Mönch, sei tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibe
lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut
kämpfe beharrlich weiter, Schritt um Schritt.‹ Sobald nun,
Aggivessano, der Mönch tugendhaft ist, in reiner Zucht richtig
gezügelt lauter im Handel und Wandel bleibt, vor geringstem
Fehl auf der Hut beharrlich weiterkämpft, Schritt um Schritt,
dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du
Mönch, die Thore der Sinne lasse dich hüten: hast du mit dem
Gesichte eine Form erblickt, so magst du keine Neigung fassen,
keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und
schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten
Gesichtes verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das
Gesicht, wache eifrig über das Gesicht. Hast du mit dem Gehöre
einen Ton gehört -- hast du mit dem Geruche einen Duft gerochen
-- hast du mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt -- hast
du mit dem Getaste eine Tastung getastet -- hast du mit dem
Gedenken ein Ding erkannt, so magst du keine Neigung fassen,
keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und
schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten
Gedenkens verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte
das Gedenken, wache eifrig über das Gedenken.‹ Sobald nun,
Aggivessano, der Mönch die Thore der Sinne behütet hält, dann
weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch,
beim Essen wisse Maaß zu halten, gründlich besonnen wolle die
Nahrung einnehmen, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht
zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu
erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges
Leben führen zu können: ‚So werd’ ich das frühere Gefühl
abtödten und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich
werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl
befinden.‘‹ Sobald nun, Aggivessano, der Mönch beim Essen Maaß
zu halten weiß, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht:
›Willkommen, du Mönch, der Wachsamkeit weihe dich: bei Tage
sollst du gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen
läutern; in den ersten Stunden der Nacht gehend und sitzend das
Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden
der Nacht magst du auf die rechte Seite wie der Löwe dich
hinlegen, einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der
Zeit des Aufstehns gedenkend; sollst in den letzten Stunden
der Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend das Gemüth
von trübenden Dingen läutern.‹ Sobald nun, Aggivessano, der
Mönch sich der Wachsamkeit geweiht hat, dann weist ihn der
Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, mit klarem
Bewusstsein wolle dich wappnen: klar bewusst beim Kommen und
Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst
beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des Gewandes
und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim Essen und
Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim Entleeren von
Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn und Sitzen,
beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen.‹
Sobald nun, Aggivessano, der Mönch sich mit klarem Bewusstsein
gewappnet hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht:
›Willkommen, du Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz auf,
den Fuß eines Baumes, einen Hain, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in
der offenen Ebene.‹ Und er sucht einen abgelegenen Ruheplatz
auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager
in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange
zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen
nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der
Einsicht. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt
begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz.
Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er,
voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein
Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter
Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst,
läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er
verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes
läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat
er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt
nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz. Er hat
nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des
Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden: beim Körper wacht
er über den Körper, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig,
nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; bei
den Gefühlen wacht er über die Gefühle, unermüdlich, klaren
Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und
Bekümmerns; beim Gemüthe wacht er über das Gemüth, unermüdlich,
klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens
und Bekümmerns; bei den Erscheinungen wacht er über die
Erscheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach
Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns.
»Gleichwie nun, Aggivessano, der Elephantenbändiger einen
großen Pfahl in die Erde eingräbt und den wilden Elephanten
mit dem Halse daranfesselt, um ihm sein waldgewohntes Betragen
eben auszutreiben, um ihm seine waldgewohnte Sehnsucht eben
auszutreiben, um ihm seine waldgewohnte Widerspänstigkeit,
Verstocktheit, Heftigkeit eben auszutreiben, und ihn in der
Umgebung des Dorfes heimisch werden lässt, Sitten annehmen, wie
sie bei Menschen beliebt sind: ebenso nun auch, Aggivessano, 252
hat der heilige Jünger seinen Geist an diese vier Pfeiler der
Einsicht gleichsam festgebunden, um sich das hausgewohnte
Betragen eben auszutreiben, um sich die hausgewohnte Sehnsucht
eben auszutreiben, um sich die hausgewohnte Widerspänstigkeit,
Verstocktheit, Heftigkeit eben auszutreiben, um das Aechte zu
gewinnen, die Wahnerlöschung zu verwirklichen.
