Um diese Zeit nun war der Freie Bruder Nāthaputto zu Pāvā

eben erst gestorben. Nach dessen Tode zerfielen die Freien

Brüder, entzweiten sich, Zank und Streit brach aus unter

ihnen, sie haderten mit einander und scharfe Wortgefechte

fanden statt: ›Nicht du kennst diese Lehre und Ordnung: ich

kenne diese Lehre und Ordnung! Was wirst du diese Lehre und

Ordnung verstehn? Auf falscher Fährte bist du: ich bin auf

rechter Fährte. Mir ist’s gelungen: dir misslungen. Was vorher

zu sagen ist hast du nachher gesagt: was nachher zu sagen

ist hast du vorher gesagt. Deine Behauptung ist umgestürzt,

dein Wort dir entwunden worden: gebändigt bist du, gieb deine

Rede verloren, oder widersteh’ wenn du kannst!‹: so trat

einer dem anderen entgegen. Wie ein Mörder schien sich fast 47

jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als

Anhänger zugethan waren, im Hause lebend, weiß gekleidet, die

schienen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das

eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer

schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein

vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten

ist, die keine Zuflucht gewährt.[14]

Da nun begab sich Cundo, ein Asketenlehrling, der die Regenzeit

in Pāvā zugebracht hatte, nach Sāmagāmo, dorthin wo der

ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt begrüßte er den

ehrwürdigen Ānando höflich und setzte sich zur Seite nieder.

Zur Seite sitzend sprach nun Cundo der Asketenlehrling zum

ehrwürdigen Ānando also:

»Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto ist zu Pāvā vor

kurzem gestorben. Nach dessen Tode sind die Freien Brüder

zerfallen, haben sich entzweit, Zank und Streit ist unter

ihnen ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe

Wortgefechte finden statt. Wie ein Mörder scheint sich fast

jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als

Anhänger zugethan sind, im Hause lebend, weiß gekleidet, die

scheinen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das

eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer

schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein

vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten

ist, die keine Zuflucht gewährt.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Ānando also an Cundo

den Asketenlehrling:

»Es ist, Bruder Cundo, dieser Mittheilung halber gerathen, den

Erhabenen aufzusuchen. Wir wollen, Bruder Cundo, zum Erhabenen

hingehn und davon berichten.«

»Gern, o Herr!« sagte da Cundo der Asketenlehrling, dem

ehrwürdigen Ānando zustimmend.

Und der ehrwürdige Ānando begab sich nun mit Cundo dem

Asketenlehrling zum Erhabenen hin. Dort angelangt begrüßten sie

den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder.

Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Ānando also zum

Erhabenen:

»Dieser Cundo, der Asketenlehrling, o Herr, hat erzählt:

›Der Freie Bruder, o Herr, Nāthaputto ist zu Pāvā vor 48

kurzem gestorben. Nach dessen Tode sind die Freien Brüder

zerfallen, haben sich entzweit, Zank und Streit ist unter

ihnen ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe

Wortgefechte finden statt. Wie ein Mörder scheint sich fast

jeder von den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

zu gebärden. Die aber da dem Freien Bruder Nāthaputto als

Anhänger zugethan sind, im Hause lebend, weiß gekleidet, die

scheinen vor den Freien Brüdern, den Nachfolgern Nāthaputtos,

Unbehagen, Missfallen, Widerwillen zu empfinden, wie das

eintritt bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer

schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein

vollkommen Erwachter kundgethan hat, deren Kuppel geborsten

ist, die keine Zuflucht gewährt.‹ Da ist mir, o Herr, der

Gedanke gekommen: ›O dass nicht etwa nach des Erhabenen Hingang

unter den Jüngern Hader entstehe: dieser Hader gereichte gar

vielen zum Unheil und Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum

Unheil und Leiden für Götter und Menschen‹.«

»Was bedünkt dich, Ānando: was ich euch unterweisend oftmals

gezeigt habe, und zwar die vier Pfeiler der Einsicht, die vier

gewaltigen Kämpfe, die vier Machtgebiete, die fünf Fähigkeiten,

die fünf Vermögen, die sieben Erweckungen, den heiligen

achtfältigen Weg, kennst du da wohl, Ānando, auch nur zwei

Mönche, die verschiedener Meinung sind?«

»Was da, o Herr, der Erhabene unterweisend oftmals gezeigt hat,

und zwar die vier Pfeiler der Einsicht, die vier gewaltigen

Kämpfe, die vier Machtgebiete, die fünf Fähigkeiten, die fünf

Vermögen, die sieben Erweckungen, den heiligen achtfältigen

Weg, da kenne ich auch nicht zwei Mönche, die verschiedener

Meinung sind. Es giebt aber etliche, o Herr, die sich so

stellen, als ob sie dem Erhabenen ergeben wären[15], und

die nach des Erhabenen Hingang unter den Jüngern Hader

anstiften möchten, sei es um der Lebensnothdurft, sei es um

der Ordensregel willen: dieser Hader gereichte gar vielen zum

Unheil und Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und

Leiden für Götter und Menschen.«

»Wenig läge daran, Ānando, am Hader um die Lebensnothdurft 49

oder um die Ordensregel: doch um den Weg, Ānando, oder den

Pfad, wenn darum unter den Jüngern Hader entstehn sollte, so

gereichte solcher Hader gar vielen zum Unheil und Unglücke,

gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für Götter und

Menschen.

* * * * *

»Sechs giebt es, Ānando, der Wurzeln des Haders: und welche

sechs? Da ist, Ānando, ein Mönch zornig und feindsälig. Ein

Mönch, Ānando, der zornig und feindsälig ist, der hat vor dem

Meister keine Achtung, keine Ergebung, hat vor der Lehre keine

Achtung, keine Ergebung, hat vor den Jüngern keine Achtung,

keine Ergebung, und der Regel kommt er nicht vollkommen nach.

Ein Mönch, Ānando, der vor dem Meister, vor der Lehre, vor

den Jüngern keine Achtung hat, keine Ergebung, und der Regel

nicht vollkommen nachkommt, der stiftet unter den Jüngern

Hader an. Gereicht dieser Hader gar vielen zum Unheil und

Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für

Götter und Menschen, und ihr nehmt nun, Ānando, eines solchen

Haders Wurzel in euch oder außer euch wahr, so mögt ihr,

Ānando, darauf hinarbeiten, die Wurzel eben dieses üblen Haders

auszujäten. Nehmt ihr nun, Ānando, eines solchen Haders Wurzel

in euch oder außer euch nicht wahr, so mögt ihr, Ānando, darauf

bedacht sein, die Wurzel eben dieses üblen Haders künftighin

nicht erwachsen zu lassen. Also jätet man die Wurzel dieses

üblen Haders aus, also lässt man die Wurzel dieses üblen Haders 50

künftighin nicht erwachsen.

»Weiter sodann, Ānando: ein Mönch ist häuchlerisch und

neidisch, er ist eifernd und selbstsüchtig, er ist listig und

gleißnerisch, er ist boshaft und falsch, er hat nur für das vor

Augen Liegende Sinn, greift mit beiden Händen zu, lässt sich

schwer abweisen. Ein solcher Mönch, Ānando, der hat vor dem

Meister keine Achtung, keine Ergebung, hat vor der Lehre keine

Achtung, keine Ergebung, hat vor den Jüngern keine Achtung,

keine Ergebung, und der Regel kommt er nicht vollkommen nach.

Ein Mönch, Ānando, der vor dem Meister, vor der Lehre, vor

den Jüngern keine Achtung hat, keine Ergebung, und der Regel

nicht vollkommen nachkommt, der stiftet unter den Jüngern

Hader an. Gereicht dieser Hader gar vielen zum Unheil und

Unglücke, gar vielen zum Verderben, zum Unheil und Leiden für

Götter und Menschen, und ihr nehmt nun, Ānando, eines solchen

Haders Wurzel in euch oder außer euch wahr, so mögt ihr,

Ānando, darauf hinarbeiten, die Wurzel eben dieses üblen Haders

auszujäten. Nehmt ihr nun, Ānando, eines solchen Haders Wurzel

in euch oder außer euch nicht wahr, so mögt ihr, Ānando, darauf

bedacht sein, die Wurzel eben dieses üblen Haders künftighin

nicht erwachsen zu lassen. Also jätet man die Wurzel dieses

üblen Haders aus, also lässt man die Wurzel dieses üblen Haders

künftighin nicht erwachsen. Das sind, Ānando, die sechs Wurzeln

des Haders.

* * * * *

»Vier Arten giebt es, Ānando, der Streitigkeiten: und welche 51

vier? Wegen Haders, wegen Tadels, wegen Schuld, wegen Sühne.

Das sind, Ānando, vier Arten von Streitigkeiten. Und sieben der

Mittel giebt es, Ānando, um Streitigkeiten aufzulösen, um da

manche aufgestiegenen Streitigkeiten aufzulösen, zu schlichten:

Abweisung durch Gegenüberstellen, die Mehrheit, Abweisung durch

Erinnern, Abweisung durch Entblöden, Annahme des Geständnisses,

die schlimmere Weise, Gras darüber streuen.

