiram geheißen, im

Vajji-Gebiete. Dort wohnen die Freunde, wohnen die Genossen des

ehrwürdigen Channo: denen gilt es als Tadel.«

»Es giebt ja wohl dort, Sāriputto, solche Freunde, solche

Genossen von Channo dem Mönche, denen es als Tadel gilt. Ich

sage nicht, Sāriputto, dass man darum Tadel habe. Wer da,

Sāriputto, den einen Körper ablegt und einen anderen Körper

annimmt, der, sag’ ich, ist tadelhaft. Das gilt von Channo

dem Mönche nicht. Untadelhaft hat Channo der Mönch zur Waffe

gegriffen.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Sāriputto über das Wort des Erhabenen.[203]

145.

Fünfzehnter Theil Dritte Rede

PUṆṆO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 437

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich der ehrwürdige Puṇṇo gegen Abend, nach

Aufhebung der Gedenkensruhe, dorthin wo der Erhabene weilte,

begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Puṇṇo zum

Erhabenen also:

»Huldreich, o Herr, möge mir der Erhabene in der Kürze eine

Anleitung geben, dass ich, vom Erhabenen recht gewiesen,

einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste

weilen kann.«

»Wohlan denn, Puṇṇo, so höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Puṇṇo aufmerksam zum

Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Es giebt, Puṇṇo, durch das Gesicht ins Bewusstsein tretende

Formen, ersehnte, geliebte, entzückende, angenehme, dem

Begehren entsprechende, reizende; wenn der Mönch diesen in

Liebe und Freude und Neigung zugekehrt ist, geht ihm, während

er diesen in Liebe und Freude und Neigung sich zukehrt, Lust

auf; ist Lust aufgegangen geht Leid auf: das, Puṇṇo, sage ich.

Es giebt, Puṇṇo, durch das Gehör ins Bewusstsein tretende Töne,

durch den Geruch ins Bewusstsein tretende Düfte, durch den

Geschmack ins Bewusstsein tretende Säfte, durch das Getast

ins Bewusstsein tretende Tastungen, durch das Gedenken ins

Bewusstsein tretende Dinge, ersehnte, geliebte, entzückende,

angenehme, dem Begehren entsprechende, reizende; wenn der Mönch

diesen in Liebe und Freude und Neigung zugekehrt ist, geht ihm,

während er diesen in Liebe und Freude und Neigung sich zukehrt,

Lust auf; ist Lust aufgegangen geht Leid auf: das, Puṇṇo, sage

ich. -- Es giebt, Puṇṇo, durch das Gesicht ins Bewusstsein 438

tretende Formen, ersehnte, geliebte, entzückende, angenehme,

dem Begehren entsprechende, reizende; wenn der Mönch diesen

in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung zugekehrt ist,

geht ihm, während er diesen in keiner Liebe, keiner Freude,

keiner Neigung sich zukehrt, Lust unter; ist Lust untergegangen

geht Leid unter: das, Puṇṇo, sage ich. Es giebt, Puṇṇo, durch

das Gehör ins Bewusstsein tretende Töne, durch den Geruch ins

Bewusstsein tretende Düfte, durch den Geschmack ins Bewusstsein

tretende Säfte, durch das Getast ins Bewusstsein tretende

Tastungen, durch das Gedenken ins Bewusstsein tretende Dinge,

ersehnte, geliebte, entzückende, angenehme, dem Begehren

entsprechende, reizende; wenn der Mönch diesen in keiner Liebe,

keiner Freude, keiner Neigung zugekehrt ist, geht ihm, während

er diesen in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung sich

zukehrt, Lust unter; ist Lust untergegangen geht Leid unter:

das, Puṇṇo, sage ich. -- So hab’ ich nun, Puṇṇo, dir in der

Kürze eine Anleitung gegeben. In was für einem Lande wirst du

weilen?«

»Da ich, o Herr, vom Erhabenen in der Kürze eine solche

Anleitung erhalten, werde ich mich nach dem Lande der

westlichen Suner, wie man sie nennt, begeben und dort weilen.«

»Ein wildes Volk, Puṇṇo, sind die westlichen Suner, ein rohes

Volk, Puṇṇo, sind die westlichen Suner. Wenn dich, Puṇṇo, die

westlichen Suner schelten und beschimpfen werden, wie wird dir

dann, Puṇṇo, zumuthe sein?«

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner schelten und

beschimpfen werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Wie

gnädig sind doch diese westlichen Suner, wie so gnädig sind

doch diese westlichen Suner, dass sie mich nicht mit Fäusten

schlagen.‹ Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also wird

mir da, Willkommener, zumuthe sein.«

»Wenn dich aber, Puṇṇo, die westlichen Suner mit Fäusten

schlagen werden, wie wird dir wohl dann, Puṇṇo, zumuthe sein?« 439

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner mit Fäusten schlagen

werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Wie gnädig sind

doch diese westlichen Suner, wie so gnädig sind doch diese

westlichen Suner, dass sie mich nicht mit Steinen werfen.‹

Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also wird mir da,

Willkommener, zumuthe sein.«

»Wenn dich aber, Puṇṇo, die westlichen Suner mit Steinen werfen

werden, wie wird dir wohl dann, Puṇṇo, zumuthe sein?«

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner mit Steinen werfen

werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Wie gnädig sind

doch diese westlichen Suner, wie so gnädig sind doch diese

westlichen Suner, dass sie mich nicht mit Stöcken prügeln.‹

Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also wird mir da,

Willkommener, zumuthe sein.«

»Wenn dich aber, Puṇṇo, die westlichen Suner mit Stöcken

prügeln werden, wie wird dir wohl dann, Puṇṇo, zumuthe sein?«

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner mit Stöcken prügeln

werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Wie gnädig sind

doch diese westlichen Suner, wie so gnädig sind doch diese

westlichen Suner, dass sie mich nicht mit Säbeln treffen.‹

Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also wird mir da,

Willkommener, zumuthe sein.«

»Wenn dich aber, Puṇṇo, die westlichen Suner mit Säbeln treffen

werden, wie wird dir wohl dann, Puṇṇo, zumuthe sein?«

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner mit Säbeln treffen

werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Wie gnädig sind

doch diese westlichen Suner, wie so gnädig sind doch diese

westlichen Suner, dass sie mich nicht mit Säbelhieben

umbringen.‹ Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also 440

wird mir da, Willkommener, zumuthe sein.«

»Wenn dich aber, Puṇṇo, die westlichen Suner mit Säbelhieben

umbringen werden, wie wird dir wohl dann, Puṇṇo, zumuthe sein?«

»Wenn mich, o Herr, die westlichen Suner mit Säbelhieben

umbringen werden, dann wird mir also zumuthe sein: ›Es giebt

Jünger des Erhabenen, die Leib und Leben verabscheuen und

verachten, tödtliche Waffe zu finden suchen: die hab’ ich nun,

diese tödtliche Waffe, und ohne sie zu suchen, gefunden.‹

Also wird mir da, Erhabener, zumuthe sein, also wird mir da,

Willkommener, zumuthe sein.«

»Recht so, recht so, Puṇṇo. Imstande sein wirst du, Puṇṇo,

mit so milder Geduld begabt, im Lande der westlichen Suner zu

weilen. Wie es dir nun, Puṇṇo, belieben mag.«

Und der ehrwürdige Puṇṇo, durch des Erhabenen Rede erfreut und

befriedigt, stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen

ehrerbietig, ging rechts herum, räumte sein Lager zusammen,

nahm Mantel und Almosenschaale und zog hinweg, dem Lande der

westlichen Suner entgegen. Von Ort zu Ort weiter wandernd kam

er allmälig hin.

Da war denn nun der ehrwürdige Puṇṇo im Lande der westlichen

Suner gesiedelt. Und der ehrwürdige Puṇṇo hatte da schon

während der Regenzeit gegen fünfhundert Anhänger zu gewinnen

vermocht, hatte da schon während der Regenzeit gegen

fünfhundert Anhängerinen zu gewinnen vermocht, hatte da schon

während der Regenzeit das dreifache Wissen sich offenbar

gemacht.[204] Und der ehrwürdige Puṇṇo war nach einiger Zeit

vom Wahne erloschen.