»Den weist nun der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du
Mönch, beim Körper wache über den Körper, auf dass du keinen
Gedanken, der den Körper angeht, in dir bergen magst; bei den
Gefühlen wache über die Gefühle, auf dass du keinen Gedanken,
der die Gefühle angeht, in dir bergen magst; beim Gemüthe
wache über das Gemüth, auf dass du keinen Gedanken, der das
Gemüth angeht, in dir bergen magst; bei den Erscheinungen
wache über die Erscheinungen, auf dass du keinen Gedanken, der
die Erscheinungen angeht, in dir bergen magst.‹ So erwirkt
er denn nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens die innere
Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von
gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit,
die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der
dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach
Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er
die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen
vollkommenen Reine, die vierte Schauung.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Er erinnert sich an manche verschiedene frühere
Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, und
so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den
eigenartigen Beziehungen.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert,
gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest,
unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden kann
er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine
und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er 253
kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt
er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da
sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da.
»Das ist ein Mönch, der erträgt Kälte und Hitze, Hunger
und Durst, Wind und Wetter, Mücken und Wespen und plagende
Kriechthiere, boshafte, böswillige Redeweisen, körperliche
Schmerzgefühle, die ihn treffen, heftige, schneidende,
stechende, unangenehme, leidige, lebensgefährliche dauert er
duldend aus, ist gänzlich von Gier, Hass und Irre entledigt,
entwöhnt worden von Unart: Opfer und Spende, Gabe und Gruß
verdient er als heiligste Stätte der Welt.
* * * * *
»Ist ein alter Königselephant, Aggivessano, ungebändigt,
unabgerichtet gestorben: ungebändigten Tod erlitten hat
der alte Königselephant, ist gestorben, heißt es da; ist 254
ein mittlerer, ist ein junger Königselephant, Aggivessano,
ungebändigt, unabgerichtet gestorben: ungebändigten Tod
erlitten hat der mittlere, hat der junge Königselephant, ist
gestorben, heißt es da:
»Ebenso nun auch, Aggivessano, ist ein alter Mönch unversiegten
Wahnes gestorben: ungebändigten Tod erlitten hat der alte
Mönch, ist gestorben, heißt es da; ist ein mittlerer, ist
ein neuer Mönch, Aggivessano, unversiegten Wahnes gestorben:
ungebändigten Tod erlitten hat der mittlere, hat der neue
Mönch, ist gestorben, heißt es da.
»Ist ein alter Königselephant, Aggivessano, wohlgebändigt,
wohlabgerichtet gestorben: gebändigten Tod erlitten hat
der alte Königselephant, ist gestorben, heißt es da; ist
ein mittlerer, ist ein junger Königselephant, Aggivessano,
wohlgebändigt, wohlabgerichtet gestorben: gebändigten Tod
erlitten hat der mittlere, hat der junge Königselephant, ist
gestorben, heißt es da:
»Ebenso nun auch, Aggivessano, ist ein alter Mönch versiegten
Wahnes gestorben: gebändigten Tod erlitten hat der alte Mönch,
ist gestorben, heißt es da; ist ein mittlerer, ist ein neuer
Mönch, Aggivessano, versiegten Wahnes gestorben: gebändigten
Tod erlitten hat der mittlere, hat der neue Mönch, ist
gestorben, heißt es da.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Aciravato der
junge Asket über das Wort des Erhabenen.[131]
126.
Dreizehnter Theil Sechste Rede
BHŪMIJO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 255
Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen.
