sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge mehren
und die heilsamen Dinge sich mindern? Da ist einer, o Herr,
lüstern und lässt seinen Verstand von Lüsternheit bewogen sein,
ist gehässig und lässt seinen Verstand von Gehässigkeit bewogen
sein, ist rachgierig und lässt seinen Verstand von Rachgier
bewogen sein. Das ist, o Herr, ein Verständniss erlangen, wobei
sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge mehren
und die heilsamen Dinge sich mindern.
»Was ist es aber, o Herr, für ein Verständniss erlangen,
wobei sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen
Dinge mindern und die heilsamen Dinge sich mehren? Da ist
einer, o Herr, nicht lüstern und lässt seinen Verstand nicht
von Lüsternheit bewogen sein, ist nicht gehässig und lässt
seinen Verstand nicht von Gehässigkeit bewogen sein, ist
nicht rachgierig und lässt seinen Verstand nicht von Rachgier
bewogen sein. Das ist, o Herr, ein Verständniss erlangen, 145
wobei sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge
mindern und die heilsamen Dinge sich mehren. -- ›Verständniss
erlangen, sag’ ich da, Mönche, ist von doppelter Art, als zu
betreiben, als nicht zu betreiben: und es ist entgegengesetztes
Verständniss erlangen‹: wurde das vom Erhabenen gesagt, so war
es darum gesagt.
»›Erkenntniss erlangen, sag’ ich da, Mönche, ist von doppelter
Art, als zu betreiben, als nicht zu betreiben: und es ist
entgegengesetzte Erkenntniss erlangen‹: das ist da wohl vom
Erhabenen gesagt worden; und warum ist es gesagt worden? Eine
Erkenntniss erlangen, o Herr, wobei sich einem, indem man es
betreibt, die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen Dinge
sich mindern, eine solche Erkenntniss erlangen ist nicht zu
betreiben. Eine Erkenntniss erlangen aber, o Herr, wobei sich
einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge mindern
und die heilsamen Dinge sich mehren, eine solche Erkenntniss
erlangen ist zu betreiben.
»Was ist das nun, o Herr, für eine Erkenntniss erlangen, wobei
sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge mehren
und die heilsamen Dinge sich mindern? Da hat einer, o Herr,
diese Erkenntniss: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden --
es ist alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und
böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und
Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat
keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind,
die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen,
anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Das ist, o Herr, 146
eine Erkenntniss erlangen, wobei sich einem, indem man es
betreibt, die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen Dinge
sich mindern.
»Was ist es aber, o Herr, für eine Erkenntniss erlangen, wobei
sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge
mindern und die heilsamen Dinge sich mehren? Da hat einer,
o Herr, diese Erkenntniss: ›Almosengeben, Verzichtleisten,
Spenden ist kein Unsinn[63]; es giebt eine Saat und Ernte guter
und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits
ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es;
die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet
sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich
machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Das ist, o
Herr, eine Erkenntniss erlangen, wobei sich einem, indem man es
betreibt, die unheilsamen Dinge mindern und die heilsamen Dinge
sich mehren. -- ›Erkenntniss erlangen, sag’ ich da, Mönche, ist
von doppelter Art, als zu betreiben, als nicht zu betreiben:
und es ist entgegengesetzte Erkenntniss erlangen‹: wurde das
vom Erhabenen gesagt, so war es darum gesagt.
»›Eigenschaft erlangen, sag’ ich da, Mönche, ist von doppelter
Art, als zu betreiben, als nicht zu betreiben: und es ist
entgegengesetzte Eigenschaft erlangen‹: das ist da wohl vom
Erhabenen gesagt worden; und warum ist es gesagt worden? Eine
Eigenschaft erlangen, o Herr, wobei sich einem, indem man es
betreibt, die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen Dinge
sich mindern, eine solche Eigenschaft erlangen ist nicht zu
betreiben. Eine Eigenschaft erlangen aber, o Herr, wobei sich
einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge mindern
und die heilsamen Dinge sich mehren, eine solche Eigenschaft
erlangen ist zu betreiben.
