Angesicht vernommen: ›Wann da, Ānando, der Erwachsame aus dem
Leibe der Mutter hervorkehrt, erhebt sich wiederum in der Welt
mit ihren Göttern, mit ihren bösen und heiligen Geistern, mit
ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen,
ein unermesslich mächtiger Glanz, überstrahlend sogar der
Götter göttliche Pracht.[121] Und auch die Zwischenwelten,
die traurigen, trostlosen, finsteren, finster umnachteten,
wo selbst dieser Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so
gewaltigen, mit ihrem Scheine nicht hindringen, auch dort
erhebt sich ein unermesslich mächtiger Glanz, überstrahlend
sogar der Götter göttliche Pracht. Die aber dort als Wesen
weilen, die erschauen in diesem Glanze sich selber und sagen:
‚Andere sind es ja noch der Wesen, die hier weilen!‘ Diese
zehntausendfache Welt aber wankt und erbebt und erzittert,
und es erhebt sich aus ihr ein unermesslich mächtiger Glanz,
überstrahlend sogar der Götter göttliche Pracht.‹ Dass aber,
o Herr, wann da der Erwachsame aus dem Leibe der Mutter
hervorkehrt, ein solcher Glanz erscheint, eben das hab’ ich
mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des
Erhabenen gemerkt.«
»Wohlan denn, Ānando, so magst du auch diese Eigenschaft des
Vollendeten als erstaunlich und außerordentlich dir merken: da
steigen, Ānando, Gefühle dem Vollendeten bewusst auf, bewusst
halten sie an, bewusst gehn sie unter; steigen Wahrnehmungen
bewusst auf, bewusst halten sie an, bewusst gehn sie unter;
steigen Gedanken bewusst auf, bewusst halten sie an, bewusst
gehn sie unter. Eben das ist, Ānando, eine Eigenschaft des
Vollendeten, die du als erstaunlich und außerordentlich dir
merken magst.«
»Dass freilich, o Herr, Gefühle dem Erhabenen bewusst 238
aufsteigen, bewusst anhalten, bewusst untergehn; Wahrnehmungen
bewusst aufsteigen, bewusst anhalten, bewusst untergehn;
Gedanken bewusst aufsteigen, bewusst anhalten, bewusst
untergehn: auch das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche,
außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.«
* * * * *
Also sprach der ehrwürdige Ānando. Zugestimmt hatte der
Meister. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des
ehrwürdigen Ānando.[122]
124.
Dreizehnter Theil Vierte Rede
BAKKULO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige 239
Bakkulo bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der
Eichhörnchen. Da nun begab sich der Nackte Büßer[123] Kassapo,
ein ehemaliger Hausgenosse des ehrwürdigen Bakkulo, dorthin wo
der ehrwürdige Bakkulo weilte, wechselte höflichen Gruß und
freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich zur
Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der Nackte Büßer
Kassapo zum ehrwürdigen Bakkulo also:
»Wie lang ist es her, Bruder Bakkulo, dass du Pilger bist?«
»Achtzig Jahre, Bruder, bin ich Pilger.«
»Während dieser achtzig Jahre aber, Bruder Bakkulo, hast du wie
oft der Paarung gepflegt?«
»Nicht wohl darfst du mich, Bruder Kassapo, also befragen,
sondern die Frage kannst du mir stellen: ›Während dieser
achtzig Jahre aber, Bruder Bakkulo, ist dir wie oft eine
begehrliche Wahrnehmung zuerst aufgestiegen?‹ Die achtzig
Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner
begehrlichen Wahrnehmung, die mir zuerst aufgestiegen wäre.«
»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von
einer begehrlichen Wahrnehmung, die zuerst aufgestiegen wäre,
nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche,
außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo
merken.«[124]
»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich
von keiner gehässigen, keiner rachgierigen Wahrnehmung, die mir
zuerst aufgestiegen wäre.«
»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von
einer gehässigen, einer rachgierigen Wahrnehmung, die zuerst
aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns
als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen
Bakkulo merken.«
»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich 240
von keinem begehrlichen Gedanken, der mir zuerst aufgestiegen
wäre.«
»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von
einem begehrlichen Gedanken, der zuerst aufgestiegen wäre,
nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche,
außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«
»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich
von keinem gehässigen, keinem rachgierigen Gedanken, der mir