Aber gar manche Mönche begaben sich nun zum Erhabenen hin,

begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend sprachen sie zum Erhabenen also:

»Der da, o Herr, Puṇṇo genannt war, der edle Sohn, dem der 441

Erhabene in der Kürze eine Anleitung gegeben hatte, der ist

gestorben. Wo ist er jetzt, was ist aus ihm geworden?«

»Weise, ihr Mönche, ist Puṇṇo der edle Sohn gewesen,

nachgefolgt ist er der Lehre gelehrig, und nicht hat er an

meiner Belehrung Anstoß genommen. Vom Wahne erloschen, ihr

Mönche, ist Puṇṇo der edle Sohn.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.[205]

146.

Fünfzehnter Theil Vierte Rede

NANDAKO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da nun begab sich Mahāpajāpatī die Gotamidin, gefolgt von

einer Schaar von fünfhundert Nonnen, zum Erhabenen hin, bot

ehrerbietigen Gruß dar und stellte sich seitwärts. Seitwärts

stehend sprach nun Mahāpajāpatī die Gotamidin zum Erhabenen

also:

»Belehren möge, o Herr, der Erhabene die Nonnen, unterrichten

möge, o Herr, der Erhabene die Nonnen, spenden möge, o Herr,

der Erhabene den Nonnen ein lehrreiches Gespräch!«

Damals nun lag es den Ordensälteren, der Reihe nach, ob, den

Nonnen Vortrag zu halten. Als aber die Reihe an den ehrwürdigen

Nandako gekommen war, mochte dieser den Nonnen keinen Vortrag

halten.

Und der Erhabene wandte sich an den ehrwürdigen Ānando:

»An wem ist doch, Ānando, heute die Reihe, den Nonnen Vortrag

zu halten?«

»Wir alle, o Herr, haben schon der Reihe nach den Nonnen 442

Vortrag gehalten. Der ehrwürdige Nandako hier, o Herr, der mag

den Nonnen keinen Vortrag halten.«

Und der Erhabene wandte sich an den ehrwürdigen Nandako:

»Belehre, Nandako, die Nonnen, unterrichte, Nandako, die

Nonnen, spende du, Heiliger, den Nonnen ein lehrreiches

Gespräch.«

»Wohl, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Nandako, dem Erhabenen

gehorchend. Und er rüstete sich beizeiten, nahm Mantel und

Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Als er dort,

von Haus zu Hause tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück,

nahm das Mahl ein und begab sich dann selbander nach dem

Königsgarten.

Es sahn aber jene Nonnen den ehrwürdigen Nandako von ferne

herankommen, und als sie ihn gesehn stellten sie einen Stuhl

zurecht und Wasser für die Füße. Es setzte sich der ehrwürdige

Nandako auf den angebotenen Sitz, und als er saß spülte er sich

die Füße ab. Jene Nonnen boten nun dem ehrwürdigen Nandako

ehrerbietigen Gruß dar und setzten sich seitwärts hin. Zu jenen

Nonnen, die da seitwärts saßen, sprach der ehrwürdige Nandako

also:

»Ein Gespräch, ihr Schwestern, mit Frage und Antwort mag

stattfinden. Da habt ihr, versteht ihr es, ›Wir verstehn es‹

zu sagen; versteht ihr es nicht, ›Wir verstehn es nicht‹ zu

sagen. Hat aber eine etwa einen Zweifel oder ein Bedenken, so

bin ich eben da um gefragt zu werden: ›Wie ist das, o Herr, was

ist der Sinn davon?‹«

»Wir wissen es, o Herr, dem ehrenreichen Nandako gar froh zu

Danke, dass uns der ehrenreiche Nandako dies gestattet.«

»Was meint ihr wohl, Schwestern: ist das Auge unvergänglich

oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?« 443

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Schwestern: ist das Ohr, die Nase, die