»Was ist das nun, o Herr, für eine Eigenschaft erlangen, wobei
sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge
mehren und die heilsamen Dinge sich mindern? Während einer, o 147
Herr, beschwerhafte Eigenschaft erlangen zu können bemüht ist,
mehren sich ihm in seiner Bedürftigkeit die unheilsamen Dinge
und mindern sich die heilsamen Dinge. Das ist, o Herr, eine
Eigenschaft erlangen, wobei sich einem, indem man es betreibt,
die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen Dinge sich
mindern.[64]
»Was ist es aber, o Herr, für eine Eigenschaft erlangen,
wobei sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge
mindern und die heilsamen Dinge sich mehren? Während einer, o
Herr, unbeschwerhafte Eigenschaft erlangen zu können bemüht
ist, mindern sich ihm in seiner Unbedürftigkeit die unheilsamen
Dinge und mehren sich die heilsamen Dinge. Das ist, o Herr,
eine Eigenschaft erlangen, wobei sich einem, indem man es
betreibt, die unheilsamen Dinge mindern und die heilsamen Dinge
sich mehren. -- ›Eigenschaft erlangen, sag’ ich da, Mönche, ist
von doppelter Art, als zu betreiben, als nicht zu betreiben:
und es ist entgegengesetzte Eigenschaft erlangen‹: wurde das
vom Erhabenen gesagt, so war es darum gesagt. Was da, o Herr,
der Erhabene in Kürze gesagt, nicht ausführlich dargestellt
hat, scheint mir, ausgeführt, dies zu bedeuten.«
»Gut, gut, Sāriputto, gut hast du, Sāriputto, den kurzgefassten,
nicht ausgeführten Sinn meiner Rede also ausführlich
verstanden. Denn was ich, Sāriputto, in Kürze gesagt habe,
hat man also dem Inhalte nach ausführlich zu betrachten. -- 150
Durch das Auge wahrnehmbare Form, durch das Ohr wahrnehmbarer
Ton, durch die Nase wahrnehmbarer Duft, durch die Zunge
wahrnehmbarer Saft, durch den Leib wahrnehmbare Tastung, durch
das Denken wahrnehmbares Ding, sag’ ich da, Sāriputto, ist von
doppelter Art, als zu betreiben, als nicht zu betreiben.«[65]
Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto also an
den Erhabenen:
»Was da, o Herr, der Erhabene in Kürze gesagt, nicht
ausführlich dargestellt hat, scheint mir, ausgeführt, dies zu
bedeuten: ›Durch das Auge wahrnehmbare Form, durch das Ohr
wahrnehmbarer Ton, durch die Nase wahrnehmbarer Duft, durch
die Zunge wahrnehmbarer Saft, durch den Leib wahrnehmbare
Tastung, durch das Denken wahrnehmbares Ding, sag’ ich da,
Sāriputto, ist von doppelter Art, als zu betreiben, als nicht
zu betreiben‹: das ist da wohl vom Erhabenen gesagt worden; und
warum ist es gesagt worden? Eine durch das Auge wahrnehmbare
Form, o Herr, ein durch das Ohr wahrnehmbarer Ton, ein durch
die Nase wahrnehmbarer Duft, ein durch die Zunge wahrnehmbarer
Saft, eine durch den Leib wahrnehmbare Tastung, ein durch
das Denken wahrnehmbares Ding, wobei sich einem, indem man
es betreibt, die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen
Dinge sich mindern, dergleichen ist nicht zu betreiben. Eine
durch das Auge wahrnehmbare Form aber, o Herr, ein durch das 151
Ohr wahrnehmbarer Ton, ein durch die Nase wahrnehmbarer Duft,
ein durch die Zunge wahrnehmbarer Saft, eine durch den Leib
wahrnehmbare Tastung, ein durch das Denken wahrnehmbares Ding,
wobei sich einem, indem man es betreibt, die unheilsamen Dinge
mindern und die heilsamen Dinge sich mehren, dergleichen ist
zu betreiben. -- ›Durch das Auge wahrnehmbare Form, durch das
Ohr wahrnehmbarer Ton, durch die Nase wahrnehmbarer Duft, durch
die Zunge wahrnehmbarer Saft, durch den Leib wahrnehmbare