zuerst aufgestiegen wäre.«
»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von
einem gehässigen, einem rachgierigen Gedanken, der zuerst
aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns
als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen
Bakkulo merken.«
»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich
von keinem bürgerlichen Kleide, das ich angenommen hätte.«
»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von
keinem bürgerlichen Kleide weiß es angenommen zu haben,
eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche
Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«
»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich
von keiner Scheere, mit der ich mir den Mantel zugeschnitten,
von keiner Nadel, mit der ich mir den Mantel genäht, von
keiner Farbe, mit der ich mir den Mantel gefärbt, von keinem
Flecken, mit dem ich mir den Mantel geflickt hätte, weiß nicht,
dass ich mit den Ordensbrüdern die Kleidung ausgebessert
hätte.[125] Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger
bin, weiß ich von keiner Einladung, der ich zugesagt hätte,
von keinerlei Gedanken, der mir etwa gekommen wäre, ›O dass
mich doch jemand einlüde‹, weiß nicht, dass ich in einem Hause
gesessen, in einem Hause gegessen hätte. Die achtzig Jahre,
Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich
ein Weib erblickend es angesehn hätte, weiß nicht, dass ich
einem Weibe die Lehre dargelegt, und wär’ es auch nur ein
Spruch von vier Silben gewesen. Die achtzig Jahre, Bruder
Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner Nonnenzelle,
der ich genaht wäre, von keiner Nonne, keiner Jüngerin, keiner 241
Schülerin, der ich die Lehre dargelegt hätte.[126] Die achtzig
Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner
Aufnahme, keiner Ordensweihe, die von mir ertheilt worden, weiß
nicht, dass ich beigestanden wäre, dass von mir ein Schüler
unterwiesen worden[127]. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo
ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich im Badhause gebadet,
ein Seifenpulver gebraucht, von den Ordensbrüdern mich abreiben
hätte lassen. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger
bin, weiß ich von keinerlei Krankheit, die mich etwa befallen,
und wär’ es auch nur ein Hustenreiz in der Gurgel gewesen[128],
weiß von keinem Heilkraute, das ich genommen, und wär’ es auch
nur ein Grashalm gewesen. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo
ich Pilger bin, weiß ich nicht auf der Seite gelegen zu sein,
mich niedergelegt zu haben. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo,
wo ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich über die Regenzeit
in der Nähe eines Dorfes Obdach aufgesucht hätte.«
»Dass freilich der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren
also gelebt hat, eben das wollen wir uns als erstaunliche,
außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«
»Sieben Tage erst hatt’ ich da, Bruder Kassapo, als Asket
Almosenbissen genossen, als am achten die Gewissheit aufging.«
»Dass eben da der ehrwürdige Bakkulo sieben Tage erst als Asket
Almosenbissen genossen, als am achten die Gewissheit aufging,
auch das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche
Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken. Könnte ich doch,
Bruder Bakkulo, in diese Lehre und Ordnung aufgenommen, mit der
Weihe belehnt werden!«
Und der Nackte Büßer Kassapo wurde in diese Lehre und Ordnung
aufgenommen, wurde mit der Weihe belehnt.
Nicht lange aber war der ehrwürdige Kassapo in den Orden
aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich,
in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich 242
vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel
des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Kassapo der
Heiligen geworden.
* * * * *
Und der ehrwürdige Bakkulo begab sich nach einiger Zeit, in
seinen weiten Mantel gehüllt, von Klause zu Klause und sprach
also: ›Schreitet herbei, ihr Brüder, schreitet herbei, ihr
Brüder: heute werd’ ich vom Wahne vollkommen erlöschen.‹ Dass
aber der ehrwürdige Bakkulo, in seinen weiten Mantel gehüllt,
von Klause zu Klause gegangen ist und gesagt hat: ›Schreitet
herbei, ihr Brüder, schreitet herbei, ihr Brüder: heute werd’
ich vom Wahne vollkommen erlöschen‹, auch das wollen wir uns
als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen
Bakkulo merken.
