»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend

ein Mensch von Unverstörung angezogen sei. Einem Menschen,

Sunakkhatto, der von Unverstörung angezogen ist, kommt eben

ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht

überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich

mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über weltlichen Köder

geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet

sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um,

befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, ein

welkes Blatt, vom Stängel abgefallen, nicht mehr ergrünen kann,

ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen, angezogen

von Unverstörung, was Fessel weltlichen Köders war abgefallen. 61

Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von

der Fessel weltlichen Köders, von Unverstörung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend

ein Mensch vom Reiche des Nichtdaseins angezogen sei. Einem

Menschen, Sunakkhatto, der vom Reich des Nichtdaseins angezogen

ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich

darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne

um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über

Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein

Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne

nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa,

Sunakkhatto, ein Steinblock, entzwei gespalten, sich nicht

mehr zusammenfügen lässt, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist

bei einem Menschen, angezogen vom Reich des Nichtdaseins,

was Fessel der Unverstörung war gespalten. Bei dem wäre zu

merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel der

Unverstörung, vom Reich des Nichtdaseins angezogen.[18]

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein

Mensch von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen sei.

Einem Menschen, Sunakkhatto, der von der Gränze möglicher

Wahrnehmung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch

gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er,

geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa

ein Gespräch über das Reich des Nichtdaseins geführt, so horcht

er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde

nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht

mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann, an einer 62

einladenden Schüssel gesättigt, diese von sich schöbe; was

bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl dem Manne wiederum

Esslust nach dem Gerichte kommen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Gericht, o Herr, würde ihm ja nunmehr widerstehn.«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen,

angezogen von der Gränze möglicher Wahrnehmung, was Fessel vom

Reiche des Nichtdaseins war abgethan. Bei dem wäre zu merken:

Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel vom Reiche des

Nichtdaseins, von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein

Mensch von vollkommener Wahnerlöschung angezogen sei. Einem

Menschen, Sunakkhatto, der von vollkommener Wahnerlöschung

angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und

was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem

Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch

über die Gränze möglicher Wahrnehmung geführt, so horcht er

nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht

zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm.

Gleichwie etwa, Sunakkhatto, eine Palme, der man die Krone

abgeschnitten hat, nicht wieder emporwachsen kann, ebenso

nun auch, Sunakkhatto, ist bei einem Menschen, angezogen von

vollkommener Wahnerlöschung, was Fessel der Gränze möglicher

Wahrnehmung war abgehauen, an der Wurzel abgeschnitten, einem

Palmstumpf gleichgemacht, so dass es nicht mehr keimen, nicht

mehr sich entwickeln kann. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch,

der da losgelöst ist von der Fessel der Gränze möglicher

Wahrnehmung, von vollkommener Wahnerlöschung angezogen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend 63

ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt,

‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und

-hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt,

weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene

Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes

Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen

nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem

Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem

Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem

Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit

dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte

sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte

sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und

weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm

nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was

ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen

was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke

zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem

Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit

dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein

Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen

dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile

getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und

seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm

einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm

mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte er mit

einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese gefunden,

zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, nicht ohne

Ueberrest, wohl wissend[19], es sei noch ein Rest geblieben,

und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der 64

Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest,

und da kann dir noch Gefahr drohen. Nur was dir bekommt an

Nahrung darfst du genießen, auf dass nicht durch den Genuss von

Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig werde. Von

Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit zu Zeit die

Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so du es versäumst,

die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter sich anfülle. Wolle

nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn, auf dass dir dabei

nicht Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzünden. Gieb

wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde, behandle sie recht.‹ Er

aber gedächte: ›Herausgezogen ist mir der Pfeil, weggebracht

die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, aber da kann mir

keine Gefahr mehr drohen.‹ Und was ihm eben nicht bekommt an

Nahrung genösse er, und durch den Genuss von Nahrung, die ihm

nicht bekommt, würde die Wunde eiterig. Nicht wüsche er von

Zeit zu Zeit die Wunde, nicht salbte er von Zeit zu Zeit ihre

Mündung, so dass sie sich mit Blut und Eiter anfüllte. Bei

Wind und Sonnengluth ginge er aus, so dass ihm dabei Staub und

Hitze die Mündung der Wunde entzündeten. Er gäbe nicht acht

auf die Wunde, behandelte sie nicht recht. Und weil er eben

solches gethan, was ihm nicht bekommt, mit dem unlauteren,

nicht weggebrachten Ueberreste von der Giftsalbe, würde die

Wunde doppelt sich weiterentwickeln, und mit ihrer weiteren

Entwickelung ginge er dem Tode entgegen oder tödtlichem 65

Schmerze:

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,

dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der

Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe,

Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil

hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen,

vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke

ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung

Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich

mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich

mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich

mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte

sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt,

erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt,

erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt.

Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm

nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was

ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen

was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke

zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem

Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit

dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein

Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen

dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze. Tod aber heißt

es, Sunakkhatto, im Orden des Heiligen, wenn einer die Askese

aufgiebt und zur Gewohnheit zurückkehrt: tödtlicher Schmerz

aber, Sunakkhatto, heißt es, wenn einer irgend ein unsauberes

Vergehn verübt.[20]

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend

ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt,

‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und 66

-hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt,

weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene

Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener Wahnerlöschung

einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem vollkommener

Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, erlaubte sich nicht

mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich

nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte

sich nicht mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt,

erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm

nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Getaste zu tasten

was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gedenken zu

denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich nicht erlaubt

hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich nicht

erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich

nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht

bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken

was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Getaste

zu tasten was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem

Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz

nicht anschwellen lassen, braucht er nicht mit giergeschwelltem

Herzen dem Tode entgegenzugehn oder tödtlichem Schmerze.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile

getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und

seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm

einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte

ihm mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte

er mit einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese

gefunden, zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, ohne

Ueberrest, wohl wissend, es sei kein Rest mehr geblieben,

und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der

Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, und da

kann dir keine Gefahr mehr drohen. Doch magst du eben was 67

dir bekommt an Nahrung genießen, auf dass nicht durch den

Genuss von Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig

werde. Von Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit

zu Zeit die Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so

du es versäumst, die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter

sich anfülle. Wolle nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn,

auf dass dir dabei nicht Staub und Hitze die Mündung der

Wunde entzünden. Gieb wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde,

behandle sie recht.‹ Und er gedächte: ›Herausgezogen ist mir

der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, aber

es kann mir noch Gefahr drohen.‹[21] Und was ihm eben bekommt

an Nahrung genösse er, und weil er Nahrung genösse, die ihm

bekommt, würde die Wunde nicht eiterig. Von Zeit zu Zeit wüsche

er die Wunde, von Zeit zu Zeit salbte er ihre Mündung, so

dass sie sich nicht mit Blut und Eiter anfüllte. Bei Wind und

Sonnengluth ging’ er nicht aus, so dass ihm Staub und Hitze

die Wunde nicht entzündeten. Er gäbe acht auf die Wunde,

behandelte sie recht. Und weil er eben solches gethan, was ihm

bekommt, ohne unlauteren, ohne irgendwelchen Ueberrest von der

Giftsalbe, würde die Wunde doppelt schnell heilen, wüchse zu

und vernarbte, so dass er weder dem Tode entgegenginge noch

tödtlichem Schmerze:

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,

dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der

Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, 68

Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil

hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen,

vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener

Wahnerlöschung einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem

vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt: erlaubte

sich nicht mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt,

erlaubte sich nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht

bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geruche zu riechen was

ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu

schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem

Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht

mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er

sich nicht erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht

bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was

ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu

riechen was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem

Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich nicht

erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt,

sich nicht erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht

bekommt, kann Gier sein Herz nicht anschwellen lassen, braucht

er nicht mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegenzugehn

oder tödtlichem Schmerze.

»Ein Gleichniss habe ich da, Sunakkhatto, gegeben, um den Sinn

zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Die Wunde: das ist,

Sunakkhatto, eine Bezeichnung der sechs inneren Gebiete.[22]

Die Giftsalbe: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung

des Nichtwissens. Der Pfeil: das ist, Sunakkhatto, eine

Bezeichnung des Durstes. Die Sonde: das ist, Sunakkhatto, eine

Bezeichnung der Einsicht. Das Messer: das ist, Sunakkhatto,

eine Bezeichnung der heiligen Weisheit. Der heilkundige Arzt:

das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung des Vollendeten, des

Heiligen, vollkommen Erwachten.

»Dass nun, Sunakkhatto, ein Mönch, der vor den sechs 69

Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens Wurzel‹

entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des Anhaftens

erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern, das Herz

etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich nicht.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn man eine Trinkschaale da

hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte,

aber mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der

leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe

verabscheut; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl

der Mann den Trinkbecher leeren, von dem er wüsste: ›Hab’ ich

das getrunken, so muss ich sterben oder tödtlichen Schmerz

erleiden‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den

sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens

Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des

Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern,

das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich

nicht.

