Der Herbst zog herauf. Auf dem jenseitigen Rheinufer, in den
Urdenbacher Baumwiesen, begann die Obsternte. Der Schleppverkehr auf
dem Rheine wurde stärker, und hochbordige Dampfer fuhren zu Tal, um
über die See England zu erreichen. Auch die Zonser Fähre hatte Arbeit
vollauf. Junge, lebenslustige Akademiker von der nahen Düsseldorfer
Kunstschule kamen, mit ihrem Malgerät behangen, über Benrath und
Urdenbach herangezogen, jodelten die Fähre an und ließen sich in
die Dornröschenstadt entführen. Vor Türmen und Mauern schlugen sie
ihre Schlachten auf der Leinwand ihrer Feldstaffeleien, und aus den
Wirtshäusern scholl Abends Sang und Klang.
Die kalten Herbstwinde machten dem fröhlichen Treiben den Garaus. Der
letzte Maler zog ab und versprach, seine Rechnung von Düsseldorf aus
zu begleichen, und die Fähre lag wieder halbe Tage, ohne bemüht zu
werden.
Joseph Otten ging wieder aus. Die kleine Lebenswallung, die das
Städtchen gezeigt hatte, war ihm schon zuviel gewesen, und er hatte
sich vor ihr verschlossen gehalten. Nun nahm er wieder Besitz von
seinen Lieblingsplätzen, und von seinem Gesicht las man die Genugtuung
ab, daß er allein den Platz behauptete. Aber er war noch schweigsamer
geworden.
Heinrich Koch beobachtete ihn scharf durch die Brille. »Es liegt am
Wetter,« äußerte er zum alten Klaus, »die ›Saison‹ naht heran, und er
spürt es im Blut. Man zieht nicht ungestraft ein Menschenalter durch
die Welt.«
»Im Winter gehört sich der Minsch an den Ofen,« sagte der alte Klaus.
»Ich bin das Stillsitzen gewöhnt, Klaus. Aber auf den gemütlichen
deutschen Ofen freu’ ich mich wie auf eine Weihnachtsüberraschung. Man
muß ein freier Mann sein, um das würdigen zu können.«
Als die ersten schweren Stürme über die Tiefebene brausten, die
Weidenbäume kahl fegten und das Gras entfärbten, wurde Otten unruhiger.
In der Frühe schon ging er den Rhein entlang, lief auf den Chausseen
gegen den Sturm, vergaß die Mittagsmahlzeit und kehrte erst Abends
müde und durchnäßt heim. Wenn ihn Koch überredet hatte, die Kleider zu
wechseln und dem Abendbrot seine Ehre anzutun, klappte er das Klavier
auf und saß grübelnd über den Tasten, bis seine Finger zuckten und aus
suchenden Anschlägen Melodien heraussprangen, die er endlos variierte.
Dann saßen Koch und der alte Klaus horchend in ihren Stühlen, benommen
von der Macht, die aus der Seele des Mannes in die Töne, aus den Tönen
in ihre so wenig verwöhnten Seelen glitt, und sie bettelten, wenn
er aufhören wollte, so lange, bis er langsam den Kopf drehte, ihre
glänzenden Augen sah und sich mit einem fernen, seltsamen Lächeln
wieder dem Spiel zuwandte.
Nun war Schnee gefallen, und der einsetzende Frost ließ ihn nicht
verwehen. Abgeschnitten vom Verkehr lag das Städtchen, kein Wanderer
verirrte sich über die Chaussee, und der Rhein setzte an den
Uferrändern dünnes Eis an. An der entlegenen Mauerecke, an die sich
Klaus Gülichs Häuschen stützte, war es am einsamsten. Kaum, daß einen
Bürger der Weg hier vorüberführte.
In den Zimmern brannten lustige Feuer in den Öfen. Heinrich Koch hatte
sich die Erlaubnis erbeten, sie allesamt schüren zu dürfen, und er
faßte sein Amt auf wie ein Lebenskünstler. Bevor er sich in einem
Zimmer dem Ofen zuwandte, stellte er sich ans Fenster und ließ die
lang’ entwöhnte Winterlandschaft auf sich wirken. Die kahlen, weißen
Flächen verursachten ihm ein angenehmes Gruseln. »Ich bin geborgen,«
murmelte er, rieb sich die Hände und begann mit Schaufel und Eisen am
Rost zu hantieren, daß alle Öfen rote Bäckchen erhielten. Und auf jede
Ofenplatte legte er einen Apfel. Im ganzen Hause brodelte, zischte und
duftete es, und der alte Junggeselle hatte seine Freude daran.
»Nun bilde ich mir ein, die Tür ging auf, und die Mutter käm herein.«
»Oder sons en lecker Mädche,« schmunzelte der alte Klaus.
»Und wir wären noch leckere Jungens.«
»Sind wir noch,« sagte der Hausherr und rieb sich den weißen
Stoppelbart.
Dann gingen sie ihrer Arbeit nach. Der alte Klaus setzte sich auf
der Diele in seinen Lehnstuhl, dicht neben den Ofen, und vertiefte
sich in die sonderbare Historie seines großen Ahns, des Rebellen und
Manufakturwarenhändlers Nikolaus Gülich zu Köln am Rhein, und Koch
gewann Otten für seinen Plan, eine Spezialgeschichte der Römerzeit am
Niederrhein zu schreiben.
»Das ist etwas für dich, Joseph. Und auch für mich. Wir müssen in die
Heidenzeit hinein, Tatenmänner aufmarschieren lassen, ihren Schöpfungen
nachgehen und doch dabei das Gefühl haben, daß der liebe Gott auch
damals schon wohlwollend auf seine Kinder sah.«
Otten fing Feuer. Seine historische Schulung, seine Universitätsstudien
kamen ihm zu Hilfe. Bücher und Pläne wurden verschrieben, Vergleiche
angestellt, die Marschrouten und Lagersiedlungen der Legionen und
ihrer germanischen Hilfstruppen festgelegt, und bald konnten sie
dazu übergehen, Sonderkarten der einzelnen Bezirke zu entwerfen, die
sie im kommenden Frühling gemeinsam durchforschen wollten. Unter der
Hand wuchs die Ausgabe, von der Form drangen sie zum Inhalt, von den
Siedlungen zu den Siedlern, Zeit und Gewohnheiten schraubten sich
zurück, und das stille Land bevölkerte sich mit römischen Kriegern
und ubischen Jägern, dunkeläugigen Hauptmannsfrauen und blonden
Germanenmädchen. Mitten unter ihnen lustwandelten im grauen Haar Joseph
Otten und Heinrich Koch, übten sich in den Gebräuchen, tauschten Grüße
aus, ritten zur Jagd oder zum Streit, lasen die Dichter oder saßen mit
Römern und Germanen zum Mahle nieder.