Und der ehrwürdige Bakkulo ist, in der Mitte der Ordensbrüder
sitzend, vom Wahne vollkommen erloschen. Dass aber der
ehrwürdige Bakkulo, in der Mitte der Ordensbrüder sitzend, vom
Wahne vollkommen erloschen ist, auch das wollen wir uns als
erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen
Bakkulo merken.[129]
125.
Dreizehnter Theil Fünfte Rede
RANG DER GEBÄNDIGTEN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 243
Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Um diese
Zeit aber lebte Aciravato, ein junger Asket, im Walde, in einer
Hütte.
Da kam denn Jayaseno der Königsohn, auf einem Spaziergange
sich ergehend, dorthin wo Aciravato der junge Asket weilte.
Dorthin gekommen tauschte er höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich seitwärts nieder.
Seitwärts sitzend wandte sich nun Jayaseno der Königsohn also
an Aciravato den jungen Asketen:
»Sagen lassen hab’ ich mir, o Aggivessano, dass da ein Mönch,
der ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilt, Einigung des
Herzens finden mag.«
»Also ist es, Königsohn, also ist es, Königsohn, dass da ein
Mönch, der ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilt,
Einigung des Herzens finden mag.«
»Gut wär’ es, wollte mir Herr Aggivessano die Lehre, wie sie
von ihm gehört, von ihm aufgefasst worden, darlegen.«
»Nicht kann ich dir, Königsohn, die Lehre, wie sie von mir
gehört, von mir aufgefasst worden, darlegen. Denn wollt’ ich
dir gleich, Königsohn, die Lehre, wie sie von mir gehört, von
mir aufgefasst worden, darlegen, und du den Sinn meiner Rede
nicht verständest, hätt’ ich nur Mühe, hätte nur Plage.«
»Möge mir Herr Aggivessano die Lehre, wie sie von ihm gehört,
von ihm aufgefasst worden, darlegen, auf dass ich doch etwa den
Sinn seiner Rede verstehn könnte.«
»Mag ich dir nun, Königsohn, die Lehre, wie sie von mir gehört,
von mir aufgefasst worden, darlegen, und du kannst da den Sinn
meiner Rede verstehn, so soll es recht sein; kannst du aber den 244
Sinn meiner Rede nicht verstehn, so magst du deinen Glauben
behalten und mich darum nicht weiter befragen.«
»Möge mir Herr Aggivessano die Lehre wie sie von ihm gehört,
von ihm aufgefasst worden, darlegen: und kann ich da den Sinn
seiner Rede verstehn, so soll es recht sein; kann ich aber den
Sinn seiner Rede nicht verstehn, so werd’ ich meinen Glauben
behalten und Herrn Aggivessano darum nicht weiter befragen.«
Da gab denn Aciravato der junge Asket dem Königsohne Jayaseno
eine Darlegung der Lehre, wie er sie gehört, wie er sie
aufgefasst hatte. Also berichtet sagte nun Jayaseno der
Königsohn zu Aciravato dem jungen Asketen:
»Unmöglich ist es, o Aggivessano, es kann nicht sein, dass da
ein Mönch, der ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich verweilt,
Einigung des Herzens finden mag.«
Als nun Jayaseno der Königsohn Aciravato dem jungen Asketen
Unmöglichkeit vorgehalten, stand er von seinem Sitze auf und
ging weiter. Aciravato aber, der junge Asket, begab sich,
bald nachdem Jayaseno der Königsohn fortgegangen, dorthin wo
der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen
ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend
erzählte da Aciravato der junge Asket dem Erhabenen Wort um
Wort das ganze Gespräch, das er mit Jayaseno dem Königsohne
geführt hatte. Nach diesem Berichte wandte sich nun der
Erhabene also an Aciravato den jungen Asketen:
»Woher denn, Aggivessano, sollt’ es möglich sein, dass was