Da nun begab sich der ehrwürdige Bhūmijo, zeitig gerüstet,
mit Mantel und Schaale versehn, nach dem Hause des Königsohns
Jayaseno. Dort angelangt nahm er auf dem dargebotenen Sitze
Platz. Und Jayaseno der Königsohn trat an den ehrwürdigen
Bhūmijo heran, tauschte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich zur Seite hin. Zur
Seite sitzend wandte sich nun Jayaseno der Königsohn also an
den ehrwürdigen Bhūmijo:
»Es giebt, o Bhūmijo, manche Asketen und Priester, die sagen
und lehren: ›Wer etwa mit Hoffnung ein Asketenleben führt,
kann das Ziel unmöglich gewinnen; wer etwa ohne Hoffnung ein
Asketenleben führt, kann das Ziel unmöglich gewinnen; wer etwa
mit Hoffnung und ohne Hoffnung ein Asketenleben führt, kann
das Ziel unmöglich gewinnen; wer etwa weder mit Hoffnung noch
ohne Hoffnung ein Asketenleben führt, kann das Ziel unmöglich
gewinnen.‹ Des werthen Bhūmijo Meister aber, was sagt der, was
lehrt der, was verkündet der?«
»Ich selber, Königsohn, habe darüber vom Erhabenen nichts
gehört, nichts vernommen; doch mag es wohl sein, dass der
Erhabene also aussage: ›Wer etwa mit Hoffnung ein Asketenleben
nicht von Grund aus führt, kann das Ziel unmöglich gewinnen;
wer etwa ohne Hoffnung ein Asketenleben nicht von Grund aus
führt, kann das Ziel unmöglich gewinnen; wer etwa mit Hoffnung
und ohne Hoffnung ein Asketenleben nicht von Grund aus führt,
kann das Ziel unmöglich gewinnen; wer etwa weder mit Hoffnung
noch ohne Hoffnung ein Asketenleben nicht von Grund aus führt,
kann das Ziel unmöglich gewinnen. Wer etwa mit Hoffnung ein
Asketenleben von Grund aus führt, kann das Ziel doch wohl
gewinnen; wer etwa ohne Hoffnung ein Asketenleben von Grund aus
führt, kann das Ziel doch wohl gewinnen; wer etwa mit Hoffnung
und ohne Hoffnung ein Asketenleben von Grund aus führt, kann
das Ziel doch wohl gewinnen; wer etwa weder mit Hoffnung noch 256
ohne Hoffnung ein Asketenleben von Grund aus führt, kann das
Ziel doch wohl gewinnen.‹ Ich selber, Königsohn, habe darüber
vom Erhabenen nichts gehört, nichts vernommen; doch mag es wohl
sein, dass der Erhabene also aussage.«
»Wenn des werthen Bhūmijo Meister solches sagt, solches lehrt,
solches verkündet, dann freilich hat des werthen Bhūmijo
Meister eben all den übrigen Asketen und Priestern gleichsam
aufs Haupt geschlagen.«
Und Jayaseno der Königsohn bediente nun den ehrwürdigen Bhūmijo
mit Speise von der eigenen Tafel.
Als nun der ehrwürdige Bhūmijo, nach dem Mahle, vom
Almosengange zurückgekehrt war, begab er sich dorthin wo
der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und
setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend erzählte nun
der ehrwürdige Bhūmijo dem Erhabenen Wort um Wort das ganze
Gespräch, das er mit Jayaseno dem Königsohne geführt hatte. 257
Nach diesem Berichte wandte sich dann der ehrwürdige Bhūmijo
also an den Erhabenen:
»Hab’ ich nun, o Herr, mit solcher Antwort auf solche Frage
wirklich die Worte des Erhabenen gebraucht und den Erhabenen
nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre gemäß geredet, so
dass sich da kein entsprechender Folgesatz als ungehörig
erweisen kann?«
»In der That hast du, Bhūmijo, mit solcher Antwort auf solche 258
Frage meine eigenen Worte gebraucht und mich nicht mit Unrecht
angeführt und der Lehre gemäß geredet, so dass sich da
kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen kann.
