Er nahm sie entgegen. »An Frau Maria im Himmel.«

»Joseph,« sagte Heinrich Koch, »ich habe sie lieb gehabt, wie keine

andere Frau.«

»Ein Hinterbliebener mehr.«

»Zwei,« sagte der alte Klaus, »zwei mehr, Jupp.« Und er zerbrach vor

Erregung die Tonpfeife und stampfte hinaus.

»Willst du nicht die Depesche öffnen?«

»Ach so.« Er riß den Streifen auseinander und las. Zuerst Moritz

Lachners Unterschrift. Dann den Text. »Terbroich und Carmen wollen

morgen früh nach dem Süden reisen. Meine Aufklärungen von Carmen als

unglaubwürdig abgelehnt.«

Joseph Otten las zweimal. Und wie er das zweite Mal las, lachte er hart

vor sich hin. »Geduld ...«

»Nachrichten von Carmen, Joseph?«

»Sie wird morgen hier sein.«

»Gott sei Dank.«

Otten schritt über die Diele hin und her. »Übermorgen wollen wir sie

beerdigen.« Und er blieb stehen und blickte nach der Decke. »Hier,

damit wir sie in der Nähe haben, wenn wir sie brauchen. Tote binden

stärker als Lebende. Du nimmst mir wohl die notwendigen Besorgungen ab,

Heinrich.«

»Alles. Kümmere dich um nichts. Soll ich auch an Carmen telegraphieren?«

»Ich gehe selbst zur Station. Ich habe noch einen Spaziergang vor,

einen Geschäftsweg, was weiß ich? Da ist ein Wille, ein Testament

Marias, das vollzogen werden muß, damit ihr kleiner Schatz nicht

gestohlen wird.«

»Kann ich dir den Weg nicht abnehmen?«

»Nein,« sagte Joseph Otten, »den Weg kann mir kein Mensch abnehmen.«

Er nahm nur ein Glas Wein. Etwas anderes zu genießen, ließ er sich

nicht überreden. Oben in der Schlafkammer stand er in Hut und Havelock

lange vor der Toten. Die Kirchenuhr schlug eine Nachmittagsstunde. Da

riß er sich los.

»Ich geh’ jetzt, Maria.«

Und er ging. Schweigend um die Stadt herum und schweigend über die

lange, öde Chaussee, die vor drei Tagen seine Frau gegangen war. Das

fiel ihm ein, als er einherschritt. »Sie hat ihren Auftrag ausgeführt.

Ich darf nicht zurückbleiben.«

Als die Station in Sicht kam, beeilte er sich.

»Ich hab’ einen Auftrag. Ich hab’ die Konsequenzen meines Lebens zu

ziehen. Daran kommt keiner vorbei, und wenn er sich auf die einsamste

Insel gerettet hätte. Eine vom Wind verschlagene Woge rollt heran und

holt mich herunter. Und ob ich mir die Konsequenzen meines Lebens

anders gedacht hätte, fröhlicher, leichtlebiger — danach wird nicht

gefragt. Es handelt sich nicht mehr um dich, es handelt sich um die,

die du nachlässest, Joseph Otten. Also bist du noch zu etwas nütze.

Schlafe ruhig, Maria.«

Der Zug war des Fastnachtsdienstags wegen wenig besetzt. Er nahm einen

Platz in einem Kupee erster Klasse und blieb allein. Gemächlich fuhr

der Zug von einer Station zur andern. Er merkte es nicht. Er saß in

seiner Ecke und grübelte.

»Es gibt einen Ausgleich. Weil ich an keiner Frau vorüber konnte,

ohne sie schön zu finden, muß ich im Alter ausziehen, die Tochter zu

schützen.«

»Vor solch’ einem Burschen. Das ist das ärgste.«

Übermüdet schloß er die Augen. Und wie auf einer Pflichtwidrigkeit

betroffen, schnellte er hoch.

»Bleib munter, Joseph, bleib munter. Nachher gibt’s Zeit zum Schlafen

die Menge.«

Da stand der Dom und reckte seine Schwurfinger. Und Otten reckte sich

auch, verließ den Bahnhof und betrat seine Vaterstadt.

