Aus Ottens Gesicht wich die Farbe. »Sag das nicht, Maria. Das nicht.«

»Ich muß es. Ich kann nicht mehr warten. Es geht ja nicht nur um

Carmen, es geht ja auch um dich. Deine Tochter, Joseph! Deine Tochter:

ein Spielzeug! Darüber — nein, darüber kämst du nie hinweg. Und wenn

andere Frauen, klügere, zeitgemäßere Frauen tausend schöne Worte dafür

finden — hier handelt es sich nicht um andere Frauen, nicht um klügere

und freiere, nicht um alle Frauen der Welt, hier handelt es sich um

deine Tochter. Du: ~deine~ Tochter! Wo ist der Vater? Ich bin todmüde

...«

Mit jäher Bewegung umfaßte Otten seine Frau. Sein Gesicht war starr

wie eine Maske geworden. Kein Laut war zwischen ihnen als ihr schweres

Atmen. Und dann wiederholte Otten mechanisch: »Sei still, Maria, sei

ganz still ...«

»Jetzt bin ich es.«

Sie saßen nebeneinander, einer in des anderen Arm. Keiner sprach

mehr, denn ihre Gedanken waren eins geworden. Bis Frau Maria

zusammenschauerte.

»Was hast du, Maria?«

»Ich friere, und doch bin ich heiß.«

»Du mußt zu Bett gehen. Es wird eine Erkältung sein.«

Sie versuchte sich zu erheben, und die Glieder versagten. Mit einem

müden Lächeln ließ sie davon ab. »Nun bürde ich dir schon die zweite

Last auf. Wie Blei liegt es in mir. Wenn ich jetzt nur nicht krank

werde.«

Otten beugte sich über sie. Seine Hände betasteten ihre Schläfe und

ihren Puls. »Um Gottes willen, Maria.«

»Komm, ich will mich auf dich stützen. Vielleicht ist es nur die

Freude, mich bei dir ausruhen zu dürfen. Gib acht, es ist so. Wenn ich

morgen aufwache, ist alles gut.«

Er legte den Arm um ihren Leib und führte sie, Schritt für Schritt, in

seine Kammer. Dort blieb er bei ihr, bis sie sich niedergelegt hatte.

Ihre Zähne schlugen vor Frost aufeinander. Und doch fand sie Worte der

Sorge für ihn.

»Wo wirst du die Nacht über bleiben? Ich habe dich vertrieben.«

»Ich kampiere auf dem Sofa nebenan. Das geht sehr gut. Wir lassen die

Türe auf, und du brauchst nur zu rufen, wenn du irgend etwas wünschest.«

»Laß dir von der Wirtschafterin Decken geben. Es wird dir kalt werden.«

Ihre Schultern bebten.

»Mach dir doch keine Gedanken um mich, Liebste.«

»Liebste — —,« murmelte sie.

»Ich besorge dir noch schnell einen heißen Tee,« sagte er aufgeregt.

»Wir werden die Erkältung schon aus dem Felde schlagen. Du hast nun

genug gelitten.«

Sie sah ihm mit glänzenden Augen nach, als er das Zimmer verließ. Unten

traf er den alten Klaus, Heinrich Koch und die Wirtschafterin. Er

verständigte sie mit wenigen Worten und setzte sich schweigsam neben

den Herd, um auf den Tee zu warten. Als er wieder hinaufstieg, kam Koch

ihm nach. »Kann ich dir behilflich sein?«

»Ich danke dir. Ich hoffe, sie wird bald einschlafen.«

»Du, Joseph, ich warte hier unten.«

»Willst du nicht auch zu Bett? Es ist spät.«

»Ich habe so das Gefühl, als ob du heute gern einen Menschen um dich

wüßtest.«

»So warte.« Und er stieg eilig hinauf.

Frau Marias Augen waren nicht von der Tür gewichen. Und wieder glänzten

sie auf, als er eintrat. Er gewahrte diesen Blick und errötete. »Ist

dir wärmer geworden?« fragte er.