»Wie aber wird, Ānando, durch Gegenüberstellen abgewiesen? Da

hadern, Ānando, die Mönche: ›So ist die Lehre‹, ›So ist die

Lehre nicht‹, ›So ist die Zucht‹, ›So ist die Zucht nicht‹.

Da haben denn, Ānando, eben alle diese Mönche in Eintracht

zusammenzukommen und, zusammengekommen, die Richtschnur der

Lehre gemeinsam zu ziehn: und haben sie die Richtschnur der

Lehre gemeinsam gezogen, wie sie da übereinstimmt, danach

diese Streitigkeit zu schlichten. Also wird, Ānando, durch

Gegenüberstellen abgewiesen, und also werden da gar manche

Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Gegenüberstellen.

»Wie aber kommt, Ānando, die Mehrheit zustande? Wenn nun,

Ānando, diese Mönche die Streitigkeit an ihrem Orte nicht zu

schlichten vermögen, so haben, Ānando, diese Mönche einen

Ort aufzusuchen wo mehr der Mönche verweilen, und dort eben

alle in Eintracht zusammenzukommen und, zusammengekommen,

die Richtschnur der Lehre gemeinsam zu ziehn: und haben sie

die Richtschnur der Lehre gemeinsam gezogen, wie sie da

übereinstimmt, danach diese Streitigkeit zu schlichten. Also

kommt, Ānando, die Mehrheit zustande, und also werden da gar

manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch die Mehrheit.

»Wie aber wird, Ānando, durch Erinnern abgewiesen? Da ermahnen, 52

Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen Schuld

wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss: ›Erinnert

sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld begangen

zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Er

aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine so

gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen

oder drohen muss.‹ Einen solchen Mönch, Ānando, hat man also

durch Erinnern abzuweisen. Also wird, Ānando, durch Erinnern

abgewiesen, und also werden da gar manche Streitigkeiten

geschlichtet, eben durch Erinnern.

»Wie aber wird, Ānando, durch Entblöden abgewiesen? Da

ermahnen, Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen

Schuld wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss:

›Erinnert sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld

begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹

Er aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine

so gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung

folgen oder drohen muss.‹ Und da er es nicht zugiebt, wird er

überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur genau,

ob du dich nicht erinnerst, eine so gewichtige Schuld begangen

zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Und er

sagt: ›Ich war, Brüder, in Irrsinn gerathen, hatte den Verstand

verloren, als Irrsinniger hab’ ich viel begangen, was Asketen

nicht ziemt, habe wirr gesprochen: ich erinnere mich dessen

nicht, blöde hab’ ich es gethan.‹ Einen solchen Mönch, Ānando,

hat man also durch Entblöden abzuweisen. Also wird, Ānando,

durch Entblöden abgewiesen, und also werden da gar manche

Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Entblöden. 53

»Wie aber wird, Ānando, das Geständniss angenommen? Da erinnert

sich, Ānando, ein Mönch, ermahnt oder nicht ermahnt, einer

Schuld, er deckt sie auf, legt sie dar. Ein solcher Mönch,

Ānando, hat einen älteren Mönch aufzusuchen, den Mantel um die

eine Schulter zu schlagen, sich zu verneigen, auf der Erde

niederzusitzen, die Hände zu falten und also zu reden: ›Ich

habe, o Herr, eine derartige Schuld begangen: das geb’ ich zu

erkennen.‹ Und jener sagt: ›Siehst du es ein?‹ -- ›Ich seh’ es

ein.‹ -- ›Willst du künftighin dich hüten?‹ -- ›Ich werde mich

hüten.‹ Also wird, Ānando, das Geständniss angenommen, und also

werden da gar manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch

Annahme des Geständnisses.

