»‚Wie aber, ihr Brüder, hofft man nicht auf die Zukunft hin?

›Also will ich einst meine Form haben‹: daran findet man keine

Befriedigung; ›Also will ich einst mein Gefühl haben‹: daran

findet man keine Befriedigung; ›Also will ich einst meine

Wahrnehmung haben‹: daran findet man keine Befriedigung; ›Also

will ich einst mein Unterscheiden haben‹: daran findet man

keine Befriedigung; ›Also will ich einst mein Bewusstsein

haben‹: daran findet man keine Befriedigung. Also, ihr Brüder,

hofft man nicht auf die Zukunft hin.

»‚Wie aber, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen

aus der Fassung gebracht? Da hat einer, ihr Brüder, nichts

erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das

Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre

unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen

unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und betrachtet die

Form als sich selbst, oder sich selbst als formähnlich, oder

in sich selbst die Form, oder in der Form sich selbst; er

betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen,

das Bewusstsein als sich selbst, oder sich selbst als diesen

ähnlich, oder in sich selbst diese, oder in diesen sich selbst.

Also, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen aus der

Fassung gebracht.

»‚Wie aber, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen 328

nicht aus der Fassung gebracht? Da hat einer, ihr Brüder,

als erfahrener heiliger Jünger das Heilige gemerkt, ist der

heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, hat

das Edle gemerkt, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der

Edlen wohlzugänglich und betrachtet die Form nicht als sich

selbst, noch sich selbst als formähnlich, noch in sich selbst

die Form, noch in der Form sich selbst; er betrachtet das

Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein

nicht als sich selbst, noch sich selbst als diesen ähnlich,

noch in sich selbst diese, noch in diesen sich selbst. Also,

ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen nicht aus der

Fassung gebracht.

»‚Kein Sehnen nach vergangner Zeit,

Kein Hoffen auf die Zukunft hin;

Ist abgethan was vorher war

Und was noch künftig kommen wird,

»‚Und hat man immer Ding um Ding

Gewärtig in der Gegenwart:

Was keiner rauben, rütteln kann,

Durchbohrend finden mag man das.

»‚Noch heute gilt der heiße Kampf:

Ob morgen todt, wer weiß es wohl?

Es muss die Schlacht geschlagen sein,

Mit seiner Heerschaar Er, der Mord.

»‚Wer also ausharrt unverzagt

Und unermüdlich Tag und Nacht,

Glücksäligeinsam ist er da,

Der stille Denker, wie man sagt.‘

»Also hab’ ich, o Herr, die Mönche in lehrreichem Gespräche

ermuntert und ermuthigt, erregt und erheitert, von des

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen gesprochen.«

»Gut, gut, Ānando, gut hast du, Ānando, die Mönche in

lehrreichem Gespräche ermuntert und ermuthigt, erregt und

erheitert, von des Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen 329

gesprochen.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Ānando über das Wort des Erhabenen.

133.

Vierzehnter Theil Dritte Rede

GLÜCKSÄLIGEINSAM

-- KACCĀNO --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 330

Rājagaham, in der Aue am Tapodo.

Da verließ denn der ehrwürdige Samiddhi bei Nacht, vor

Sonnenaufgang, sein Lager und schritt zum Tapodo hinab, ein Bad

zu nehmen. Als er das Bad im Tapodo genommen und sich erfrischt

hatte, hing er den Mantel um, nachdem er die Glieder getrocknet.

