In der Kammer regte sich Frau Maria. »Bist du da, Joseph?«

Er ruckte mit dem Kopfe, fand ein schnelles Lächeln und ging zu ihr

hinein. Sie hatte sich halb aufgerichtet.

»Hat der Arzt draußen noch etwas gesagt, was ich nicht hören sollte?«

Er legte sie sanft in die Kissen zurück. »Nur seine Vorschriften hat er

wiederholt, damit dir morgen schon besser ist. Dazu mußt du nun auch

helfen. Am Abend schaut er noch einmal bei dir nach.«

»Joseph — du läßt keine Schwester zu mir.«

»Ist es auch dir lieber, wenn ich dich pflege? Es ist Egoismus von mir.

Ich möchte so gern ein wenig abzahlen.«

»Nein, es ist Egoismus von mir.«

Sie lag für Sekunden still und suchte ihre Brust zu beruhigen. »Es

könnte,« fuhr sie fort, »auch einen andern Verlauf mit mir nehmen, als

wir uns wünschen ... Sollte das sein — hab’ ich dich doch für den Rest

— ganz für mich allein.«

Es rieselte durch seinen Körper. Da waren dieselben Gedanken, die er

eben erst dem Arzte ausgesprochen hatte. Und nun klangen sie wieder

zusammen in ~einen~ Ton, wie so oft, wie immer.

»Wir gehören zusammen,« sagte er nur.

»Spürst du das, Joseph?«

Er antwortete nicht. Er legte seinen Kopf dicht neben den ihren auf das

Kissen und verharrte so. Langsam kroch der Abend ins Zimmer und umspann

sie.

Wenige Worte hatten sie nur getauscht, Zärtlichkeitsworte, die nur ein

Hauch waren und doch die Kammer füllten. Jetzt machte Otten Licht,

nahm mit einer Geschicklichkeit, über die er selber staunte, eine neue

Packung vor und reichte seiner Frau die Medizin. Die Fiebermessung

ergab einen höheren Grad.

Mit dem vorrückenden Abend fühlte sie sich schwächer. Der Atem

ging heißer und heftiger, und das Bemühen, es ihn nicht merken zu

lassen, gab ihr wirre Worte ein. Die Wirtschafterin brachte die

Kräftigungsmittel, die der Arzt verordnet hatte, und sie nahm sie

ohne Zögern. Auch von dem Champagner, den Otten ihr von Zeit zu Zeit

reichte, trank sie gehorsam. Dann begann sie zu erzählen, halblaut,

in kurzen, abgerissenen Sätzen, die sie ihrem Atem anpaßte. Nahes und

Fernes, alles mit demselben merkwürdig wichtigen Ton. Als wäre nichts

Unwichtiges in ihrem Leben gewesen.

Immer länger, immer erregter wurden die Sätze. Ihr Kopf zuckte unter

seinen Händen. »Wenn ich nur schlafen könnte,« murmelte sie erschöpft.

Gespannt horchte Otten auf jedes Geräusch, das von der Straße kam. Aus

der Ferne ein paar Freudenjauchzer von Karnevalsbrüdern. Sonst nichts.

Und die Uhr zeigte auf zehn. Jede Minute dehnte sich ins ewige. Jetzt!

Räderrollen ... Er atmete auf. Vor dem Hause hielt die Kalesche.

Der Arzt hatte Lungen und Herz einer neuen Untersuchung unterzogen.

Standhaft hielt Frau Maria aus, obwohl jede Bewegung sie schmerzte.

»Ich bring’ Ihnen den Schlaf, gnädige Frau.« Und er vollzog schnell

eine Morphiumeinspritzung. An ihrem Bett blieb er sitzen, bis die

Wirkung eintrat. Mitten in der Erzählung froher Dinge, die sie

bewegten, legte sie den Kopf auf die Seite und schlummerte ein.

»Eine willensklare und willensstarke Frau,« sagte der Arzt. »Keine

Silbe, die auf sie selbst hinweist, keine Klage, die auf ihre Schmerzen

deutet, immer nur beschäftigt mit den Angelegenheiten der Menschen, die

ihr nahe stehen. Jetzt verstehe ich, Herr Doktor, weshalb Sie nicht vom

Platze weichen wollen.«

Otten sah ihn düster an. Dieser Landarzt hatte die Frau nach wenigen

Stunden ergründet. Aber was er da sagte, von »nicht vom Platz weichen

wollen«, traf nur halb zu, traf zu spät zu, und ein Hohn lachte in ihm

über das eigene, späte Verständnis. »Ja, ja —,« antwortete er.

»Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor, und Sie in früheren

Jahren auch selber bewundert. Sie haben ein reiches Leben gelebt.

Vergessen Sie das nicht, wenn Anforderungen an Sie gestellt werden.«

»Nein, nein —,« erwiderte er.