Tastung, durch das Denken wahrnehmbares Ding, sag’ ich da,
Sāriputto, ist von doppelter Art, als zu betreiben, als nicht
zu betreiben‹: wurde das vom Erhabenen gesagt, so war es darum
gesagt. Was da, o Herr, der Erhabene in Kürze gesagt, nicht
ausführlich dargestellt hat, scheint mir, ausgeführt, dies zu
bedeuten.«
»Gut, gut, Sāriputto, gut hast du, Sāriputto, den kurzgefassten,
nicht ausgeführten Sinn meiner Rede also ausführlich
verstanden. Denn was ich, Sāriputto, in Kürze gesagt habe, 152
hat man also dem Inhalte nach ausführlich zu betrachten. --
Die Kleidung, die Almosenbissen, der Aufenthalt, ein Dorf,
eine Burg, eine Stadt, ein Land, eine Person, sag’ ich da,
Sāriputto, ist von doppelter Art, als zu betreiben, als nicht
zu betreiben.«
Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Sāriputto also an
den Erhabenen:
»Was da, o Herr, der Erhabene in Kürze gesagt, nicht
ausführlich dargestellt hat, scheint mir, ausgeführt, dies zu
bedeuten: ›Die Kleidung, die Almosenbissen, der Aufenthalt,
ein Dorf, eine Burg, eine Stadt, ein Land, eine Person, sag’
ich da, Sāriputto, ist von doppelter Art, als zu betreiben,
als nicht zu betreiben‹: das ist da wohl vom Erhabenen gesagt
worden; und warum ist es gesagt worden? Eine Kleidung, o Herr, 154
Almosenbissen, Aufenthalt, ein Dorf, eine Burg, eine Stadt,
ein Land, eine Person, wobei sich einem, indem man Umgang
betreibt, die unheilsamen Dinge mehren und die heilsamen Dinge
sich mindern, dergleichen Umgang ist nicht zu betreiben. Eine
Kleidung aber, o Herr, Almosenbissen, Aufenthalt, ein Dorf,
eine Burg, eine Stadt, ein Land, eine Person, wobei sich einem,
indem man Umgang betreibt, die unheilsamen Dinge mindern und
die heilsamen Dinge sich mehren, dergleichen Umgang ist zu
betreiben. -- ›Die Kleidung, die Almosenbissen, der Aufenthalt,
ein Dorf, eine Burg, eine Stadt, ein Land, eine Person, sag’
ich da, Sāriputto, ist von doppelter Art, als zu betreiben,
als nicht zu betreiben‹: wurde das vom Erhabenen gesagt, so war
es darum gesagt. Was da, o Herr, der Erhabene in Kürze gesagt,
nicht ausführlich dargestellt hat, scheint mir, ausgeführt,
dies zu bedeuten.«
»Gut, gut, Sāriputto, gut hast du, Sāriputto, den kurzgefassten,
nicht ausgeführten Sinn meiner Rede also ausführlich
verstanden. Denn was ich, Sāriputto, in Kürze gesagt habe,
hat man also dem Inhalte nach ausführlich zu betrachten. 156
-- Wenn auch alle, Sāriputto, der Fürsten den Sinn meiner
kurzgefassten Rede also ausführlich verständen, so gereicht’ es
auch allen den Fürsten lange zum Wohle, zum Heile. Wenn auch
alle, Sāriputto, der Priester den Sinn meiner kurzgefassten
Rede also ausführlich verständen, so gereicht’ es auch allen
den Priestern lange zum Wohle, zum Heile. Wenn auch alle,
Sāriputto, der Bürger den Sinn meiner kurzgefassten Rede also
ausführlich verständen, so gereicht’ es auch allen den Bürgern
lange zum Wohle, zum Heile. Wenn auch alle, Sāriputto, der
Diener den Sinn meiner kurzgefassten Rede also ausführlich
verständen, so gereicht’ es auch allen den Dienern lange zum
Wohle, zum Heile. Wenn auch die Welt, Sāriputto, mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen den Sinn meiner
kurzgefassten Rede also ausführlich verstände, so gereicht’
es auch der Welt mit ihren Göttern, ihren bösen und heiligen
Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern
und Menschen lange zum Wohle, zum Heile.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Sāriputto über das Wort des Erhabenen.[66]
115.