Er war in ein Tollhaus gekommen. Der Kehraus des Karnevals wirbelte

durch Straßen und Gassen. Heute noch leben wir, morgen schon sterben

wir. Genießt, genießt! Der Aschermittwoch wartet vor der Tür.

»Fastelowend kütt eran,

Spille mer op der Büsse.

Alle Mädcher kriegen ’ne Mann,

Ich un och min Söster!«

sang ihm eine wilde Schar Kostümierter, heiser von den Strapazen der

Festtage, das alte Karnevalsliedchen in die Ohren, und eine andere

Schar nahm gellend die Weise auf:

»Dä Fastelowend kütt eran,

Wat gitt dat Freud und Loß!

Jitz schaff mer sich ’ne Flaabes an,

Dann kömmt uns nit Verdroß!«

Otten schlug den Kragen seines Mantels hoch und zog den Hut in die

Augen. Wie ihn das Treiben anekelte. Nur nicht erkannt werden. Die Luft

war trunken von dem Lärm, und die Menschen trunken von der Luft. Nun,

er war gekommen, um zur Ernüchterung zu verhelfen.

Der Menschenstrom drängte ihn vom Domplatz in die Komödienstraße. Die

Straße war die rechte. Vor des jungen Terbroich Haus stemmte er sich

gegen den Strom und wurde in die Haustür geschoben. Im Haus war es

still. Die Parterrebewohner genossen den Fasching aus. Wer dachte heute

an anderes!

Joseph Otten stieg zum ersten Stockwerk hinauf, das Laurenz Terbroich

bewohnte. Er war ganz ruhig, als er die Klingel zog.

Nichts rührte sich in der Wohnung. Und Otten ließ das Läutewerk

schriller ertönen.

»He, Johann!« rief drinnen eine Stimme. »Natürlich: zum Teufel!

Alles verrückt.« Und ein Knurren, halb ärgerlich, halb lachend. Die

Tür öffnete sich. Laurenz Terbroich, den schwarzen Domino über die

Schultern gehängt, stand dem Besucher gegenüber.

»Sie wünschen?«

»Wenn es auf mich ankommt, nur zwei Worte.«

»Sie sehen, daß ich auf dem Sprunge bin, fortzugehen. Mit wem habe ich

die Ehre?«

»Ich bin der Doktor Joseph Otten. Lassen Sie uns hineingehen.« — — —

=XX=

Laurenz Terbroich war unwillkürlich zur Seite getreten. Offenen

Mundes starrte er die Erscheinung an. Dann preßte er die schmalen

Lippen aufeinander und blähte die Nasenflügel, um seine Bestürzung

zu meistern. »Herr Doktor Otten?« fragte er endlich und lächelte mit

unterwürfigen Augen. »Sie kommen nach Köln zurück?«

»Extra Ihretwegen.«

Laurenz Terbroich schloß die Korridortür und ließ den Besucher ins

Zimmer. »Entschuldigen Sie die Unordnung, Herr Doktor. Mein Diener hat

den Nachmittag von mir frei bekommen, des Fastnachtsdienstags wegen.

Auch ich wollte noch zu einer Veranstaltung. Man wird in diesen Tagen

den Domino überhaupt nicht mehr los. Aber Sie waren ja auch einmal jung

und in solchen Dingen nicht der letzte. Nein, wirklich, es sieht hier

geradezu beschämend aus.«

Er hastete die Sätze heraus, als wollte er den Besucher gar nicht zu

Wort kommen lassen, als wünschte er von vornherein den leichten Ton

anzugeben, auf dem sich die Unterhaltung bewegen möchte.

Joseph Otten sah sich aufmerksam um. Der Salon war geschmackvoll in

einheitlichem Stil gehalten. An den Wänden hingen alte, schöngerahmte

Ölbilder. Auf dem Tisch stand die fußhohe Nachbildung einer Venus

in Bronce. Daneben ein dünnstengeliges, halbgefülltes Sektglas

venetianischer Arbeit und in metallenem Kühler die leere Flasche. Mit

einem ironischen Ausdruck blickte Otten von dem Arrangement auf den

Besitzer, der sich verlegen das schmale Backenbärtchen und die rasierte

Oberlippe strich.