In dieser Zeit begann Otten zuerst wieder von seinen Erlebnissen zu
sprechen.
Es war Abends, wenn die drei Männer um den Eichentisch der Diele
saßen, die große, grünbeschirmte Petroleumlampe brannte, das Feuer im
Ofen rumorte und Tringche, die gutmütige Wirtschafterin, nachdem sie
den Grogkessel vom Feuer gerückt hatte, lautlos in ihrer Schlafkammer
verschwunden war.
»Das war noch ein Frauenmaterial, damals,« begann er und winkte Koch
zu. »Mark in den Knochen und das Herz auf dem rechten Fleck. Mütter und
Kameraden in eins. Daher waren sie auch heilig.«
»Das ist heute nicht anders geworden, Joseph.«
»Heute? Dann halten sie mit ihren Talenten stark hinter dem Berg.«
»Das wohl nicht, aber die Zeit sieht diese Talente nicht mehr als
Talente an. Sie werden von Glücksritterinnen überwuchert, man liebt die
stärkeren Sensationen.«
»Ja, die Sensationen — —. Das liegt an Amerika. Amerika ist tonangebend
geworden für das alte Europa, und sklavisch, wie wir in der Mehrzahl
sind, äffen wir den Yankee-Doodle nach, ganz egal, ob es uns auf den
Leib paßt oder nur den Amerikanern. Die Frauen marschieren darin voran.
Was die Amerikanerin tut, wie sie sich benimmt, was sie anzieht, es ist
=ladylike=. Meinetwegen! Aber unsere Frauen sind ein anderer Schlag
und sollten sich daher ihre geistige und körperliche Toilette selber
zurechtlegen. Diese ganze Freiheitspassion nach amerikanischem Muster
ist für Deutschland ein Humbug. Wo sind unsere anbetungswürdigen
Hausfrauen geblieben, die immer noch Zeit für unsere kleinen Sorgen
fanden? Donnerwetter. Einer muß sie doch haben, die Zeit.«
Heinrich Koch blickte den Freund durch die Brillengläser forschend an.
Otten fühlte den Blick und sah zur Seite. »Ich weiß schon, du meinst,
wir wollen sie gar nicht anders haben, weil — nun weil’s mal so Mode
ist und man sich lieber einen alten Esel als einen rückständigen
Zeitgenossen schelten läßt. Du, Heinrich, und was waren in unserer
Jugend die Mädels so süß.«
»Ich hatte als Primaner eine Flamme, der ich das Heiraten versprechen
mußte, bevor sie sich küssen ließ. So heilig war ihr der Kuß.«
»Und doch hast du sie sitzen lassen? Mir graut’s vor dir, Heinrich.«
»Ich sagte: Wenn eine — dann dich! Und es wurde keine ....«
»Und sie nahm den Schleier —«
»Den Brautschleier. Sie heiratete einen Bäcker aus der Schildergasse
und schenkte ihm fünf Söhne. Zu einem stand ich Pate, denn sie war mein
Beichtkind geworden aus alter Anhänglichkeit.«
»Um des Kusses willen .... Ich zählte auch schon sechzehn volle Jahre,
als mir das Geheimnis aufging. Sie war ein hübsches, blondes Mädchen,
so alt wie ich, also reifer, und ich rannte getreu auf ihrer Spur.
Nun, du kanntest sie ja, die Tochter des Ehrenfelder Grubendirektors.
Wir liebten uns unsäglich, sagten es uns aber nicht und küßten uns
deshalb auch nicht. Aber zuweilen tippten wir uns heimlich mit der
Fingerspitze an. Das war ein merkwürdig elektrisierendes Gefühl. Bis
ich eines Sonntags zum Besuch dort war, in einer größeren jungen
Gesellschaft. Wie deutlich das vor mir steht. Sie trug ein blau und
weiß gestreiftes Kleid mit einem breiten Matrosenkragen. Natürlich
spielten wir Pfänder, und ich mußte mit ihr ›polnisch betteln‹ gehen.
Für meinen Mann ein Stück Brot, für meine Frau einen Kuß. Für meinen
Mann einen Kuß, für meine Frau ein Stück Brot. Und zum Schlusse küßt
sich auch das polnische Bettlerpaar. Es waren ganz weiche Lippen, die
ich spürte, und von einer Süße, wie ich so etwas nicht für möglich
gehalten hätte. Ich stand wie benebelt und wurde von der ausgelassenen
Gesellschaft ausgelacht. Nur sie lachte nicht. Sie sah mir in die
Augen, als ob sie weinen wollte. Ja — —. Und ich habe sie auch später
zum Weinen gebracht, als ich sie vergaß.«
»Wenn ich mich doch, Düwel noch ens ...« begann der alte Klaus und
brach kopfschüttelnd ab.
