gerieben, mit einander geraspelt werden, Wärme entsteht,
Feuer hervorbricht; und wann ebendiese beiden Scheite
auseinandergerathen, sich trennen, die erst entstandene Wärme
wieder vergeht und sich auflöst[192]: ebenso nun auch, Mönch,
erfolgt auf eine Berührung, die wohlig zu empfinden ist, ein
wohliges Gefühl. Und ein wohliges Gefühl empfindend erkennt
man: ›Ein wohliges Gefühl empfind’ ich.‹ Weil aber die wohlig
zu empfindende Berührung aufhört, hört ein dadurch fühlbar
gewordenes, auf wohlig empfundene Berührung erfolgtes wohliges
Gefühl auf, und man erkennt: ›Es löst sich auf.‹ Auf eine
Berührung, Mönch, die wehe zu empfinden ist, erfolgt ein wehes
Gefühl. Und ein wehes Gefühl empfindend erkennt man: ›Ein 404
wehes Gefühl empfind’ ich.‹ Weil aber die wehe zu empfindende
Berührung aufhört, hört ein dadurch fühlbar gewordenes, auf
wehe empfundene Berührung erfolgtes wehes Gefühl auf, und man
erkennt: ›Es löst sich auf.‹ Auf eine Berührung, Mönch, die
weder wehe noch wohlig zu empfinden ist, erfolgt ein weder
wehes noch wohliges Gefühl. Und ein weder wehes noch wohliges
Gefühl empfindend erkennt man: ›Ein weder wehes noch wohliges
Gefühl empfind’ ich.‹ Weil aber die weder wehe noch wohlig
zu empfindende Berührung aufhört, hört ein dadurch fühlbar
gewordenes, auf weder wehe noch wohlig empfundene Berührung
erfolgtes weder wehes noch wohliges Gefühl auf, und man
erkennt: ›Es löst sich auf.‹
»Es bleibt nunmehr noch der Gleichmuth übrig, der geläuterte,
der geklärte, der geschmeidige, biegsame, durchleuchtige.
Gleichwie etwa, Mönch, wenn ein geschickter Goldschmidt oder
Goldschmidtgeselle ein Schmelzfeuer anmachte, und hat er das
Schmelzfeuer angemacht den Schmelztiegel zusetzte, und hat er
den Schmelztiegel zugesetzt mit der Zange ein Stück Gold fasste
und in den Schmelztiegel hineinlegte, und es nun von Zeit
zu Zeit auftriebe, von Zeit zu Zeit mit Wasser beträufelte,
von Zeit zu Zeit in Augenschein nähme: da wird dieses Stück
Gold dann bald getrieben sein, gut getrieben, fein getrieben,
fein gesäubert, gereinigt von Unrath, geschmeidig, biegsam,
durchleuchtig geworden; und zu was für Schmucksachen auch
immer er es verarbeiten will, sei es zu einem Armreifen oder
einem Ohrringe, zu einem Halsbande oder einer güldenen Kette,
es wird seinem Zwecke entsprechen: ebenso nun auch, Mönch,
bleibt nunmehr noch der Gleichmuth übrig, der geläuterte, der
geklärte, der geschmeidige, biegsame, durchleuchtige.
»Also gewahrt man da: ›Mag ich nun diesen Gleichmuth, den 405
also geläuterten, also geklärten, der unbegränzten Raumsphäre
zukehren und dementsprechend das Gemüth ausbilden, mag mir
also dieser Gleichmuth, daran gewohnt, daran gehangen, geraume
lange Zeiten hindurch ausdauern. Mag ich nun diesen Gleichmuth,
den also geläuterten, also geklärten, der unbegränzten
Bewusstseinsphäre zukehren und dementsprechend das Gemüth
ausbilden, mag mir also dieser Gleichmuth, daran gewohnt, daran
gehangen, geraume lange Zeiten hindurch ausdauern. Mag ich
nun diesen Gleichmuth, den also geläuterten, also geklärten,
der Nichtdaseinsphäre zukehren und dementsprechend das Gemüth
ausbilden, mag mir also dieser Gleichmuth, daran gewohnt, daran
gehangen, geraume lange Zeiten hindurch ausdauern. Mag ich nun
diesen Gleichmuth, den also geläuterten, also geklärten, der
Gränzscheide möglicher Wahrnehmung zukehren und dementsprechend
das Gemüth ausbilden, mag mir also dieser Gleichmuth, daran
gewohnt, daran gehangen, geraume lange Zeiten hindurch
ausdauern.‹
»Also gewahrt man da: ›Mag ich nun diesen Gleichmuth, den
also geläuterten, also geklärten, der unbegränzten Raumsphäre
zukehren und dementsprechend das Gemüth ausbilden: es ist
zusammengesetzt. Mag ich nun diesen Gleichmuth, den also
geläuterten, also geklärten, der unbegränzten Bewusstseinsphäre
zukehren und dementsprechend das Gemüth ausbilden: es ist
zusammengesetzt. Mag ich nun diesen Gleichmuth, den also
geläuterten, also geklärten, der Nichtdaseinsphäre zukehren und
dementsprechend das Gemüth ausbilden: es ist zusammengesetzt.