-- Wer da auch immer, Bhūmijo, als Asket oder als Priester
falsch erkennt, falsch bedenkt, falsch redet, falsch handelt,
falsch wandelt, falsch bemüht ist, falsch besonnen, falsch
vertieft, und also etwa mit Hoffnung ein Asketenleben führt,
kann das Ziel unmöglich gewinnen; also etwa ohne Hoffnung ein
Asketenleben führt, kann das Ziel unmöglich gewinnen; also etwa
mit Hoffnung und ohne Hoffnung ein Asketenleben führt, kann
das Ziel unmöglich gewinnen; also etwa weder mit Hoffnung noch
ohne Hoffnung ein Asketenleben führt, kann das Ziel unmöglich
gewinnen: und warum nicht? Weil er, Bhūmijo, das Ziel gewinnen
nicht von Grund aus versteht.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Sesamöl begehrt,
Sesamöl sucht, auf Sesamöl ausgeht, einen Trog mit Sand
anfüllte und mit Wasser verrührte, verquirlte, verriebe;
mag der auch also mit Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er
unmöglich gewinnen; mag der auch also ohne Hoffnung bemüht
sein, Sesamöl kann er unmöglich gewinnen; mag der auch also 259
mit Hoffnung und ohne Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er
unmöglich gewinnen; mag der auch also weder mit Hoffnung noch
ohne Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er unmöglich gewinnen:
und warum nicht? Weil er, Bhūmijo, Sesamöl gewinnen nicht
von Grund aus versteht. Ebenso nun auch, Bhūmijo, können
dergleichen Asketen oder Priester das Ziel unmöglich gewinnen:
und warum nicht? Weil sie, Bhūmijo, das Ziel gewinnen nicht von
Grund aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Milch begehrt,
Milch sucht, auf Milch ausgeht, eine Kuh, die gekalbt hat,
am Horne zu melken begänne; mag der auch also mit Hoffnung
bemüht sein, Milch kann er unmöglich gewinnen; mag der auch
also ohne Hoffnung bemüht sein, Milch kann er unmöglich
gewinnen; mag der auch also mit Hoffnung und ohne Hoffnung
bemüht sein, Milch kann er unmöglich gewinnen; mag der auch
also weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht sein, Milch
kann er unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil er, Bhūmijo, 260
Milch gewinnen nicht von Grund aus versteht. Ebenso nun auch,
Bhūmijo, können dergleichen Asketen oder Priester das Ziel
unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil sie, Bhūmijo, das
Ziel gewinnen nicht von Grund aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Butter begehrt,
Butter sucht, auf Butter ausgeht, Wasser in das Fass eingösse
und mit dem Stämpel zu kernen begänne; mag der auch also mit
Hoffnung bemüht sein, Butter kann er unmöglich gewinnen;
mag der auch also ohne Hoffnung bemüht sein, Butter kann er
unmöglich gewinnen; mag der auch also mit Hoffnung und ohne
Hoffnung bemüht sein, Butter kann er unmöglich gewinnen; mag
der auch also weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht
sein, Butter kann er unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil
er, Bhūmijo, Butter gewinnen nicht von Grund aus versteht.
Ebenso nun auch, Bhūmijo, können dergleichen Asketen oder
Priester das Ziel unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil
sie, Bhūmijo, das Ziel gewinnen nicht von Grund aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Feuer begehrt,
Feuer sucht, auf Feuer ausgeht, ein feuchtes, leimiges
Holzscheit mit dem Reibholze anzureiben begänne; mag der 261
auch also mit Hoffnung bemüht sein, Feuer kann er unmöglich
gewinnen; mag der auch also ohne Hoffnung bemüht sein, Feuer
kann er unmöglich gewinnen; mag der auch also mit Hoffnung und
ohne Hoffnung bemüht sein, Feuer kann er unmöglich gewinnen;
mag der auch also weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht
sein, Feuer kann er unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil
er, Bhūmijo, Feuer gewinnen nicht von Grund aus versteht.
Ebenso nun auch, Bhūmijo, können dergleichen Asketen oder
Priester das Ziel unmöglich gewinnen: und warum nicht? Weil
sie, Bhūmijo, das Ziel gewinnen nicht von Grund aus verstehn.