»Du sollst dich nicht ängstigen, Joseph. Sonst muß ich aufstehen und

erst für dich sorgen.«

Er stützte ihren Rücken und reichte ihr den Tee. »Trink. Er ist glühend

heiß. Aber die Wirtschafterin schwört auf ihn.«

Sie schlürfte ihn langsam ein, und wenn sie absetzte, lehnte sie den

Kopf gegen seinen Arm. Den Blick ließ sie nicht mehr von ihm.

»Wie hübsch das ist. Zwei alte Leute ...«

»Ja, Maria, viel Staat wirst du nicht mehr mit mir machen können. Meine

Eitelkeit ist der Zeit unterlegen. Kein Haar auf dem Kopfe, das nicht

tributpflichtig geworden wäre. Grau, grau, grau.«

»Und ich bin weiß.«

»Wie dich das Weiß kleidet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du

je anders gewesen bist. So friedlich und so mütterlich macht es dich.

Ich bin nur verwittert.«

»In jedem Zug bist du wie früher. Wenn man älter wird, hat man andere

Schönheitsbegriffe, und das ist gut.«

»So,« befahl er, »und jetzt keine weiteren Schmeicheleien.« Er ließ

ihren Kopf in die Kissen sinken und wickelte sie fest in die Decken.

»Wenn du mich liebhast, schläfst du auf der Stelle ein.«

»Ich will erst sehen, daß die Wirtschafterin dir dein Sofabett richtet.«

»Unverbesserliche du. Ich werde sie also rufen.«

Tringche kam mit Decken und Kissen, bereitete das Lager, sah nach der

Frau, klopfte an ihren Betten herum und verschwand mit vielen guten

Wünschen.

»Gute Nacht, Joseph.«

»Gute Nacht, du liebe Frau.«

Sie schloß einen Moment die Augen, öffnete sie groß, hob die Arme und

zog schnell seinen Kopf an ihre Brust. »Du! — — — Nun sind wir alte

Leute .... Gute Nacht.«

Er saß auf dem Bettrand, bis sie eingeschlafen war. »Nun sind wir alte

Leute,« wiederholte er sich. Und er schüttelte den Kopf. »Man muß den

Kreis nur etwas enger ziehen, und man bleibt jung. Der alte Klaus

fühlt sich wie ein Jüngling.«

Er erhob sich leise und ging aus dem Zimmer. Dabei fiel ihm ein, daß

Heinrich Koch auf ihn wartete. »Ich werde mich noch ein Stündchen zu

ihm auf die Diele setzen. Wir haben als Knaben zusammen begonnen und

schließen als Grauköpfe den Kreis. Was darin ist, bedeutet nun für uns

die Jugend.«

Heinrich Koch saß am Eichentisch und träumte. Das Lampenlicht beschien

sein ernstes, faltiges Gesicht. Als er Ottens Schritt vernahm, sprang

er auf und ging dem Freund entgegen. Stumm streckte er ihm die Hand

hin. Es wurde ein kräftiger Druck.

»Was bedeutet das, Heinrich?«

»Das bedeutet einen Glückwunsch.«

»Bist du auf deine alten Tage Gedankenleser geworden?«

»Dazu bedarf es bei dir keiner Kunst. Du bist gottlob keine

komplizierte Natur, und deine Augen blicken wie ein Paar Seemannsaugen,

die nach langem bösen Wetter endlich wieder Land erblicken. Land,

Joseph!«

»Ich danke dir für deinen Glückwunsch. Du hast dich nicht geirrt.

