Lange stand er und schaute gedankenversunken in die sprudelnden Wasser.
Dann richtete er seine hagere Gestalt gerade auf.
»Diesmal,« murmelte er, »werfe ich kein Geldstück in die Flut. Diesmal
trinke ich nicht von dem Wasser.«
Er legte die Hand über die Augen.
»Denn ich komme nicht mehr wieder ....«
=XVI=
Wenn der Rheindampfer die grünen Höhen des Siebengebirges passiert hat,
und in Bonn und Köln die letzten Rheinfahrer gelandet sind, bleibt ihm
meist nur noch die Güterladung zu Tal. Selten, daß ein paar Menschlein
an Bord zurückbleiben, die da wissen, daß die Romantik des Stromes
weiter reicht als seine rebenbekränzte Bergstraße, daß sie in der
niederrheinischen Tiefebene noch einmal einen Triumph feiert, und der
köstlichsten einen. Unberührt vom Zuge der Zeit, abseits selbst von
den Eisenschienen, die Städte und Dörfer verbinden, hebt sich aus den
Rheinwiesen zwischen den römischen Städtegründungen Köln und Neuß eine
kleine, burgartige Stadt wie ein vergessenes Märchen: ~Zons~.
Zwei Jahrtausende fast zurück reicht seine Geschichte. Sie ist alt wie
die Geschichte Kölns. Ein Dezennium vor Christi Geburt legte Drusus zum
Schutz der befestigten Lager Köln und Neuß Kastelle an, und Zons war
unter ihnen. Die Franken herrschten hier, und der heilige Kunibert, der
erste Erzbischof von Köln, erhielt es vom Frankenkönig zum Geschenk.
Eine kurkölnische Feste wurde es, wild von der Kriegsfurie umtobt, und
zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts in ein Wunder mittelalterlicher
Befestigungskunst verwandelt, das sich durch alle Kriegsstürme hindurch
in unsere Tage hinübergerettet hat wie eine Frage der Romantik, an der
der Mensch achtlos vorübergegangen ist.
Von gewaltigen Mauern umgürtet, zinnengekrönt, von ragenden Trutztürmen
und starken, steinernen Torgängen flankiert, schaut das gotische
Städtlein verwundert auf den Rhein, der es nicht minder vergessen
zu haben scheint. Uneinnehmbar war es einst, und »Virgo« nannten es
die Geschichtschreiber. Jungfräulich sollte es bleiben. Weder die
Schiffahrt noch die Eisenbahn hatte hier einen Halteplatz.
Ein Kleinod liegt am Niederrhein, und wenige, viel zu wenige wissen
darum. Staub fällt auf Mauerkrone und Turmkappen. Wer auf dem Rheine
vorübersegelt, staunt hinüber wie auf eine phantastische Erscheinung,
ein auferstandenes Vineta ...
Klaus Gülichs Haus lehnte sich an die Stadtmauer. Von seinem oberen
Stockwerk aus schweifte der Blick über die Rheinwiesen, auf denen die
kurzen, knorrigen Weiden aufmarschiert standen wie Regimenter stummer
Soldaten. Und hinter den Rheinwiesen lag der breite, glitzernde
Streifen des langsam ziehenden Stromes. Holländische Ruhe atmete das
Land ringsum, das sich meilenweit dem Blicke öffnete. Ein Kranz von
Windmühlen säumte den Horizont.
Das Haus war ein sauberer Fachwerkbau, weiß getüncht, mit grünen
Fensterläden und einem schwarzen, schuppigen Pfannendach. Der alte
Klaus hatte seine Ehre darein gesetzt, es so schmuck herauszuputzen,
als wäre es ein Schiff wie das, das er einstmals im Auftrage der Firma
Otten von Köln nach Holland führte, Jahrzehnte hindurch, immer dieselbe
Strecke.
Von der Station Dormagen her rollte ein Wagen über die Chaussee. Jetzt
fuhr er in die stille Stadt ein, die in sommerlicher Mittagsruhe lag,
bog an der Mauer ab und hielt vor einem der letzten Häuser. Der alte
Klaus stand auf der Schwelle, untersetzt, im gestrickten braunen
Wollkamisol, das achtzigjährige verwitterte Schiffergesicht von weißem
Stoppelbart bekränzt, und rauchte seine Tonpfeife.