»Wer da auch immer, Bhūmijo, als Asket oder als Priester recht
erkennt, recht bedenkt, recht redet, recht handelt, recht
wandelt, recht bemüht ist, recht besonnen, recht vertieft, und
also etwa mit Hoffnung ein Asketenleben führt, kann das Ziel
doch wohl gewinnen; also etwa ohne Hoffnung ein Asketenleben
führt, kann das Ziel doch wohl gewinnen; also etwa mit Hoffnung
und ohne Hoffnung ein Asketenleben führt, kann das Ziel doch
wohl gewinnen; also etwa weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung
ein Asketenleben führt, kann das Ziel doch wohl gewinnen: und
warum das? Weil er, Bhūmijo, das Ziel gewinnen von Grund aus
versteht.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Sesamöl begehrt,
Sesamöl sucht, auf Sesamöl ausgeht, einen Trog mit Sesammehl
anfüllte und mit Wasser verrührte, verquirlte, verriebe; mag 262
der auch also mit Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er doch
wohl gewinnen; mag der auch also ohne Hoffnung bemüht sein,
Sesamöl kann er doch wohl gewinnen; mag der auch also mit
Hoffnung und ohne Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er doch
wohl gewinnen; mag der auch also weder mit Hoffnung noch ohne
Hoffnung bemüht sein, Sesamöl kann er doch wohl gewinnen: und
warum das? Weil er, Bhūmijo, Sesamöl gewinnen von Grund aus
versteht. Ebenso nun auch, Bhūmijo, können dergleichen Asketen
oder Priester das Ziel doch wohl gewinnen: und warum das? Weil
sie, Bhūmijo, das Ziel gewinnen von Grund aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Milch begehrt,
Milch sucht, auf Milch ausgeht, eine Kuh, die gekalbt hat, am
Euter zu melken begänne; mag der auch also mit Hoffnung bemüht
sein, Milch kann er doch wohl gewinnen; mag der auch also
ohne Hoffnung bemüht sein, Milch kann er doch wohl gewinnen;
mag der auch also mit Hoffnung und ohne Hoffnung bemüht sein,
Milch kann er doch wohl gewinnen; mag der auch also weder mit
Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht sein, Milch kann er doch
wohl gewinnen: und warum das? Weil er, Bhūmijo, Milch gewinnen
von Grund aus versteht. Ebenso nun auch, Bhūmijo, können
dergleichen Asketen oder Priester das Ziel doch wohl gewinnen:
und warum das? Weil sie, Bhūmijo, das Ziel gewinnen von Grund
aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Butter begehrt, 263
Butter sucht, auf Butter ausgeht, Rahm in das Fass eingösse
und mit dem Stämpel zu kernen begänne; mag der auch also mit
Hoffnung bemüht sein, Butter kann er doch wohl gewinnen; mag
der auch also ohne Hoffnung bemüht sein, Butter kann er doch
wohl gewinnen; mag der auch also mit Hoffnung und ohne Hoffnung
bemüht sein, Butter kann er doch wohl gewinnen; mag der auch
also weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht sein, Butter
kann er doch wohl gewinnen: und warum das? Weil er, Bhūmijo,
Butter gewinnen von Grund aus versteht. Ebenso nun auch,
Bhūmijo, können dergleichen Asketen oder Priester das Ziel
doch wohl gewinnen: und warum das? Weil sie, Bhūmijo, das Ziel
gewinnen von Grund aus verstehn.
»Gleichwie etwa, Bhūmijo, wenn ein Mann, der Feuer begehrt,
Feuer sucht, auf Feuer ausgeht, ein trockenes, ausgedörrtes
Holzscheit mit dem Reibholze anzureiben begänne; mag der
auch also mit Hoffnung bemüht sein, Feuer kann er doch wohl
gewinnen; mag der auch also ohne Hoffnung bemüht sein, Feuer
kann er doch wohl gewinnen; mag der auch also mit Hoffnung und
ohne Hoffnung bemüht sein, Feuer kann er doch wohl gewinnen;
mag der auch also weder mit Hoffnung noch ohne Hoffnung bemüht
sein, Feuer kann er doch wohl gewinnen: und warum das? Weil
er, Bhūmijo, Feuer gewinnen von Grund aus versteht. Ebenso nun 264
auch, Bhūmijo, können dergleichen Asketen oder Priester das
Ziel doch wohl gewinnen: und warum das? Weil sie, Bhūmijo,
das Ziel gewinnen von Grund aus verstehn. -- Hättest du aber,
Bhūmijo, diese vier Gleichnisse Jayaseno dem Königsohne
dargestellt, ohne Zweifel wäre dann Jayaseno der Königsohn mit
dir zufrieden geworden und hätte zufrieden dir zugestimmt.«
»Wie doch nur hätt’ ich, o Herr, Jayaseno dem Königsohne diese
vier Gleichnisse darzustellen vermocht, die unzweifelhaften,
nie zuvor gehörten, gleichwie etwa der Erhabene!«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Bhūmijo über das Wort des Erhabenen.[132]
127.
