und nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was
ist, was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth.
Diesem Gleichmuth ist er in Liebe und Freude und Neigung
zugethan. Weil er diesem Gleichmuth in Liebe und Freude und
Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein daran gewohnt,
hangt daran. Hangt er an, Ānando, kann der Mönch nicht vom
Wahne erlöschen.«
»Wo aber ist, o Herr, ein solcher Mönch anhänglich angehangen?«
»An der Gränze, Ānando, möglicher Wahrnehmung.«
»Das beste Anhangen, sagt man, o Herr, sei es, wo ein solcher 75
Mönch anhänglich anhangt.«
»Das beste Anhangen ist es, Ānando, wo ein solcher Mönch
anhänglich anhangt. Bestes Anhangen ist ja geheißen, Ānando,
jene Gränze möglicher Wahrnehmung. -- Da ist, Ānando, ein Mönch
also vorgeschritten: ›Nicht sein und nicht mir sein, nicht
werden, nicht mir werden soll was ist, was war: ich lasse es
fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Diesem Gleichmuth ist er
in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung zugethan. Weil
er diesem Gleichmuth in keiner Liebe, keiner Freude, keiner
Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein nicht daran gewohnt,
hangt nicht daran. Hangt er nicht an, Ānando, kann der Mönch
vom Wahne erlöschen.«
»Erstaunlich, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr: von
Staffel zu Staffel, merkt man, hat uns, o Herr, der Erhabene
das Entkommen aus dem Fluthbereiche dargestellt. -- Was aber
ist, o Herr, die heilige Freiheit?«
»Da überlegt, Ānando, der heilige Jünger bei sich: ›Begierden
nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet,
Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt,
Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet,
Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt, und
Unverstörung ersehnen, und das Reich des Nichtdaseins ersehnen,
und die Gränze möglicher Wahrnehmung ersehnen: das ist
Dasein; so weit Dasein reicht ist ewige Art jene hanglose
Herzensfreiheit.
»Und so hab’ ich, Ānando, die Stufen zur Unverstörung gezeigt,
die Stufen zum Reich des Nichtdaseins gezeigt, die Stufe zur
Gränze möglicher Wahrnehmung gezeigt, von Staffel zu Staffel
das Entkommen aus dem Fluthbereiche gezeigt, die heilige
Freiheit gezeigt. Was ein Meister, Ānando, den Jüngern aus 76
Liebe und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das habt
ihr von mir empfangen. Da laden, Ānando, Bäume ein, und dort
leere Klausen. Wirket Schauung, Ānando, auf dass ihr nicht
lässig werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als
unser Gebot.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Ānando über das Wort des Erhabenen.[27]
107.
Elfter Theil Siebente Rede
RECHNER MOGGALLĀNO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 77
Sāvatthī, im Osthaine, auf der Terrasse Mutter Migāros.
Da nun begab sich ein Priester, Rechner Moggallāno, dorthin wo
der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite
nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Rechner Moggallāno der
Priester zum Erhabenen also:
»Gleichwie man da, o Gotamo, bei dieser Terrasse Mutter
Migāros den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den
allmäligen Aufstieg erkennen kann, und zwar von der untersten
Treppenstufe an, kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren
Priestern den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt,
den allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar bei der Andacht;
kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren Bogenschützen den
allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen
Aufstieg erkennen, und zwar beim Schießen; kann man gewiss
auch, o Gotamo, bei uns Rechnern, die wir von der Rechenkunst
leben, den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den
allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar beim Zählen. Denn haben
wir, o Gotamo, Schüler angenommen, so lassen wir zuerst zählen:
›Eins, die Einheit, zwei, die Zweiheit, drei, die Dreiheit,
vier, die Vierheit, fünf, die Fünfheit, sechs, die Sechsheit,
sieben, die Siebenheit, acht, die Achtheit, neun, die Neunheit,
zehn, die Zehnheit‹, so lassen wir, o Gotamo, bis hundert
zählen. Ist es nun möglich, o Gotamo, auch in dieser Lehre und
Ordnung etwa ebenso einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen
Fortschritt, einen allmäligen Aufstieg nachzuweisen?«