Mag ich nun diesen Gleichmuth, den also geläuterten, also
geklärten, der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung zukehren und
dementsprechend das Gemüth ausbilden: es ist zusammengesetzt.‹
»Man setzt aber nichts zusammen und sinnt nichts zusammen,
weder an Sein noch an Nichtsein. Weil man nichts zusammensetzt, 406
nichts zusammensinnt, an Sein oder Nichtsein, ist man an
nichts in der Welt gehangen. An nichts gehangen ist man
unerschütterlich. Unerschütterlich erlangt man eben die
eigene Wahnerlöschung: ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht man da.
»Empfindet man nun ein wohliges Gefühl, so erkennt man ›es
ist vergänglich‹, erkennt ›ist unangelegen‹, erkennt ›ist
unangenommen‹. Empfindet man ein wehes Gefühl, so erkennt man
›es ist vergänglich‹, erkennt ›ist unangelegen‹, erkennt ›ist
unangenommen‹. Empfindet man ein weder wehes noch wohliges
Gefühl, so erkennt man ›es ist vergänglich‹, erkennt ›ist
unangelegen‹, erkennt ›ist unangenommen‹.
»Empfindet man nun ein wohliges Gefühl, so empfindet man es als
ein Losgelöster. Empfindet man ein wehes Gefühl, so empfindet
man es als ein Losgelöster. Empfindet man ein weder wehes noch
wohliges Gefühl, so empfindet man es als ein Losgelöster.
»Empfindet man nun ein körpergefährdendes Gefühl, so erkennt
man: ›Ein körpergefährdendes Gefühl empfind’ ich.‹ Empfindet
man ein lebengefährdendes Gefühl, so erkennt man: ›Ein
lebengefährdendes Gefühl empfind’ ich.‹ Man erkennt: ›Wann der
Körper sich auflöst, bis das Leben verbraucht ist, wird noch
hienieden alles was empfinden und annehmen heißt erloschen
sein‹.
»Gleichwie etwa, Mönch, das Oel und der Docht eine Oellampe
leuchten lassen; wann aber Oel und Docht verbraucht sind und
neue Nahrung nicht zugeführt wird, sie ohne Nahrung erlischt:
ebenso nun auch, Mönch, erkennt man, ein körpergefährdendes
Gefühl empfindend, ›Ein körpergefährdendes Gefühl empfind’
ich‹; erkennt man, ein lebengefährdendes Gefühl empfindend,
›Ein lebengefährdendes Gefühl empfind’ ich‹; erkennt man ›Wann
der Körper sich auflöst, bis das Leben verbraucht ist, wird 407
noch hienieden alles was empfinden und annehmen heißt erloschen
sein‹.
»So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten
Weisheit belehnt. Das ist ja, Mönch, die höchste, heilige
Weisheit, nämlich alles Leiden versiegt wissen. Der hat eine
Freiheit gefunden, die wahrhaft besteht, unantastbar. Das ist
ja, Mönch, falsch, was eitel ist: und das ist wahr, was ächt
ist, Wahnerlöschung.
»So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten
Wahrheit belehnt. Das ist ja, Mönch, die höchste, heilige
Wahrheit, nämlich was ächt ist, die Wahnerlöschung.
»Was er aber da einst als Unwissender für Anhaftungen vollzogen
und vollbracht hatte, die hat er überstanden, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
»So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten
Entsagung belehnt. Das ist ja, Mönch, die höchste, heilige
Entsagung, nämlich aller Anhaftungen sich entäußern.