»Morgen früh, gleich nach der Sprechstunde komme ich heraus. Ich

wünsche Ihnen beiden eine gute Nacht.«

Dann war er allein mit der Schlummernden. Und während er sie

betrachtete und seine Hände auf die ihren legte, als ob er sich ihrer

vergewisserte, jagten seine Gedanken kreuz und quer, suchten ein Wort,

das er soeben vernommen haben mußte, fingen es ein, trieben es im

Kreise und spielten mit ihm Fangball. Anforderungen. Anforderungen. Was

für Anforderungen gäbe es danach noch —

»Nichts. Keine. — Ruhe da!«

Einmal erwachte sie. Es war nach Mitternacht. Und er nutzte die

Gelegenheit, die Umschläge zu erneuern und ihr zu trinken zu geben.

Kaum, daß sie die Kissen wieder berührte, entschlummerte sie aufs neue.

Otten vermeinte auf dem Korridor ein leises Geräusch vernommen zu

haben. Als er nachsah, stand Heinrich Koch vor ihm, und der alte Klaus

wartete auf der Treppe.

»Ja, Heinrich, das ist nun so. Kaum gewonnen, schon zerronnen.«

Heinrich Koch schüttelte den feinen Gelehrtenkopf. »Selbst wenn das

Schlimmste einträte, Joseph, Frau Maria ist nicht wie jede andere — es

bleibt etwas.«

»Etwas.«

»Genug für dich, wo du gar nichts mehr erwartet hattest. Und wohl sogar

so viel, daß auch ich noch daran teilhaben kann.«

»Jupp,« sagte der alte Klaus, »Kop hoch. Hal dr Nacke stief.«

Da flog ein Lächeln über Ottens steinerne Züge. »Dat donn ich. Gut’

Nacht.«

Die kurze Ansprache hatte ihm gut getan. Sie wirkte nach und füllte die

Stunden aus. »Nur die Knabenfreundschaften haben den langen Atem des

Lebens,« dachte er. »Was hinterher kommt, ist nicht mehr uneigennützig.

Wo sind alle die Nachfolger geblieben? Mit der letzten Flasche, zu der

ich sie einlud, vom Stuhl gefallen. =Habeant sibi.=«

Er träumte vor sich hin. Vom alten Klaus und dem väterlichen

Schiff, das er führte. Von Heinrich Koch, dem kleinen, fröhlichen

Kameraden, der ihm nie von der Seite gewichen war. Und von dem kleinen

Hinterhälter — wie hieß er doch? — Medardus. Medardus Terbroich. Der

Name stach ihm ins Gehirn. Medardus — Laurenz. »Sippschaft du. Wir

rechnen noch ab.« —

Mit der Uhr in der Hand führte er den Krankendienst aus. Vor

Morgengrauen erwachte Frau Maria, um nicht wieder einzuschlafen. »Guten

Morgen, Liebste,« sagte er und beugte sich über sie. »Wie fühlst du

dich?«

Ihre Augen gingen über ihn hin, streiften die Wände ab und kehrten zu

ihm zurück. »Was war das nur? Das Letzte?«

»Du wirst geträumt haben. — Erkennst du mich jetzt?«

»Dich? Weshalb sollte ich dich nicht erkennen, Joseph? Du und Carmen —

ach, ruf sie doch.«

»Du bist in Zons, Maria. Hast du noch Schmerzen?«

»Schmerzen — Schmerzen?« murmelte sie. »Ja, ich habe Schmerzen.

Eigentlich sind es keine. Nur der Atem. Wenn ich doch nur ein einziges

Mal — richtig — atmen könnte.«

Kurz darauf packte sie ein schwerer Anfall. Sie rang nach Luft, daß

sich der Körper bäumte, und krampfte die Hände in das Leinentuch.

Ohne Zaudern griff Otten zu, brachte sie in sitzende Stellung und

streichelte ihr liebkosend die feuchte Stirn. Sie versuchte zu

sprechen. In kurzen, hastigen Stößen ging ihr Atem. »Danke,« sagte sie

endlich.

Nachher lag sie, ohne zu reden. Immer vergeblich bemüht, die Atemnot zu

meistern. So fand sie der Arzt.

Als Otten ihn hinausgeleitete, machte er ein Sorgengesicht. »Das Fieber

ist gestiegen. Wir können nichts tun, als bei der Behandlung bleiben.

Versprechungen machen kann ich nicht.«

»Sie müssen.«

»Ich kann es nicht.«

»Gestatten Sie mir, einen zweiten Arzt zuzuziehen.«

»Ich wollte Sie gerade selber darum bitten. Haben Sie einen Vorschlag?«

»Geheimrat Bartels in Köln. Er war unser Hausarzt.«

»Ich werde ihn sofort von der Station aus telephonisch herüberbitten.

Zum Nachmittag können wir gemeinsam hier sein.«

Auf seinem Zimmer fand er zu seiner Verwunderung Koch. »Was willst ~du~

hier?«

»Vorbeugen, daß du nicht unvernünftig wirst, Joseph. Unsere Kranke

schlummert. Sofort streckst du dich auf das Sofa und versuchst

ebenfalls zu schlafen. In zwei Stunden wecke ich dich. Und wenn unsere

Kranke früher aufwacht, früher. Mein Wort darauf. Bedenke, daß du deine

letzte Kraft für die kommende Nacht brauchst.«

Ohne zu verhandeln, willfahrte er.

Am späten Nachmittag brachte der Arzt den Kölner Geheimrat. Im

Städtchen war das Leben heute reger. Die Karnevalswelle ging selbst an

diesem einsamen Strande nicht vorüber, ohne seinen Puls zu erhöhen.

Frau Maria hatte das Anrollen des Wagens vernommen. Aus der Ferne hörte

sie Gesang und wirre Musik. »Was ist das für ein Tag?« fragte sie.

»Rosenmontag.«

»Rosenmontag ... Schön ist der Name.«

Die Ärzte traten ein. Der Geheimrat schüttelte Otten lange die Hand. Er

hatte zu seinen eifrigsten Bewunderern gezählt. Dieser hagere Mann mit

dem verwitterten Gesicht und dem grauen Haar war Otten? Er hätte ihn

nur an den stahlblauen, aufblitzenden Augen erkannt.

»Herr Geheimrat, wenn Sie ihr nicht helfen können, schaffen Sie ihr

Erleichterung. Sie hat ein Anrecht darauf.«

»Ich weiß, und ich werde das meine dazu tun.«

Nach einer Viertelstunde, während der Kollege am Bett blieb, nahm

er Otten beiseite. »Das Herz ist aufgerieben, es leistet keinen

Widerstand. Die Lungenentzündung allein hätte das nicht vermocht. Ich

habe ihr Kampfer gegeben, um die Herzschwäche zu heben. Das täuscht

über ein paar Stunden hinweg. Aber — wie gesagt — es ~täuscht~ nur

hinweg.«

»Leiden soll sie nicht!«

»Geben Sie ihr in der Nacht noch einmal von diesen Tropfen. Das

Bewußtsein der Schmerzen wird dadurch aufgehoben. Sie war eine tapfere

Frau, Herr Doktor.«

»Ah — — sie war — —!« —

Und wieder war er mit seiner Frau allein. Er hatte die Fensterläden

geschlossen, daß kein Ton der Außenwelt in ihr Beieinander dringen

sollte, und das Licht fortgestellt, daß nur ein Schein über ihnen lag.

Und während es Nacht wurde und Stunde auf Stunde vorüberzog, Stunden,

die nur nahmen und nichts brachten, erzählte er in leisem Flüsterton

immerfort, immerfort. Von all den Jahren, von denen sie nichts wußte,

und die doch ihr gehört hätten gleich all den früheren, weil seine

Sehnsucht sie wie ein scheuer Vogel umflattert hätte.

»Nun hole ich alles nach,« sagte sie mit fliegendem Atem. »Alles mit

einemmal.«

Und er erwiderte, und es war wie eine Selbstanklage: »Was hast du für

ein Leben gehabt — —«

Sie strich mit der Hand über die Decke, als ob sie seine Seele glätten

könnte. Er mußte sich zu ihr beugen, um sie zu verstehen.

»Keine Frau war glücklicher. Denn ich durfte nicht nur eine Liebe, ich

durfte ein Trost sein. Wer kann soviel von sich sagen. Und daß ich dein

Trost sein durfte — das macht mein Leben — herrlich.«

»Maria, nun ist die Reihe an mir.«

»Siehst du — sie ist auch an dich gekommen. Und wenn du — Carmen hilfst

— gib acht, wie das Gefühl — ein Leben aufwiegen kann. Hilf Carmen,

Joseph. Was du ihr tust — tust du der Mutter.«

Die Beschwerden steigerten sich. Er reichte ihr die Tropfen, und sie

dämmerte dahin. Noch einmal sprach sie, mit großer Anstrengung. »Ist —

der Morgen da? Ich — möcht’ ihn sehen.«

Er öffnete die Läden und ließ das junge Tageslicht herein. Die

Morgensonne glitzerte durch die Scheiben.

»Sonne — —! Du — Carmen — und die Sonne.«

»Sie hat nie anders als Maria geheißen.«

»Joseph —,« stieß sie hervor, »du —!« Und sie blickte in die Sonne ...

Plötzlich öffneten sich ihre Augen weit. Sie sah ihren Mann an. Sie

wollte noch etwas sagen, und es gelang ihr nicht mehr. Sie mühte sich

um ein Abschiedswort. Und es wurde ein herzzerreißendes Lächeln.

Er hielt sie in beiden Armen. Ganz fest an seiner Brust. Und er las in

ihren Augen, was sie noch wünschte: »Küß mich, Joseph.«

Da legte der Mann seinen Mund auf den ihren und küßte ihr den letzten

Odem von den Lippen — —

Als die Ärzte nach einer Stunde kamen, fanden sie ihn, den Arm noch

immer um die Tote gelegt. Und als sie wieder gegangen waren, saß er wie

vorher. Den ganzen Morgen über. Mit seinen Gedanken allein.

Erst gegen Mittag kam er auf die Diele. Heinrich Koch und der alte

Klaus erhoben sich von ihren Sitzen.

»Joseph —«

»Es ist schon gut.«

»Eine Depesche — an Frau Maria.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 49 / 54 题