Zwölfter Theil Fünfte Rede
VIEL DER ARTUNGEN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 157
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Jede Furcht, ihr Mönche, die da irgend ausbricht, bricht
einzig vom Thoren aus und nicht vom Weisen, jede Angst, die
da irgend ausbricht, bricht einzig vom Thoren aus und nicht
vom Weisen, jeder Schreck, der da irgend ausbricht, bricht
einzig vom Thoren aus und nicht vom Weisen. Gleichwie etwa,
ihr Mönche, vom Rohrdach oder vom Strohdach eines Hauses Feuer
entflackert und schon den Giebel ergreift und Wand und Mauer
und Thürbalken und Fenstersparren: ebenso nun auch, ihr Mönche,
bricht jede Furcht, die da irgend ausbricht, einzig vom Thoren
aus und nicht vom Weisen, bricht jede Angst, die da irgend
ausbricht, einzig vom Thoren aus und nicht vom Weisen, bricht
jeder Schreck, der da irgend ausbricht, einzig vom Thoren aus
und nicht vom Weisen. So ist denn, ihr Mönche, furchtsam der
Thor, furchtlos der Weise, ängstlich der Thor, angstlos der
Weise, schreckhaft der Thor, schrecklos der Weise. Nicht kann,
ihr Mönche, vom Weisen Furcht ausgehn, nicht kann vom Weisen
Angst ausgehn, nicht kann vom Weisen Schreck ausgehn. Darum
also, ihr Mönche: ›Weise wollen wir sein und Forscher‹: so habt
ihr, Mönche, euch wohl zu üben.«[67]
Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Ānando also an 158
den Erhabenen:
»Inwiefern aber kann man, o Herr, als Weisen einen Mönch und
Forscher bezeichnen?«
»Sobald sich, Ānando, ein Mönch der Artungen kundig erweist,
der Gebiete kundig erweist, der bedingten Entstehung kundig
erweist, des Möglichen und Unmöglichen kundig erweist, kann
man insofern, Ānando, als Weisen einen Mönch und Forscher
bezeichnen.«
»Und inwiefern kann man, o Herr, als der Artungen kundig einen
Mönch bezeichnen?«
»Achtzehn sind es, Ānando, der Artungen: Art des Auges, Art
der Form, Art des Sehbewusstseins; Art des Ohres, Art des
Tones, Art des Hörbewusstseins; Art der Nase, Art des Duftes,
Art des Riechbewusstseins; Art der Zunge, Art des Saftes, Art
des Schmeckbewusstseins; Art des Leibes, Art der Tastung, Art
des Tastbewusstseins; Art des Denkens, Art des Dinges, Art des
Denkbewusstseins. Das sind, Ānando, achtzehn Artungen. Um deren
Kenntniss und Verständniss kann man wohl insofern, Ānando, als
der Artungen kundig einen Mönch bezeichnen.«
»Giebt es aber, o Herr, noch eine andere Weise, wie man als
der Artungen kundig einen Mönch bezeichnen kann?«
»Freilich, Ānando. Sechs sind es, Ānando, der Artungen: Art der
Erde, Art des Wassers, Art des Feuers, Art der Luft, Art des
Raumes, Art des Bewusstseins. Das sind, Ānando, sechs Artungen.
Um deren Kenntniss und Verständniss kann man auch insofern,
Ānando, als der Artungen kundig einen Mönch bezeichnen.«
»Giebt es aber, o Herr, noch eine andere Weise, wie man als der
Artungen kundig einen Mönch bezeichnen kann?«
»Freilich, Ānando. Sechs sind es, Ānando, der Artungen: Art der
Freude, Art des Leides, Art des Frohsinns, Art des Trübsinns,
Art des Gleichmuths, Art des Unwissens. Das sind, Ānando,
sechs Artungen. Um deren Kenntniss und Verständniss kann man 159
auch insofern, Ānando, als der Artungen kundig einen Mönch
bezeichnen.«
»Giebt es aber, o Herr, noch eine andere Weise, wie man als der
Artungen kundig einen Mönch bezeichnen kann?«
»Freilich, Ānando. Sechs sind es, Ānando, der Artungen: Art der
Begehrung, Art der Entsagung, Art des Verabscheuens, Art des
Geduldens, Art des Ingrimms, Art der Milde. Das sind, Ānando,
sechs Artungen. Um deren Kenntniss und Verständniss kann man
auch insofern, Ānando, als der Artungen kundig einen Mönch
bezeichnen.«
»Giebt es aber, o Herr, noch eine andere Weise, wie man als der
Artungen kundig einen Mönch bezeichnen kann?«
»Freilich, Ānando. Drei sind es, Ānando, der Artungen:
geschlechtliche Art, formhafte Art, formlose Art. Das sind,
Ānando, drei Artungen. Um deren Kenntniss und Verständniss kann
man auch insofern, Ānando, als der Artungen kundig einen Mönch
bezeichnen.«[68]
»Giebt es aber, o Herr, noch eine andere Weise, wie man als der
Artungen kundig einen Mönch bezeichnen kann?«