»Es ist möglich, Priester, auch in dieser Lehre und Ordnung
einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen Fortschritt, einen
allmäligen Aufstieg nachzuweisen. Gleichwie etwa, Priester, 78
ein gewandter Rossebändiger, wann er ein schönes edles Ross
erhalten hat, eben erst am Gebisse Uebungen ausführen lässt und
es dann weiteren Uebungen zuführt, ebenso nun auch, Priester,
weist der Vollendete, wann er einen Menschen zur Bändigung
erhalten hat, erst also zurecht: ›Willkommen, du Mönch, sei
tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibe lauter
im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpfe
beharrlich weiter, Schritt um Schritt.‹ Sobald nun, Priester,
der Mönch tugendhaft ist, in reiner Zucht richtig gezügelt
lauter im Handel und Wandel bleibt, vor geringstem Fehl auf der
Hut beharrlich weiterkämpft, Schritt um Schritt, dann weist
ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, die
Thore der Sinne lasse dich hüten: hast du mit dem Gesichte
eine Form erblickt, so magst du keine Neigung fassen, keine
Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte
Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes
verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gesicht,
wache eifrig über das Gesicht. Hast du mit dem Gehöre einen
Ton gehört -- hast du mit dem Geruche einen Duft gerochen --
hast du mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt -- hast du mit
dem Getaste eine Tastung getastet -- hast du mit dem Gedenken
ein Ding erkannt, so magst du keine Neigung fassen, keine
Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte
Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens
verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gedenken,
wache eifrig über das Gedenken.‹ Sobald nun, Priester, der
Mönch die Thore der Sinne behütet hält, dann weist ihn der
Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, beim Essen 79
wisse Maaß zu halten, gründlich besonnen wolle die Nahrung
einnehmen, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur
Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten,
zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben
führen zu können: ‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten
und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein
Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‘[28]
Sobald nun, Priester, der Mönch beim Essen Maaß zu halten weiß,
dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du
Mönch, der Wachsamkeit weihe dich: bei Tage sollst du gehend
und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den
ersten Stunden der Nacht gehend und sitzend das Gemüth von
trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht
magst du auf die rechte Seite wie der Löwe dich hinlegen,
einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit
des Aufstehns gedenkend; sollst in den letzten Stunden der
Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend das Gemüth von
trübenden Dingen läutern.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich
der Wachsamkeit geweiht hat, dann weist ihn der Vollendete
weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, mit klarem Bewusstsein
wolle dich wappnen: klar bewusst beim Kommen und Gehn, klar
bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst beim
Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des Gewandes und
der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim Essen und
Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim Entleeren von
Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn und Sitzen,
beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen.‹
Sobald nun, Priester, der Mönch sich mit klarem Bewusstsein
gewappnet hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht:
›Willkommen, du Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz auf, 80
einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in
der offenen Ebene.‹ Und er sucht einen abgelegenen Ruheplatz
auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine
Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager
in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange
zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen
nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der
Einsicht. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt
begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz.
Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er,
voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein
Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter
Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst,
läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er
verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes
läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat
er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt
nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz. Er hat
nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des
Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er
die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von
sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige
Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe
verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück
empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der
gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die
Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erreicht er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig
einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. -- Die
da nun, Priester, kämpfende Mönche sind, mit streitendem Busen 81
die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachten, denen
gilt bei mir diese also gegebene Weisung; die aber da als
Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das
Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die
Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss
erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu
genießen, bei klarem Bewusstsein.«
Nach dieser Rede wandte sich Rechner Moggallāno der Priester
also an den Erhabenen:
»Können nun aber des Herrn Gotamo Jünger, von Herrn Gotamo also
belehrt, also gewiesen, eben alle die unbezweifelbar sichere
Wahnerlöschung gewinnen, oder können es einige nicht?«
»Einige freilich, Priester, meiner Jünger, von mir also
belehrt, also gewiesen, können die unbezweifelbar sichere
Wahnerlöschung gewinnen, andere können es nicht.«
»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass,
wo es doch eine Wahnerlöschung giebt, wo ein Weg dahin führt,
wo Herr Gotamo als Lenker da ist, dann einige freilich der
Jünger des Herrn Gotamo, von Herrn Gotamo also belehrt, also
gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen
können, und andere es nicht können?«
»Da will ich dir nun, Priester, eben hierüber eine Frage
stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was
meinst du wohl, Priester: kennst du den Weg, der nach Rājagaham
führt?«
»Gewiss, Herr, ich kenne den Weg, der nach Rājagaham führt.«
»Was meinst du wohl, Priester: es käme da ein Mann herbei,
der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran 82
und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn,
bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen:
›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’
eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen,
so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter,
und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine
gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da
eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten,
einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten
Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er schlüge, von dir also
belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg ein und schritte
umgekehrt weiter. Aber ein anderer Mann käme herbei, der nach
Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran und spräche
also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne
mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’,
lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine
Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so
wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter,
und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine
gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da
eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten,
einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen
lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er langte, von
dir also belehrt, also gewiesen, unversehrt in Rājagaham an.
Was ist nun, Priester, der Anlass, was ist der Grund, dass,
wo es doch ein Rājagaham giebt, wo ein Weg dahin führt, wo
du als Lenker da bist, gleichwohl der eine Mann, von dir
also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg einschlagen und
umgekehrt weiterschreiten mochte, und der andere unversehrt
nach Rājagaham gelangen?« 83
»Das kann ich, o Gotamo, hierbei thun: Wegweiser bin ich, o
Gotamo!«
»Ebenso nun auch, Priester, giebt es zwar eine Wahnerlöschung,
führt ein Weg dahin, bin ich als Lenker da, und doch können
einige freilich meiner Jünger, von mir also belehrt, also
gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen,
und können andere es nicht. Das kann ich, Priester, hierbei
thun: Wegweiser ist, Priester, der Vollendete.«
* * * * *
Auf diese Worte sagte nun Rechner Moggallāno der Priester zum
Erhabenen:
»Es giebt da, o Gotamo, Leute, die unwillig, aus Nothdurft,
nicht aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen sind, Häuchler, Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene
Windbeutel[29], geschäftige Schwätzer und Plauderer, schlechte
Hüter der Sinnesthore, ohne Rückhalt beim Mahle, der
Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig gegen das Asketenthum,
lässig in der Ordenspflicht, anspruchsvoll, aufdringlich,
vor allem Gesellschaft suchend, Einsamkeit als lästige Last
fliehend, matte, schwache Herzen, verworrene, unklare Köpfe,
unbeständige, zerstreute Geister, Beschränkte und Stumpfe:
mit diesen hat Herr Gotamo keine Gemeinschaft. Es giebt aber
auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause fort in die
Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine Gleißner,
keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel, keine
geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter der
Sinnesthore,[30] mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben,
dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht,
anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend,
Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen,
einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise und
Witzige: mit diesen hat Herr Gotamo Gemeinschaft. -- Gleichwie 84
etwa, o Gotamo, unter den Wurzeldüften der schwarze Rosenlauch
in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Kernholzdüften
der rothe Sandel in seiner Art als vorzüglichster gilt,
unter den Blumendüften der weiße Jasmin in seiner Art als
vorzüglichster gilt, ebenso nun auch ist des Herrn Gotamo
Belehrung die beste in heutiger Zeit. -- Vortrefflich, o
Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn
man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder
Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte:
›Wer Augen hat wird die Dinge sehn[31]: ebenso auch hat Herr
Gotamo die Lehre gar vielfach beleuchtet. Und so nehm’ ich bei
Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft:
als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an
zeitlebens getreu.«[32]
108.
Elfter Theil Achte Rede
MEIER MOGGALLĀNO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Ānando 85
bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen, nicht
lange nachdem der Erhabene erloschen war.
Um diese Zeit nun ließ der König von Magadhā, Ajātasattu, der
Sohn der Videherin, Rājagaham befestigen, aus Besorgniss vor
König Pajjoto.