»Sie haben sich wohl Mut getrunken, Herr Terbroich?«

»Mut? O nein. Aber in dieser Karnevalsstimmung —«

»Ernsthaft. Ist diese Karnevalsstimmung in den letzten Jahren nicht die

normale bei Ihnen gewesen?«

»Sie scherzen. Ich bin sonst kein Trinker. Ich wollte nur heute abend

gleich in gehobener Stimmung sein.«

»Sie haben etwas Besonderes vor?«

»Nichts Besonderes gerade. Der übliche große Kehrausball.«

»Allein?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, ob Sie mit meiner Tochter hinzugehen gedachten?«

»Mit Ihrer — Tochter?«

»Herr Terbroich, Sie tun ja gerade, als ob Sie von der Existenz meiner

Tochter kaum Kenntnis hätten? Mir wäre das weiter nicht unlieb, aber

bleiben wir bei der Wahrheit, oder, falls Ihnen das Wort nicht geläufig

sein sollte, auf realem Boden.«

»Herr Doktor, Ihre verletzende Unterstellung —«

»Bitte,« sagte Otten. »Ich komme erst in zweiter, dritter Linie in

Betracht. Nicht wahr, das empfinden Sie selber? Und wir wollen hier

keine Silben stechen. Dazu ist die Situation nicht angetan und die Zeit

zu kostbar. Also Sie kennen Carmen sehr genau, Herr Terbroich?«

In Laurenz Terbroichs Augen spielten unruhige Lichter. Seine schmalen

Lippen zuckten nervös. »Selbstverständlich,« erwiderte er kurz. »Wir

sind doch Jugendfreunde.«

»Würden Sie mir wohl ein wenig von Entwicklung und Ziel dieser

Freundschaft erzählen?«

»Derartige Liebesgeschichten dürften Sie doch zu wenig interessieren.«

»Ah — Liebesgeschichten. Vorhin nannten Sie das — Jugendfreundschaft.

Ich sehe, wir verstehen uns bereits besser.«

»Ich verstehe Sie ganz und gar nicht, Herr Doktor.«

»Ich möchte Sie nicht gern von Ihrem Vergnügen zurückhalten, Herr

Terbroich. Marschieren wir deshalb geradeaus, und wir können uns in

einer Viertelstunde eine freundliche Verbeugung machen.«

»Was bezwecken Sie denn eigentlich? Das ist doch kein Tag zu ernsten

Auseinandersetzungen.«

»Für mich sind die Tage gleich geworden. Wären sie es nicht, so

ließen Sie mir doch keine andere Wahl. Und daß Sie selber ernste

Auseinandersetzungen voraussehen, beweist mir Ihr Ausspruch. Bitte,

sprechen Sie weiter.«

»Herr Doktor, ich verwahre mich ausdrücklich dagegen —«

»So sprechen Sie doch endlich weiter!« — Das klang wie ein Befehl.

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« murmelte Laurenz Terbroich.

»Mit anderen Worten: Sie wünschen, daß ich fragen soll. Nun, ich kann

ja auch das. Also Sie lieben Carmen —?«

»Wir mögen uns sehr gern.«

»Ihr mögt euch sehr gern ... Und Carmen liebt Sie wieder?«

»Sie bringt mir die gleichen Gefühle entgegen.«

»Sehr diplomatisch ausgedrückt. Aber damit kommen wir nicht weiter. Was

sind das für Gefühle, die Sie erwähnen?«

Über des jungen Mannes Gesicht glitt ein trotziges Aufbegehren. »Das

sind unsere eigenen Angelegenheiten.«

»Nicht doch, Herr Terbroich. Wenn ich in denselben Ton verfalle, gibt

es ein Unglück.«

Laurenz Terbroich zuckte zusammen und warf einen scheuen Blick auf den

unheimlichen Frager, der hager und sehnig vor ihm aufgerichtet stand.