»Auch die Studentenlieben waren noch süß,« fuhr Otten fort, »und die
übermütigen Kameradinnen auf dem Konservatorium.«
»Ich glaub’s, ich glaub’s. Die gemeinsame Begeisterung, das Pfeifen
aufs tief unten liegende Philistertum. Ach Gott!«
»Und dann die ersten Streifen durch Italien. Jetzt noch geht mir das
Herz auf.«
»Laß uns hineinschauen.«
»Was sie trieb, weiß ich nicht. Sie trug Kleider, wie man sie in
den Campagna-Nestern trug, damals noch. Ich glaube, sie sammelte
Campagnablumen und band Sträuße daraus, die sie frühmorgens in Rom in
die Häuser trug. Mein Vater hielt mich knapp, aber ich abonnierte doch
auf den täglichen Morgengruß. Und ich habe es nicht bereut ...«
»Und was wurde daraus?«
»Ich mußte weiter.«
»Schade.«
»Schade — —. Wie oft hat man fortgemußt und gedacht: du kommst ja
wieder, die Welt läuft dir ja nicht weg. Und man lief vor sich selber
weg und merkte erst, wenn man sich nach Jahren suchend umblickte, daß
es das Schönste, das Keuscheste, das Seligste gewesen ist. Und nur eine
Episode — —.«
»Alle die Attribute, lieber Joseph, treffen ja nur zu, ~weil~ es nur
eine Episode blieb.«
»Aber die Episoden, welche folgten, waren doch auch nur Episoden und
hielten dennoch den Vergleich nicht aus.«
»Weil du dich schon an die Episoden gewöhnt hattest und sie steigern
wolltest. Vielleicht deshalb.«
»Ich will nicht darüber grübeln. Um die Wahrheit zu ergründen, müßte
man seine Unbefangenheit wieder haben.«
»Das ist es.«
»Aber die Unbefangenheit schwindet mehr und mehr aus der Welt. Es mag
ja seinen Vorzug haben, seine Töchter frühzeitig aufzuklären, obwohl
es der Menschennatur wenig hilft und lediglich die Poesie zum Teufel
jagt. Was glaubt ihr, wie sich die jungen Dinger um einen Künstler,
eine Berühmtheit drängen? Und die Aufgeklärtesten am meisten, denn
sie meinen, ihre Aufgeklärtheit imponierte und käme dem freien
Künstlersinn auf halbem Wege entgegen. Daraus entwickeln sich dann
nachher unsere modernen Damen.«
Ȁhnliches sagte ich dir schon in Rom. Damals warst du noch ein
Ungläubiger.«
»Eine Klasse nur nehme ich aus: die arbeitenden Frauen, die wirklich
arbeitenden, die sich tapfer mit Gott und der Welt herumschlagen, um
den Kopf hoch zu halten. Bewundernswerte Geschöpfe. Aber sie haben die
Eigentümlichkeit, daß sie nicht von sich reden machen. Sie haben auch
gar keine Zeit dazu. Die das große Wort führen, haben Zeit, und wer
Zeit hat, arbeitet nicht. Arbeitsamateurinnen. Sie ziehen einen Kittel
an, um bequemer zu faulenzen, und sprechen von Gleichberechtigung,
um sich bequemer wegzuwerfen. Was habe ich in dieser Beziehung alles
erlebt!«
»Sind die deutschen die Schlimmsten?«
»Nur die Ungraziösesten, weil sie die anderen nachahmen wollen.«
»Willst du nicht eingehender von den liebenswerten Frauen berichten?«
»Ich bin zu Ende für heute. Erzähle du.«
Heinrich Koch nahm seine Brille herab und putzte sie. »Ich bin
persönlich über die spätere Bäckersgattin nicht hinausgekommen,«
sagte er, während er die Brille umständlich wieder hinter den Ohren
befestigte.
»Dann ist Klaus an der Reihe.«
Der Alte brummelte schon seit einiger Zeit vor sich hin. »Ich hann nor
ein einzige gekannt, die for mich gepaßt hätt’. Dat wor ene leckere
Puht, on lew hät die mich gehat wie nie en Minsch op der Welt.«
»Wer war das?«
»Wenn ich mich doch,« sagte der alte Klaus, »wenn ich mich doch, Düwel
noch ens, op ehre Name besinne künnt’ ...?« Und ärgerlich vor sich
hinbrummelnd, erhob er sich mit steifgewordenen Gliedern und holte sich
aus dem Kessel ein frisches Glas Grog. —
Heinrich Koch hatte zu Weihnachten eine buntgefiederte Tonpfeife von
Klaus zum Geschenk bekommen, die er, neben dem Hausherrn auf der
Türschwelle stehend, in der kalten Winterluft anrauchte. Die beiden
alten Junggesellen verstanden sich trotz des Unterschiedes der Jahre
und der Lebensführung ausgezeichnet. Sie waren zufrieden mit dem
Schicksal, wie es sich gestaltet hatte, und hielten jeden Tag für
schöner als den voraufgegangenen.
»Nun ist der Jupp in der Gesundung, Klaus.«
»Inwiefern verstonn ich dat?«
»Er kann bereits aus seinem Leben erzählen, ohne plötzlich abzubrechen.
Das ist ein Zeichen, daß er nicht mehr mit seinen grau gewordenen
Haaren hadert. Wenn er nun noch des letzten, schweren Gedankens Herr
geworden ist, wird er wie aus einer langen Betäubung erwachen.«
»Wat bedrückt ihn denn esu ärg? Kann mer nit helfe?«
»Es ist der Gedanke, sich zu wenig um Frau und Kind bekümmert zu haben.
So wenig, daß er keinen Teil an ihnen hat. Von Rechts wegen keinen.
Verstehen Sie?«
»Enä. Dat verstonn ich nit. Loß hä doch hingonn un et ihr sage. Dann is
doch alles en der Reih’.«
Heinrich Koch hustete. Der scharfe Tabakrauch der frischen Tonpfeife
hatte ihm die Kehle gekitzelt. »Nee, nee, nee, Klaus. Ganz so einfach
geht das doch wohl nicht. Es sind innerliche Menschen, und der Jupp
besonders.«
»Ach watt. Innerlich oder äußerlich. Wenn sie sich bloß verdrage.« —
Es wurde immer kälter. Eisiger Wind fegte über das ungeschützte Land.
Treibeis setzte sich am Rheinufer an, fror zusammen und bildete auf
viele Meter in den Strom hinein eine feste, glatte Masse. Immer
schmaler wurde das Strombett, immer schwerfälliger floß das Wasser, das
sich mit grünlich schimmernden Eisschollen in das Bett teilte.
»Laß es da draußen Stein und Bein frieren,« meinte Otten und zog aus
Karten und Büchern eifrig Notizen zusammen, »wir sind hier mit den
ersten nachweisbaren Rheinbewohnern im Menschenfrühling. Hast du wieder
Bratäpfel fabriziert, Heinrich? Ich würde an deiner Stelle auf die
Jahrmärkte gehen, als Waffelbäcker oder dergleichen.«
»Du! Das ist ein Wort! Das Tringche soll uns Waffeln backen.«
»Ist er nicht ein großes Kind geblieben?« fragte Otten am Abend Klaus,
als sie um den Eichentisch saßen und Koch sich die Waffeln zum Grog
munden ließ. »Ich weiß nur nicht: ist er’s geblieben, oder bereits
wieder geworden?«
»Der Effekt ist derselbe: die Waffeln schmecken. Probier, Joseph. Wenn
ich den Duft in die Nase bekomme, sehe ich mich immer als kleinen
Jungen an der Hand des Vaters vor der Waffelbude stehen. Er besaß
keine Reichtümer, aber Waffeln mußte er mir kaufen. Das waren Festtage.«
»Unsere heutigen Kinder sind über Kirmeßbuden erhaben.«
»Weil sie von ihren Eltern verwöhnt werden. Verwöhnen ist nämlich
leichter als die rechte Liebe haben.«
»Die Menschen sind eben alle Egoisten. Kinder und Große. Nur wo der
Vorteil winkt, ist Liebe.«
»Davon macht doch wohl die Elternliebe eine Ausnahme. Nie geht mir aus
dem Gedächtnis, was ich einmal in Rom erlebte.«
Otten sah ihn an ...