Wie nun die Dämmerung anbrach, ließ irgend eine Gottheit die

ganze Fläche des Tapodo in immer hellerem Glanze erstrahlen

und kam bis dorthin wo der ehrwürdige Samiddhi weilte. Dort

angelangt stand sie beiseite, und beiseite stehend sprach sie

den ehrwürdigen Samiddhi also an:

»Kennst du, o Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel und

Abzeichen?«

»Nein, o Bruder, ich kenne des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen nicht: du aber, Bruder, kennet du des

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen?«

»Auch ich, o Mönch, kenne nicht des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen: kennst du aber, o Mönch, den glücksäligeinsamen

Sang?«

»Nein, o Bruder, ich kenne den glücksäligeinsamen Sang nicht:

du aber, Bruder, kennst du den glücksäligeinsamen Sang?«

»Auch ich, o Mönch, kenne nicht den glücksäligeinsamen Sang;

erforsche du, Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel und

Abzeichen, erfasse du, Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen, bewahre du, Mönch, des Glücksäligeinsamen

Stämpel und Abzeichen: sinnreich ist, o Mönch, des

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen, urasketenthümlich.«

Also sprach jene Gottheit. Als sie das gesagt, war sie alsbald 331

verschwunden.

Wie es nun Tag geworden, begab sich der ehrwürdige Samiddhi

dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt bot er dem

Erhabenen ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts

nieder. Seitwärts sitzend erzählte da der ehrwürdige Samiddhi

dem Erhabenen Wort um Wort die ganze Begegnung, die er mit

jener Gottheit gehabt hatte. Dann sprach er also:

»Gut wär’ es, o Herr, wollte mir der Erhabene des 332

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen aufweisen.«

»Wohlan denn, Mönch, so höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« sagte da der ehrwürdige Samiddhi zum

Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Kein Sehnen nach vergangner Zeit,

Kein Hoffen auf die Zukunft hin;

Ist abgethan was vorher war

Und was noch künftig kommen wird,

»Und hat man immer Ding um Ding

Gewärtig in der Gegenwart:

Was keiner rauben, rütteln kann,

Durchbohrend finden mag man das.

»Noch heute gilt der heiße Kampf:

Ob morgen todt, wer weiß es wohl?

Es muss die Schlacht geschlagen sein,

Mit seiner Heerschaar Er, der Mord.

»Wer also ausharrt unverzagt

Und unermüdlich Tag und Nacht,

Glücksäligeinsam ist er da,

Der stille Denker, wie man sagt.«

Also sprach der Erhabene. Als der Willkommene das gesagt hatte,

stand er auf und zog sich in das Wohnhaus zurück.

Da gedachten denn die Mönche, bald nachdem der Erhabene

fortgegangen war, unter sich: ›Diesen Stämpel, ihr Brüder, hat

uns der Erhabene im Umrisse dargestellt, ohne die Abzeichen

ausführlich zu erläutern, ist aufgestanden und hat sich in

das Wohnhaus zurückgezogen. Wer könnte nun wohl dieser kurzen 333

Andeutung Inhalt ausführlich begründen?‹ Da sagten sich nun

jene Mönche: ›Der ehrwürdige Mahākaccāno wird selbst vom

Meister gepriesen, von den verständigen Ordensbrüdern aber

verehrt: wohl wäre der ehrwürdige Mahākaccāno imstande, den

Inhalt dieser kurzen Andeutung ausführlich zu begründen; wie,

wenn wir uns nun zum ehrwürdigen Mahākaccāno begeben und ihn

bitten würden, uns den Inhalt darzulegen?‹ Und jene Mönche

begaben sich zum ehrwürdigen Mahākaccāno, wechselten höflichen

Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und setzten

sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprachen nun jene

Mönche zum ehrwürdigen Mahākaccāno also:

»Diesen Stämpel, Bruder Kaccāno, hat uns der Erhabene im

Umrisse dargestellt, ohne die Abzeichen ausführlich zu

erläutern, ist aufgestanden und hat sich in das Wohnhaus

zurückgezogen. Da kam uns, Bruder Kaccāno, bald nachdem der

Erhabene fortgegangen war, der Gedanke: ›Diesen Stämpel, ihr 334

Brüder, hat uns der Erhabene im Umrisse dargestellt, ohne die

Abzeichen ausführlich zu erläutern, ist aufgestanden und hat

sich in das Wohnhaus zurückgezogen. Wer könnte nun wohl dieser

kurzen Andeutung Inhalt ausführlich begründen?‹ Da sagten wir

uns, Bruder Kaccāno: ›Der ehrwürdige Mahākaccāno wird selbst

vom Meister gepriesen, von den verständigen Ordensbrüdern

aber verehrt: wohl wäre der ehrwürdige Mahākaccāno imstande,

den Inhalt dieser kurzen Andeutung ausführlich zu begründen;

wie, wenn wir uns nun zum ehrwürdigen Mahākaccāno begeben und

ihn bitten würden, uns den Inhalt darzulegen?‹ Mög’ es der

ehrwürdige Mahākaccāno thun!«

»Gleichwie etwa, Brüder, wenn ein Mann, der Kernholz begehrt,

Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, über Wurzel und Stamm

eines großen kernig dastehenden Baumes hinaufkletterte und

im Laubgezweige Kernholz finden wollte: so ergeht es nun

hier euch Ehrwürdigen, die ihr vor dem Meister gewesen

seid, den Herrn übergangen habt und von mir die Lösung

der Frage erwartet. Doch der Erhabene, ihr Brüder, ist der

kennende Kenner und der sehende Seher, der Auggewordene,

Erkenntnissgewordene, Wahrheitgewordene, Heiligkeitgewordene,

der Künder und Verkünder, der Eröffner des Inhalts, der Spender

der Unsterblichkeit, der Herr der Wahrheit, der Vollendete.

Und es war ja wohl noch an der Zeit gewesen, dass ihr den

Erhabenen selbst befragen und diesen Gegenstand der Erklärung 335

des Erhabenen gemäß bewahren konntet.«

»Freilich, Bruder Kaccāno, ist der Erhabene der kennende Kenner

und der sehende Seher, der Auggewordene, Erkenntnissgewordene,

Wahrheitgewordene, Heiligkeitgewordene, der Künder und

Verkünder, der Eröffner des Inhalts, der Spender der

Unsterblichkeit, der Herr der Wahrheit, der Vollendete.

Und es war ja wohl noch an der Zeit gewesen, dass wir den

Erhabenen selbst befragen und diesen Gegenstand der Erklärung

des Erhabenen gemäß bewahren konnten. Aber der ehrwürdige

Mahākaccāno wird ja selbst vom Meister gepriesen und von den

verständigen Ordensbrüdern verehrt: wohl wäre der ehrwürdige

Mahākaccāno imstande, den Inhalt jener vom Erhabenen kurz

gegebenen Andeutung ausführlich darzulegen. Mög’ es der

ehrwürdige Mahākaccāno thun und es nicht übel nehmen!«

»Wohlan denn, ihr Brüder, so höret und achtet wohl auf meine

Rede.«

»Gewiss, o Bruder!« antworteten da aufmerksam jene Mönche dem

ehrwürdigen Mahākaccāno. Der ehrwürdige Mahākaccāno sprach also:

»Den Stämpel, ihr Brüder, den uns der Erhabene im Umrisse

dargestellt hat, ohne die Abzeichen ausführlich zu erläutern:

diese kurze Andeutung, ihr Brüder, stelle ich ihrem Inhalt

gemäß in folgender Weise ausführlich dar. -- Wie also, ihr

Brüder, sehnt man sich nach vergangener Zeit? ›So war einst

mein Gesicht gewesen, so die Formen‹: so wird das Bewusstsein

mit Willensbegier daran gefesselt; und weil das Bewusstsein

mit Willensbegier gefesselt ist, hat man daran Befriedigung;

und weil man daran Befriedigung hat, sehnt man sich nach

vergangener Zeit. ›So war einst mein Gehör gewesen, so die

Töne‹, ›So war einst mein Geruch gewesen, so die Düfte‹, ›So 336

war einst mein Geschmack gewesen, so die Säfte‹, ›So war

einst mein Getast gewesen, so die Tastungen‹, ›So war einst

mein Gedenken gewesen, so die Dinge‹: so wird das Bewusstsein

mit Willensbegier daran gefesselt; und weil das Bewusstsein

mit Willensbegier gefesselt ist, hat man daran Befriedigung;

und weil man daran Befriedigung hat, sehnt man sich nach

vergangener Zeit. Also, ihr Brüder, sehnt man sich nach

vergangener Zeit.