Heinrich, ich spür’ wieder mein Blut kreisen.«

»Der Mensch muß eine Aufgabe haben. Du bist ein glücklicher Mann.«

Sie saßen sich gegenüber wie so oft und betrachteten sich wie nach

einer langen Trennung. »Der alte Klaus ist zu Bett,« sagte Heinrich

Koch, »wir sind, glaube ich, die einzigen Nachtschwärmer in ganz Zons.«

»Maria fieberte. Aber sie ist leicht eingeschlafen.«

»Nur sorgenfreie Menschen schlafen leicht ein. Gibt dir das nicht zu

denken, Joseph?«

»Ich sehe alle die Nächte vor mir, in denen sie schwer einschlief. Ihr

Leben darf nicht kurz sein, wenn das Versäumte eingebracht werden soll.

Und doch ging es um Sekunden.«

»Dort?« Heinrich Koch wies still nach dem Fenster.

»Ja. Dort.«

Sie horchten beide hinaus. Aus der Ferne dröhnte es dumpf zu ihnen

herüber. Der feuchte Südwind jagte die Schollen rheinab und zerbrach

das Ufereis. Wie ein Geisterkampf klang es durch die Nacht.

»Morgen,« sagte Heinrich Koch, »morgen oder in zwei Tagen wird der

Strom frei sein von einem Ufer zum andern. Und er wird die kurze

Strecke bis in die Niederlande wieder seine Pflicht erfüllen können.«

»Er — und ich, Heinrich. Die kurze Strecke bis in die Niederlande.«

»Aber besser münden als er. Nicht verzettelt in kleinen Kanälen. Stolz

und kühn muß es ins Meer gehen.«

»So haben wir es uns erträumt, als wir jung waren.«

»Und wir wollen sorgen, daß wir uns vor unserer Jugend nicht zu schämen

haben. Du vor allem, Joseph, du für mich mit. Das Abendrot soll so

leuchtend sein wie das Morgenrot. Nur nicht klein werden.«

»Es sind fast dieselben Worte, die ich Maria sagte, als ich ihr zum

erstenmal von meiner Liebe zu ihr sprach. Sie glaubte es mir. Damals!

Und nun wird es Zeit, daß ich auch dies Versprechen mit manchen anderen

einlöse. Damals — —! Ich bin inzwischen fünfundfünfzig Jahre alt

geworden, aber es sind viele Kriegsjahre darunter, und die zählen

doppelt. Damals glaubte ich, sie würden nur die Hälfte zählen, und

weiß Gott, in der ersten Zeit war es so, und so blieb es noch lange,

weil Maria mir alles um eine gute Hälfte erleichterte. Damals,« sagte

er, und wieder »damals — damals —« und begann zu erzählen, als gälte

es eine frohe Beichte, von Dingen, deren er niemals einem dritten

gegenüber Erwähnung getan hatte, von Marias einsamer Jugend, ihrer

ersten Begegnung in Koblenz, ihrer Kameradschaft und ihrer Liebe. Den

ganzen Frühling ließ er lebendig werden und alle Frühlingshoffnungen

und Erfüllungen, ihre gemeinsamen Reisen, das Mutterwerden Marias,

seinen Vaterstolz, die Ehe, die sie ihm zu einem Hafen umgestaltet

hatte, bis er die letzte, verhängnisvolle Ausfahrt getan.

Eine feine Röte stand auf des Professors Stirn. »Nun habe ich alles

miterlebt,« sagte er, »ich danke dir, Joseph.«

»Mir ist fast,« meinte Joseph Otten, »als hätte ich in dieser Nacht das

Rätsel meines Niedergangs gelöst.«

»Dann ist der Niedergang gebannt.«

»Willst du es wissen?«

»Ach, Alter, ich weiß es schon so lange. Aber man muß es selber

empfinden, wenn es Wunder wirken soll.«

»Ja, Heinrich, ich hatte mir stets die Sorgen abnehmen lassen und nie

welche übernommen. Das war es. Und ich stand grimmig beiseite und

glaubte, meine Kräfte wären erschöpft, weil ich nicht wußte, was noch

mit ihnen beginnen.«

Heinrich Koch deutete mit einem Blick zur Decke. »Maria hat dir eine

Aufgabe gebracht?«

Otten erhob sich. In seiner hageren Gestalt spannte sich jeder Nerv.