»Was er aber da einst als Unwissender für Begier hatte und
Willen und Eigensucht, die hat er überstanden, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
»Was er aber da einst als Unwissender für Aerger hatte und
Hass und Verbitterung, die hat er überstanden, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
»Was er aber da einst als Unwissender für Unkenntniss hatte
und Blödigkeit und Verblendung, die hat er überstanden, an der
Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass
sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
»So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten
Beruhigung belehnt. Das ist ja, Mönch, die höchste, heilige
Beruhigung, nämlich Gier, Hass und Irre aufgelöst haben.
-- ‚Weisheit soll er nicht preisgeben, Wahrheit bewahren, 408
Entsagung vollziehn, den Frieden eben zu finden suchen‘: wurde
das gesagt, so war es darum gesagt.
»‚Auf dass ihn wo er steht kein dünkendes Wähnen ankommen
kann: kann aber kein dünkendes Wähnen ankommen, wird er der
›Stille Denker‹ genannt‘: das ist gesagt worden; und warum
ist das gesagt worden? ›Ich bin‹ ist, Mönch, ein Dünken, ›Ich
bin nicht‹ ist ein Dünken, ›Ich werde sein‹ ist ein Dünken,
›Ich werde nicht sein‹ ist ein Dünken; ›Formhaft werde ich
sein‹ ist ein Dünken, ›Formlos werde ich sein‹ ist ein Dünken;
›Bewusst werde ich sein‹ ist ein Dünken, ›Unbewusst werde ich
sein‹ ist ein Dünken, ›Weder bewusst noch unhewusst werde ich
sein‹ ist ein Dünken. Dünken, Mönch, ist krank sein, Dünken
ist wund sein, Dünken ist weh sein: ist aber alles Dünken,
Mönch, überstanden, so wird man ›Stiller Denker‹ genannt. Und
der Denker nun, Mönch, der stille, entsteht nicht, vergeht
nicht, erstirbt nicht, erbebt nicht, verlangt nicht. Das eben,
Mönch, giebt’s nicht bei ihm, dass er entstände; weil er nicht
entsteht, wie sollt’ er vergehn? weil er nicht vergeht, wie
sollt’ er ersterben? weil er nicht erstirbt, wie sollt’ er
erbeben? weil er nicht erbebt, wonach sollt’ er verlangen? --
‚Auf dass ihn wo er steht kein dünkendes Wähnen ankommen kann:
kann aber kein dünkendes Wähnen ankommen, wird er der ›Stille
Denker‹ genannt‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.
»Das magst du nun, Mönch, als kurz von mir umrissene Abzeichen
sechsfacher Artung betrachten.«
* * * * *
Da wusste ja der ehrwürdige Pukkusāti: ›Der Meister, wahrlich,
hat mich besucht, der Willkommene, wahrlich, hat mich besucht,
der vollkommen Erwachte, wahrlich, hat mich besucht‹; und er
stand auf, entblößte die eine Schulter, fiel dem Erhabenen zu
Füßen und sprach also[193]:
»Möchte mir, o Herr, der Erhabene selbst die Ordensweihe 409
ertheilen!«
»Hast du denn, Mönch, Mantel und Almosenschaale schon erhalten?«
»Noch nicht erhalten, o Herr, hab’ ich Mantel und
Almosenschaale.«
»Nicht mögen, o Mönch, Vollendete ohne Mantel und
Almosenschaale die Ordensweihe ertheilen.«
Und der ehrwürdige Pukkusāti, durch des Erhabenen Rede erfreut
und befriedigt, stand auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig,
ging rechts herum und zog von dannen, Mantel und Almosenschaale
sich zu verschaffen.
Wie nun der ehrwürdige Pukkusāti nach Mantel und Almosenschaale
umherzog, wurde er durch eine Kuh des Lebens beraubt.[194]
Da begaben sich denn viele Mönche zum Erhabenen hin, begrüßten
den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts nieder.
Seitwärts sitzend sprachen nun die Mönche zum Erhabenen also:
»Der da, o Herr, Pukkusāti hieß, der edle Sohn, den der
Erhabene in kurzer Aufklärung aufgeklärt hatte, der ist
gestorben. Wo ist er jetzt, was ist aus ihm geworden?«
»Weise, ihr Mönche, ist Pukkusāti der edle Sohn gewesen,
nachgefolgt ist er der Lehre gelehrig, und nicht hat er an
meiner Belehrung Anstoß genommen. Pukkusāti, ihr Mönche, der
edle Sohn, ist nach Vernichtung der fünf niederzerrenden
Fesseln emporgestiegen, um von dort aus zu erlöschen, nicht 410
mehr zurückzukehren nach jener Welt.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.[195]
141.