Dreizehnter Theil Siebente Rede
ANURUDDHO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 265
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Da nun wandte sich Pañcakaṉgo der Baumeister an einen seiner
Leute:
»Komm’, lieber Mann, und begieb dich zum ehrwürdigen Anuruddho
hin und bringe dem ehrwürdigen Anuruddho zu Füßen meinen Gruß
dar: ›Pañcakaṉgo‹, sage, ›o Herr, der Baumeister bringt dem
ehrwürdigen Anuruddho zu Füßen Gruß dar;‹ und füge hinzu:
›möge, o Herr‹, lässt er sagen, ›der ehrwürdige Anuruddho
Pañcakaṉgo dem Baumeister die Bitte gewähren, morgen selbviert
bei ihm zu speisen. Und möchte sich doch, o Herr, der
ehrwürdige Anuruddho etwas früher schon einfinden: Pañcakaṉgo,
o Herr, der Baumeister hat viel zu thun, viel auszuführen, im
Auftrage des Königs.‹«
»Wohl, o Herr!« entgegnete da gehorsam jener Mann Pañcakaṉgo
dem Baumeister. Und er begab sich dorthin wo der ehrwürdige
Anuruddho weilte, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich
seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach er dann also zum
ehrwürdigen Anuruddho:
»Pañcakaṉgo, o Herr, der Baumeister, bringt dem ehrwürdigen
Anuruddho zu Füßen Gruß dar; und er lässt sagen: möge, o Herr,
der ehrwürdige Anuruddho Pañcakaṉgo dem Baumeister die Bitte
gewähren, morgen selbviert bei ihm zu speisen. Und möchte sich
doch, o Herr, der ehrwürdige Anuruddho etwas früher schon
einfinden: Pañcakaṉgo, o Herr, der Baumeister, hat viel zu
thun, viel auszuführen, im Auftrage des Königs.«
Schweigend gewährte der ehrwürdige Anuruddho die Bitte.[133] 266
Und der ehrwürdige Anuruddho begab sich am nächsten Morgen,
zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, nach dem Hause
Pañcakaṉgo des Baumeisters. Dort angelangt nahm der ehrwürdige
Anuruddho auf dem dargebotenen Sitze Platz. Und Pañcakaṉgo der
Baumeister bediente und versorgte eigenhändig den ehrwürdigen
Anuruddho mit ausgewählter fester und flüssiger Speise.
Nachdem nun der ehrwürdige Anuruddho gespeist und das Mahl
beendet hatte, nahm Pañcakaṉgo der Baumeister einen von den
niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite hin.
Zur Seite sitzend sprach nun Pañcakaṉgo der Baumeister zum
ehrwürdigen Anuruddho also:
»Da haben mich, o Herr, erfahrene Mönche besucht und haben mir
gesagt: ›Unbeschränkte Gemütherlösung, Hausvater, übe du‹;
einige ihrer haben wieder gesagt: ›Großartige Gemütherlösung,
Hausvater, übe du.‹ Was nun, o Herr, unbeschränkte
Gemütherlösung ist, und dann wieder großartige Gemütherlösung:
sind das von einander verschiedene Begriffe, die auch eine
verschiedene Bezeichnung haben, oder sind sie einander gleich
und ist nur die Bezeichnung verschieden?«