»Ein Bandit hatte ein Mädchen getötet. Er wurde verurteilt. Der Vater
des Mädchens, Schweißperlen auf der Stirn, ersucht die Richter und
Geschworenen um eine Gunst. Man ließ den armen Teufel zu Wort kommen.«
»Was wünschen Sie?«
»Ich möchte ihn sterben sehen.«
»~Was~ wollen Sie?«
»Dabei sein, ~wenn er stirbt~! — — Das war ein Haß, so glühend, wie ihn
nur Elternliebe zeugen kann.«
»War das Mädchen — minderjährig?« fragte Otten nach einer Pause.
»Ich sollte meinen, Joseph, Kinder bleiben für ihre Eltern ~immer~
minderjährig.«
An diesem Abend kam kein Gespräch mehr auf. Die Arme auf den Tisch
gestützt, saßen die drei, horchten auf den schrillen Winterwind und
hingen ihren Gedanken nach. — —
=XVII=
An einem Februarmorgen kam Moritz Lachner nach Zons. Der Professor
griff ihn vor dem Hause auf, als er die Wirtschafterin befragte.
»Hier herrscht Burgfriede, mein Herr.«
»Sie erkennen mich nicht wieder, Herr Professor. Ich bin Moritz
Lachner.«
»Ah, der junge Herr Doktor und werte Herr Kollege? Sie kommen etwas
früh. Sobald es lenzt, könnten Sie sich an unseren Forschungen
beteiligen. Wir stellen den Limes fest und wecken die Toten auf. Wie
wär’s?«
»Ich möchte,« sagte Moritz Lachner verlegen, »vorher gern Herrn Doktor
Otten begrüßen.«
Heinrich Koch spielte mit den Aufschlägen von Lachners Rock.
»Joseph Otten — —. Ja. — Aber lassen Sie dort gefälligst jede Art
Totenerweckung beiseite. Zeichen und Wunder können bei Otten nur durch
elementare Wucht wirken, nicht durch Überredung. Und wir wünschen doch,
~daß~ sie eines Tages wirken. Sie verstehen mich.«
»Herr Professor, jeder Mensch nach seinen Gaben. Da ich weder Blitz
noch Donnerkeil regiere, muß ich mich auf die Ehrlichkeit meiner
Sprache verlassen.«
»Na, jedenfalls kommen Sie mal herein mit Ihrer Ehrlichkeit. Wenn Sie
Klaus begrüßen wollen, werde ich inzwischen Otten benachrichtigen.«
Joseph Otten saß am Schreibtisch, von Büchern umlagert wie ein
Gelehrter, und machte sich Notizen.
»Du, Joseph, Besuch für dich.«
»Bedaure sehr. Ich kenne niemanden.«
»Doch, Joseph, den kennst du. Es ist der kleine Lachner.«
»Der Moritz?« Otten legte die Feder hin. »Was will er?«
»Den Königen im Exil seinen Kratzfuß machen. Er behauptet, die
Ehrlichkeit der Sprache sei ihm eigen.«
»Dann soll er sich auf dem Jahrmarkt sehen lassen, bei Hofe oder auf
der Kanzel.«
Heinrich Koch strich sich lächelnd die feinen Lippen.
»Heinrich, ich bitte dich, nimm dich des Unglücksmenschen an. Es ist
ja ein prächtiger Junge, aber er gewinnt bei schriftlicher Behandlung.
Ernsthaft: ich mag noch keine Gesichter sehen.«
»Ich finde, daß er keinerlei Aufdringlichkeit gezeigt hat. Obwohl er
dir Gefälligkeiten erwiesen hatte, ludest du ihn nicht ein, und er kam
nicht. Wenn er heute ungerufen kommt, tat er es sicher im Vertrauen auf
deine sprichwörtliche Ritterlichkeit.«
»Laß die Leimruten beiseite. Meinetwegen kann er kommen und mir den Tag
stehlen. Ich will keinem schuldig sein.«
Koch fand den Besucher in eifrigem Gespräch mit dem alten Klaus, der
wider Gewohnheit redselig geworden war. Bei seinem Hinzutreten brach
Frage und Antwort ab. »Es wird sich um Frau Maria gehandelt haben,«
sagte er sich und schickte Lachner hinauf.
Joseph Otten stand mitten im Zimmer, als der Besuch eintrat. Das kalte
Winterlicht beleuchtete scharf die hageren Züge und die eckig gewordene
Stirn, in die die grauen Haarsträhnen fielen. Wie Pergament war die
Haut. Nur die Augen hatten ihr helles, strahlendes Blau behalten. Und
diese Augen sahen auf Moritz Lachner, der keines Wortes mächtig war.
»Guten Tag, Moritz. Du zitterst ja.«
»Es ist die Erregung, Sie wiederzusehen.«
»Ich dachte schon, es wäre die Erregung, mich so wiederzusehen.«
»Als wenn Sie nicht immer derselbe blieben. Ach, Herr Doktor, ich bin
ja so froh.«
»Ist das die Ehrlichkeit der Sprache, über die du nach Professor Koch
verfügen sollst?«
Lachner errötete. »Auch darüber bin ich froh, daß Sie so fröhliche
Gesellschaft haben. Ich hatte dieses Zons’ wegen Angst um Sie.«
Otten deutete auf Bücher und Karten. »Beschäftigung vollauf ... Und nun
laß dich einmal genauer ansehen. Du machst eine gute Figur, Moritz,
nur diese ernste Blässe gehört nicht in dein junges Gesicht. Hast du
Sorgen?«
»Wenn Sie materielle Sorgen meinen, Herr Doktor: ich habe den besten
aller Väter, und Sie kennen ihn.«
»Ja, die materiellen Sorgen können wir Väter zerstreuen. Mehr vermögen
wir auch nicht. Sitz nieder, Moritz.«
Der junge Gelehrte blickte überlegend vor sich hin. »Herr Doktor,«
sagte er dann langsam, »mein Vater würde nicht das geistige Vermögen
besitzen, und er würde es doch versuchen.«
»Dein Vater, Moritz, ist ein lieber alter Idealist, der zwischen seinen
vergilbten Kostümen sitzt und Märchen träumt. Die Welt aber und ihre
Menschen haben mit solchen Märchen nichts zu tun. In der Welt setzt
sich ein jeder nach seinem eigenen Kopfe durch. Mögen sie. Ich hab’s
nicht anders gemacht.«
»Meinen Sie damit, Herr Doktor, daß die Menschen, die Sie daheim haben
—«
»Ich habe nur noch mich. Bleib dabei. Es ist zu unser aller Bestem.«
»Aber ein Mann sieht schärfer, und ein Mann wie Sie hat Gewalt über die
Herzen.«
»Hatte — hatte!«
»Nein, Sie haben sie auch heute noch. Sie brauchen nur zu wollen.«
»Oder — ich brauche nicht.«
»Sie wollen nicht.«
»Nein.«
Moritz Lachner kämpfte mit seinen Worten. »Herr Doktor, ich sitze
ungerufen hier. Aber gerade deswegen — dürften Sie sich doch sagen —
daß ich nicht einer Laune oder bloßer Neugier nachgegeben habe. Sie
waren doch früher so stolz auf Carmen. Denken Sie doch daran.«
»Früher — war ich auch stolz auf mich.«
»Und heute — ist Carmen auf dem Wege, sich zu verzetteln.«
»Mit dem jungen Terbroich? Deshalb bist du gekommen?«
»Herr Doktor, es ist Zeit, daß Sie nach dem Rechten sehen.«
Ganz schlicht hatte es der junge Lachner gesagt. Otten betrachtete ihn
lange. Dann spielte ein ironisches Lächeln um seinen Mund.
