Beide Hände legte Koch um die Hand des Freundes. Sein Auge leuchtete
auf. Er wollte sprechen und unterließ es. Vor ihnen beiden stand ihre
Kindheit am Rhein.
»Es ist nicht viel von mir übrig geblieben, Heinrich.«
»Nicht für die da draußen. Aber für mich! Du warst als Junge mein
Morgenrot, und nun willst du im Alter mein Abendrot sein. Mein Glück
hat sich darauf besonnen, daß es ein Kreis sein muß.«
»Es wäre eher möglich, Heinrich, daß ich das Abendrot von dir erwarte.
Ich bin — verbraucht.«
»Joseph, wir werden uns nicht im Stich lassen. Heute hilfst du, morgen
ich. Das ist nun ein und dasselbe.«
»Hast du Pläne?«
»Nur nach Deutschland möchte ich zurück.«
»Nach Deutschland — —. Dahin will ich auch ... Nach seiner Erde, nicht
nach seinen Menschen.«
»Du willst nicht — nach Köln?«
»Nein. Ein andermal davon. Ich eigne mich nicht zum Original. Frei
sterben will ich, wie ich frei gelebt habe. Und in den Augen der paar
Menschen, die mich einmal liebten, will ich mein Bild nicht auf den
Kopf stellen.«
»Willst du mich mitnehmen?«
»Ich bin gekommen, um dich zu fragen, alter Freund.«
»Joseph! Überallhin. Und am liebsten — wo der Rhein gen Niederland
fließt.«
»Ich habe ein Stockwerk im Hause unseres alten Klaus gemietet. Das
ist in Zons. Du kennst das alte, vergessene Kastell. Die Wohnung wird
nicht komfortabel sein, aber wir können sie uns nach unserem Geschmack
gestalten.«
»Wir tapezieren sie mit unseren Erinnerungen, Joseph.«
»Und die Gesellschaft dürfte aus dem alten Klaus bestehen, der auch
nicht mehr seetüchtig ist. Drei schiffbrüchige Männer auf einer
weltfernen Insel. Wie gefällt dir das Bild?«
»Mir gefällt das Kollegium. In allen meinen Jugenderinnerungen spielt
der alte Klaus die Rolle eines hohen und geneigten Beschützers. Joseph,
wir drei vereint, und die alte Jugend hat sich wieder eingefunden. Das
ist es, was ich mir durch all die Jahre ersehnt habe. Noch einmal die
alte Jugend ...«
Otten strich sich mit langsamer Bewegung die grauen Haarsträhnen aus
der Stirn — —. Er war nur müde ...
»Wann können wir reisen, Heinrich?«
»Wenn du willst: heute, morgen. Je eher, je lieber.«
»Hast du schon Abschied genommen?«
»Abschied? Ich will ja ein Wiedersehen feiern gehen. Erst wenn ihr mich
einsargt, nehm’ ich Abschied.«