Otten faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein. »Ein guter Junge.
Aber ihn wiedersehen? Ich sehe den Grund nicht ein. Was sollen mir die
Menschen von früher ...«
An diesem Abend ging er aus. Bei Peppe und bei Pasquale sprach er vor,
aber in beiden Osterien hatte man den Professor Heinrich Koch seit
geraumer Zeit nicht mehr gesehen. »Er wird krank oder verreist sein,«
hieß es, »die Madonna wird’s wissen.« Und Joseph Otten machte sich
auf, den Jugendfreund in seiner Wohnung auf dem jenseitigen Tiberufer
aufzusuchen. Die Hausbesorgerin ging ihm merkwürdig scheu aus dem Wege,
als er nach dem hochwürdigen Herrn Professor fragte.
»Bin ich eine solche Vogelscheuche geworden?« bespöttelte sich Otten.
Doch kannte er die Wohnung und fand die Zimmertür. Er klopfte.
»Wer ist draußen?« ertönte Kochs Stimme.
»Gut Freund.«
»Der meine oder der des Teufels?«
»Der deine, vorläufig der deine.«
»Das wäre ein Mirakel,« brummte die Stimme drinnen. Dann schnappte der
Riegel zurück.
»Guten Tag, Heinrich.«
Heinrich Koch streckte den Kopf vor. Tausend feine Linien lagen wie ein
Spinnweb auf seinem rasierten Gesicht. Den langen Oberkörper beugte er
nach vorn. Und mit einer raschen Handbewegung zog er den Besucher ins
Zimmer. »Herr Gott im Himmel, der Joseph — —!«
»Fürchtest du Einbrecher, daß du dich einriegelst?«
»Der Joseph — —!« wiederholte Koch. »Der Joseph — —! Er ist doch
wiedergekommen.«
»Ich hatte es dir versprochen, Heinrich.«
»Nun glaube ich wieder an eine Vorsehung.«
»Wieder? Solche Zweifel in geistlichem Munde?«
»Ich bin kein Geistlicher mehr, Joseph. Hier ist ein Sessel. Streck die
Füße unter meinen Tisch.«
Sie saßen sich gegenüber und blickten sich in die Augen. Jeder suchte
sich selbst im Auge des anderen.
»Ich will dir das zuerst erklären,« sagte Koch nach einer Pause, »damit
du weißt, bei wem du bist.«
»Es ist nicht notwendig, Heinrich.«
»Aber mir ist es lieb. Heimlichkeiten haben nie zwischen uns beiden
bestanden. Seit unserer Kindheit haben wir stets gemeinsame Sache
gemacht. Hast du Zeit?«
»Ich bin nur deinetwegen hier.«
Koch schob die Brille zurück und blickte, im Stuhle liegend, zur
Zimmerdecke. »Nur meinetwegen — —« Ein glückliches Knabenlächeln lief
um seinen feinen Mund. »Das gibt es also noch auf der Welt, und du
mußtest kommen, Joseph, um es mich zu lehren. Daher sagte ich vorhin:
Ich glaube wieder an eine Vorsehung. Ich fand mich in der Freiheit
nicht mehr zurecht.«
»Du bist frei? Deine Arbeiten sind vollendet?«
»Der letzte Korrekturbogen ist gelesen. Und dann hatte ich eine lange
Unterredung mit Seiner Heiligkeit.«
»Du warst beim Papst?«
»Ich hatte eine Audienz, als ich den letzten Band überreichen durfte.
Und in der Stunde, die mir der heilige Vater schenkte, entwickelte
ich ihm die Gründe, die mich bewogen, den Rest meines Lebens auf eine
andere Basis zu stellen. Ich wollte kein gewöhnlicher Fahnenflüchtiger
sein. Wie es einem Manne ziemt, Auge in Auge wollte ich bekennen. Und
der heilige Vater erkannte das an, wenn er auch meine Gründe bekämpfen
mußte. Erst als er hörte, daß diese Gründe nicht von heute stammten,
daß ich seit Jahren die Dogmatik und ihre Zutaten von mir hatte abtun
müssen, um vor mir selber wahr zu bleiben, als er hörte, daß ich bis
heute die Treue gewahrt hatte aus unerschütterlichem Pflichtgefühl
gegen das von mir übernommene und nun endlich zu Ende geförderte
Werk, ließ er ab von mir. ›Ich hoffe auf Gottes Gnade,‹ sagte er,
und ich antwortete: ›Auch ich hoffe darauf im Leben und im Sterben.‹
Dann verließ ich den gütigen Mann und verließ den Vatikan, aus dessen
Bibliotheken und Archiven ich meine besten Jahre nicht mehr mit mir
nehmen konnte ...«
»Ist die Exkommunikation schon ausgesprochen?«
»Gestern. Man kam mir bis zur Grenze der Möglichkeit entgegen. Man
glaubte, mich nach meinem Lebenswerk schonen zu müssen und zu können.
Wohl auch aus Gründen kirchenpolitischer Natur. Aber ich bedurfte
keiner Schonung. Irrte ich, so wird mir der Herrgott verzeihen, weil
ich das Beste gewollt habe: kein halber Mann sein. Irrte ich nicht, so
bringe ich dem Herrgott einen ganzen Mann.«
»Es ist nicht leicht, Heinrich, sich in älteren Jahren einen neuen Weg
suchen.«
»Nein, es ist das schwerste. Ich habe es schon gemerkt. Der Vogel, der
aus dem Käfig kommt, hat kein Vertrauen mehr zur Freiheit. Bis gestern
war Leben in meiner Wohnung. Die Herren aus dem Vatikan gaben sich
die Türklinke, um mich in zwölfter Stunde umzustimmen. Dann kam das
Anathema. Und der erste Tag meiner Freiheit ist wie ein Totensonntag.
Selbst meine Aufwärterin hat mich aufgegeben und weicht mir aus wie der
heiligen Pestilenz.«
Otten lächelte. »So, so. Dir galt das. Ich bezog es schon auf meine
Gespensterähnlichkeit.«
Heinrich Koch überhörte die Worte. Er blickte sinnend vor sich hin, und
eine leise Röte der Verlegenheit färbte sein Gesicht. »Nein, leicht
ist es nicht. Man findet keinen Wandergenossen mehr, der nur nach dem
Kameraden fragt wie in alter Zeit und nicht nach seinem Katechismus.«