»Du liebst sie wohl?«
Der Junge blickte auf. Es arbeitete in seinem schmalen, geistvollen
Gesicht. »Ja,« stieß er hervor, »ich liebe sie. Aber das wäre kein
Grund. Nur anbeten können möchte man, was man liebt.«
»Und du fürchtest, das könntest du nicht, wenn sie Laurenz Terbroichs
Frau ist?«
»Ich fürchte, daß sie es nicht wird.«
»Du sonderbarer Schwärmer, dann ist dir doch geholfen.«
»Ich fürchte, daß sie nicht seine ~Frau~ wird.«
Sie sprachen nicht mehr. Otten saß weit zurückgelehnt in seinem Stuhl
und blickte zum Fenster hinaus, starr auf einen Punkt in weiter Ferne.
In erwartungsvoller Spannung hing Lachners Auge an ihm.
»Herr Doktor —?«
»Du wünschest?«
»Ich —? Was Sie wünschen, Herr Doktor. Ihren Willen möcht’ ich hören.
Einen Rat oder eine Tat.«
»Das geht die Mutter an.«
Entgeistert sah Lachner in sein steinernes Gesicht. »Das — kann nicht
Ihr Ernst sein, Herr Doktor.«
»Nicht mein Ernst —?« Langsam wandte ihm Otten sein Gesicht zu. »Ich
habe dich einmal in einer schweren Stunde mit einer Botschaft an meine
Frau betraut. Du warst damals der einzige, über den ich verfügte.
Das vergesse ich nicht. Und ~du~ solltest die Botschaft auch nicht
vergessen haben.«
»Wie könnte ich den Tag vergessen,« murmelte der Junge.
»Damals, und eine Weile später, habe ich die reinliche Scheidung
eintreten lassen. Aus Stolz, mein Junge, um den guten Geschmack
meiner Frau zu schonen. Nimm das =cum grano salis=. Ich bin kein
Almosenempfänger, und meine Frau war immerhin die Frau des Doktors
Joseph Otten. Dann aber auch aus einer Einsicht heraus. Meine Hand
taugte nicht zur Erziehung eines Mädchens vom Schlage Carmens. Was im
Sinne der gestrengen Welt ungut an ihr ist, das hat sie von mir. Ich
habe nichts, aber auch gar nichts für meine Tochter getan, solange
sie lebte. Alles tat die Mutter. Wie käme ich dazu, heute plötzlich
ein Anrecht geltend zu machen, ohne daß ich jemals eine Einzahlung
geleistet hätte? Das wäre eine Farce.«
»Herr Doktor, in diesem besonderen Fall —«
»Soll ich mich als Sittenrichter aufspielen? Lebt denn die Mutter
nicht mehr, die sie erzogen und behütet hat? Ich, Moritz — denke doch
freundlichst nach — ich als Sittenrichter? Hast du nicht auch eine
Abtei zu vergeben oder eine Bischofsmütze? Seit sieben Jahren weiß ich
nichts von meiner Tochter, und sie nichts von mir. Es sei denn, daß sie
die schlechten Kolportageromane geglaubt hat, die über mich im Schwange
waren.«
»Es ist viel geredet worden, Herr Doktor.«
»Gut, gut. Das Volk will auch diese Art Helden, so gut wie seine
Rinaldini. Ich gönne ihm ja das Vergnügen.«
»Ich hätte nicht gewagt, davon zu sprechen. Ich stelle Sie ja viel zu
hoch, als daß ich den Klatsch der Stadt vor Sie hintrüge. Aber gerade
weil ich Sie so besonders hoch verehre, Herr Doktor, bitte ich Sie:
lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben.«
Otten erhob sich. Er legte dem jungen Freund die Hand auf die Schulter
und nickte ihm zu: »Guter Kerl.«
»Lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben ...«
»Nein,« sagte Otten, »davor will ich dich bewahren. An mir sollst
du sie ~nicht~ erleben. Denn es hieße mein ganzes bisheriges
Leben enttäuschen, es hieße vor allem die ganze selige Liebeszeit
enttäuschen, die ich mit Maria durchlebte, wollte ich deinen Wunsch
erfüllen. Das muß nun einmal in Kauf genommen werden. Ich kann meine
Frau nicht in ihren besten Erinnerungen beleidigen. Wollte ich in
dieser Angelegenheit auch nur ein Wort sagen, so würde es für sie eine
Demütigung. Daher muß ich ihr die Lösung allein überlassen.«
Moritz Lachner stand auf. »Jetzt verstehe ich Sie,« erwiderte er leise,
und befangen setzte er hinzu: »Frau Maria wird den richtigen Weg
finden.«
»Sie hat ihn noch nie verfehlt, mein lieber Moritz.«
»Ich möchte nicht länger stören, Herr Doktor, Sie sind bei der Arbeit.«
Otten schüttelte ihm die Hand. »Laß dir von Professor Koch davon
erzählen. Vielleicht interessiert es dich, und wir erhalten einen
korrespondierenden Mitarbeiter. Du bleibst doch zu Tisch?«
Moritz Lachner konnte nicht bleiben. »Meine drei Hörer in Bonn
vermissen mich zwar nicht, aber ich möchte noch meinen Vater in Köln
auf ein paar Stunden besuchen.«
»Grüße ihn von mir. Der Abend, den ich einmal bei ihm und seinem roten
Toskanerwein verlebte, ist mir in heller Erinnerung geblieben. Wie
schön das Leben sein kann. Leb wohl, Moritz.« —
»Sie wollen schon fort, werter Kollege?« fragte ihn Koch, der mit dem
alten Klaus auf der Diele einen längeren Diskurs führte. »Wollen Sie
sich nicht ein wenig in unsere Forschungen einführen lassen? Und neues
Leben blüht aus den Ruinen. Sie werden sehen, die alten Helden waren
ebenso vernünftige wie vergnügliche Leute.«
»Wenn Sie mich gebrauchen können, stehe ich immer zu Ihren Diensten.«
»Das soll ein Wort sein. Die Arbeit wird Kopf und Fäuste brauchen, wenn
sie ein Kulturfaktor werden soll. Es ist gleichsam eine Bekehrung von
oben nach unten.«
Der alte Klaus kniff ein Auge. »Vergeßt nit, die Rheingass’ zu grüße,
Moritz.«
»Es soll mein erstes sein.« Und Moritz Lachner suchte sich seinen Weg
aus dem kleinen, verwunschenen Städtchen heraus und marschierte die
Chaussee, die zur Bahnstation nach Dormagen führte. Von dort brachte
ihn die Eisenbahn in einer halben Stunde nach Köln.