durch Entsagung erkennbar, durch Entsagung ersehbar, durch
Entsagung erreichbar, durch Entsagung erwirkbar ist, etwa auch 245
von Jayaseno dem Königsohne, der mitten in Begehren lebt,
Begehren genießt, von begehrlichen Gedanken verzehrt wird,
von begehrlichem Fieber entzündet ist, eifrig dem Begehren
nachgeht, erkannt oder ersehn oder erreicht oder verwirklicht
werden könnte? Das ist unmöglich.[130] Gleichwie etwa,
Aggivessano, wenn da zwei junge Elephanten oder junge Rosse
oder junge Stiere wären, wohlgebändigt, wohlabgerichtet, und
zwei junge Elephanten oder junge Rosse oder junge Stiere,
ungebändigt, unabgerichtet; was meinst du nun, Aggivessano:
jene beiden jungen Elephanten oder jungen Rosse oder jungen
Stiere, die wohlgebändigten, wohlabgerichteten, würden die wohl
als gebändigte thun was Gebändigten zukommt, als gebändigte den
Rang der Gebändigten einnehmen?«
»Gewiss, o Herr!«
»Aber die beiden anderen jungen Elephanten oder jungen Rosse
oder jungen Stiere, die ungebändigten, unabgerichteten, würden
die wohl als ungebändigte thun was Gebändigten zukommt, als
ungebändigte den Rang der Gebändigten einnehmen, gleichwie etwa
jene ersteren?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Aggivessano, dass was durch Entsagung
erkennbar, durch Entsagung ersehbar, durch Entsagung
erreichbar, durch Entsagung erwirkbar ist, etwa auch von
Jayaseno dem Königsohne, der mitten in Begehren lebt,
Begehren genießt, von begehrlichen Gedanken verzehrt wird,
von begehrlichem Fieber entzündet ist, eifrig dem Begehren
nachgeht, erkannt oder ersehn oder erreicht oder verwirklicht
werden könnte: das ist unmöglich. -- Gleichwie etwa,
Aggivessano, wenn da in der Nähe eines Dorfes oder einer Burg
ein hoher Felsen stände. Zu diesem gingen zwei Freunde, aus
dem Dorfe oder der Burg Arm in Arm hinschreitend, heran, dem
Felsen entgegen. Dort angelangt bliebe der eine der Freunde
unten, am Fuße des Felsens, stehn, während der andere auf den 246
Scheitel des Felsens emporstiege. Und es riefe der Freund
unten, am Fuße des Felsens, dem Freunde zu, der auf den
Scheitel des Felsens gestiegen: ›Was denn, Bester, siehst du
oben vom Felsen aus?‹ Der aber sagte: ›Ich sehe da, Bester,
oben vom Felsen aus einen heiteren Garten, einen herrlichen
Wald, eine blühende Landschaft, einen lichten Wasserspiegel.‹
Und jener spräche: ›Unmöglich ist es, Bester, es kann nicht
sein, dass du oben vom Felsen aus einen heiteren Garten, einen
herrlichen Wald, eine blühende Landschaft, einen lichten
Wasserspiegel sähest.‹ Da stiege der Freund oben vom Scheitel
herab bis zum Fuße, ergriffe den Freund unterm Arme, führte ihn
auf den Felsen empor, und nachdem er ihn eine Weile ausruhen
lassen, fragte er ihn: ›Was denn, Bester, siehst du oben vom
Felsen aus?‹ Und jener spräche: ›Ich sehe da, Bester, oben
vom Felsen aus einen heiteren Garten, einen herrlichen Wald,
eine blühende Landschaft, einen lichten Wasserspiegel.‹ Der
aber sagte: ›Eben erst haben wir, Bester, deine Rede also
vernommen: ‚Unmöglich ist es, Bester, es kann nicht sein, dass
du oben vom Felsen aus einen heiteren Garten, einen herrlichen
Wald, eine blühende Landschaft, einen lichten Wasserspiegel
sähest‘; und jetzt eben wiederum, Bester, haben wir deine Rede
also vernommen: ‚Ich sehe da, Bester, oben vom Felsen aus
einen heiteren Garten, einen herrlichen Wald, eine blühende
Landschaft, einen lichten Wasserspiegel‘.‹ Und jener spräche:
›So lange ja mich eben, Bester, dieser hohe Felsen gehindert 247
