Eine leichte Röte stieg in des jungen Mannes Wangen. »Es kommt
darauf an, wie wir es anschauen,« sagte er leise. »Hat man sich die
Kinderaugen bewahrt, sieht man selbst im ärmsten Ding die Prinzessin.«
Otten reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand. »Komm wieder. Wir
können dich brauchen.«
»Ich will es Carmen sagen.« Und er ging hinauf, um ihr seine neuen
Pläne vorzulegen und ihren Lebensmut in die Ferne zu richten.
Die beiden Freunde waren allein.
»Solange die Kleine hier ist,« begann Otten, als redete er mit sich
selbst, »habe ich die Sonne. Und wenn es gestohlene ist. Ich habe sie.
Aber wenn mir das Kind einmal weggeholt werden sollte, und ich wäre
ganz allein, und das Grauen käme —«
Heinrich Koch sah ihn an. Es war Stille. Und Heinrich Koch sagte in
der Stille: »Ich bin kein Priester mehr, und das Recht, Beichte zu
nehmen und Absolution zu geben, habe ich nicht mehr. Aber ich kann dir
die Hand geben, wenn das Grauen kommen will. Vor Kameradschaft fürchtet
es sich.«
Sie blickten beide hinaus, in das weite Land und über den breiten
Strom. Über die Landstraße zog eine Prozession, Wallfahrer, die zum
Muttergottesbild nach Kevlaar wollten. Verwehte Töne kamen herüber.
»Gegrüßet seist du, Maria. — O Maria, hilf!« ...
Und über den Strom glitt das Motorboot, das die Fähre zwischen Zons
und dem Urdenbacher Ufer wieder aufgenommen hatte, und brachte
eine Gesellschaft junger Düsseldorfer Künstler hinüber, die eine
Aschermittwochstour hinter sich hatten und das alte Mauernest ansingen
wollten und nichts Passenderes fanden als:
»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,
Köln am Rhein, du schöne Stadt — —«
»Da zieht die Vergangenheit,« sagte Heinrich Koch, »nach links und nach
rechts.«
Der alte Klaus kam ins Zimmer, holte sich einen Stuhl in die Kaminecke
und rauchte nach des Tages Aufregungen mit stillem Wohlbehagen seine
Pfeife.
Joseph Otten erhob sich. Seine Augen hatten den stahlblauen Glanz. Er
öffnete das Fenster und ließ die Luft über sich hinströmen — —
Am Himmel stand ein leuchtendes Abendrot.