»Wie aber, ihr Brüder, sehnt man sich nicht nach vergangener

Zeit? ›So war einst mein Gesicht gewesen, so die Formen‹: so

wird das Bewusstsein nicht mit Willensbegier daran gefesselt;

und weil das Bewusstsein nicht mit Willensbegier gefesselt

ist, hat man keine Befriedigung daran; und weil man keine

Befriedigung daran hat, sehnt man sich nicht nach vergangener

Zeit. ›So war einst mein Gehör gewesen, so die Töne‹, ›So war

einst mein Geruch gewesen, so die Düfte‹, ›So war einst mein

Geschmack gewesen, so die Säfte‹, ›So war einst mein Getast

gewesen, so die Tastungen‹, ›So war einst mein Gedenken

gewesen, so die Dinge‹: so wird das Bewusstsein nicht mit

Willensbegier daran gefesselt; und weil das Bewusstsein nicht

mit Willensbegier gefesselt ist, hat man keine Befriedigung

daran; und weil man keine Befriedigung daran hat, sehnt man

sich nicht nach vergangener Zeit. Also, ihr Brüder, sehnt man

sich nicht nach vergangener Zeit.

»Wie aber, ihr Brüder, hofft man auf die Zukunft hin? ›So will

ich einst mein Gesicht haben, so die Formen‹: so hat man das

Herz auf die Erlangung des Unerlangten gerichtet; und weil das

Herz darauf gerichtet ist, hat man daran Befriedigung; und

weil man daran Befriedigung hat, hofft man auf die Zukunft

hin. ›So will ich einst mein Gehör haben, so die Töne‹, ›So

will ich einst meinen Geruch haben, so die Düfte‹, ›So will 337

ich einst meinen Geschmack haben, so die Säfte‹, ›So will ich

einst mein Getast haben, so die Tastungen‹, ›So will ich einst

mein Gedenken haben, so die Dinge‹: so hat man das Herz auf die

Erlangung des Unerlangten gerichtet; und weil das Herz darauf

gerichtet ist, hat man daran Befriedigung; und weil man daran

Befriedigung hat, hofft man auf die Zukunft hin. Also, ihr

Brüder, hofft man auf die Zukunft hin.

»Wie aber, ihr Brüder, hofft man nicht auf die Zukunft hin? ›So

will ich einst mein Gesicht haben, so die Formen‹: so hat man

das Herz nicht auf die Erlangung des Unerlangten gerichtet;

und weil das Herz nicht darauf gerichtet ist, hat man keine

Befriedigung daran; und weil man keine Befriedigung daran hat,

hofft man nicht auf die Zukunft hin. ›So will ich einst mein

Gehör haben, so die Töne‹, ›So will ich einst meinen Geruch

haben, so die Düfte‹, ›So will ich einst meinen Geschmack

haben, so die Säfte‹, ›So will ich einst mein Getast haben,

so die Tastungen‹, ›So will ich einst mein Gedenken haben, so

die Dinge‹: so hat man das Herz nicht auf die Erlangung des

Unerlangten gerichtet; und weil das Herz nicht darauf gerichtet

ist, hat man keine Befriedigung daran; und weil man keine

Befriedigung daran hat, hofft man nicht auf die Zukunft hin.

Also, ihr Brüder, hofft man nicht auf die Zukunft hin.