»Haben Sie nicht auch Ihre kleinen Geheimnisse gehabt, als Sie jung

waren?«

»Das habe ich. Aber ich hatte sie nicht allein. Die andere teilte sie

mit mir.«

»Das ist auch hier der Fall. Carmen und ich sind uns vollkommen klar.«

»Worüber?«

»Über unsere Liebe, oder unsere Freundschaft — oder wie Sie es nennen

wollen.«

»Nicht, wie ich es nennen will. Ich will hören, wie Sie beide es

nennen. Sie schweigen —? Also sagen wir, Sie sind sich über Ihre Liebe

klar. Und wie gedachten Sie, diese Liebe auszugestalten? Denn man

steckt sich doch irgend ein Ziel.«

»Das haben wir vorläufig noch der Zukunft anheimgegeben.«

»Diese Zukunft scheint mir aber sehr nahe zu liegen. Nehmen wir an, daß

morgen schon diese Zukunft wäre. Was ist Ihnen? Morgen wird ein Tag wie

alle anderen sein. Was würden Sie also morgen tun?«

Laurenz Terbroich nestelte die Knöpfe seines Dominos auf und zu. »Wenn

Sie es wünschen,« sagte er dann und mühte sich, eine Zuvorkommenheit in

seine Sprache zu legen, »wenn Sie es wünschen, werde ich heute abend

noch mit Carmen darüber reden.«

»Weichen Sie mir nicht immer aus.«

»Ich weiche Ihnen durchaus nicht aus. Ich bin so gutmütig, mir Ihre

Inquisition gefallen zu lassen, obwohl Sie am wenigsten ein Recht dazu

hätten —«

»Wollen Sie bei der Sache bleiben?«

»Sie können doch nicht einfach Ihre ganzen Lebensmaximen auf den Kopf

stellen.«

»Für mein Kind,« sagte Otten eisig, »könnte ich noch etwas ganz

anderes, als meine sogenannte Lebensweisheit über den Haufen werfen.

Merken Sie sich das.« Er lenkte ein. »Aber das vermögen Sie noch nicht

zu verstehen. Sie müßten sein wie ich und ein Leben gelebt haben wie

ich. Ich will nicht zu streng mit Ihnen ins Gericht gehen.«

»Ich könnte Sie auch nicht als Richter anerkennen. Es gäbe Frauen

genug, die ich gegen Sie anführen könnte.«

»Sie reden von anderen Menschen und ich rede von meiner Tochter, Herr.«

»Nun ja?«

»Von meiner Tochter! Das ist ein Unterschied!«

»Das ist, wenn Sie gestatten, ganz einfach unlogisch.«

»Es ist ~meine~ Logik, weil es ~meine~ Tochter ist. Es würde mich um

Ihretwillen sehr betrüben, wenn Sie sich dieser Logik verschlossen

zeigen sollten.«

Sein Blick wich nicht von Terbroich, dessen Gesicht sich unwillig

färbte. »Dieser Logik bin ich nicht gewachsen.«

»Sie gedachten, morgen mit meiner Tochter eine Reise nach dem Süden zu

unternehmen.«

»Wer behauptet das?«

»Ich bin nicht engherzig genug, Menschen, die sich lieben und die

obendrein mündig sind, Vorschriften machen zu wollen. Nur den Grad der

Liebe muß ich wissen. Daß Carmen fest auf Ihre Ehrlichkeit baut, dessen

bin ich gewiß. Sie würde sonst nicht so weit mit Ihnen gegangen sein,

denn über ihren Stolz sind wir uns ja wohl einig.«

»Carmen ist eine viel zu große und freie Natur, als daß sie den

landläufigen Heiratsgedanken eine solche Wichtigkeit beimäße.«

»Nicht Heiratsgedanken. ~Treu~gedanken.«

»Wir sind uns treu.«

»Und werden es bleiben? Denn das wäre die Ehe.«

»Das hängt nicht allein von mir ab.«

»Sie lügen, Mensch.«

Laurenz Terbroich fuhr auf. Die beiden Männer standen sich hart

einander gegenüber.