hat, hab’ ich das Sichtbare nicht gesehn.‹ Ebenso nun auch,
aber noch mächtiger, hat, Aggivessano, gewaltiges Unwissen
Jayaseno den Königsohn gehindert, gehemmt, angehalten,
eingeschlossen. Dass der etwa da was durch Entsagung erkennbar,
durch Entsagung ersehbar, durch Entsagung erreichbar, durch
Entsagung erwirkbar ist, auch mitten in Begehren lebend,
Begehren genießend, von begehrlichen Gedanken verzehrt, von
begehrlichem Fieber entzündet, eifrig dem Begehren nachgehend,
erkennen oder ersehn oder erreichen oder verwirklichen könnte:
das ist unmöglich. Hättest du aber, Aggivessano, diese beiden
Gleichnisse Jayaseno dem Königsohne dargestellt, ohne Zweifel
wäre dann Jayaseno der Königsohn mit dir zufrieden geworden und
hätte zufrieden dir zugestimmt.«
»Wie doch nur hätt’ ich, o Herr, Jayaseno dem Königsohne diese
beiden Gleichnisse darzustellen vermocht, die unzweifelhaften,
nie zuvor gehörten, gleichwie etwa der Erhabene!«
* * * * *
»Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn der König, der Herrscher,
dessen Scheitel gesalbt ist, den Elephantensteller zu sich
beruft: ›Wohlan denn, bester Elephantensteller, besteige den
Königselephanten, reite in den Elephantenwald, erspähe einen
wilden Elephanten und halt’ ihn mit der Fessel am Halse des
Königselephanten fest.‹ ›Wohl, o König!‹ sagt da, Aggivessano,
der Elephantensteller, dem Herrscher gehorchend; und er
besteigt den Königselephanten, reitet in den Elephantenwald,
erspäht einen wilden Elephanten und hält ihn mit der Fessel
am Halse des Königselephanten fest. So nun zieht ihn der
Königselephant in eine Lichtung heraus. Bis dahin aber ist,
Aggivessano, der wilde Elephant in die Lichtung gekommen.
Da verlangen sich denn, Aggivessano, wilde Elephanten nach 248
ihrem Walde zurück. Und der Elephantensteller erstattet dem
Herrscher Meldung über ihn: ›In die Lichtung gebracht hab’
ich dir, o König, den wilden Elephanten.‹ Den übergiebt nun
der Herrscher dem Elephantenbändiger: ›Geh’ hin, bester
Elephantenbändiger, und bändige den wilden Elephanten, um
ihm sein waldgewohntes Betragen eben auszutreiben, um ihm
seine waldgewohnte Sehnsucht eben auszutreiben, um ihm seine
waldgewohnte Widerspänstigkeit, Verstocktheit, Heftigkeit eben
auszutreiben; lass’ ihn in der Umgebung des Dorfes heimisch
werden, Sitten annehmen, wie sie bei Menschen beliebt sind.‹
›Wohl, o König!‹ sagt da, Aggivessano, der Elephantenbändiger,
dem Herrscher gehorchend; und er gräbt einen großen Pfahl in
die Erde ein und fesselt den wilden Elephanten mit dem Halse
daran, um ihm sein waldgewohntes Betragen eben auszutreiben,
um ihm seine waldgewohnte Sehnsucht eben auszutreiben, um
ihm seine waldgewohnte Widerspänstigkeit, Verstocktheit,
Heftigkeit eben auszutreiben; er lässt ihn in der Umgebung des
Dorfes heimisch werden, Sitten annehmen, wie sie bei Menschen
beliebt sind. Nun gebraucht der Elephantenbändiger Worte, die
sanft sind, wohlklingend, liebevoll, herzlich, höflich, wie
sie dem Volke zusagen, dem Volke behagen: mit solchen Worten
behandelt er ihn. Sobald nun, Aggivessano, der wilde Elephant
bei solcher Behandlung aufhorcht, Gehör giebt, sein Herz dem
Verständnisse zukehrt, dann lässt ihm der Elephantenbändiger
nunmehr Heu und Wasser vorsetzen. Und wenn nun, Aggivessano, 249
der wilde Elephant Heu und Wasser annimmt, so weiß der
Elephantenbändiger: ›Am Leben bleiben wird jetzt der wilde
Elephant.‹ Nun lässt ihn der Elephantenbändiger fernerhin