Am Nachmittag ging er zu Frau Maria. Ein Dienstmädchen öffnete und wies
ihm das Zimmer.
Frau Maria hob den Kopf bei seinem Eintritt. Sie saß an ihrem
Arbeitstischchen und stickte. Das volle Haar hatte seine Farbe
geändert, es lag in silbernen Wellen um das jung gebliebene Gesicht.
Nur der schärfer Zuschauende gewahrte die feinen Runen, die die
Geschichte langer Nächte erzählten.
»Sie sind es, Moritz?«
»Ja, Frau Doktor. Und Sie sind wieder allein?«
»Carmen ist doch von Heidelberg gekommen. Also bin ich nicht einmal so
allein wie sonst.«
»Aber sie ist nicht bei Ihnen.«
»Sie kleidet sich in ihrem Zimmer an. Sie will zu einem großen
Kostümfest, deshalb braucht sie mehr Zeit zur Toilette.«
»Und deshalb unterbrach sie ihre Studien in Heidelberg ... Darf ich
Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten, Frau Doktor?«
»Wenn Sie den Abend für eine alte Frau frei haben, Moritz?«
Moritz Lachner zog sich leise einen Stuhl heran, setzte sich und beugte
sich über ihre Hand, die still im Schoße ruhte. »Sie sind mir wie eine
Mutter, und Mütter werden nie alt.«
»Verwöhnen Sie mich nicht, Moritz.«
»Wie anspruchslos müssen Sie geworden sein, daß Sie mich unscheinbaren
Menschen als Verwöhnung auffassen.«
Sie lächelte über ihn hin. »Anspruchslos? O nein. Das wäre
gleichbedeutend mit arm. Mein Vermögen trägt nur keine Zinsen mehr,
aber es hat sich in jüngeren Jahren so angesammelt, daß ich bis zu
meinem Tode davon zehren kann. Nein, anspruchslos bin ich nicht.«
»Ich kann Sie nur immer bewundern,« sagte Moritz Lachner.
»Dazu haben Sie keinen Grund. Ich sehe nur den Dingen in die Augen und
gebe ihnen keine falschen Namen.«
Dann plauderten sie von Tagesereignissen, von Lachners
Dozententätigkeit und seinen wissenschaftlichen Plänen und merkten
kaum, daß die Stunden dahingingen. Das Dienstmädchen hatte die Lampe
gebracht, und die Uhr schlug halb acht, als Carmen ins Zimmer trat. Sie
trug das kleidsame Kostüm der Damen der französischen Revolution. Wie
ein Blumenkelch hob sich die schlanke Büste aus dem fließenden Gewand,
und in den schwarzen Locken saß keck der Zweispitz. Es war Elastizität
in dem jungen Körper.
»Ist Laurenz noch nicht hier?«
»Laurenz nicht, aber Moritz.«
»Ach, der Moritz ... Guten Tag. Du schwänzest wohl dein eigenes Kolleg?
Das ist heiter, aber es erlöst mein Gewissen, weil ich auch schwänze.
Der Laurenz nimmt sich wirklich Zeit, Mutter.«
»Du solltest eine Tasse Tee trinken und ein paar Cakes essen, Carmen.
Es ist kalt draußen, und bis ihr ans Büfett kommt, werden noch ein paar
Stunden vergehen.«
»Tu’ ich dir einen Gefallen damit, Mutter? Aber unverantwortlich bleibt
es doch von Laurenz, mich warten zu lassen.«
»Vergiß nicht, daß du in Heidelberg auch deinen Professor warten
lässest,« meinte Frau Maria lächelnd und ging, um selbst den Tee zu
bereiten.
»Die Mutter stellt dich damit Laurenz gegenüber auf eine hohe Stufe,«
sagte Moritz Lachner.
Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen erstaunt an. »Glaubst du
vielleicht, das täte Laurenz nicht auch?«
Er zwang sich, den Blick ruhig zu ertragen, aber als er zu sprechen
begann, wurde er plötzlich blaß.
»Ich weiß, daß du mit einem anderen Bewußtsein gar nicht leben
könntest, Carmen, trotz deiner freiheitlichen Allüren. Laurenz aber —«
»Nun? Was hast du wieder an ihm auszusetzen?«
»Alles,« sagte er und nahm sich zusammen.
»Bitte. Spezialisieren.«
Da floß es aus ihm heraus. »Er ist ein Egoist, der nur an sich denkt,
der sich mit dir nur in Szene setzen will wie auch mit der Schönheit
anderer Frauen, denen er den Hof macht. Jawohl. Ich rede nicht
leichtsinnig. Oder denkst du, er mache seine melancholischen Augen
nicht auch anderen? Wohin er kommt, posiert er. Der ganze Mensch ist
Unnatur. Hinter seinen ewig weichen Schmeichelworten verbirgt er die
brutalste Rücksichtslosigkeit, die sofort zum Durchbruch gelangt, wenn
er die Gewalt hat. Andern Tags kennt er seine Geschöpfe nicht mehr.