»Sie lügen. Denn Sie möchten mich glauben machen, es könnte auch von

meiner Tochter abhängen. Und ebenso belügen Sie meine Tochter, indem

Sie ihr ewige Treue vorspiegeln, während Sie nur das schöne Spielzeug

noch nicht missen möchten. Noch nicht. Aber Sie werden keinen Schritt

weiter gehen, Terbroich, das verspreche ich Ihnen. Ich mahne Sie. Es

ist meine Tochter.«

»Sie beschimpfen mich in einer unverantwortlichen Weise.«

»Der Schimpf ist sehr schnell behoben. Antworten Sie klar und ohne

Umschweife: Wollen Sie Carmen heiraten?«

»Daran ist augenblicklich gar nicht zu denken. Wenn Carmen auch über

einiges Vermögen verfügt, so würde das doch nicht ausreichen, um einen

schuldenfreien Haushalt zu ermöglichen. Die Fabrik aber erträgt zur

Zeit nicht noch einen Haushalt, wie ich ihn gewohnt bin und wie ich

ihn bei einer Verheiratung führen müßte, neben dem meines Vaters. Ganz

abgesehen davon, daß die Fabrik modernisiert und vergrößert werden muß,

was ungeheure Summen beansprucht, die beschafft werden wollen.«

»Das war ehrlich. Also ist eine Heirat ausgeschlossen, und wir hätten

uns nur noch mit dem Fall zu befassen, daß Sie unverheiratet zu bleiben

gedächten, um Ihre und Carmens Liebe zu sanktionieren. Sagen Sie mir,

daß jeder im anderen den Lebensgefährten sehen will, und ich gehe.«

Laurenz Terbroich spielte mit dem Glas, das er vom Tische nahm. »Wie

kann ein Mensch so langfristige Versprechungen geben! Noch dazu für

sich und einen zweiten Menschen?«

»Sie sollen es nur für sich allein. Und nur für die Zeit, die Sie nach

ehrlichem Ermessen übersehen.«

»Das — kann ich.«

»So werden Sie also zunächst mit mir gehen und Ihre Verlobung

rückgängig machen.«

Laurenz Terbroich zuckte zusammen, daß das Glas, mit dem er spielte,

gegen die Tischkante klang. »Sind Sie — bei Sinnen?«

»Sie geben demnach zu, daß die Verlobung besteht. Dieselbe, die Sie

mit Ihren rednerischen Jongleurkünsten meiner Tochter auszureden

verstanden. Kein Wort! ... Teufel, was für ein minderwertiges Subjekt!

Und mit so was muß ich mich befassen!«

»Ist die Unterredung zu Ende?«

»Wollen Sie in sich gehen? Wollen Sie mit mir kommen und sich als

anständiger Mensch erweisen?«

»Ich gebe Carmen frei.«

»Wie großartig! Meine Tochter, Herr! Man verfügt nicht über Dinge, die

einem nicht gehören.«

»Ich verfüge. Das ist meine Erklärung.«

»Soll das heißen?« —

»Ja,« sagte Laurenz Terbroich und hielt das Glas gegen das Licht.

Joseph Otten trat an den Tisch. Seine Hand berührte die Broncefigur der

Venus. »Terbroich, Sie wissen nicht, was Sie sagen. Sie sprechen von

meiner Tochter.«

»Ich weiß das sehr wohl. Aber ich bin mir selbst der Nächste.«

»Und Sie wagen es, sich ein Geschenk zu erschleichen, das für ein Leben

ist? Zu erschwindeln?«

Laurenz Terbroich zuckte mit den Achseln. »Diese allzu seriöse

Behandlung —«

Joseph Otten ließ ihn nicht zu Ende reden. Plötzlich war alles Blut

aus seinem Gesicht gewichen. Seine Hand spannte sich um die kleine

Broncefigur, und mit kurzem, jähem Schwung schlug er Terbroich die

Kante des Sockels in die Schläfe. Wie vom Blitz getroffen stürzte

Laurenz Terbroich zusammen, fiel mit halber Wendung gegen den Tisch und

glitt mit dumpfem Aufschlag zu Boden.

»Insekt — —,« sagte Otten, betrachtete den Broncesockel, der rein

geblieben war, und stellte die Figur auf den Tisch zurück. Laurenz

Terbroich lag regungslos am Tischfuß. Die Hand hielt er krampfhaft um

das Venezianerglas geschlossen, das gesprungen war. Der Domino hing um

seinen Körper.