»Freilich, Ānando. Zwei sind es, Ānando, der Artungen:
zusammengesetzte Art und nicht zusammengesetzte Art. Das sind,
Ānando, zwei Artungen. Um deren Kenntniss und Verständniss kann
man auch insofern, Ānando, als der Artungen kundig einen Mönch
bezeichnen.«
»Inwiefern aber kann man, o Herr, als der Gebiete kundig einen
Mönch bezeichnen?«
»Sechs sind es wieder, Ānando, der Innen- und Außengebiete: das
Auge und die Formen, das Ohr und die Töne, die Nase und die
Düfte, die Zunge und die Säfte, der Leib und die Tastungen,
das Denken und die Dinge. Das sind, Ānando, die sechs Innen-
und Außengebiete. Um deren Kenntniss und Verständniss kann man
wieder insofern, Ānando, als der Gebiete kundig einen Mönch
bezeichnen.«[69]
»Und inwiefern kann man, o Herr, als der bedingten Entstehung
kundig einen Mönch bezeichnen?«
»Da hat, Ānando, ein Mönch diese Kenntniss: ›Wenn Jenes ist 160
wird Dieses, durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses;
wenn Jenes nicht ist wird Dieses nicht, durch die Auflösung von
Jenem wird Dieses aufgelöst. Und zwar: aus Unwissen entstehn
Unterscheidungen, aus Unterscheidungen entsteht Bewusstsein,
aus Bewusstsein entsteht Bild und Begriff[70], aus Bild und
Begriff entsteht sechsfaches Gebiet, aus sechsfachem Gebiet
entsteht Berührung, aus Berührung entsteht Gefühl, aus Gefühl
entsteht Durst, aus Durst entsteht Anhangen, aus Anhangen
entsteht Werden, aus Werden entsteht Geburt, aus Geburt gehn
Altern und Sterben, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsinn,
Verzweiflung hervor: also kommt dieses gesammten Leidensstückes
Entwicklung zustande. Ist aber eben Unwissen ohne Reiz, ohne
Ueberrest aufgelöst lösen sich Unterscheidungen auf, sind
Unterscheidungen aufgelöst löst sich Bewusstsein auf, ist
Bewusstsein aufgelöst löst sich Bild und Begriff auf, ist
Bild und Begriff aufgelöst löst sich sechsfaches Gebiet auf,
ist sechsfaches Gebiet aufgelöst löst sich Berührung auf, ist
Berührung aufgelöst löst sich Gefühl auf, ist Gefühl aufgelöst
löst sich Durst auf, ist Durst aufgelöst löst sich Anhangen
auf, ist Anhangen aufgelöst löst sich Werden auf, ist Werden
aufgelöst löst sich Geburt auf, ist Geburt aufgelöst lösen
sich Altern und Sterben, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsinn,
Verzweiflung auf: also kommt dieses gesammten Leidensstückes
Auflösung zustande.‹ Insofern kann man, Ānando, als der
bedingten Entstehung kundig einen Mönch bezeichnen.«
»Und inwiefern kann man, o Herr, als des Möglichen und
Unmöglichen kundig einen Mönch bezeichnen?«
»Da weiß, Ānando, ein Mönch: ›Unmöglich ist es und kann
nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch irgend eine 161
Unterscheidung als unvergänglich angehn mag: ein solcher
Fall kommt nicht vor‹[71]; er weiß: ›Möglich aber ist es
wohl, dass der gemeine Mensch irgend eine Unterscheidung
als unvergänglich angehn mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein
erkenntnissbegabter Mensch irgend eine Unterscheidung als
erfreulich angehn mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹[72];
er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch
irgend eine Unterscheidung als erfreulich angehn mag: ein
solcher Fall kommt vor.‹ Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann
nicht sein, dass ein erkenntnissbegabter Mensch irgend ein Ding
als eigen angehn mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹[73]; er
weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch irgend
ein Ding als eigen angehn mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
* * * * *
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein
erkenntnissbegabter Mensch die Mutter oder den Vater des Lebens
berauben mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß:
›Möglich aber ist es wohl, dass der gemeine Mensch die Mutter
oder den Vater des Lebens berauben mag: ein solcher Fall kommt
vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein
erkenntnissbegabter Mensch einen Heiligen des Lebens berauben
oder in übler Absicht das Blut eines Vollendeten vergießen
mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber
ist es wohl, dass der gemeine Mensch einen Heiligen des Lebens
berauben oder in übler Absicht das Blut eines Vollendeten
vergießen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass ein 162
erkenntnissbegabter Mensch unter den Brüdern Zwietracht
anstiften oder einen anderen Meister erwählen mag: ein solcher
Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass
der gemeine Mensch unter den Brüdern Zwietracht anstiften oder
einen anderen Meister erwählen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass in ein
und derselben Weltordnung zwei Heilige, vollkommen Erwachte
zugleich auftreten mögen: ein solcher Fall kommt nicht vor‹;
er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass in ein und derselben
Weltordnung ein Heiliger, vollkommen Erwachter auftreten mag:
ein solcher Fall kommt vor.‹
* * * * *
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass in ein
und derselben Weltordnung zwei Könige als Erderoberer zugleich
auftreten mögen[74]: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er
weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass in ein und derselben
Weltordnung ein König als Erderoberer auftreten mag: ein
solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass das
Weib einen Heiligen, vollkommen Erwachten oder einen König
Erderoberer darstellen mag: ein solcher Fall kommt nicht
vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der Mann einen
Heiligen, vollkommen Erwachten oder einen König Erderoberer
darstellen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass das
Weib Herrschaft über den Himmel, Herrschaft über die Natur,
Herrschaft über die Geister erlangen mag[75]: ein solcher Fall
kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass der 163
Mann Herrschaft über den Himmel, Herrschaft über die Natur,
Herrschaft über die Geister erlangen mag: ein solcher Fall
kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass aus
schlechtem Wandel in Werken, Worten oder Gedanken eine
ersehnte, erwünschte, erfreuliche Ernte hervorgehen mag: ein
solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist
es wohl, dass aus schlechtem Wandel in Werken, Worten oder
Gedanken eine unersehnte, unerwünschte, unerfreuliche Ernte
hervorgehen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
* * * * *
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass aus
gutem Wandel in Werken, Worten oder Gedanken eine unersehnte,
unerwünschte, unerfreuliche Ernte hervorgehen mag: ein solcher
Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist es wohl, dass
aus gutem Wandel in Werken, Worten oder Gedanken eine ersehnte,
erwünschte, erfreuliche Ernte hervorgehen mag: ein solcher Fall
kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass wer
schlechten Wandel in Werken, Worten oder Gedanken angenommen
eben daher, eben darum bei der Auflösung des Körpers, nach
dem Tode, auf gute Fährte, in himmlische Welt gerathen mag:
ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß: ›Möglich aber ist
es wohl, dass wer schlechten Wandel in Werken, Worten oder
Gedanken angenommen eben daher, eben darum bei der Auflösung 164
des Körpers, nach dem Tode, auf den Abweg, auf schlechte
Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt gerathen mag: ein
solcher Fall kommt vor.‹
»Er weiß: ›Unmöglich ist es und kann nicht sein, dass wer guten
Wandel in Werken, Worten oder Gedanken angenommen eben daher,
eben darum bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Verderbniss, in höllische
Welt gerathen mag: ein solcher Fall kommt nicht vor‹; er weiß:
›Möglich aber ist es wohl, dass wer guten Wandel in Werken,
Worten oder Gedanken angenommen eben daher, eben darum bei
der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in
himmlische Welt gerathen mag: ein solcher Fall kommt vor.‹
»Insofern kann man, Ānando, als des Möglichen und Unmöglichen
kundig einen Mönch bezeichnen.«
* * * * *
Nach dieser Rede wandte sich der ehrwürdige Ānando also an den 165
Erhabenen:
»Erstaunlich, o Herr, außerordentlich, o Herr! Welchen Namen, o
Herr, soll diese Darstellung führen?«