Vierzehnter Theil Elfte Rede
DER WAHRHEIT ABZEICHEN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Benāres, am Sehersteine, im Wildparke. Dort nun wandte sich
der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!«
antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der
Erhabene sprach also:
»Der Vollendete, ihr Mönche, der Heilige, vollkommen Erwachte
hat zu Benāres, am Sehersteine, im Wildparke das höchste
Reich der Wahrheit dargestellt: und darwiderstellen kann
sich kein Asket und kein Priester, kein Gott, kein böser und
kein heiliger Geist, noch irgend wer in der Welt; es ist
das Anzeigen, Aufweisen, Darlegen, Darstellen, Enthüllen,
Entwickeln, Offenbarmachen der vier heiligen Wahrheiten.
Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen
Wahrheit von der Leidensentwicklung, der heiligen Wahrheit
von der Leidensauflösung, der heiligen Wahrheit von dem
zur Leidensauflösung führenden Pfade. Der Vollendete, ihr
Mönche, der Heilige, vollkommen Erwachte hat zu Benāres, am 411
Sehersteine, im Wildparke das höchste Reich der Wahrheit
dargestellt: und darwiderstellen kann sich kein Asket und
kein Priester, kein Gott, kein böser und kein heiliger Geist,
noch irgend wer in der Welt; es ist das Anzeigen, Aufweisen,
Darlegen, Darstellen, Enthüllen, Entwickeln, Offenbarmachen
dieser vier heiligen Wahrheiten.
»Wendet euch, Mönche, an Sāriputto und Moggallāno, haltet
euch, Mönche, an Sāriputto und Moggallāno: weise Mönche
sind Wohlthäter ihrer Ordensgenossen. Wie ein Erzeuger, ihr
Mönche, ist Sāriputto, wie des Erzeugten Ernährer Moggallāno
zu gewahren. Sāriputto, ihr Mönche, führt euch dem Ziele
der Hörerschaft zu, Moggallāno bestem Gewinne. Sāriputto,
ihr Mönche, ist imstande die vier heiligen Wahrheiten je
einzeln anzuzeigen, aufzuweisen, darzulegen, darzustellen, zu
enthüllen, zu entwickeln, offenbar zu machen.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Als der Willkommene das gesagt hatte,
stand er auf und zog sich in das Wohnhaus zurück.
Da wandte sich denn der ehrwürdige Sāriputto, bald nachdem der
Erhabene fortgegangen war, an die Mönche: »Brüder Mönche!« --
»Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen Sāriputto
aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:
»Der Vollendete, ihr Brüder, der Heilige, vollkommen Erwachte
hat zu Benāres, am Sehersteine, im Wildparke das höchste
Reich der Wahrheit dargestellt: und darwiderstellen kann
sich kein Asket und kein Priester, kein Gott, kein böser und
kein heiliger Geist, noch irgend wer in der Welt; es ist
das Anzeigen, Aufweisen, Darlegen, Darstellen, Enthüllen,
Entwickeln, Offenbarmachen der vier heiligen Wahrheiten.
Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen
Wahrheit von der Leidensentwicklung, der heiligen Wahrheit 412
von der Leidensauflösung, der heiligen Wahrheit von dem zur
Leidensauflösung führenden Pfade.