Otten streifte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ich habe ihm eine

Wohltat erwiesen. Und ich vollziehe meine Wohltaten gern ohne Lärm.

Meine und Marias Tochter gehört nicht in den Mund der Leute. Sprechen

wir also nicht mehr von unseren Wohltaten.«

Er nahm seinen Hut, verließ das Zimmer und zog die Korridortür hinter

sich ins Schloß. Die Parterrebewohner waren noch nicht von ihrer

Karnevalsreise durch die Stadt zurückgekehrt. Und als er auf die

Hausschwelle trat, war er auch schon von der vorüberflutenden tollen

Menge aufgesogen.

Er erreichte den Abendzug nach Dormagen. Und wieder saß er allein in

seinem Kupee und grübelte.

»Ich hatte bisher nichts für meine Tochter getan. Nun habe ich das

einzige für sie getan, was ich für sie tun konnte. Ich habe ihr ein

neues Leben geschenkt .... Kein Mensch weiß von dem, was sie darum ihre

Jugend nannte, weil sie gläubig war, wie es auch Maria war. Nur ich

allein auf der Welt. Und nun gibt es nur noch eine Pflicht für mich,

die allen anderen voraufgeht: die Vaterpflicht. Sie gebietet mir — zu

schweigen.«

Und noch einmal sagte er, wie auf der Hinfahrt: »Schlaf ruhig, Maria.«

— —

Auf der Station Dormagen gab er eine lange Depesche an Moritz Lachner

auf, in der er die Erkrankung Marias und ihr Hinscheiden meldete und

den jungen Freund ersuchte, Carmen auf das schonendste zu verständigen

und sie mit dem Morgenzug nach Zons zu bringen. Todmüde, aber in

aufrechter Haltung schritt er die Chaussee entlang, bog um das

Städtchen herum und trat in Klaus Gülichs Haus.

»Jetzt will ich schlafen,« sagte er zu Heinrich Koch. »Was noch zu

erledigen war, ist erledigt.«

Er lehnte das Anerbieten des Freundes, in dieser Nacht seine

Schlafkammer zu benutzen, dankend ab und ging hinauf in sein Zimmer.

Am Bette der Toten verharrte er eine lange Weile. Er hatte Bericht zu

erstatten.

Auf dem primitiven Lager, das die Wirtschafterin ihm hergerichtet

hatte, schlief er traumlos die ganze Nacht. Als er erwachte, war der

Morgen da. Heinrich Koch klopfte an seine Tür und meldete, daß der Sarg

gebracht worden sei. Er ließ nur den Freund und den alten Klaus ins

Zimmer. Zu dritt trugen sie den Sarg in die Schlafkammer und betteten

Frau Maria gemeinsam hinein. Es sollte keine fremde Hand sie berühren.

»Sie braucht nicht geschmückt zu werden. Man schenkt nicht einem

Reichen ein Groschenstück.«

Dann fuhr der Omnibus vor, und Lachner und Carmen entstiegen ihm.

Otten stand allein im Zimmer und erwartete seine Tochter. Man ließ sie

allein eintreten.

Ohne daß eine Muskel in seinem Gesicht zuckte, sah er ihr entgegen.

Jetzt war sie im Zimmer. Jetzt lief sie auf ihn zu. Jetzt klammerte sie

die Arme um seinen Nacken und preßte ihren Körper an den seinen. Immer

enger, immer fester. Als müßte sie mit ihm zusammenwachsen. Und er

schloß die Arme um sie und war eins mit ihr.

Nur ein einziger, kurzer, wilder Ton, der einen Herzschlag lang das

Gemach füllte. Und doch hatten sie beide aufgeschrien. — —

Joseph Otten war hinuntergegangen, um Carmens Begleiter zu begrüßen. Er

fand ihn auf der Diele, und Heinrich Koch war bei ihm. »Ich danke dir,

Moritz. Such keine Beileidsbezeugungen. — Du selbst bist die beste.«

Er saß mit ihnen am Tisch, und es blieb lange still.