»Tringche,« rief er über die Schulter der handfesten Wirtschafterin
zu, »is die Zupp parat? Die Häre komme.« Dann befestigte er den
Pfeifenstiel im Mundwinkel, rückte an der Schiffermütze und bot den
Aussteigenden die breite Hand. »Sid ihr all do? Guten Dag ooch.
Jungens, ihr seht schlääch us!«
»Guten Tag, Klaus. Mensch wie das ewige Leben! Wir wollen es uns auch
verdienen.«
»Dat scheint mir ooch langsam Zick zu sinn. Oder ihr mößt noch ens op
die Welt komme. Na — also — herzlich willkommen, säht mer woll.«
Heute saßen sie zusammen um den schweren Eichentisch der Diele und
schöpften aus derselben Schüssel. In den nächsten Tagen sollte ein
Mobiliar für die beiden Herren ankommen, das Otten in Köln bestellt
hatte. Tringche würde die Mieter alsdann separat zu bedienen haben.
»Heiß,« sagte der alte Klaus und ließ es dahingestellt, ob er die Suppe
oder das Wetter meine. Man sprach nicht viel während der Mahlzeit. Die
Wirtschafterin holte das Fleisch- und Gemüsegericht, Messer und Gabel
klapperten, und ein paar aufgestörte große Fliegen summten und surrten
an der Fensterscheibe. Als man sich vom Tisch erhob, äußerte Otten ein
Lob über die ausgezeichnete Küche.
»Na ja —« sagte der alte Klaus verschämt, als sei er der Kochkünstler
gewesen. —
In ihrer Wohnung standen die Freunde am Fenster. Die Arme auf dem
Rücken. Dicht nebeneinander. Schwermütig lag das Land, schwermütig die
Stadt. Kein Ruf drang herüber.
»Hier gefällt’s mir,« sagte Otten.
»Mit geschärften Augen können wir die Türme des Kölner Domes sehen,
Joseph.«
»Wir sind doch keine Toggenburger.«
»Nein. Aber es ist gut, die Heimat in erreichbarer Nähe zu wissen.«
»Ich für meine Person habe nichts mehr dort zu suchen. Ich will Ruhe,
Heinrich.«
»Ich meinte auch nur, daß man ~dich~ einmal nötig haben könnte.«
»Das ist noch nicht dagewesen. Ich habe keine glückliche Hand in
Familienangelegenheiten. Überflüssige Sorge, Heinrich, so überflüssig
wie ich selber. Wir wollen es uns hier gemütlich machen.«
Heinrich Koch legte ihm den Arm um die Schulter. Und sie blickten auf
den Rhein hinaus, auf dem das schlappe Segel eines Lastkahnes erschien,
der verschlafen vorüberglitt.
Die Woche darauf waren sie eingerichtet. Sie hatten sich in die
vier Stübchen geteilt, daß jeder sein Wohn- und sein Schlafzimmer
erhielt. Auch ein Klavier war gekommen. Und die Bücherregale standen
vollgepfropft von Bänden.
Heinrich Koch ging schmunzelnd durch die Räume. Seine Gelehrtennatur
war erwacht. »Was tun wir nun?«
»Nichts.«
»Nichts —?« wiederholte er lachend.