»Was aber ist, Ānando, die schlimmere Weise? Da ermahnen,

Ānando, die Mönche einen Mönch einer so gewichtigen Schuld

wegen, dass Ausschließung folgen oder drohen muss: ›Erinnert

sich der Ehrwürdige, eine so gewichtige Schuld begangen

zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹ Er

aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine so

gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung

folgen oder drohen muss.‹ Und da er es nicht zugiebt, wird

er überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur

genau, ob du dich nicht erinnerst, eine so gewichtige Schuld

begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder drohen muss?‹

Er aber sagt: ›Nein, Brüder, ich erinnere mich nicht, eine

so gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung

folgen oder drohen muss: doch erinnere ich mich, Brüder,

eine ganz belanglose Schuld begangen zu haben.‹ Und da er es 54

nicht zugiebt, wird er überführt: ›Sieh’ doch, Ehrwürdiger,

besinne dich nur genau, ob du dich nicht erinnerst, eine so

gewichtige Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen

oder drohen muss?‹ Er aber sagt: ›Ich mochte ja doch, Brüder,

diese belanglose Schuld, die ich begangen, ohne gefragt zu

sein bekennen: wie werd’ ich da eine so gewichtige Schuld,

deren Begehn von Ausschließung gefolgt oder bedroht sein

muss, wo man mich fragt, nicht bekennen?‹ Und jener sagt: ›Du

würdest wohl, Bruder, die Begehung dieser belanglosen Schuld

ohne gefragt zu sein nicht bekannt haben: wie hättest du erst

die Begehung einer so gewichtigen Schuld, dass Ausschließung

folgen oder drohen muss, ohne gefragt zu sein bekennen mögen?

Sieh’ doch, Ehrwürdiger, besinne dich nur genau, ob du dich

nicht erinnerst, eine solche Schuld begangen zu haben?‹ Und

er sagt: ›Ich erinnere mich, Brüder, eine so gewichtige

Schuld begangen zu haben, dass Ausschließung folgen oder

drohen muss: zum Spaaße hab’ ich gesagt, zum Spotte hab’ ich

gesagt ‚Ich erinnere mich nicht daran‘.‹ Das ist, Ānando, die

schlimmere Weise, und also werden da gar manche Streitigkeiten

geschlichtet, eben auf die schlimmere Weise.

»Wie aber wird, Ānando, Gras darüber gestreut? Da ist, Ānando,

unter den Mönchen Zank und Streit ausgebrochen, sie sind in

Hader gerathen und haben viel begangen, was Asketen nicht

ziemt, haben wirr gesprochen. Da haben denn, Ānando, eben

alle die Mönche in Eintracht zusammenzukommen; und sind sie

zusammengekommen, so soll auf der einen Seite der Mönche ein

erfahrenerer Mönch aufstehn, den Mantel um die eine Schulter

schlagen, die Hände emporheben und die Jünger einladen: ›Hören 55

möge mich die werthe Jüngerschaft: es ist da unter uns Zank

und Streit ausgebrochen, wir sind in Hader gerathen und haben

viel begangen, was Asketen nicht ziemt, haben wirr gesprochen.

Wenn es der Jüngerschaft angemessen erscheint, so will ich eben

dieser Ehrwürdigen Schuld wie auch meine eigene Schuld, eben

diesen Ehrwürdigen zum Heile wie auch mir zum Heile, inmitten

der Jünger bekanntgeben, um Gras darüber zu streuen; doch ist

es kein grobes Vergehn, ist kein häuslicher Vorgang.‹[16] Und

auch auf der anderen Seite der Mönche soll ein erfahrenerer

Mönch aufstehn, den Mantel um die eine Schulter schlagen,

die Hände emporheben und die Jünger einladen: ›Hören möge

mich die werthe Jüngerschaft: es ist da unter uns Zank und

Streit ausgebrochen, wir sind in Hader gerathen und haben viel

begangen, was Asketen nicht ziemt, haben wirr gesprochen. Wenn

es der Jüngerschaft angemessen erscheint, so will ich eben

dieser Ehrwürdigen Schuld wie auch meine eigene Schuld, eben

diesen Ehrwürdigen zum Heile wie auch mir zum Heile, inmitten

der Jünger bekanntgeben, um Gras darüber zu streuen; doch ist

es kein grobes Vergehn, ist kein häuslicher Vorgang.‹ Also

wird, Ānando, Gras darüber gestreut, und also werden da gar

manche Streitigkeiten geschlichtet, eben durch Gras darüber

streuen.

»Sechs Dinge giebt es, Ānando, nicht zu vergessende, hoch und

hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,

zur Eintracht führen: und welche sind das? Da dient, Ānando,

ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen

als verborgen. Das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch 56

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum

Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch

dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Worte, so offen als

verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum

Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch

dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als

verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss,

zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: wenn

der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er sie

nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in meiner

Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des Ordens.

Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr

gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,

zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch bewahrt

die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt, ungemustert,

ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von Verständigen

gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung tauglich, er übt

diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern, so offen als

verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum

Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, Ānando: der Mönch

hat jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler

zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat

er mit seinen Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als

verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum

Frieden, zur Eintracht führt. Das aber sind, Ānando, die sechs 57

Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum

allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen.