»Das Kind ist in Gefahr,« sagte er, und es war, als ob ein Lachen in

seinen Augen aufspränge, ein jäher Lebenshunger.

»Weissagte ich dir nicht, daß du ein glücklicher Mann seist?«

Die beiden Graugewordenen standen und sahen sich mit blitzenden Augen

an. Draußen fegte der Nachtwind über Rheinwiesen und Strom. Das Grollen

des Eisgangs brach nicht ab. »Er wütet, weil ich Sieger geblieben bin.

Hörst du’s?« Und sie lauschten hinaus und lachten kurz vor sich hin ....

»Ich muß nach Maria sehen. Laß es erst morgen werden. Ich lebe noch.«

Sie reichten sich die Hand, und Otten ging hinauf. Aufrecht und jung.

Nie, so war ihm, hatte er sich glücklicher gefühlt als in dieser

Stunde.

=XIX=

Die Glocke der Zonser Pfarrkirche läutete den Sonntag ein. Das ganze

Land ringsum sog die Feierlichkeit ein, die wie ein alter Segen über

Wiesen und Äcker schritt, und lag lautlos und erwartungsvoll. Der Wind

hatte die Wolken vertrieben. Eine wärmende Vorfrühlingssonne zog auf

und schien ruhig auf Landschaft und Strom, der fast die ganze Breite

seines Bettes zurückgewonnen hatte und nun auf starkem Rücken das

rasch zu Tal gleitende Eis wie ein leichtes Spielzeug trug. Selten nur

klang ein Ton durch die Stille, wenn sich vom Uferrand eine neue große

Scholle löste, sich verwundert um sich selber drehte und pfeilschnell

den Gefährten in die trügerische Freiheit nacheilte.

Tringche, die Wirtschafterin, kam aus der Frühmesse, die sie seit dem

Tage, an dem die sonderlichen Gäste in ihr Haus gezogen waren, nie

versäumte. Die Gemeinde war klein, es gab nicht viel zu schauen, und

die einfache Seele nutzte Zeit und Gelegenheit, die Fürbitte der lieben

Heiligen auch für die Hausgenossen zu erflehen, die daheim geblieben

waren und auf ihre Art eine direkte Verständigung mit dem Herrgott

herbeizuführen trachteten. Als sie in die Küche trat, brannte bereits

das Feuer, und der Professor stand neben dem Herd und achtete auf das

Wasser, das gerade ins Kochen geriet.

»Is die Frau als munter?« fragte sie und griff ohne weiteres mit zu.

»Munter wäre zu viel gesagt. Aber sie ist aufgewacht. Wir wollen

schnell für den Tee sorgen.«

Wenige Minuten später stand Heinrich Koch mit dem Teebrett vor Ottens

Tür und klopfte leise. Joseph Otten öffnete. Er nahm das Teebrett

entgegen, dankte mit einem Neigen des Kopfes und trat, die Tür behutsam

schließend, ins Zimmer zurück. Aus der Kammer kamen kurze, schnelle

Atemzüge.

Vorsorglich kühlte Otten das Getränk und trug es ans Bett. »Es wird dir

gut tun, Maria.«

Beim Klang seiner Stimme schlug sie die Augen auf. »Mir ist so heiß,

und es drückt auf der Brust und im Kopf.«

»Wir werden’s schon niederzwingen.«

»Joseph,« sagte sie nur, faßte seine Hand und trank gehorsam.

Nach einiger Zeit fragte sie nach dem Wetter. »Die Sonne ist durch?

Bitte, stoß den Laden zurück. Ich möchte die ganze Kammer voll Sonne

sehen.«

Er willfahrte sofort. »Du brauchst dich gar nicht zu rühren. Ich

schiebe dir ein Kissen unter den Kopf, und du kannst vom Bett aus

gerade durch das Fenster blicken. Ist es schön?«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 47 / 54 题