»Wie aber, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen

aus der Fassung gebracht? Gesicht, ihr Brüder, und Formen:

beides ist gegenwärtig; weil es aber gegenwärtig ist, wird das

Bewusstsein mit Willensbegier daran gefesselt; und weil das

Bewusstsein mit Willensbegier gefesselt ist, hat man daran

Befriedigung; und weil man daran Befriedigung hat, wird man

bei gegenwärtigen Dingen aus der Fassung gebracht. Gehör, ihr

Brüder, und Töne, Geruch, ihr Brüder, und Düfte, Geschmack,

ihr Brüder, und Säfte, Getast, ihr Brüder, und Tastungen,

Gedenken, ihr Brüder, und Dinge: beides ist gegenwärtig; weil 338

es aber gegenwärtig ist, wird das Bewusstsein mit Willensbegier

daran gefesselt; und weil das Bewusstsein mit Willensbegier

gefesselt ist, hat man daran Befriedigung; und weil man daran

Befriedigung hat, wird man bei gegenwärtigen Dingen aus der

Fassung gebracht. Also, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen

Dingen aus der Fassung gebracht.

»Wie aber, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen nicht

aus der Fassung gebracht? Gesicht, ihr Brüder, und Formen:

beides ist gegenwärtig; weil es aber gegenwärtig ist, wird das

Bewusstsein nicht mit Willensbegier daran gefesselt; und weil

das Bewusstsein nicht mit Willensbegier gefesselt ist, hat

man keine Befriedigung daran; und weil man keine Befriedigung

daran hat, wird man bei gegenwärtigen Dingen nicht aus der

Fassung gebracht. Gehör, ihr Brüder, und Töne, Geruch, ihr

Brüder, und Düfte, Geschmack, ihr Brüder, und Säfte, Getast,

ihr Brüder, und Tastungen, Gedenken, ihr Brüder, und Dinge:

beides ist gegenwärtig; weil es aber gegenwärtig ist, wird das

Bewusstsein nicht mit Willensbegier daran gefesselt; und weil

das Bewusstsein nicht mit Willensbegier gefesselt ist, hat man

keine Befriedigung daran; und weil man keine Befriedigung daran

hat, wird man bei gegenwärtigen Dingen nicht aus der Fassung

gebracht. Also, ihr Brüder, wird man bei gegenwärtigen Dingen

nicht aus der Fassung gebracht.

»Das, ihr Brüder, betrachte ich als den ausführlich dargelegten

Inhalt jener Andeutung, die uns der Erhabene in kurzer Fassung

gegeben hat. Wenn es euch Ehrwürdigen nun recht ist, so gehet 339

hin und befragt den Erhabenen selbst hierüber: wie es uns der

Erhabene erklärt wollet es behalten.«

Da waren nun jene Mönche über des ehrwürdigen Mahākaccāno Rede

erfreut, erhoben sich befriedigt von ihren Sitzen und begaben

sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen

ehrerbietig und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts

sitzend berichteten da jene Mönche dem Erhabenen Wort um Wort

die ganze Begegnung, die sie mit dem ehrwürdigen Mahākaccāno 340

gehabt hatten: »Da hat uns, o Herr, der ehrwürdige Mahākaccāno

auf solche Weise, in solcher Art, mit solchen Bestimmungen den

Inhalt dargestellt.«

»Weise, ihr Mönche, ist Mahākaccāno, wissensmächtig, ihr

Mönche, ist Mahākaccāno. Wolltet ihr mich, ihr Mönche, um

Aufklärung angehn, ich würde den Gegenstand genau so erläutern,

wie ihn Mahākaccāno erläutert hat: denn eben das ist der

Inhalt, und den sollt ihr derart bewahren.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

134.

Vierzehnter Theil Vierte Rede

LOMASAKAṈGIYO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun weilte der ehrwürdige Lomasakaṉgiyo im Lande

der Sakker, bei Kapilavatthu, im Park der Feigenbäume.