»Wenigstens vorläufig nicht. Ihr armen Arbeitstiere glaubt, des Daseins
Wonne bestände nur in der sichtbaren Beschäftigung. Tausend Dinge
greifen wir an und formen sie um. Nur an uns selbst gehen wir nicht
heran. Es gibt auch eine innerliche Beschäftigung. Wir wollen uns des
Brachlandes annehmen.«
»Ich bin’s zufrieden. Und wenn wir es kultiviert haben?«
»Dann kommt erst die Freude. Und die will auch ihre Zeit haben. Schau
dich einmal um in der Menschheit, Heinrich. Wer weiß denn heute
überhaupt noch, was Genießen ist? So recht ausgenießen? Die alten
Deutschen wußten es, wenn sie aus dem Streit kamen oder von der Jagd
und sich auf die Bärenhaut warfen. Die genossen ein jedes Ding doppelt,
wenn nicht dreifach und vierfach. Zuerst in der Wirklichkeit, dann im
Austausch der Erlebnisse, nachher in der Erinnerung oder gar im Liede
des Sängers. Aber wir? Was du gestern erlebt hast, weißt du heute
schon nicht mehr. Du stürmst weiter, rastlos aus dem einen Tag in den
anderen, und das heutige Erlebnis frißt das gestrige ratzenkahl und
wird morgen wieder gefressen.«
»Du sprichst von dir, nicht von mir. Ich lebe und zehre lediglich von
meinen paar Jugendjahren.«
»Nun ja — von mir. Vielleicht, wenn ich auf die Schattenjagd gehe, tun
mir einige den Gefallen und nehmen Farbe an. So kann ich mir langsam
einen Ritter- und Fräuleinhof gründen, in dem ich herumturniere.«
»Werde ich zugelassen? Als Junge war ich Zaungast, und später genierte
es mich, durch die Bretter zu spähen.«
»So oft du kommst, du sollst willkommen sein.«
Die Stadt kannten sie bald bis in den letzten Winkel. Von den Bewohnern
wurden sie für ein paar alte vornehme Sonderlinge gehalten, Maler oder
Architekten, die das niederrheinische Rothenburg ins Herz geschlossen
hatten. Man gewöhnte sich bald an sie und schaute sich kaum nach ihnen
um, wenn sie straffen Ganges die Straße kamen oder Luginsland und
Warttürmchen, Mauern, Trutztürme und Tore untersuchten, um den alten
genialen Befestigungsplan festzustellen. Die wenigen Einwohner von Zons
hatten mit sich selbst zu tun.
»Das ist eine göttliche Langeweile,« sagte Otten. »Von Tag zu Tag spüre
ich mehr, wie ich ruhiger werde.«
»Wir sehen aus wie Landjunker.«
»Das ist der einzig wahre Beruf. Auf seiner Scholle sitzen und jeden
Tag auf seinen Gehalt prüfen. Das schafft das richtige Distancegefühl.
Ach, unsere Junker wissen, was gut ist.«
»Bald wirst auch du die Distance zu deinem Leben haben.«
»Ich hoffe es. Hier ist Gelegenheit. Sieh dir mal den Rhein an. Einen
Pfeilschuß weit ist er entfernt, und früher floß er dicht unter den
Südmauern der Stadt. Mehr und mehr zog er sich zurück. Er respektierte
die göttliche Langeweile und gab Fersengeld. Nun ist es ganz still.«
In der ersten Zeit sprachen sie viel von der Geschichte der Stadt.
Unter den silbernen Weiden auf der Rheinwiese gelagert, blickten sie
auf das wunderbare Stück Mittelalter, das vor ihnen aufwuchs.
»Da liegen wir müde gewordenen Söhne unserer Zeit und schauen der
Kraft und dem Trutz unserer Vorfahren ins festgebliebene Mark. Und
wo wir liegen, lag der Ubier und schaute in sein Gehöft, lag der
Römer und schaute in sein Kastell, lag der Franke und schaute in sein
Königsschloß, lagen die Erzbischöflichen, wenn sie nicht hinter den
Wällen lagen, in lachender Verteidigung gegen die Stadtkölner, die
bergischen Grafen, die Heerhaufen und Räuberbanden im truchsessischen
Krieg und die marodierenden Schweden unter ihrem famosen Oberst
Rabenhaupt. Ein Mordskerl, dieser Rabenhaupt. Kein Mensch im
Dreißigjährigen Krieg soll es ihm im Fluchen haben gleichtun können.
Wenn er keine Kugeln mehr über die Mauern zu werfen hatte, schrie er
seine Flüche in die belagerte Stadt. Und sein schauerliches Fluchen
soll den frommen Zonsern lästiger gewesen sein als seine Kugeln. Wen
haben wir sonst noch zu begrüßen? Im Kriege Ludwigs des Vierzehnten den
Mordbrenner Turenne, im spanischen Erbfolgekrieg Marlborough, der die
Franzosen zum Teufel jagte. Und später den großen Napoleon, der auf der
Chaussee von Dormagen Gnaden austeilte. Das ist eine Fülle von Namen
und Geschehnissen, von denen ein Drittel genügen würde, anderen Städten
ewiges Ansehen zu gewähren. Von Zons sind sie abgeglitten ins Meer der
Vergessenheit, wie das Städtchen selbst. Und das macht mir das alte
Nest so reizvoll, so beneidenswert. Die göttliche Langeweile ringsum
hat es fertig gebracht, daß es selbst seine große Vergangenheit vergaß.«
»Das ist wohl Ironie, Joseph?«
»Mit steinernem Gesicht in die große Nirwana hinübergleiten können, das
ist — ein Ziel.« —
Wenn ein Monat vergangen war, sagten sie es sich. »Hast du es bemerkt?«
Und sie schüttelten lächelnd die Köpfe.
