Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, zehn huldreiche
Eigenschaften angegeben worden; bei wem von uns diese sich
finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch,
achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan: was für zehn
Eigenschaften? Da ist, Priester, ein Mönch tugendhaft, in
reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel
und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er
beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Viel hat er gehört,
ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre[35]; und
was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende
begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte,
geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er,
beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat
es von Grund aus verstanden. Zufrieden ist er mit Mantel und
Schaale, Obdach und Arzenei für den Fall einer Krankheit.
Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben
besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle
und Weite. Er mag auf manigfaltige Weise Machtentfaltung
an sich erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden,
und vielfach geworden wieder einer zu sein, und so weiter,
sogar bis zu den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt 91
zu haben. Mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über
menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er beide Arten der
Töne hören, die himmlischen und die irdischen, die fernen und
die nahen.[36] Der anderen Wesen, der anderen Personen Herz
kann er im Herzen schauen und erkennen, das begehrliche Herz
als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das
gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos,
das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos,
das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz
als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und
das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz
als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz
als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste
Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.[37]
An manche verschiedene frühere Daseinsform erinnert er sich:
als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei 92
Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn
Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an
vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben,
dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an
die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die
Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten
während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen; ›Dort
war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an,
das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe
ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat
ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen
hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand,
dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so
war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins
Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren
Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je
den eigenartigen Beziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem
geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sieht
er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er
erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan,
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt‹: so sieht er mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennt wie
die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.[38] Er hat den Wahn
versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch
bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.
-- Das sind, Priester, zehn huldreiche Eigenschaften, die Er,
der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen
Erwachte angegeben hat; bei wem von uns diese sich finden, den
halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren
ihn, sind ihm also zugethan.«
Nach dieser Rede wandte sich Vassakāro der Priester, der
Māgadher Marschall, an Upanando den Feldherrn und sagte:
»Was meinst du wohl, Feldherr: ob da nun diese Würdigen den 93
werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der
hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren,
der zu ehren ist?«
»Will’s meinen, dass diese Würdigen den werthhalten, der
werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist,
den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist:
denn so diese Würdigen einen solchen nicht werthhielten,
hochschätzten, achteten und ehrten, wen doch sollten sie dann
werthhalten, hochschätzen, achten und ehren und ihm also
zugethan sein?«
Und nun wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher
Marschall, also an den ehrwürdigen Ānando:
»Wo hat wohl Herr Ānando gegenwärtig seinen Aufenthalt?«
»Im Bambusparke, Priester, hab’ ich gegenwärtig meinen
Aufenthalt.«
»Und kann einem auch, Herr Ānando, der Bambuspark schon
gefallen, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag?«
»Will’s meinen, Priester, dass einem der Bambuspark schon
gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das
eueren Feldhütern und Hirten eignet.«
»Will’s meinen, Herr Ānando, dass einem der Bambuspark schon
gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten
gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie
das euch Schauung liebenden und Schauung übenden eignet: denn
Schauung ja liebt ihr und Schauung übt ihr. -- Eines Tages,
Herr Ānando, weilte Er, der Herr Gotamo, dort bei Vesālī, im
Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Und ich begab mich,
Herr Ānando, nach dem Großen Walde, zur Halle der Einsiedelei,
dorthin wo ich den Herrn Gotamo antraf. Da führte nun Er, der
Herr Gotamo, auf mancherlei Weise Gespräche über die Schauung:
denn Schauung ja liebte Er, der Herr Gotamo, und Schauung übte 94
Er, und eben alle Schauung pflegte Er, der Herr Gotamo, zu
preisen.«
»Nicht hat, Priester, Er, der Erhabene, alle Schauung
gepriesen, und nicht hat Er, der Erhabene, alle Schauung
verwiesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der
Erhabene, nicht gepriesen? Da hat einer, Priester, sein Gemüth
von Wunschbegier umspinnen, von Wunschbegier umziehen lassen;
und wie man der aufgestiegenen Wunschbegier entgehn könne,
daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die
Wunschbegier zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut
her und schaut um. Er hat sein Gemüth von Gehässigkeit
umspinnen, von Gehässigkeit umziehen lassen; und wie man der
aufgestiegenen Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er
nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Gehässigkeit zum
Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um.