Zunge, der Leib, der Geist unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Wir haben es ja schon vormals, o Herr, der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit klar gesehn: ›So und so sind bei mir die

sechs inneren Gebiete vergänglich.‹«

»Recht so, recht so, ihr Schwestern. Also, freilich, ihr

Schwestern, sieht es der heilige Jünger der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit an. Was meint ihr wohl, Schwestern: sind

die Formen unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Schwestern: sind die Töne, die Düfte,

die Säfte, die Tastungen, die Gedanken unvergänglich oder

vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon 444

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Wir haben es ja schon vormals, o Herr, der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit klar gesehn: ›So und so sind bei mir die

sechs äußeren Gebiete vergänglich.‹«

»Recht so, recht so, ihr Schwestern. Also, freilich, ihr

Schwestern, sieht es der heilige Jünger der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit an. Was meint ihr wohl, Schwestern: ist

das Sehbewusstsein unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Schwestern: ist das Hörbewusstsein, das

Riechbewusstsein, das Schmeckbewusstsein, das Tastbewusstsein,

das Denkbewusstsein unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon

behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Wir haben es ja schon vormals, o Herr, der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit klar gesehn: ›So und so sind bei mir die

sechs bewusstsamen Reiche vergänglich.‹«

»Recht so, recht so, ihr Schwestern. Also, freilich, ihr

Schwestern, sieht es der heilige Jünger der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit an. Gleichwie etwa, ihr Schwestern, bei 445

einer brennenden Oellampe das Oel vergänglich, wandelbar ist,

der Docht vergänglich, wandelbar ist, die Flamme vergänglich,

wandelbar ist, der Schein vergänglich, wandelbar ist; wer

da nun, ihr Schwestern, etwa sagte: ›Bei dieser brennenden

Oellampe ist zwar Oel und Docht und Flamme vergänglich,

wandelbar, aber ihr Schein, der ist unvergänglich, beharrend,

ewig, unwandelbar‹: würde der wohl, ihr Schwestern, solches mit

Recht sagen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Bei dieser brennenden Oellampe, o Herr, ist ja Oel und Docht

und Flamme vergänglich, wandelbar: wie erst ihr Schein!«

»Ebenso nun auch, ihr Schwestern, wenn einer etwa sagte: ›Die

sechs inneren Gebiete sind bei mir vergänglich, wandelbar: was

mich aber da auf Grund der inneren Gebiete Wohl und Weh oder

weder Weh noch Wohl empfinden lässt, das ist unvergänglich,

beharrend, ewig, unwandelbar‹: würde der etwa, ihr Schwestern,

solches mit Recht sagen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Durch eine also und also bedingte Ursache, o Herr, kommt eine

also und also bedingte Empfindung zustande: durch einer also

und also bedingten Ursache Auflösung wird eine also und also

bedingte Empfindung aufgelöst.«

»Recht so, recht so, ihr Schwestern. Also, freilich, ihr

Schwestern, sieht es der heilige Jünger der Wahrheit gemäß, mit

vollkommener Weisheit an. Gleichwie etwa, ihr Schwestern, bei

einem großen, kernig dastehenden Baume die Wurzel vergänglich,

wandelbar ist, der Stamm vergänglich, wandelbar ist, Ast- und 446

Laubwerk vergänglich, wandelbar ist, der Schatten vergänglich,

wandelbar ist; wer da nun, ihr Schwestern, etwa sagte: ›Bei

diesem großen, kernig dastehenden Baume ist zwar Wurzel und

Stamm, Ast- und Laubwerk vergänglich, wandelbar, aber sein

Schatten, der ist unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar‹:

würde der wohl, ihr Schwestern, solches mit Recht sagen?«[206]

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Bei diesem großen, kernig dastehenden Baume, o Herr, ist ja

Wurzel und Stamm, Ast- und Laubwerk vergänglich, wandelbar: wie

erst sein Schatten!«

»Ebenso nun auch, ihr Schwestern, wenn einer etwa sagte: ›Die

sechs äußeren Gebiete sind bei mir vergänglich, wandelbar: was

mich aber da auf Grund der äußeren Gebiete Wohl und Weh oder

weder Weh und Wohl empfinden lässt, das ist unvergänglich,

beharrend, ewig, unwandelbar‹: würde der etwa, ihr Schwestern,

solches mit Recht sagen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Durch eine also und also bedingte Ursache, o Herr, kommt eine