»Und wenn ihr, Ānando, diese sechs nicht zu vergessenden Dinge

treulich bewahren wollt, wisst ihr dann, Ānando, von einer

Redeweise, ob fein oder gemein, die ihr nicht zu ertragen

vermöchtet?«.

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, Ānando, mögt ihr diese sechs nicht zu vergessenden

Dinge treulich bewahren: das wird euch lange zum Wohle, zum

Heile gereichen.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige

Ānando über das Wort des Erhabenen.[17]

105.

Elfter Theil Fünfte Rede

SUNAKKHATTO

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei.

Um diese Zeit nun war von gar manchem Mönche vor dem Erhabenen

die Gewissheit verkündet worden: ‚›Versiegt ist die Geburt,

vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist

diese Welt‹ versteh’ ich da.‘

Es hörte aber Sunakkhatto, der junge Licchavier, reden: »Gar

mancher Mönch soll vor dem Erhabenen die Gewissheit kundgethan

haben: ‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,

gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da.‘«

Da begab sich denn Sunakkhatto der junge Licchavier dorthin wo

der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und

setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun 58

Sunakkhatto der junge Licchavier zum Erhabenen also:

»Reden hab’ ich hören, o Herr: »Gar mancher Mönch, sagt man,

hat vor dem Erhabenen die Gewissheit kundgethan: ‚›Versiegt ist

die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht

mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da.‘« Die Mönche, o Herr, die

da solches vor dem Erhabenen ausgesagt, haben wohl diese, o

Herr, nur eben die Gewissheit kundgemacht, oder giebt es auch

einige Mönche, die es mit Dünkel gethan?«

»Die Mönche, Sunakkhatto, die vor mir die Gewissheit verkündet

haben: ‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,

gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da‘:

unter diesen sind manche Mönche, die eben nur die Gewissheit

kundgemacht, und sind wieder manche Mönche, die es auch mit

Dünkel gethan. Wenn da, Sunakkhatto, Mönche eben nur die

Gewissheit kundgemacht haben, so gilt ihnen das eben dafür;

und wiederum wenn da Mönche es mit Dünkel gethan, so gedenkt,

Sunakkhatto, der Vollendete: ›Wahrheit will ich sie weisen.‹

Und wenn da nun, Sunakkhatto, der Vollendete also gedenkt

›Wahrheit will ich sie weisen‹, so kommen da wieder gar manche

eitle Menschen heran und richten sich Fragen zurecht und

legen sie dem Vollendeten vor. Und weil nun, Sunakkhatto, der

Vollendete also gedenkt ›Wahrheit will ich sie weisen‹, so ist

das gar manchem ungelegen.«

»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit,

dass der Erhabene die Wahrheit weise: des Erhabenen Wort werden 59

die Mönche bewahren.«

»Wohlan denn, Sunakkhatto, so höre und achte wohl auf meine

Rede.«

»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam Sunakkhatto der junge

Licchavier dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Fünf Begehrungen, Sunakkhatto, giebt es: welche fünf? Die durch

das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten,

geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,

reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne,

die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren

entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein

tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden,

angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch

den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten,

geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,

reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden

Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,

dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Sunakkhatto,

die fünf Begehrungen.

»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein

Mensch vom Köder der Welt angezogen sei. Einem Menschen,

Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen ist, kommt eben

ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht

überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich

mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über Unverstörung geführt,

so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz

der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet

sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da ein

Mann von seinem Dorfe oder seiner Stadt seit langem verreist

wäre; und er träfe einen anderen Mann, von dort vor kurzem

fortgegangen, und fragte ihn um den Zustand, um die Wohlfahrt

und das Gedeihen jenes Dorfes oder jener Stadt, und der Mann

rühmte ihm den Zustand, die Wohlfahrt und das Gedeihen jenes

Dorfes oder jener Stadt; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto:

würde da wohl jener Mann auf ihn horchen, ihm Gehör leihen, der 60

Kunde sein Herz zuwenden, mit dem Manne umgehn, mit ihm sich

befreunden?«

»Gewiss, o Herr!«

»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall,

dass da irgend ein Mensch vom Köder der Welt angezogen sei.

Einem Menschen, Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen

ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich

darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne

um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über

Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör,

wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht

um, befreundet sich nicht mit ihm. Bei dem wäre zu merken: Ein

Mensch, vom Köder der Welt angezogen.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band · 第 3 / 40 段