Er hat sein Gemüth von matter Müde umspinnen, von matter Müde
umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen matten Müde
entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht
vielmehr die matte Müde zum Wesen und schaut und schaut hin
und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von stolzem
Unmuth umspinnen, von stolzem Unmuth umziehen lassen; und
wie man dem aufgestiegenen stolzen Unmuth entgehn könne,
daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den
stolzen Unmuth zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut
her und schaut um. Er hat sein Gemüth von sorgendem Zweifel
umspinnen, von sorgendem Zweifel umziehen lassen; und wie man
dem aufgestiegenen sorgenden Zweifel entgehn könne, daran denkt
er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den sorgenden
Zweifel zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und
schaut um. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, 95
nicht gepriesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er,
der Erhabene, gepriesen? Da weilt, Priester, ein Mönch, gar
fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens
erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes,
die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene
sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer
Ruhe weilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein
Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Solche
Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen.«
»Verweisliche Schauung hat also, Herr Ānando, Er, der Herr
Gotamo, verwiesen, preisliche gepriesen. -- Wohlan denn, Herr
Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen[39]: manche Pflicht wartet
unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, Priester, belieben mag.«
* * * * *
Und Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, durch des
ehrwürdigen Ānando Rede erfreut und befriedigt, stand von
seinem Sitze auf und entfernte sich. Da wandte sich denn Meier
Moggallāno der Priester, bald nachdem Vassakāro der Priester,
der Māgadher Marschall, gegangen, also an den ehrwürdigen
Ānando:
»Was wir aber Herrn Ānando gefragt hatten, das hat uns Herr
Ānando nicht zu Ende erklärt.«
»Haben wir denn, Priester, dir nicht gesagt: ›Nicht giebt es,
Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den
Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der
Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene,
ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges
Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser,
der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie 96
jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen‹.«[40]
109.
Elfter Theil Neunte Rede
VOLLMOND
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 97
Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.
Um diese Zeit nun hatte der Erhabene -- es war ein Feiertag, im
halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht -- inmitten
der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen.
Da stand nun einer der Mönche auf, schlug den Mantel um die
eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig vor dem Erhabenen und
sprach also:
»Darf ich, o Herr, den Erhabenen über irgend etwas befragen,
wenn mir der Erhabene der Frage Beantwortung gewähren will?«
»Wohlan denn, o Mönch, setze dich auf deinen Platz und frage
nach Belieben.«
Und jener Mönch setzte sich auf seinen Platz und sprach also
zum Erhabenen:
»Sind das, o Herr, die fünf Stücke des Anhangens, als da ist
ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl,
ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an
der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am Bewusstsein?«
»Das sind, Mönch, die fünf Stücke des Anhangens.«
»Gut, o Herr!« sagte da jener Mönch, erfreut und befriedigt
durch des Erhabenen Rede, und stellte nun eine fernere Frage:
»Und diese fünf Stücke des Anhangens, o Herr, wo wurzeln die?«
»Diese fünf Stücke des Anhangens, Mönch, wurzeln im Willen.«
»Ist nun, o Herr, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens 98
ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer den fünf
Stücken des Anhangens?«
»Nicht ist, Mönch, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens
ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer den fünf
Stücken des Anhangens: was da, Mönch, bei den fünf Stücken des
Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei Anhangen.«
»Und kann, o Herr, bei den fünf Stücken des Anhangens eine
Verschiedenheit des Willensreizes bestehn?«
»Kann sein, Mönch«, sagte der Erhabene. »Da hat einer, Mönch,
den Wunsch: ›So sei meine künftige Form, so sei mein künftiges
Gefühl, so sei meine künftige Wahrnehmung, so sei meine
künftige Unterscheidung, so sei mein künftiges Bewusstsein.‹
So kann, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens eine
Verschiedenheit des Willensreizes bestehn.«
»Inwiefern aber, o Herr, kommt den Stücken die Bezeichnung
Stücke zu?«
»Was es auch, Mönch, an Form giebt, vergangene, zukünftige,
gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine
oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Form; was es auch an
Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes
oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes
oder nahes, ist ein Stück Gefühl; was es auch an Wahrnehmung
giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder
fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe,
ist ein Stück Wahrnehmung; was es auch an Unterscheidungen
giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder
fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe,
ist ein Stück Unterscheidung; was es auch an Bewusstsein giebt,
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist
ein Stück Bewusstsein. Insofern, Mönch, kommt den Stücken die
Bezeichnung Stücke zu.«
»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass ein
Stück Form erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der
Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, was ist der
Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen
kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück
Unterscheidung erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der 99
Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann?«
»Die vier Hauptstoffe, Mönch, sind der Anlass, die vier
Hauptstoffe sind der Grund, dass ein Stück Form erscheinen
kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass
ein Stück Gefühl erscheinen kann, Berührung ist der Anlass,
Berührung ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen
kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass
ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, Bild und Begriff ist,
Mönch, der Anlass, Bild und Begriff ist der Grund, dass ein
Stück Bewusstsein erscheinen kann.«
»Wie aber kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit
aufkommen?«
»Da hat einer, Mönch, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher
Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig,
der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der
Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich
und betrachtet die Form als sich selbst, oder sich selbst
als formähnlich, oder in sich selbst die Form, oder in der
Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich selbst, oder
sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich selbst diese,
oder in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an
Persönlichkeit aufkommen.«
»Und wie kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit nicht
aufkommen?«
»Da hat einer, Mönch, als erfahrener heiliger Jünger das
Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen 100
Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der Lehre
der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und
betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst
als formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der
Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst,
noch sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese,
noch in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an
Persönlichkeit nicht aufkommen.«
»Was ist nun, o Herr, bei der Form Labsal, was Elend, und was
Ueberwindung? Was ist beim Gefühl, bei der Wahrnehmung, bei den
Unterscheidungen, beim Bewusstsein Labsal, was Elend, und was
Ueberwindung?«
»Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes der Form gemäß geht,
ist bei der Form Labsal; was als Form vergänglich ist, wehe,
wandelbar, ist bei der Form Elend; was bei der Form Verneinung
des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist bei
der Form Ueberwindung. Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes
dem Gefühle, der Wahrnehmung, den Unterscheidungen, dem 101
Bewusstsein gemäß geht, ist dabei Labsal; was als Gefühl,
als Wahrnehmung, als Unterscheidung, als Bewusstsein
vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist dabei Elend; was beim
Gefühle, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim
Bewusstsein Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des
Willensreizes, ist dabei Ueberwindung.«
»Wie aber können, o Herr, einen Wissenden, wie einen Sehenden,
bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein
behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit
Dünkelanwandlungen nicht ankommen?«
»Was es auch, Mönch, für eine Form sei, vergangene, zukünftige,
gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine
oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß,
mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
für ein Gefühl, was es auch für eine Wahrnehmung, was es auch
für eine Unterscheidung, was es auch für ein Bewusstsein sei,
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes:
alles Gefühl, alle Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles 102
Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit
also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst.‹ So können, Mönch, einen Wissenden, so
einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit
Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit
Dünkelanwandlungen nicht ankommen.«
* * * * *
Da stieg nun einem der Mönche folgender Gedanke im Geiste
auf: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne
Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne
Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane
Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹ Und der Erhabene,
den Gedanken jenes Mönches im Geiste geistig gewahrend, wandte
sich an die Mönche:
»Es mag wohl sein, ihr Mönche, dass da irgend ein eitler Mensch
aus Unwissen, in Unwissenheit gerathen, vom Durst im Geiste
überwältigt, die Weisung des Meisters überbieten zu müssen
vermeine: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl
ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung
ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst
gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹, fragt er.