Und der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel
und Schaale versehn, machte sich auf den Almosengang nach
Rājagaham. Und es gedachte der ehrwürdige Ānando: ›Allzu früh
ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich nun
die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters aufsuchte, mich
zu Meier Moggallāno dem Priester hinbegäbe?‹ Und der ehrwürdige
Ānando suchte die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters
auf, begab sich zu Meier Moggallāno dem Priester hin. Da sah
Meier Moggallāno der Priester den ehrwürdigen Ānando von ferne
herankommen, und als er den ehrwürdigen Ānando gesehn sprach
er also zu ihm:
»Es komme Herr Ānando, gegrüßt sei Herr Ānando! Lange schon hat
Herr Ānando hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge
sich Herr Ānando setzen: dieser Sitz ist bereit.«
Es setzte sich der ehrwürdige Ānando auf den angebotenen
Sitz. Meier Moggallāno aber, der Priester, nahm einen von den
niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite. Zur Seite
sitzend wandte sich nun Meier Moggallāno der Priester an den
ehrwürdigen Ānando also:
»Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und gar 86
überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr
Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?«
»Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar
überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der
Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er,
Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker,
des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges
Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige:
auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später
nachgekommen.«
Kaum jedoch hatte diese Unterredung des ehrwürdigen Ānando mit
Meier Moggallāno dem Priester begonnen, da kam Vassakāro der
Priester, ein Māgadher Marschall, der zu Rājagaham Rüstungen
ausgerichtet, zu Meier Moggallāno des Priesters Wirthschaft
heran, dorthin wo der ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt
wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte
mit dem ehrwürdigen Ānando und setzte sich zur Seite nieder.
Zur Seite sitzend wandte sich nun Vassakāro der Priester, der
Māgadher Marschall, an den ehrwürdigen Ānando also:
»Zu welchem Gespräche, Herr Ānando, seid ihr jetzt hier
zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«
»Da hat mich, Priester, Meier Moggallāno der Priester gefragt:
›Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und
gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der
Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?‹ Auf
diese Frage, Priester, hab’ ich Meier Moggallāno dem Priester
geantwortet: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch 87
ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit
welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen
Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten
Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des
unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner,
der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die
Jünger, später nachgekommen.‹ Das war, Priester, das Gespräch
zwischen mir und Meier Moggallāno dem Priester, das wir
unterbrachen als du ankamst.«
»Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem
Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode
euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«
»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem
Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen
Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere
Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«
»Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den
Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt
worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht
sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«
»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern
erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden,
›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den
wir jetzt uns wenden mögen.«
»So aber ohne Zuflucht, Herr Ānando, wie kann da einträchtige
Lehre bestehn?«[33]
»Nicht sind wir, Priester, ohne Zuflucht, wir haben sie,
Priester, die Zuflucht, die Lehre ist unsere Zuflucht.« 88
»Einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der wohl
ausgelegt werden?«[34]
»Es ist, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, den Mönchen ein
Regelmaaß angegeben, die reine Zucht dargestellt worden. Nun
kommen wir alle halben Monat, soviel unser, bis auf drei herab,
im Umkreise je eines Dorfes wohnen, ebenda zusammen; und sind
wir zusammengekommen, so fordern wir den, an dem die Reihe ist,
auf. Der hält den Vortrag: und hat ein Mönch gefehlt, hat er
sich vergangen, so wird er von uns der Lehre gemäß, der Weisung
gemäß behandelt. Nicht aber, heißt es, behandeln uns die 89
Brüder: die Lehre behandelt uns.«
»Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr
jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr
also zugethan seid?«
»Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt
werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also
zugethan sind.«
»Auf meine Frage ‚Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der
Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der
soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt
euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester,
etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem
Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden,
›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir
jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr
Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der
Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach
des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch
wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa
einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der
Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen
Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘;
auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch
da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt,
und dem ihr also zugethan seid‘, hast du geantwortet ‚Es ist 90
wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten,
hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan
sind‘: einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der nun
ausgelegt werden?«