»Was ist aber, Brüder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt
ist Leiden, Alter ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer,
Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden, was man
begehrt nicht erlangen, das ist Leiden, kurz gesagt: die fünf
Stücke des Anhangens sind Leiden. -- Was ist nun, Brüder, die
Geburt? Der jeweiligen Wesen in jeweilig wesender Gattung
Geburt, Gebärung, Bildung, Keimung, Empfängniss, das Erscheinen
der Theile, das Ergreifen der Gebiete: das nennt man, Brüder,
Geburt. Was ist nun, Brüder, das Alter? Der jeweiligen Wesen
in jeweilig wesender Gattung altern und abnutzen, gebrechlich,
grau und runzelig werden, der Kräfteverfall, das Abreifen der
Sinne: das nennt man, Brüder, Alter. Was ist nun, Brüder, das
Sterben? Der jeweiligen Wesen in jeweilig wesender Gattung
Hinschwund, Auflösung, Zersetzung, Untergang, Todessterben,
Zeiterfüllung[196], das Zerfallen der Theile, das Verwesen der
Leiche: das nennt man, Brüder, Sterben. Was ist nun, Brüder,
der Kummer? Was da, Brüder, bei solchem und solchem Verluste,
den man erfährt, bei solchem und solchem Unglücke, das einen
betrifft, Kummer, Kümmerniss, Bekümmerung, innerer Kummer,
innere Verkümmerung ist: das nennt man, Brüder, Kummer. Was
ist nun, Brüder, der Jammer? Was da, Brüder, bei solchem und
solchem Verluste, den man erfährt, bei solchem und solchem
Unglücke, das einen betrifft, Klage und Jammer, Beklagen und 413
Bejammern, Wehklage, Wehjammer ist: das nennt man, Brüder,
Jammer. Was ist nun, Brüder, der Schmerz? Was da, Brüder,
körperlich schmerzhaft, körperlich unangenehm ist, durch
körperhafte Berührung schmerzhaft, unangenehm empfunden wird:
das nennt man, Brüder, Schmerz. Was ist nun, Brüder, der Gram?
Was da, Brüder, geistig schmerzhaft, geistig unangenehm ist,
durch gedankenhafte Berührung schmerzhaft, unangenehm empfunden
wird: das nennt man, Brüder, Gram. Was ist nun, Brüder,
die Verzweiflung? Was da, Brüder, bei solchem und solchem
Verluste, den man erfährt, bei solchem und solchem Unglücke,
das einen betrifft, Verzagen und Verzweifeln, Verzagtsein und
Verzweifeltsein ist: das nennt man, Brüder, Verzweiflung.
Was ist nun, Brüder, was man begehrt nicht erlangen für
Leiden? Die Wesen, Brüder, der Geburt unterworfen, kommt das
Begehren an: ›O dass wir doch nicht der Geburt unterworfen
wären, dass uns doch keine Geburt bevorstände!‹; aber das
kann man durch Begehren nicht erreichen: das nun eben nicht
erlangen, was man begehrt, ist Leiden. Die Wesen, Brüder, dem
Alter, dem Sterben, dem Kummer, Jammer, Schmerz, dem Gram,
der Verzweiflung unterworfen, kommt das Begehren an: ›O dass
wir doch nicht dem Alter, dem Sterben, dem Kummer, Jammer,
Schmerz, dem Gram, der Verzweiflung unterworfen wären, dass
uns doch kein Altern und Sterben, kein Kummer und Jammer und
Schmerz, kein Gram und keine Verzweiflung bevorstände!‹; aber
das kann man durch Begehren nicht erreichen: das nun eben nicht
erlangen, was man begehrt, ist Leiden.[197] Was sind nun,
Brüder, kurz gesagt, die fünf Stücke des Anhangens für Leiden?
Es ist da ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen
am Gefühl, ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück 414
Anhangen an der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am
Bewusstsein: das nennt man, Brüder, kurz gesagt, die fünf
Stücke des Anhangens als Leiden. -- Das heißt man, Brüder,
heilige Wahrheit vom Leiden.
»Was ist aber, Brüder, die heilige Wahrheit von der
Leidensentwicklung? Es ist dieser Durst, der Wiederdasein
säende, gnügensgierverbundene, bald da bald dort sich
ergetzende, ist der Geschlechtsdurst, der Daseinsdurst, der
Wohlseinsdurst. Das heißt man, Brüder, heilige Wahrheit von der
Leidensentwicklung.
»Was ist aber, Brüder, die heilige Wahrheit von der
Leidensauflösung? Es ist ebendieses Durstes vollkommen restlose
Auflösung, ihn abstoßen, austreiben, fällen, vertilgen. Das
heißt man, Brüder, heilige Wahrheit von der Leidensauflösung.
»Was ist aber, Brüder, die heilige Wahrheit von dem zur
Leidensauflösung führenden Pfade? Dieser heilige achtfältige
Weg ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad, nämlich:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht,
rechte Einigung. -- Was ist nun, Brüder, rechte Erkenntniss?
Das Leiden kennen, ihr Brüder, die Entwicklung des Leidens
kennen, die Auflösung des Leidens kennen, den zur Auflösung des
Leidens führenden Pfad kennen: das nennt man, Brüder, rechte
Erkenntniss. Was ist nun, Brüder, rechte Gesinnung? Entsagung
sinnen, keinen Groll hegen, keine Wuth hegen: das nennt man,
Brüder, rechte Gesinnung. Was ist nun, Brüder, rechte Rede?