Da ließ nun bei einbrechender Dämmerung Candano[174] der 341

Göttersohn die ganze Umgegend des Feigenparkes in immer

hellerem Glanze erstrahlen und kam bis dorthin wo der

ehrwürdige Lomasakaṉgiyo weilte. Dort angelangt stand er

beiseite, und beiseite stehend sprach er den ehrwürdigen

Lomasakaṉgiyo also an:

»Kennst du, o Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel und

Abzeichen?«

»Nein, o Bruder, ich kenne des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen nicht: du aber, Bruder, kennst du des

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen?«

»Auch ich, o Mönch, kenne nicht des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen: kennst du aber, o Mönch, den glücksäligeinsamen

Sang?«

»Nein, o Bruder, ich kenne den glücksäligeinsamen Sang nicht:

du aber, Bruder, kennst du den glücksäligeinsamen Sang?«

»Ich kenne, o Mönch, den glücksäligeinsamen Sang.«

»Woher denn aber, Bruder, kennst du den glücksäligeinsamen

Sang?«

»Es war einmal, o Mönch, da weilte der Erhabene bei den

Dreiunddreißig Göttern, im Schatten des himmlischen

Baumes, am weißen Flockenfels. Dort nun hat der Erhabene

den Dreiunddreißig Göttern des Glücksäligeinsamen Stämpel

und Abzeichen aufgewiesen. Also kenne ich, o Mönch, 342

den glücksäligeinsamen Sang. Erforsche du, Mönch, des

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen, erfasse du, Mönch,

des Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen, bewahre du,

Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen: sinnreich

ist, o Mönch, des Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen,

urasketenthümlich.«

Also sprach Candano der Göttersohn. Als er das gesagt, war er

alsbald verschwunden.

Wie es nun Tag geworden, brach der ehrwürdige Lomasakaṉgiyo

sein Lager ab, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich

auf die Wanderung nach Sāvatthī. Von Ort zu Ort weiterziehend

näherte er sich der Stadt. Und er kam in den Siegerwald, in den

Garten Anāthapiṇḍikos, dorthin wo der Erhabene weilte. Dort

angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich

seitwärts nieder. Seitwärts sitzend erzählte nun der ehrwürdige

Lomasakaṉgiyo dem Erhabenen Wort um Wort die ganze Begegnung,

die er da vorher, im Lande der Sakker, bei Kapilavatthu, im

Park der Feigenbäume, mit jenem Göttersohne gehabt hatte. Dann

sprach er also:

»Gut wär’ es, o Herr, wollte mir der Erhabene des 343

Glücksäligeinsamen Stämpel und Abzeichen aufweisen.«

»Weißt du aber, Mönch, wer jener Göttersohn war?«

»Nein, o Herr, ich weiß nicht, wer jener Göttersohn war.«

»Candano geheißen, Mönch, ist jener Göttersohn. Candano, Mönch,

der Göttersohn, hat achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe

hingegeben, offenen Ohres der Lehre gelauscht. Wohlan denn,

Mönch, so höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« sagte da aufmerksam jener Mönch zum 344

Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Kein Sehnen nach vergangner Zeit,

Kein Hoffen auf die Zukunft hin;

Ist abgethan was vorher war

Und was noch künftig kommen wird,

»Und hat man immer Ding um Ding

Gewärtig in der Gegenwart:

Was keiner rauben, rütteln kann,

Durchbohrend finden mag man das.

»Noch heute gilt der heiße Kampf:

Ob morgen todt, wer weiß es wohl?

Es muss die Schlacht geschlagen sein,

Mit seiner Heerschaar Er, der Mord.

»Wer also ausharrt unverzagt

Und unermüdlich Tag und Nacht,

Glücksäligeinsam ist er da,

Der stille Denker, wie man sagt.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige 345

Lomasakaṉgiyo über das Wort des Erhabenen.[175]

135.