Uebungen ausführen, als Aufladen und Abladen. Sobald nun,
Aggivessano, der wilde Elephant dem Befehle aufzuladen und
abzuladen nachkommt, der Forderung genügeleistet, dann lässt
ihn der Elephantenbändiger fernerhin Uebungen ausführen, als
Hinschreiten und Herschreiten. Sobald nun, Aggivessano, der
wilde Elephant dem Befehle hinzuschreiten und herzuschreiten
nachkommt, der Forderung genügeleistet, dann lässt ihn der
Elephantenbändiger weitere Uebungen ausführen, als Niederknien
und Aufstehn. Sobald nun, Aggivessano, der wilde Elephant dem
Befehle niederzuknien und aufzustehn nachkommt, der Forderung
genügeleistet, dann lässt ihn der Elephantenbändiger weiterhin
die ‚Unverstörung‘ genannte Uebung durchmachen. Ein großer
Schild wird ihm vor den Rüssel gebunden, ein Mann mit einer
Lanze bewaffnet nimmt oben auf dem Nacken Platz, allenthalben
sind Männer mit Lanzen in der Hand im Umkreise aufgestellt,
und der Elephantenbändiger hat einen langen Speer genommen und
steht voran. Während ihm nun Unverstörte Uebung angewöhnt wird,
darf er weder die Vorderfüße bewegen noch die Hinterfüße, darf
er weder den Vorderleib bewegen noch den Hinterleib, darf er
nicht das Haupt bewegen, nicht die Ohren bewegen, nicht die
Hauer bewegen, nicht Schwanz und nicht Rüssel bewegen. So wird
er ein Königselephant und erträgt geduldig stechende Spitzen,
schneidende Schwerdter, reißende Pfeile, feindlichen Ansturm, 250
Trommelwirbel und Paukenschlag, Trompeten- und Fanfarenstöße,
ist gänzlich von Tücke und Untugend entledigt, entwöhnt worden
von Unart: königswürdig, königstauglich wird er eben als
›Königsgut‹ bezeichnet:
»Ebenso nun auch, Aggivessano, erscheint da der Vollendete
in der Welt, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens-
und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der
unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der
Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese
Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit
ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen,
nachdem er sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er
verkündet die Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte
begütigt, deren Ende begütigt, die sinn- und wortgetreue, er
legt das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum dar. Diese
Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines Hausvaters, oder
einer, der in anderem Stande neugeboren ward. Nachdem er
diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum Vollendeten.
Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er also:
›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel; der
freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es, wenn
man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig geklärte
Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn ich nun, mit
geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus
dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und nach einiger
Zeit verlässt er einen kleinen Besitz oder er verlässt einen
großen Besitz, verlässt er einen kleinen Verwandtenkreis oder
er verlässt einen großen Verwandtenkreis, scheert sich Haar und
Bart, legt die fahlen Gewänder an und zieht aus dem Hause in
die Hauslosigkeit hinaus. Bis dahin aber ist, Aggivessano, der 251
heilige Jünger in die Lichtung gekommen.
»Da verlangen sich denn, Aggivessano, Götter und Menschen nach
den fünf Begehrungen zurück.