also und also bedingte Empfindung zustande: durch einer also

und also bedingten Ursache Auflösung wird eine also und also

bedingte Empfindung aufgelöst.«

»Recht so, recht so, ihr Schwestern. Also, freilich, ihr

Schwestern, sieht es der heilige Jünger der Wahrheit gemäß,

mit vollkommener Weisheit an. Gleichwie etwa, ihr Schwestern,

wenn ein geschickter Schlächter oder Schlächtergeselle eine

Kuh schlachtete und mit scharf geschliffenem Messer die Kuh

zerlegte, ohne die inneren Fleischtheile zu zerreißen, ohne

das äußere Fell zu zerreißen; und was innen an Muskeln,

innen an Flechsen, innen an Sehnen da ist, eben das mit dem 447

scharf geschliffenen Messer abtrennte, abschnitte, rings

herabschnitte; und nachdem er es abgetrennt, abgeschnitten,

rings herabgeschnitten, das äußere Fell losgelöst hätte, mit

eben diesem Felle die Kuh wieder bedeckte und nun sagte: ›Ganz

wiederverbunden ist hier die Kuh mit ihrem Felle‹: würde der

wohl, ihr Schwestern, solches mit Recht sagen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Mag auch, o Herr, ein geschickter Schlächter oder

Schlächtergeselle eine Kuh schlachten und mit scharf

geschliffenem Messer die Kuh zerlegen, ohne die inneren

Fleischtheile zu zerreißen, ohne das äußere Fell zu zerreißen;

und was innen an Muskeln, innen an Flechsen, innen an

Sehnen da ist, eben das mit dem scharf geschliffenen Messer

abtrennen, abschneiden, rings herabschneiden; und nachdem er es

abgetrennt, abgeschnitten, rings herabgeschnitten, das äußere

Fell losgelöst hätte, mit eben diesem Felle die Kuh wieder

bedecken, und mag er nun gleich sagen: ›Ganz wiederverbunden

ist hier die Kuh mit ihrem Felle‹: so ist da die Kuh eben nicht

mehr verbunden mit ihrem Felle.«

»Ein Gleichniss habe ich da, ihr Schwestern, gegeben, um den

Sinn zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Die inneren

Fleischtheile: das ist, ihr Schwestern, eine Bezeichnung

der sechs inneren Gebiete. Das äußere Fell: das ist, ihr

Schwestern, eine Bezeichnung der sechs äußeren Gebiete. Innen

die Muskeln, innen die Flechsen, innen die Sehnen: das ist,

ihr Schwestern, eine Bezeichnung der Lustbegier. Das scharf

geschliffene Messer: das ist, ihr Schwestern, eine Bezeichnung

der heiligen Weisheit, jener heiligen Weisheit, die was innen

an Klammern, innen an Fesseln, innen an Sehnen ist abtrennt,

abschneidet, rings herabschneidet.[207]

»Sieben Erweckungen sind es, ihr Schwestern, durch deren 448

Uebung und Ausbildung ein Mönch den Wahn versiegen und die

wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten

sich offenbar machen, verwirklichen und erringen kann:

und welche sieben? Da übt, ihr Schwestern, ein Mönch der

Einsicht Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt

des Tiefsinns Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt

der Kraft Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt

der Heiterkeit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt

der Lindheit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt

der Innigkeit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht; übt des

Gleichmuths Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst

gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Das

sind, ihr Schwestern, die sieben Erweckungen, durch deren

Uebung und Ausbildung ein Mönch den Wahn versiegen und die

wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten

sich offenbar machen, verwirklichen und erringen kann.«

Nachdem nun der ehrwürdige Nandako jene Nonnen also aufgeklärt

hatte, ermahnte er sie:

»Geht nun, ihr Schwestern, es ist an der Zeit.«

Da waren denn jene Nonnen durch des ehrwürdigen Nandako Rede

erfreut und befriedigt; und sie standen von ihren Sitzen auf,

boten dem ehrwürdigen Nandako ehrerbietigen Gruß dar, schritten

rechts herum und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte.

Dort angelangt boten sie dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß

dar und stellten sich seitwärts hin. Zu jenen Nonnen, die da

seitwärts standen, sprach der Erhabene also:

»Geht nun, ihr Nonnen, es ist an der Zeit.«

Und jene Nonnen boten dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß dar,

schritten rechts herum und entfernten sich.

Da wandte sich denn der Erhabene, bald nachdem jene Nonnen

fortgegangen, an die Mönche:

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 29 / 40 段