An Regentagen saßen sie auf der Diele am Eichentisch des alten Klaus
und disputierten über Leben und Sterben. Die Herren rauchten ihre
Zigarre, der weißköpfige Hausherr seine langgestielte Tonpfeife. »Dat
is ene Onsinn,« belehrte sie der Alte, spuckte aus, brach ein Stückchen
des Tonstieles ab, um sich ein frisches Mundstück zu schaffen, und
qualmte weiter. »Dat is ene Onsinn, öwer et Sterwen zu sinniere. Wenn
mer esu alt geworde is wie ich, glöwt mer gar nit mieh an et Sterwen.
Un dat is schön esu. Sons wär dat eja im Alter ene Landplag.«
Vor dieser einfachen Weisheit schwiegen die Freunde eine Weile.
»Ich glaube,« meinte Heinrich Koch endlich, »Klaus hat den Nagel auf
den Kopf getroffen.«
»Geschmackssache,« murmelte Otten.
»Weißt du Besseres als den Tod ignorieren?«
»Ihm in die Zähne lachen, würde mir mehr noch gefallen.«
»Ich halte das für weniger bedeutend.«
»Aber es steckt eine männliche Geste darin. Sterben, wie man gelebt
hat! Wenn ich als Junge die Geschichte der französischen Revolution
las, kriegte ich einen roten Zornkopf über das Regiment des Mobs.
Und ich jubelte erst wieder auf, wenn ich las, wie die Mehrzahl der
Edelleute in den Tod ging. Ich bin kein Byzantiner. Nichts auf der
Welt, was mir verhaßter wäre. Aber ich schwärme für die Aristokraten
der Gesinnung, für alle Menschen ohne Sklavenblut. Himmel, wenn so
ein Mann vom Karren sprang und auf die Guillotine stieg, auf der sein
Kopf fallen sollte. Ein Wort noch war ihm frei. Und von der Guillotine
herunter spie er aus Leibeskräften in die tobende Menge. Das besagte:
›Bande, hätt’ ich euch hier oben, ohne Barmherzigkeit legt’ ich euch
unter das Messer.‹«
Am Tische dachten sie nach. Draußen rieselte unaufhaltsam der graue
Regen. Und Heinrich Koch legte dem Freunde die Hand auf den Arm und
meinte gelassen: »Das nennst du nun ein harmloses Plauderstündchen.«
»Kein besserer Beweis als dieser, daß ich der Ruhe bedarf.«
»Altes Sturmherz du.«
»Eine gnädige Woge hat mich fern auf den Strand geschlagen. Mehr
wünsche ich nicht, als fernab liegen zu bleiben.« — — —
»Wieder ein Monat,« sagte eines Tages Heinrich Koch.
»Schon wieder. Schau! Ein Monat geht uns hin wie eine Minute. Nun
kommen wir doch in der Zeitrechnung annähernd der der Götter gleich.
Ich möchte meine Taschenuhr nicht mehr aufziehen.«
»Den Göttern gleich zu sein, ist edler Wunsch.«
»Ja. Da quälen wir uns mit unseren großen und kleinen Gedanken, halten
uns für überaus wertvolle Objekte und die Erde beinahe für grenzenlos.
Und doch ist sie nur ein Ameisenhaufen im Universum, und wir winzige,
krabbelnde Ameisen, die ihren Dünkel emsig hin und her schleppen. Es
ist zum Lachen! Wir dünken uns die Herren, weil unsere Sinnesfunktionen
nicht weiter reichen, und die Ameise tut dasselbe. Und ohne daß wir es
wittern, schreitet vielleicht ein anderes, ungeheuerliches Geschlecht
über uns hinweg wie über Ameisen, schreitet wie Götter von Stern
zu Stern, unsichtbar für uns, die wir ihnen in unserer Körper- und
Gedankenkleinheit verächtlich erscheinen.«
»Wünsch’ ihnen gute Reise, Joseph. Dies bißchen Erdenpilgrimschaft gibt
unserem Gewissen schon zur Genüge Arbeit.«