»Herr Doktor Lachner hat dir noch aus Köln zu berichten,« sagte dann

Heinrich Koch und sah den Freund an.

»Ist es wichtig?«

»Soll ich nicht lieber damit warten?« fragte Lachner verstört.

»Erzähle nur. Einmal müssen wir das Leben doch wieder aufnehmen.«

»Laurenz Terbroich ist tot.«

»Ist das so wichtig?«

»Es ist nur ein seltsames Zusammentreffen.«

»In der Tat.«

»Ich hatte eben Ihre schmerzliche Depesche erhalten und besprach mich

mit meinem Vater, auf welche Weise ich Carmen vorbereiten könne, als

die Ladenglocke anschlug und Carmen vor uns stand. Schneeweiß im

Gesicht. ›Laurenz ist tot,‹ sagte sie, und wir setzten sie in einen

Sessel. Sie hatten für den Abend eine Verabredung gehabt, und da

schon eine Stunde über die Zeit verstrichen war, nahm sie einen Wagen

und fuhr zu ihm hinaus. Da vernahm sie es von dem Diener. Der alte

Terbroich war oben und der Hausarzt. Sie ließen niemanden vor. Und sie

war ohne weiteres zu uns gefahren. Nun mußte ich ihr das Schwerste

mitteilen. Ich tat es so sorglich, wie ich es vermochte, weil ich eine

furchtbare Gemütserschütterung befürchtete. Aber sie saß wie aus Stein.

Nur einmal sagte sie: ›Mutter — —!‹ Das war mehr als der wildeste

Ausbruch. Dann bat sie um ein Quartier. Und ich ging noch, um über

Laurenz Terbroichs Tod Erkundigungen einzuziehen. Er war verunglückt.

Der Diener erzählte mir, daß er ihn Champagner trinkend verlassen

hatte, um ihn, das Glas noch in der Hand, am Abend tot aufzufinden.

Im Domino, aus dem er während der Fastnachtstage kaum herausgekommen

wäre. Er hatte im Rausch einen unglücklichen Sturz getan und war mit

der Schläfe gegen die scharfe Kante des Tisches aufgeschlagen. Der

Tod wäre auf der Stelle durch Bluterguß ins Gehirn erfolgt. Der alte

Herr Terbroich wünschte nicht, daß die Umstände, unter denen sein Sohn

gefunden wurde, bekannt würden. Er sollte noch in der Nacht eingesargt

werden. Der Diener wurde in seine Heimat beurlaubt.«

Joseph Otten hatte während der Erzählung schweigend zum Fenster

hinausgeblickt. Nun wandte er den Kopf. Und er blickte in Heinrich

Kochs Augen. Keiner wandte den Blick ab.

»Es ist Aschermittwoch heute,« sagte Joseph Otten. »Nun ist der

Mummenschanz zu Ende.«

»Und das Leben fordert uns wieder,« gab der alte Gelehrte zurück.

»Oder wir das Leben.« — — — —

Am Nachmittag des nächsten Tages begruben sie Frau Maria. Es war ein

sonnenheller Vorfrühlingstag.

Als sie ins Haus zurückkehrten, ging Carmen auf des Vaters Zimmer. Er

empfand, daß sie die Stunde für sich brauchte, und folgte ihr nicht.

Moritz Lachner blieb bei den Männern.

»Wenn die Tage länger und wärmer werden,« begann der Professor nach

einer Weile, »können wir unsere Forschungen im Freien beginnen. Ich

möchte den ganzen Niederrhein nach den Tagen der Vergangenheit befragen

und die Menschen, die vor uns auf der Scholle saßen, erkunden. Und wenn

wir gefunden haben, daß alles, in seiner Art, nicht anders war, als

es heute ist, wird uns unser Leben gar nicht mehr so außergewöhnlich

vorkommen. Wie wär’s, Herr Kollege, wenn Sie sich beteiligten? Auch

Carmen könnten wir dazu erziehen.«

Moritz Lachner sah auf Otten. »Carmen? Ich hätte sonst nur das Haus

meines Vaters vorzuschlagen.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 50 / 54 题