Um eine lustige Stunde für seine Eitelkeit zu gewinnen, ist es ihm
gleich, ob er die Menschen, die ihm dazu verhelfen müssen, auf viele
Jahre, wenn nicht auf immer todunglücklich macht. In Paris hat er sich
ausgebildet, und es fluchen ihm mehr Mädchen, als du denkst. Solche
Parasiten sollte man unschädlich machen.«
»Weshalb glaubten sie ihm?«
»Glaubst du ihm nicht auch?«
»O — ich! Ich bitte doch, mich nicht in Parallele zu stellen.«
»Weil du mehr Geist hast? Das ist ihm noch gar nicht aufgefallen. Er
sieht nur dein Äußeres an, und das ist ihm angenehm.«
»Bist du fertig mit deinen Hinterbringungen?«
Seine Blässe wich. Das Blut kehrte zurück und stieg ihm in die Wangen.
»Du tust mir unrecht. Ich bin erbötig, das, was ich soeben sagte, bei
Terbroichs Eintritt zu wiederholen. Wenn ich den andern Weg wählte, tat
ich es, um dich nicht in eine widerwärtige Szene zu verwickeln. Dazu
bist du mir zu gut.«
»Vergib, Moritz,« sagte sie und ergriff hastig seine Hand.
»Carmen — —«
»Ich weiß, daß du mich liebhast. Sieh, ich sprech’ es aus, damit du
erfährst, daß mir der Gedanke gar nicht schreckhaft ist. Aber es kann
nicht sein.«
»Weshalb kann es nicht sein, Carmen? Denn ich liebe dich wahr und
wahrhaftig.«
»Ich will es dir sagen, Moritz, und ich will nichts beschönigen. Weil
ich in den engen Geist einer Ehe, wie wir sie führen würden, nicht
passe, weil ich mit allem, was ich gelernt habe, nicht bloß Mitläuferin
sein kann, und weil mich meine ganze Veranlagung in die große Welt
drängt. Ich muß die Arme ausbreiten können, so weit ich will.«
»Der Geist der Ehe ist nicht so eng, wie du ihn hinstellst. Er kann
durch die Kameradschaft der Gatten eine Welt eröffnen, gegen die deine
ersehnte Welt nur ein leerer Schemen ist. Deine Sehnsucht ist das
Fieber unserer Zeit. Sie alle, die in der Jugend die Heilung beiseite
schieben, werden im Alter ein Gebrechen mit sich herumschleppen. Schau
dich doch um unter deinen Vorbildern. Lauter unzufriedene, ruhelose
Frauen.«
»Siehst du die in der Allerweltsehe nicht?«
»Die Ehe, die ich meine, ist keine Allerweltsehe. Der Geist wird die
Form bestimmen.«
»Ach, lieber Moritz, die Fessel der Frau schaffst du nicht aus der
Welt.«
»Wenn sie aus Gold besteht, bleibt sie nicht weniger, was sie ist.«
»Dann — lieber gar keine Fessel.«
»Wenn das Frauenschicksal eintritt, werden keine berauschenden Worte
standhalten.«
»Aber der Mann wird standhalten.«
»Dann wäre alles gut. Aber du sprichst so leicht von Ausnahmen, weil du
selber eine Ausnahmenatur bist. Carmen, ich bitte dich, weil ich dich
liebhabe, prüfe nicht nur dich.«
Frau Maria brachte den Tee. »Wenn es Ihnen recht ist, Moritz, warten
wir beide noch ein Weilchen. Erst wollen wir die turbulenten Geister
aus dem Hause haben. Dann genießen wir den Feierabend.«
Carmen trank im Umherwandern den Tee. Sie horchte nach der Tür, und
als es acht Uhr schlug, ließ das Dienstmädchen Laurenz Terbroich
eintreten. Über seinem prallen Revolutionskostüm trug er einen langen
Pelerinenmantel. Den Kopf zurechtzustutzen, hatte er unterlassen. Er
wußte, daß ihn sein glattrasiertes Gesicht mit dem kleinen dunklen
Backenbärtchen nach Lord Byron und dem vollen, dunklen Haupthaar am
besten kleidete. Er begrüßte die Anwesenden mit jäh herausspringender
Herzlichkeit.
»Du läßt mich warten,« sagte Carmen kühl.
»Ärger in der Fabrik. Das Etablissement muß dringend vergrößert werden.
Aber das ist ein Ton, der nicht in unser schönes Lied paßt. Wundervoll
schaust du aus.«
»Gehen wir.«
»Das Coupé wartet auf dich. Die neuen Schimmel, Carmen, und im neuen
Silbergeschirr. Keine Dame Kölns fährt heute wie du.«
»Heute,« wiederholte sie spöttisch, verabschiedete sich und ging ihm
voran. —
Frau Maria deckte den Abendtisch. Es wurde so traulich in dem kleinen
Gemach, daß Moritz Lachner kaum zu sprechen wagte. Erst, als sie wieder
im Fensterwinkel saßen, faßte er Mut.
»Nun sind sie auf dem Balle,« begann er stockend.
»Er hat sehr schöne Augen, Moritz. Oder liegt es daran, daß er immer
die Wimpern darüber fallen läßt.«
»In seinen Augen sind Punkte, die umherspringen.«
»Ich habe die Beobachtung auch gemacht. Aber Carmen läßt es nicht
gelten.«
»Weil er zu glänzen versteht. Und aller Glanz zieht sie an. Das ist
traurig.«
»Es ist eine vorübergehende Erscheinung, Moritz. Das bringen ihre Jahre
mit sich. Sie dürfen das nicht so schwer nehmen.«
»Nehmen Sie es nicht auch schwer?«
»Wenn sie verheiratet sein wird, wird der Glanz seine Anziehungskraft
verlieren, und sie wird sich auf ihre tiefen und starken
Fraueneigenschaften besinnen. Sie besitzt sie mehr, als sie jetzt ahnt.«
»Sind — sind die beiden denn verlobt, Frau Doktor?«
»Ja — Sie fragen mich da etwas, was Sie doch selber wissen müßten.«
»Ich meine, Frau Doktor, ob Laurenz Terbroich schon mit Ihnen
gesprochen hat.«
»Nein. Das nicht. Aber —« Frau Marias Blick wurde groß. »Moritz,
weshalb fragen Sie mich das alles?«
»Weil ich das Gefühl habe, daß der junge Terbroich der einzige ist, der
sich keinerlei Gedanken macht.«
»Soll das heißen —«
»Und weil ich möchte, daß Sie sich Gewißheit darüber verschafften,
Frau Doktor. Ihr großes Vertrauen ehrt ja jeden, der davon betroffen
wird. Sollte jeden ehren. Anders Denkende dürften für uns gar nicht
existieren.«
»Es kann nicht sein, Moritz.«
»Wissen Sie, daß der junge Terbroich große Aufwendungen treibt?«
»Er ist sehr vermögend. Sie hörten doch soeben erst, daß die Fabrik
vergrößert werden soll.«
»Sand in die Augen, Frau Doktor. Man sucht auf unauffällige Weise nach
Geld.«
»Carmen ist nicht unbemittelt.«
»Das würde langen, um Laurenz’ Schulden zu bezahlen, nicht um die
Fabrik flott zu machen.«
»Nein, nein, nein! Sagen Sie das nicht! Denn — welche Rolle würde dann
Carmen spielen?«
Sie saß vornübergeneigt und sah ihrem jungen Freund starr ins Gesicht.