Unterwiesen seid ihr, Mönche, von mir bei solchen und ähnlichen
Fragen. Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Form unvergänglich
oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Gefühl, die Wahrnehmung,
die Unterscheidung, das Bewusstsein unvergänglich oder 103
vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Darum also, ihr Mönche: was es auch für eine Form sei,
vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde,
grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle
Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also
anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist
nicht mein Selbst.‹ Was es auch für ein Gefühl, was es auch
für eine Wahrnehmung, was es auch für eine Unterscheidung, was
es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges,
gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines,
gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles Gefühl, alle
Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles Bewusstsein ist, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst.‹ In solchem Anblick, ihr Mönche, wird der erfahrene
heilige Jünger der Form überdrüssig und wird des Gefühles
überdrüssig und wird der Wahrnehmung überdrüssig und wird
der Unterscheidungen überdrüssig und wird des Bewusstseins
überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab. Abgewandt löst
er sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss
geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.
Während aber diese Darlegung stattgefunden, hatte sich bei etwa
sechzig Mönchen das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.[41]
110.
Elfter Theil Zehnte Rede
VOLLMOND
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 104
Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.
Um diese Zeit nun hatte der Erhabene -- es war ein Feiertag, im
halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht -- inmitten
der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen. Und der
Erhabene blickte über die lautlose, stille Schaar der Mönche
hin und wandte sich also an sie:
»Kann wohl, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen schlechten
Menschen erkennen: ›Das ist ein schlechter Mensch‹?«
»Wohl nicht, o Herr!«
»Recht so, ihr Mönche. Unmöglich ist es, ihr Mönche, es kann
nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen schlechten
Menschen erkenne: ›Das ist ein schlechter Mensch.‹ Kann
aber, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen guten Menschen
erkennen: ›Das ist ein guter Mensch‹?«
»Wohl nicht, o Herr!«
»Recht so, ihr Mönche. Auch das ist, ihr Mönche, unmöglich,
es kann nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen guten
Menschen erkenne: ›Das ist ein guter Mensch.‹ Ein schlechter
Mensch, ihr Mönche, folgt einer schlechten Weise nach, hat zu
schlechten Menschen Neigung, denkt mit schlechten Menschen,
beräth sich mit schlechten Menschen, bespricht sich mit
schlechten Menschen, verkehrt mit schlechten Menschen, liebt
die Ansichten schlechter Menschen, giebt die Gabe schlechter
Menschen.
»Wie aber folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einer
schlechten Weise nach? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch kein Zutrauen, er ist schaamlos und unbescheiden, er
weiß wenig, es kümmert ihn wenig, trübe sieht er, und er
versteht nichts. Also folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
einer schlechten Weise nach.
»Wie aber hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu schlechten 105
Menschen Neigung? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
jene Asketen und Priester, die da ohne Zutrauen, schaamlos und
unbescheiden sind, die wenig wissen, die wenig kümmert, die
trübe sehn und nichts verstehn, die hat er zu Freunden, hat sie
zu Genossen. Also hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu
schlechten Menschen Neigung.
»Wie aber denkt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit
schlechten Menschen? Da denkt, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch zu eigener Beschwer, und er denkt zu fremder Beschwer,
und er denkt zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, denkt ein
schlechter Mensch mit schlechten Menschen.
»Wie aber beräth sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch
mit schlechten Menschen? Da beräth sich, ihr Mönche, ein
schlechter Mensch zu eigener Beschwer, und er beräth sich zu
fremder Beschwer, und er beräth sich zu beider Beschwer. Also,
ihr Mönche, beräth sich ein schlechter Mensch mit schlechten
Menschen.
»Wie aber bespricht sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit
schlechten Menschen? Da spricht, ihr Mönche, ein schlechter
Mensch Lügen, er verleumdet, führt barsche Rede, treibt
geschwätzige Rede. Also, ihr Mönche, bespricht sich ein
schlechter Mensch mit schlechten Menschen.