»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da eine Giftschlange wäre,

giftig fauchend, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht

sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut; was

bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl der Mann nach

der Giftschlange, der giftig fauchenden, Hand oder Daumen

ausstrecken, wo er wüsste: ›Hat mich diese gebissen, so muss

ich sterben oder tödtlichen Schmerz erleiden‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den

sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens

Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des

Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern,

das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich

nicht.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Sunakkhatto der

junge Licchavier über das Wort des Erhabenen.[23]

106.

Elfter Theil Sechste Rede

ZUR UNVERSTÖRUNG

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene 70

im Kurū-Lande, bei einer Stadt der Kurūner Namens

Kammāsadammam.[24] Dort nun wandte sich der Erhabene an die

Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene

Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Vergänglich, ihr Mönche, sind die Begierden, leer und falsch

und eitel‘: trügerisch ist, ihr Mönche, solche Rede aus

Thorenmund. Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach

jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden

im Jenseit ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes

Bereich, ist des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da

gehn denn diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie

Verlangen, als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor;

und diese gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich

übt, zur Gefahr.

»Aber, ihr Mönche, der heilige Jünger überlegt bei sich:

›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit

gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit

ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes Bereich, ist

des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da gehn denn

diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen,

als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor; und diese

gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich übt, zur

Gefahr. Wie, wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüthe verweilte

und hätte die Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste?

Denn verweil’ ich mit weitem, tiefem Gemüthe und habe die 71

Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste, so können die

schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen, als

wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, nicht mehr bestehn; und

weil sie fehlen, wird mein Herz unbegränzt sein, unbeschränkt,

wohl ausgebildet.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig

also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille

geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung,

oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung

des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das

vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr

Mönche, die erste Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei

sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach

jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im

Jenseit ersehnt: was irgend Form hat, die vier Hauptstoffe und

was durch die vier Hauptstoffe besteht, es ist alles Form.‹[25]

Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in

der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so

erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung, oder er wird von

der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein

der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr Mönche, die zweite

Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei

sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach

jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden

im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen

nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im

Jenseit ersehnt: beides ist es vergänglich. Was vergänglich 72

ist lohnt nicht der Liebe, lohnt nicht der Freude, lohnt nicht

der Neigung.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also

ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille

geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung,

oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung

des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das

vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr

Mönche, die dritte Stufe zur Unverstörung genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei

sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach

jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden

im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen

nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen

im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen: es ist alles

Ersehnen. Wo dieses ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe,

das ist das Ziel, jenes Reich des Nichtdaseins.‹ Und wie er da

weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird

das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser

Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von der Weisheit

angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es

wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein dem Reich des

Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die erste Stufe zum

Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, begiebt sich der heilige Jünger in

den Wald oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause

und überlegt bei sich: ›Leer ist es an sich und in sich.‹ Und 73

wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der

Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt

er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von

der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein

dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die

zweite Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei

sich: ›Nicht gehör’ ich irgend wo irgend wem irgend zu, noch

gehört mir irgend wo irgend was an: da giebt es nichts.‹[26]

Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der

Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt

er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von

der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein

dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die

dritte Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.

»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei

sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach

jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden

im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen

nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen

im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen, und das Reich

des Nichtdaseins ersehnen: es ist alles Ersehnen. Wo dieses

ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe, das ist das Ziel,

jene Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und wie er da weiter 74

vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz

gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die

Gränze möglicher Wahrnehmung, oder er wird von der Weisheit

angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag

es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Gränze

möglicher Wahrnehmung zukehre. Das wird, ihr Mönche, Stufe zur

Gränze möglicher Wahrnehmung genannt.«

Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Ānando also an

den Erhabenen:

»Da ist, o Herr, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein und

nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was ist,

was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Kann

nun wohl ein solcher Mönch, o Herr, vom Wahne erlöschen, oder

kann er es nicht?«

»Gar mancher Mönch, Ānando, kann da vom Wahne erlöschen, gar

mancher Mönch kann es da nicht.«

»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass da

gar mancher Mönch vom Wahne erlöschen kann, gar mancher Mönch

es da nicht kann?«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 4 / 40 段