Lüge vermeiden, Verleumdung vermeiden, barsche Worte vermeiden,
Geschwätz vermeiden: das nennt man, Brüder, rechte Rede. Was
ist nun, Brüder, rechtes Handeln? Lebendiges umzubringen
vermeiden, Nichtgegebenes zu nehmen vermeiden, Ausschweifung zu
begehn vermeiden: das nennt man, Brüder, rechtes Handeln. Was
ist nun, Brüder, rechtes Wandeln? Da hat, Brüder, der heilige
Jünger falschen Wandel verlassen und fristet sein Leben auf
rechte Weise: das nennt man, Brüder, rechtes Wandeln. Was ist 415
nun, Brüder, rechtes Mühn? Da weckt, Brüder, der Mönch seinen
Willen, dass er unaufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht
aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet
das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er
aufgestiegene üble, unheilsame Dinge vertreibe, er müht sich
darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit;
weckt seinen Willen, dass er unaufgestiegene heilsame Dinge
aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet
das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er
aufgestiegene heilsame Dinge sich festigen, nicht lockern,
weiterentwickeln, erschließen, entfalten, erfüllen lasse, er
müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es
kampfbereit: das nennt man, Brüder, rechtes Mühn. Was ist nun,
Brüder, rechte Einsicht? Da wacht, Brüder, ein Mönch beim
Körper über den Körper, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig,
nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wacht
bei den Gefühlen über die Gefühle, unermüdlich, klaren
Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und
Bekümmerns; wacht beim Gemüthe über das Gemüth, unermüdlich,
klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen
Begehrens und Bekümmerns; wacht bei den Erscheinungen über die
Erscheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach
Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns: das nennt man,
Brüder, rechte Einsicht. Was ist nun, Brüder, rechte Einigung?
Da weilt, Brüder, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern
von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener
säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach
Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt er die innere
Meeresstille[198], die Einheit des Gemüthes, die von sinnen,
von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit,
die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der
dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach
Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er
die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen
vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Das nennt man, Brüder,
rechte Einigung. -- Das heißt man, Brüder, heilige Wahrheit von
dem zur Leidensauflösung führenden Pfade.
»Der Vollendete, ihr Brüder, der Heilige, vollkommen Erwachte
hat zu Benāres, am Sehersteine, im Wildparke das höchste
Reich der Wahrheit dargestellt: und darwiderstellen kann 416
sich kein Asket und kein Priester, kein Gott, kein böser und
kein heiliger Geist, noch irgend wer in der Welt; es ist
das Anzeigen, Aufweisen, Darlegen, Darstellen, Enthüllen,
Entwickeln, Offenbarmachen dieser vier heiligen Wahrheiten.«
* * * * *
Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freuten sich
jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.[199]
142.
Vierzehnter Theil Zwölfte Rede
LAUTERE SPENDE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande
der Sakker, bei Kapilavatthu, im Park der Feigenbäume.
Da begab sich denn Mahāpajāpatī die Gotamidin mit einem neuen
Stücke Tuches zum Erhabenen hin, bot ehrerbietigen Gruß dar
und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun
Mahāpajāpatī die Gotamidin also zum Erhabenen:
»Dieses neue Stück Tuch, o Herr, hab’ ich für den Erhabenen
selbst gesponnen, selbst gewebt: das möge, o Herr, der Erhabene
von mir annehmen, aus Mitleid zu mir.«
Auf diese Bitte sprach der Erhabene Mahāpajāpatī der Gotamidin
also zu:
»Der Jüngerschaft gieb es, Gotamī; giebst du ’s der
Jüngerschaft, wirst du mich verehrt haben und die Jüngerschaft.«
Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal bat Mahāpajāpatī die 417
Gotamidin den Erhabenen:
»Dieses neue Stück Tuch, o Herr, hab’ ich für den Erhabenen
selbst gesponnen, selbst gewebt: das möge, o Herr, der Erhabene
von mir annehmen, aus Mitleid zu mir.«
Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal sprach der Erhabene
Mahāpajāpatī der Gotamidin also zu:
»Der Jüngerschaft gieb es, Gotamī; giebst du ’s der
Jüngerschaft, wirst du mich verehrt haben und die Jüngerschaft.«
Da wandte sich der ehrwürdige Ānando, auf diesen Bescheid hin,
also an den Erhabenen: