Gegen Mittag wurde sie unruhiger. »Joseph — es ist doch mehr als eine
Erkältung. — Das Atmen schmerzt mich so. Und es klopft — überall.«
Er hielt ihren Puls zwischen den Fingern und befühlte ihre Stirn. »Ich
lasse sofort den Arzt holen. Der soll dem Fieber zu Leibe. Und morgen
bist du gesund.«
Auf der Treppe hatte er eine kurze Unterredung mit Koch, der sogleich
Hut und Mantel nahm und sich nach Dormagen aufmachte, um Arzt und
Apotheke aufzusuchen. Darüber wurde es Nachmittag. Otten saß am Bett
seiner Frau und hielt ihre Hand. Er hatte ihr eine kalte Packung um die
Brust gemacht und sie nach einigen Stunden erneuert. Danach fühlte sie
Erleichterung.
»Schreibe nichts an Carmen. Sie soll sich nicht erschrecken.«
»Ist sie denn allein zu Haus?«
»Das Mädchen ist bei ihr. Die ist zuverlässig. Und Moritz Lachner wird
nach ihr sehen.«
»Wissen sie, daß du hier bist?«
»Moritz Lachner weiß es. Er wird es ihr sagen.«
»Wenn dir morgen besser ist, Maria, gehe ich nach Köln.«
Sie drückte seine Hand, schloß die Augen und schlummerte wenige
Minuten. In ihr Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck. Unruhig
bewegte sie den Kopf und erwachte. »Der Atem — will gar nicht.«
Durch die Wirtschafterin hatte er sich Eis besorgen lassen. Er schlug
ein Stück in kleine Teile und gab sie ihr ein. Dabei stützte er wie
eine Mutter, die ihrem Kinde helfen möchte, ihren Kopf, und sie drückte
ihr Gesicht fest in seinen Arm.
»Bleib so, Joseph.«
»Gern, Liebste ....«
»Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich einmal das Fieber. Das ist
meine schönste Erinnerung an meine Kindheit. Klingt das nicht komisch?
Und doch ist es so. Denn damals — bekümmerte sich meine Mutter — den
ganzen Tag nur um mich. Wie wohl das tat. Wenn ich in ihrem Arm lag,
war ich sofort still — und träumte. Von bunten Wiesen und warmer Sonne
darauf, und einer Schaukel zwischen zwei Obstbäumen, auf der ich mich —
ganz sachte — schaukelte. Das war ein wonniges Gefühl. Frei — und doch
geborgen. Jetzt schaukele ich wieder.«
»Weil du geborgen bist.«
»Weil ich geborgen bin. Ja — —. Wie wunderbar das ist, daß sich das
— wiederholt. Jetzt wiederholt. Ich hab’ nicht lange — ein kleines
Mädchen sein dürfen. Daher sind mir auch die Tage — so treu im
Gedächtnis geblieben. Und später — wenn ich einmal von Herzen müde
war — habe ich mich heimlich immer nach ihnen gesehnt. Oft — oft sehr
stark. Aber ich hatte ja — den großen Jungen zu schaukeln, der mein
Mann war. Das ging vor. Und nun — tust du mir denselben — Liebesdienst.«
»Sprich nicht so viel, es strengt dich an.«
»Das tut nichts. Ich habe eigentlich — nie viel im Leben gesprochen.
Aber heute macht es mir Freude. Ich kann dir das nicht erklären. Aber
es ist mir so, als ob ich immerfort — immerfort mit dir plaudern müßte.
So vieles, was ich versäumt habe — dir zu sagen. Ich war immer zu
beschämt, es auszusprechen. Du solltest mich nicht für aufdringlich
halten. Daß ich dich so heiß liebte.«
»Du — du —« sagte Otten und wiegte sie leise.
»Nun bin ich wieder — in der Schaukel. Die einzige schöne
Kindererinnerung, die mir geblieben ist, nimmt Gestalt an — daß ich sie
greifen könnte. Das ist — wie eine Auferstehung. — Ach du — — bei dir
ist es so gut ....«
»Ich glaube,« sagte Otten, »du willst mir gar noch danken.«
»Ich habe Grund dazu. Nein, widersprich nicht. Wenn ich einmal sterben
sollte — will ich ihn dir sagen.«
Er wiegte sie hin und her. Sein graues Haar lag dicht an ihrem vor der
Zeit gebleichten.
Vor dem Hause fuhr die Kalesche des Arztes vor. Heinrich Koch hatte ihn
erst erwarten müssen und ihn nach kurzer Aufklärung gleich mitgebracht,
nachdem sie sich in der Apotheke mit allem, was in Betracht kommen
konnte, versehen hatten. Der Arzt klopfte an die Zimmertür, und Otten
rief »Herein!«, ohne seine Frau aus dem Arm zu lassen. Einen Moment
blieb der Arzt, betroffen von dem seltsamen Bild, auf der Schwelle
stehen. Dann trat er rasch näher und nannte seinen Namen.
»Gestatten Sie, daß ich sofort die Untersuchung vornehme?«
Jetzt erst machte Otten Platz. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn
und stand am Fußende des Bettes, damit Frau Maria ihn sehen könnte. Es
tat ihm weh, als der Arzt ihre Brust enthüllte.
Die Untersuchung zog sich eine geraume Weile hin. Zwischendurch stellte
der Arzt einige Fragen nach allem, was voraufgegangen war. Bevor Otten
antworten konnte, antwortete Frau Maria. Sie wollte nicht, daß er sich
mit einem Bekenntnis peinigen sollte.
»So, so. Sie sind bei dem Unwetter am Rhein gewesen. Diesen
Frühlingsstürmen ist nicht zu trauen. Und jedenfalls befanden Sie sich
in einer seelischen Erregung, die Sie zur Aufnahme der Krankheit noch
geeigneter machte. Nun, es ist nur eine Affektion. Die Hauptsache ist,
gnädige Frau, daß Sie aufs genaueste die Vorschriften befolgen. Dann
werden wir bald wieder am Rhein spazieren gehen. Aber bei besserem
Wetter. Soll ich aus dem Kloster eine Schwester herbitten?«
»Wenn Sie ~mir~ die Dienstreichungen anvertrauen könnten, Herr
Doktor,« sagte Otten und trat vor, »so wäre es mir lieber. Was mir an
Geschicklichkeit abgeht, ersetze ich durch Zuverlässigkeit.«
»Ich dachte nur, daß sich Frauen gegenseitig —«
»Meine Frau ist nur an mich gewöhnt.«
»Schön. So darf ich Sie wohl informieren, und am besten im Beisein der
Wirtschafterin.«
Otten öffnete höflich die Tür, nickte seiner Frau zu und folgte dem
Arzt, der auf der Treppe stehen blieb. »Hören Sie, Herr Doktor Otten,
das ist keine leichte Affektion, wie ich es vorhin zur Beruhigung Ihrer
Gattin hinstellte. Ich habe die Pflicht, Ihnen gegenüber offen zu sein.
Und ich kann es doch?«
»Ohne Schonung, wenn ich bitten darf.«
»Es ist eine Lungenentzündung, die sich rapide entwickelt hat. Wenn
ich auch nicht gleich das Schlimmste befürchte, so muß ich Sie doch
auf den Ernst der Situation aufmerksam machen. Meine Vorschriften
müssen auf das peinlichste befolgt werden, eine Nachtwache muß sein,
die alle zwei Stunden die Packungen wechselt und jede Minute bereit
ist, beizuspringen, der Kranken durch Eisstückchen Erleichterung
zu verschaffen und ihre Herztätigkeit durch einen Trunk Champagner
anzufeuern. Ich möchte Sie noch einmal fragen: Soll ich nicht lieber
eine Vinzenzschwester bitten?«
»Herr Doktor,« antwortete Otten ruhig, »wenn die Möglichkeit besteht,
daß es sich für meine Frau nur noch um ein, zwei Nächte handeln könnte,
so will ich diese Nächte für mich allein haben.«
»Die Möglichkeit ist nicht außer Frage. Vor morgen ist Genaueres nicht
zu bestimmen. Andernfalls aber —«
»Andernfalls — und ich hoffe mit aller Kraft, daß dieser andere
Fall eintritt — kann kein Mensch schneller die Genesung meiner Frau
herbeiführen helfen als ich. Ich allein bin der Gewinnende — wie ich
der Verlierende sein würde.«
Sie gingen die Treppe hinab und trafen Heinrich Koch und den alten
Klaus auf der Diele. Und während der Arzt aus den mitgebrachten
Vorräten ein paar Medikamente hervorsuchte, hatte sich Otten stumm zu
den Freunden gesellt und saß zwischen ihnen. Mit heimlichem Staunen
betrachtete der Arzt das seltsame graue Kollegium ....
Dann rief er die Wirtschafterin und wiederholte seine Vorschriften.
Otten hatte sich sofort erhoben.
»Ich fahre jetzt nach Hause,« wandte sich der Arzt an ihn, »aber ich
werde heute abend gegen zehn Uhr wieder hier sein, um der Patientin,
falls die Atmungsbeschwerden sich steigern sollten, ein paar Stunden
Schlaf zu verschaffen.«
Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge ruhte für Sekunden auf dem
Gesicht des Arztes, als ob es dort mehr zu lesen gäbe. Dann ließ er die
Hand fallen. »Haben Sie Dank.«
»Auf Wiedersehen.«
Otten grüßte, wandte sich um und ging an den Freunden vorbei, die
hinter ihm dreinschauten, bis er die Treppe hinauf war, und auch dann
noch horchten, bis sie die Türe seines Zimmers ins Schloß gleiten
hörten.
Er konnte nicht sofort in die Schlafkammer gehen. Mitten im Zimmer
stand er, mit weit geöffneten, ungläubigen Augen, und sein Kopf
wiederholte sich beständig die Worte des Arztes. »Es ist Gefahr — es
ist Gefahr.« Das war ja nicht auszudenken. Das mußte einen anderen
betreffen, nicht ihn. Nicht ihn und Maria. Sein Gesicht verzog sich,
daß es um Jahre älter erschien, seine Augen suchten ratlos in allen
Ecken. Und wieder arbeitete sein Gehirn, daß es ihn schmerzte. Bei
Gott, der Arzt war hier gewesen, der Arzt hatte gesprochen, von Maria
gesprochen, es ließ sich nicht aus der Welt schaffen, was er gesagt
hatte, Maria war in Gefahr. Maria ...? War es denn möglich, daß sie ihn
allein lassen wollte? Wie das? Hatte er sie nicht allein gelassen und
es alle die Jahre gewünscht, daß er allein bliebe? Aber das war doch
gewesen! Was hatte das Gestern mit dem Heute zu tun? Was waren ihm alle
die Jahre? Was bedeuteten sie für ihn? Nur eines hatte noch Geltung.
Das, was geschehen war, seit er sie wieder hatte.
Und nun — aus und vorbei? Ein letzter Blitz, der sein Leben erleuchtete
und es aufrüttelte? Um ihm den Weg zu zeigen. Auch das für ihn? Und —
aus.
»Nein!« stieß er hervor.
Seine Gestalt reckte sich. Seine Augen glühten. Mit geballten Fäusten
stand er und zog alle Selbstbeherrschung an sich.