Vierzehnter Theil Fünfte Rede

KENNZEICHNUNG DER WERKE

-- I --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Da begab sich denn Subho, ein junger Brāhmane, der Sohn

Todeyyos, dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte mit dem

Erhabenen höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte

und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun

Subho der junge Brāhmane, der Sohn Todeyyos, zum Erhabenen also:

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass

man auch unter menschlichen Wesen, die als Menschen geboren

sind, Verkommenheit und Vorzüglichkeit findet? Man sieht,

o Gotamo, kurzlebige Menschen und man sieht langlebige, man

sieht bresthafte und man sieht rüstige, man sieht unschöne und

man sieht schöne, man sieht wenig vermögende und man sieht

viel vermögende, man sieht wenig besitzende und man sieht viel

besitzende, man sieht niedrig gestellte und man sieht hoch

gestellte, man sieht stumpfsinnige und man sieht scharfsinnige: 347

was ist da, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass man

auch unter menschlichen Wesen, die als Menschen geboren sind,

Verkommenheit und Vorzüglichkeit findet?«

»Eigner der Werke, Brāhmane, sind die Wesen, Erben der Werke,

Kinder der Werke, Geschöpfe der Werke, Knechte der Werke:

das Werk scheidet die Wesen ab, nach Verkommenheit und

Vorzüglichkeit.«

»Nicht kann ich was da Herr Gotamo in Kürze gesagt, nicht

ausführlich dargestellt hat, dem ganzen Sinne nach verstehn;

gut wär’ es, wenn mir Herr Gotamo die Satzung dergestalt zeigen

wollte, dass ich den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte

verstehn könnte.«

»Wohlan denn, Brāhmane, so höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Ja, Herr!« sagte da Subho, der junge Brāhmane, der Sohn

Todeyyos, aufmerksam zum Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Da bringt, Brāhmane, irgend ein Weib oder ein Mann Lebendiges

um, ist grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt,

ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Da lässt ihn solches

Wirken, also vollzogen, also vollbracht, bei der Auflösung

des Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf schlechte

Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt; oder wenn er

nicht dahin gelangt und Menschenthum erreicht, wird er, wo er

da neugeboren wird, kurzlebig sein. Das ist der Uebergang,

Brāhmane, der zu kurzem Leben führt, dass man da Lebendiges

umbringt, grausam und blutgierig ist, an Mord und Todtschlag

gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier.

»Da hat wieder, Brāhmane, irgend ein Weib oder ein Mann das

Tödten verworfen, vom Tödten hält er sich fern: ohne Stock,

ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen 348

lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Da lässt ihn solches Wirken,

also vollzogen, also vollbracht, bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, auf gute Fährte gerathen, in himmlische Welt;

oder wenn er nicht dahin gelangt und Menschenthum erreicht,

wird er, wo er da neugeboren wird, langlebig sein. Das ist der

Uebergang, Brāhmane, der zu langem Leben führt, dass man da das

Tödten verworfen hat, vom Tödten sich fernhält, ohne Stock,

ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme zu allen lebenden Wesen

Liebe und Mitleid hegt.

»Da behandelt, Brāhmane, irgend ein Weib oder ein Mann die

Wesen heftig und quaalvoll, geht mit Fäusten, mit Steinen,

mit Stöcken, mit Waffen gegen sie vor. Da lässt ihn solches

Wirken, also vollzogen, also vollbracht, bei der Auflösung des

Körpers, nach dem Tode, abwärts gerathen, auf schlechte Fährte,

zur Tiefe hinab, in höllische Welt; oder wenn er nicht dahin

gelangt und Menschenthum erreicht, wird er, wo er da neugeboren

wird, bresthaft sein. Das ist der Uebergang, Brāhmane, der zu

Gebresten führt, dass man da die Wesen heftig und quaalvoll

behandelt, mit Fäusten, mit Steinen, mit Stöcken, mit Waffen

gegen sie vorgeht.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 22 / 40 段