Als erwartete sie von ihm, daß er den heraufbeschworenen Bann wieder
von ihr nähme.
»Frau Doktor, erschrecken Sie doch nicht so. Sie sind doch die Mutter.
Ihnen wird Carmen glauben.«
»Ja, was denn nur in aller Welt? Ich taste ja selbst im Dunkeln. Ich
kann mich doch als Frau nicht auf das Spioniergeschäft verlegen. Was
einem Mann ansteht, zieht eine Frau hernieder. Und täte ich es auch —
ist der Terbroich so, wie Sie ihn schildern, so würde er mich belügen.«
»Das würde er. Vorläufig würde er es.«
»Herr Gott,« sagte Frau Maria, schloß die Augen und lehnte sich zurück,
»wo ist Joseph — —?«
Es war das erste Mal seit Jahren, daß sie seinen Namen nannte. Und der
Klang, mit dem sie ihn aussprach, das jähe Heimverlangen nach dem Mann,
dem Helfer, das hindurchzitterte, ergriff den Gast bis in die Seele.
»Wenn Sie zu ihm gingen, Frau Doktor.«
»Er wird sich vor mir zurückziehen, wie vor seiner ganzen
Vergangenheit.«
»Er hat sich auch vor mir nicht zurückgezogen. Ich war in Zons bei ihm.«
»Sie, Moritz? Wann?« Ihre Spannkraft war zurückgekehrt. Ihre Hand legte
sich fest auf Lachners Arm.
»Heute, Frau Doktor.«
»Heute? Wie sah er aus? Ich meine nicht nur äußerlich. So sprechen Sie
doch.«
»Er ist derselbe vornehme, ritterliche Mann. Nur ernst und still
geworden.«
»Und alt?«
»Und alt. Bis auf sein heißes, blaues Auge.«
»Die heißen, blauen Augen ...« sagte sie langsam, wie aus einem weiten
Nachsinnen heraus. »Auf sie vertraue ich ...«
»Tun Sie es, Frau Doktor. Tun Sie es Ihrer und — ~seiner~ Carmen wegen.
Ich selbst will mich dann bemühen, wunschlos zu werden.«
Sie hörte es nicht mehr. Seit sein Name über ihre Lippen getreten war,
erfüllte er mehr und mehr das Gemach, nahm Gestalt an und zog ihr
Denken auf sich. »Joseph —«
Moritz Lachner erhob sich. »Ich weiß jetzt, daß Sie es tun werden, Frau
Doktor.«
Da sah sie auf, und ihre Mundwinkel zuckten. »Ich werde Wache halten.
Carmen ist blind, und ich kann es ihr nicht einmal verargen, denn man
glaubt, was man wünscht. Sollten Sie recht behalten, und sollten meine
Kräfte schon schwach sein — nun, gute Nacht, Moritz. Sie haben mir zwar
die Dunkelheit gezeigt, aber auch die Helle. Gute Nacht, Moritz.«
Aufrecht, mit klarem, ruhigem Auge reichte sie ihm die Hand, und er
ließ sie getrost allein. — —
Wieder einmal brauste die Kölner Fastnacht heran und wirbelte das Leben
durcheinander, bis es sich selbst vergaß. Am Nachmittag des Sonnabends,
der den Fastnachtssonntag einleitet, stieg Frau Maria auf der Station
Dormagen aus und ging, ohne anzuhalten, die Chaussee nach Zons. Die
straffe Kälte hatte seit wenigen Tagen nachgelassen. Das Schneewasser
rieselte von der Straße in die Gräben, und das Eis barst allenthalben.
Vom Rhein her krachte es wie Böllerschüsse. Der Frühling sagte dem
Winter Fehde an.
Ohne die öde Landschaft zu beachten, schritt Frau Maria vorwärts. Sie
sah müde und gealtert aus. Aber von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf, und
wenn ihr Blick die Wettertürme von Zons streifte, die wie ein Wunderbau
aus dem flachen Land herauswuchsen, leuchtete es in ihren Augen auf,
als wartete dort das Heil auf sie. Nun bog sie in das ihr bekannte
Städtchen ein und suchte nach der Beschreibung Lachners des alten Klaus
Gülichs Haus.
Joseph Otten saß in seinem Zimmer am Schreibtisch. Seit dem Besuche
seines jungen Freundes war er noch verschlossener und menschenscheuer
geworden. Es dunkelte, und immer in den Dämmerstunden schlug er sich
mit seinen Gedanken und erzwang sich Ruhe.
»Bist du hier, Joseph? Man sieht dich nicht.«
»Ja, Heinrich. Möchtest du etwas?«
Heinrich Koch trat ins Zimmer. Mit schnellen Schritten ging er auf den
Freund zu. »Ja, Joseph. Aber nicht ich allein.«
»Was sagst du? Sei nicht so geheimnisvoll.«
»Joseph, es ist jemand angekommen.«
»Ich bin für keinen Menschen zu sprechen.«
»Und wenn es — Maria wäre?«
Der Stuhl kratzte über den Fußboden. Dann war es still.
»Joseph, deine Frau ist gekommen.«
Er wehrte heftig ab. Ein Angstgefühl schnürte ihm die Kehle zu. Feucht
fühlte er es auf seiner Stirn. Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht! Darauf
war er nicht vorbereitet, dazu hatte er mehr Sammlung nötig als zu
einem Kirchgang.
»Darf sie eintreten? Sie wartet auf der Diele.«
»Nimm dich ihrer an, Heinrich. Besorg ihr ein Fuhrwerk oder ein Zimmer
im Gasthof. Frag ihr alle Wünsche ab und erfüll’ alle. Nur den Wunsch,
mich zu sehen, soll sie nicht haben. Nur den nicht.«
»Joseph, deine Frau kommt zu dir.«
»Wenn du mein Freund bist, Heinrich! Oder ich muß auch Zons wieder
verlassen ...«