»Mein lieber Junge, ich lebe hier als Kuriosität der Weltgeschichte,
ich bilde mich zu einer römischen Sehenswürdigkeit aus. ›Haben Sie
schon den Professor Koch kennen gelernt, den großen Historiker, der
nicht nur die Geschichte der Päpste, sondern auch die ihrer Weine
kennt, das trinkfeste Kirchenlicht, das die Pfaffen nicht leiden kann?‹
Kein wissensdurstiger Fremdling, dem diese Frage nicht gestellt
würde. Und ich lerne die Menschen zu Tausenden kennen. Sie werden
nicht besser, Joseph, nur dreister. Und das Sprichwort bleibt zu Recht
bestehen: Der alte Freund sei nicht verschmäht, du weißt nicht, wie
der neue gerät.« Er reichte ihm die Hand über den Tisch. »Wir beide,
Joseph, wir bleiben die alten. Sonderbar, woran es liegt. Mir ist,
als verständen wir uns heute, wo die Zeit die Karten gleichmäßiger
verteilt, noch besser. Als Geistlicher fing ich mit einem Verlust an,
du als Künstler mit einem starken Plus. Wie lange dauert’s noch, und
wir sind beide dasselbe — einsame Menschenkinder.«
»Nie!«
»Ich wünsche dir noch ein Lustrum, nein, ein Dezennium. Und wenn
meine Prophetie ganz zu Schanden wird, will ich ein Tedeum singen.
Otten, lieber Kerl, ich sage dir das auch nicht, um dich zu
schrecken, ich sage dir das für den Fall, daß es auch dir einmal
um deine Gottähnlichkeit bange wird und du ein Königreich für ein
Menschengesicht gibst, das deinem gleicht. Dann erinnere dich an mich.
Wir beide zusammen, wir können Himmel und Erde Trotz bieten. Denn wir
haben die gemeinsame Erinnerung an die Jugend. Was mag der alte Klaus
machen?« — — —
»Lebt die kleine Eccellenza noch in Rom?«
»Sie ist mit ihrem Gatten nach Rio de Janeiro versetzt. Einmal schickte
sie ihre Duenna zu mir und ließ nach dir fragen. Du warst kaum fort.«
»So, so! — — Sie ließ nach mir fragen. Das freut mich an ihr.« — —
An einem wundervollen Frühlingsnachmittag fuhr Otten in die Campagna
hinaus. Er fuhr allein. Die Gesellschaft, mit der er sich verabredet
hatte, hatte die Rendezvousstunde nicht eingehalten und war schon
voraus. Er lehnte in seinem Wägelchen und ließ sich von der Sonne
bescheinen. Gemächlich trabte das Pferdchen.
Früher, vor zwei Jahren noch — und er hätte den Kutscher durch
Trinkgeldverheißungen angespornt, das Ziel zu erreichen, wo er mit
Evvivas erwartet wurde. Heute hatte er Zeit. Man würde ihn nicht
vermissen. Um ihn her stand die Campagna in Blüte, die unabsehbaren
Wiesen und Weiden waren mit leuchtenden Farben bedeckt. Ein verträumter
Blick strich darüber hin. Die Campagna blühte. Was weiter?
Wie üblich, wandte sich vor der Osteria, der Faccia Fresca, der
Kutscher auf dem Bock seinem Fahrgast zu. Halten? Otten gab ihm ein
Zeichen. Er wollte sehen, ob seine Gesellschaft in den Lauben hängen
geblieben sei. Glas und Flasche in der Hand, ging er durch die Reihen
der Schmausenden und Zechenden. Nichts. Und er setzte sich an ein
Tischchen und trank seinen Wein.
Das Volk schrie, lärmte und lachte wie immer an dieser Stätte der
Freude, die Bänkelsänger schmetterten ihre Arien, die Gitarren summten,
die Mandolinen zirpten, und das Tamburin dröhnte und rasselte. Otten
blickte auf. Ein braunes, buntkostümiertes Ding hielt ihm, einen Soldo
heischend, die Hand hin. Schwarze Augen funkelten ihn an, als wären sie
nur für ihn auf der Welt. Beim Nachbar würden sie genau so funkeln.
Er reichte dem Mädchen ein Geldstück und sah ihm nach, wie sie mit
wiegenden Hüften von Tisch zu Tisch schritt. Beim Nachbar — —. Früher
hätte er den Teufel danach gefragt, ob es außer ihm auch einen Nachbar
gäbe. Aber er mußte inzwischen wohl scharfsichtiger geworden sein. Sie
hatte braune, staubige Hände gehabt, und die Tische waren unsauber, und
der Kellner, der den Wein trug, hielt einen Finger in jeder offenen
Literflasche. Hier hatte er einmal gejauchzt: »Jugend, du meine Jugend,
ich halte dich!« — — —
Und es war sicher nicht schöner gewesen — dazumal. War es denn wirklich
so unbeschreiblich schön? Mit langem Blick sah er in die Landschaft,
und er fand eine melancholische Note darin, eine Note von raschem
Vergehen, die er nie vorher bemerkt hatte. Wäre doch Koch hier, der
alte Römer, um ihn zu befragen. Und er hörte deutlich die Stimme des
Freundes: »Die Landschaft ändert sich nicht. Die Menschen ändern sie.« —
Er saß in seinem Wägelchen und fuhr die Straße aller Straßen, die Via
Appia entlang. Und er sah nur die Ruinen, und nicht ihre Majestät.
In der Osteria antica fand er die Gesuchten. Sie saßen auf dem Dache
der Schenke, und der Kreis öffnete sich kaum, als Otten sich zu ihnen
gesellte. Der junge verwöhnte Heldentenor gab seine Aventiuren zum
besten. Prinzessinnen kamen genug darin vor, aber keine Drachen. Die
Zeit der Märchen war einmal.
Irgendwer stellte Otten vor. Der junge Sänger blickte verwundert auf.
»Was? Sie leben noch? Ihren Namen hörte ich doch früher schon?«
»Ich leider den Ihren bisher nicht. Ich war ein paar Jahre in der
Wüste.«
»Gibt es wirklich eine Wüste, in der man meinen Namen nicht kennt?«
lachte der junge Sänger. Und das geschärfte Ohr Ottens hörte aus dem
gewollten Humor die Eitelkeit heraus.
»Man kannte kaum noch den meinen,« replizierte er scherzend.
»Ja, nun sind auch wir an der Reihe! Die Schmachtlapperei des Lieder-
und Balladensingsangs hat ein Ende. Nur auf dem Theater steht man
seinen Sängersmann, vorausgesetzt, daß man modern genug ist, den Zug
der Zeit zu empfinden.«
»Jede Zeit hat ihren Zug, Verehrter, also ist auch jede Zeit modern.
Das Wort hat keinen Bestand.«
»Na, das ist gut! Schauen Sie sich unsere modernen Komponisten an, und
wie sie sind wir modernen Sänger. Wir sind keine fahrenden Bohémiens
mehr, wir sind Weltleute erster Ordnung. Und aus diesem Geist heraus
produzieren wir.«
»Ob die Poesie ihre Zelte gerade unter den Weltleuten erster Ordnung
aufgeschlagen hat? Meine Herren, ich rufe Sie zu Zeugen auf. Wir holten
sie oft genug aus Trastevere.«
»Degradieren Sie uns nicht, Doktor, vor dem Maëstro.«
Der Junge war der Maëstro, er war der Doktor Otten. Nichts ist dauernd
als der Wechsel. Er lächelte vor sich hin.
»Kurzum,« rief der Junge, »wir haben das Heft in der Hand, und wir
gedenken es zu brauchen. Die Saat ist reif, der Schnitter naht! Die
Jugend hat das Wort.«
»Doktor, vergessen Sie nicht, daß Sie auch einmal jung waren!«
»Auch einmal ... Nein, das vergesse ich nicht. Aber die Jungen
vergessen, daß sie ~auch einmal~ alt werden.«
»Was heißt das?«
»Die Jugend wird eines Tages — das Alter sein. Und hinter ihr wird eine
neue drängen und schieben und die Tempel zusammenschlagen. Und sie wird
mit verständnislosen Augen zuschauen müssen. Müssen! Meine Herren, alle
ehrlichen Künstler, alle ehrlichen Menschen sollten die Grenzscheide
zwischen jung und alt darum lieber verwischen, als sie zu verstärken.
Die glatte oder die runzlige Haut? Im alten Kanonenöfchen brennt das
Feuer oft am heitersten.«
»Sie verderben die Stimmung, Doktor. Lustig sein, fröhlich sein!«
»Ich bin sehr aufgeräumt.«
Als sie gegen Abend aufbrachen, benutzte Otten seinen Einspänner. Der
große Landauer hatte keinen Platz mehr für ihn. Sechs saßen im Wagen,
ausgelassen wie Kinder, der siebente kletterte zum Kutscher auf den
Bock. Als er in sein Wägelchen stieg, zwang ihn etwas, einen Blick zur
Seite zu werfen. Eine Equipage war vorgefahren. Ein hochgewachsener
Herr mit breitem Vollbart, ein bekannter Bildhauer, stieg aus und ging
grüßend an ihm vorbei in die Osteria, um einen Fiasko Wein an den
Wagenschlag zu holen. Die im Wagen saß, war Frau Amely. Eine Sekunde
lang blickten sie sich in die Augen. Dann hob sie das Lorgnon und ließ
es wieder fallen. Ohne eine Gesichtsregung wandte er sich ab, bestieg
sein Gefährt und fuhr an ihr vorüber.
Die Campagna lag in Rot und Gold. Und über ihr stand ein purpurner
Baldachin. »Abendsonne ...,« sagte Otten und blickte auf den Rücken des
Kutschers. — —
»Ich muß weiter,« gestand sich Otten nach einigen Tagen, »ich hab’ mich
noch nicht in der Faust. Man tritt nicht aus der Reihe der Menschen aus
und nach geraumer Zeit wieder ein in gleichem Schritt und Tritt. Das
Marschtempo hat sich für uns geändert, wir müssen umlernen. Dafür ist
Rom nicht der Platz.« Und er sagte es seinem Freunde Koch.
»Daß du den Mut dazu hast, Joseph ...«
»Den Mut zum Leben? Ich denke ihn noch ausgiebig zu beweisen.«
»Ich wollte, ich könnte auch noch umlernen. Herr Gott, heraus aus
der ganzen Verlogenheit. Junge, wenn ich daran denke, wie wir wie
die Holundermännchen über Bord sprangen und untertauchten, wo es am
tiefsten war. Das war Musik, wenn einem der Strom in den Ohren grollte.
Das sollte noch ganz andere Musik werden! Und nun steige ich Jahrzehnt
für Jahrzehnt in seichtem Wasser herum, und der Lebensstrom braust
dahinten.«
»Es ist dein Beruf, Heinrich.«
»Beruf ist, wozu man berufen ist. Zum Historiker war ich berufen, nicht
zur Tonsur. Und sie ist mit den Jahren größer geworden, nicht kleiner.
Hat es die Religion so nötig, Zwangsjacken anzuwenden? Müssen wir
Priester immer noch eine finstere Kaste bilden, statt die Sonne dieses
Lebens zu verkünden und Gott zu loben, wenn wir sie und seine Güte an
uns selbst am stärksten empfinden? Im Fleisch ist der Teufel! Welch ein
mittelalterlicher Blödsinn.«
»Leg dein Amt nieder, Heinrich.«
»Wir sind auf Lebenszeit. Jetzt, wo ich bereits auf dem Abstieg bin,
wird mir erst die Bedeutung dieses Wortes klar. Auf Lebenszeit — —. Das
ist nun für die Winde. Und wir abenteuern mit dem Surrogat herum.«
»Abenteuern —?«
»Jawohl. Du hast mich richtig verstanden. Ich schlage mich mit Teufeln
und ähnlichem Gelichter, mit Höllenstrafen und Bußfertigkeiten, mit
Mirakeln, Dogmen und Stigmatisierungen. Und ich könnte das alles mit
einem einzigen, seligen Lachen hinwegfegen, ein religiöser, aber ein
freier und glücklicher Mann sein, wenn ich mich noch einmal von Herzen
zu lachen getraute. Bis dahin abenteuere ich. Just wie du. Durch Sünde
und Tugend. Nur daß du es freiwillig tust, — und Freiheit, echte
Männerfreiheit, ist immer das Kind der Größe.«
»Komm mit mir in die Welt. Ich singe, und du gehst sammeln.«
»Und wenn es ein Scherz wäre, ich tät’s, Joseph. Aber ich habe meine
Kirchengeschichte noch nicht abgeschlossen. Es fehlen noch ein paar
Bände. Und einen Torso hinter sich zurücklassen, als Summe seines
Lebens und Strebens, das würde mir selbst im Himmel keine Ruhe lassen.
Reinliche Scheidung! — Wohin willst du?«
»Mein Agent drängt schon lange auf eine umfassende Tournee durch ganz
Amerika. Ich werde ihm telegraphieren, daß er sofort zum Angriff
vorgehen läßt. Ich kann alsdann in vierzehn Tagen an Bord sein und den
Säulen des Herkules ein Lebewohl zuwinken. Ade, alte Welt! Im Lande der
unbegrenzten Möglichkeiten wird es auch für mich die Möglichkeiten
geben, wieder — der Joseph Otten zu werden.«
»Willst du,« sagte Heinrich Koch nach einer Weile, »mir eines
versprechen, Joseph? Bei unserer alten Knabenfreundschaft?«
»Sag es mir.«
»Über Italien zurückzukommen, wenn du in ein paar Jahren heimkehrst?
Ich — ich will — bis dahin fleißig sein — fleißig an der
Kirchengeschichte.«
»Ich verspreche es dir, Heinrich.«
»Sieh, jeder von uns ist in Verlust geraten. Vielleicht, wenn wir die
Restbestände zusammenlegten —?«
»Das müßte verdammt fidel sein. Ich fürchte nur, wir werden uns
totlachen.«
»Taxierst du deine Widerstandskraft so gering ein?«
»Alter, ich gehe zu den Yankees. Was die an Leib und Seele von mir
übrig lassen sollten, will ich gern als meinen Geschäftsanteil
einzahlen.«
»Topp, Joseph, ich warte. Das übrige findet sich mit dem Tag.« — — —
Nur Heinrich Koch war auf dem Bahnhof, als Joseph Otten abreiste, um
sich in Neapel einzuschiffen. Joseph Otten trug den Kopf im Nacken, wie
in alten Tagen. Die Ferne winkte, und er wollte sie bestehen. Aber es
war der eiserne Wille, der ihm die Spannkraft gab, nicht die treibende
Sehnsucht.
Die beiden Männer standen schweigend auf dem Bahnsteig. Der Zug lag
reisefertig. »=Partenza —! Pronti!=«
Heinrich Koch schob die Brille hoch und berührte des Freundes Stirn mit
den Lippen.
»Adjüs, Jupp.«
»Adjüs, Drickes ...«
Und als der Zug aus der Station rollte, zog der geistliche Professor
sein Schnupftuch aus dem langen, verschabten Gehrock und schrie aus
Leibeskräften und mit dem Tuche winkend hinter dem Abfahrenden her:
»Alaaf Kölle! Jupp! Alaaf Kölle!«
=XV=
Noch einmal hob sich der Name Joseph Otten zu seinem alten Glanz.
Aus der Neuen Welt kamen die Berichte, begeisterte Hymnen auf den
Zaubermeister, der Lieder und Gedichte wie Lebewesen behandelte, deren
Seelen er anrief und befreite. Ein Jahr lang und ein zweites lösten
sich die großen Städte Amerikas in den Lobpreisungen ab. Mit Staunen
las man in Deutschland von den außergewöhnlichen Erfolgen des Mannes,
dem man selber einst zujubelte und den man längst zu den Verschollenen
gerechnet hatte, und nur die Kenner der Verhältnisse lasen zwischen
den künstlerischen Kritiken das Trompetengeschmetter des Impresarios
heraus, der seine Amerikaner kannte und ihrem Sensationsbedürfnis durch
die Erzählung von Wunderdingen aus dem Leben des interessanten Meisters
entgegenkam, die ihn nicht nur als den einzig dastehenden Künstler
seiner Art, sondern auch als den letzten Ritter ohne Furcht und Tadel
feierten. »Amerika,« sagten die Wissenden und zuckten mit den Achseln.
Joseph Otten war in Amerika populär geworden. Er wußte längst den
Grund. Er wußte, daß seine Person stärker in den Vordergrund gezogen
wurde als sein Künstlertum, und als er eines Tages in einer Zeitung die
aufgebauschte Schilderung seiner Abenteuer las, unter dem Motto: »Mit
Mädchen sich vertragen, mit Männern ’rumgeschlagen,« da färbten sich
seine Wangen.
Aber er unternahm keine Schritte. Mit einem verächtlichen Lächeln
schob er das Zeitungsblatt zur Seite, und von dieser Stunde an blieben
die Zeitungen unberührt vor ihm liegen. »Man muß die Menschen nach
Verdienst behandeln,« sagte er sich. »Wollen sie ihr Geld lieber ihren
niederen als ihren höheren Instinkten opfern, so sollen sie es. Ich
will sie als Leitersprossen benutzen.«
Und mehr und mehr lebte er sich in den Gedanken hinein, sich in Amerika
ein neues Vermögen zu sammeln, um seinen Lebensabend fernab der Welt
nach seinem Geschmack zu verbringen. Nach den größeren Städten kamen
die kleineren an die Reihe, er durchzog die Vereinigten Staaten, Kanada
und Mexiko kreuz und quer, er nahm die Tournee durch die Metropolen zum
zweiten Male auf, und als er an einem Maiabend in New York den Dampfer
bestieg, der die Reise nach Genua antrat, waren aus den zwei Jahren,
die er bei seiner Landung für Amerika angesetzt hatte, vier Jahre
geworden.
Stiller noch, als er ausgefahren war, kehrte er zurück. Nur Joseph
Otten kam. Der Rest seines Künstlertums lag in der Neuen Welt begraben.
Nun gedachte er Abschied zu nehmen. Einen letzten, großen Blick noch
wollte er von dem Lande, das er Zeit seines Lebens vor allen anderen
geliebt hatte, mit hinübernehmen in seine Zurückgezogenheit, noch
einmal wollte er still Italien durchziehen, bevor er die Alpen zwischen
sich und die verlorene Jugend legte. In Neapel verließ er das Schiff
und nahm am selben Tage den Dampfer nach Palermo. Jeden Fuß breit
italienischer Erde wollte er noch einmal grüßen. Heiß stach die Sonne,
aber er hatte viel Sonne einzusammeln für den Winter, den er auf sich
warten wußte.
Abschied ... Es lag an dem Wort. Die »Conca d’Oro«, die goldene
Muschel, lag mit goldener Sonne, goldenen Früchten angefüllt
zwischen den Bergen, die Palermo umgürten. Und der strahlende Garten
der Natur, bis zu den Höhenzügen bedeckt mit Blumenauen, Orangen-
und Zitronenwäldern, tat seinen Augen weh. Den immergrünen Hügel
Monreale mit dem Dom der normannischen Könige ließ er hinter sich,
der Märchenpark der Villa Tasca bedrückte ihn mit seinem schweren,
süßen Duft, im Dom zu Palermo herrschte ihm zu geschäftiges Treiben,
und nur an die Porphyrsärge der Hohenstaufenkaiser, des gewaltigen
und gewalttätigen sechsten Heinrich und des lachenden Siegers, des
zweiten Friedrich, lehnte er sich an und träumte von der alten
Germanensehnsucht nach dem Sonnenlande jenseits der Alpen. Porphyrsärge
... Eingesargt.
Das deuchte ihn die richtige Umgebung. Sich stärken an dem Schicksal
der Toten. Den Wert des eigenen Daseins nicht gar so hoch anschlagen.
Eine Stunde ist, die wartet auch auf uns.
Unter der Erde wanderte er dahin, dem roten Lichtschein einer Lampe
nach, die eilig vor ihm einherschwankte. Er selber trieb ihren
Träger zur Eile. Und doch durchwanderte er ein Reich, in dem die
Zeit aufgehört hatte, Bedeutung zu gewähren, die Katakomben des
Klosters Cappuccini. In der Hallengruft widerhallte sein Schritt.
Weiter, weiter! Das war nicht, was er suchte, das schuf keine stolze
Überlegenheit, das schuf Ekel. Die Größe und Erhabenheit des Todes, die
selbst aus zerbrochenen und geleerten Gräbern sich aufreckt bis in
die Welt des Lebens hinein und sie mit Schauern der Ehrfurcht erfüllt,
hier hatte sie einem Mummenschanze Platz gemacht. Und sein zorniger
Blick streifte die in die Gewänder ihres Standes eingekleideten Mumien,
die in Bündeln von den Wänden hingen, in Gruppen beisammen standen, in
gläsernen Särgen oder wurmstichigen Kisten lagen, jedem profanen Blick,
jeder profanen Berührung preisgegeben, Haut und Knochen vom Staub der
Jahre gelb, braun und schwarz. Frauen, die einst in Schönheit prangten,
deren Schönheit einst von Gatten und Brüdern eifersüchtig bewacht
wurde, stellten unter zerfetzten Lumpen ihre verschrumpften Glieder
bloß, Matronen, mit den Überbleibseln einer Haube und eines Hemdes
bekleidet, Kinder und Säuglinge in verstaubten Bettchen. Aus den Ecken
glotzten Offiziere, vornehme Palermitaner, kirchliche Würdenträger.
Noch sproß ihnen aus Kinn und Schädeldecke das mottenzerfressene Haar.
»Sehen Sie her, mein Herr,« sagte der Führer, »ein Priester aus dem
Jahre 1620. Er hat noch die Zunge im Munde.« Und er öffnete dem
Baumelnden den Mund, bewegte darin die zu Leder gewordene Zunge und
strich sich vergnügt den Bart.
»Avanti, und der Teufel hol’ dich.«
Noch einmal hielt der Führer an, nahe dem Ausgang. Von einer Kiste
schlug er den Deckel zurück und hielt die Lampe hoch. »Ein General
Garibaldis, vor Palermo gefallen.«
Joseph Otten trat näher. Er stand, bis ins Innerste ergriffen. Ein
Tapferer wird für ein Trinkgeld gezeigt. Weshalb bist du gestorben?
Wofür? — — —
Auf dem Boden der Kiste ruhte ein schlanker Mann in weißem Totenhemd.
Schwarzes Haar lag in Strähnen um den wundervollen Kopf, ein krauser
schwarzer Bart umgab das Kinn. Feierlichen Ernst auf den blassen Zügen
ging einst der Brave zur letzten Ruhe.
»Ahntest du dein Geschick? Daß man dich wie ein ausgestopftes Tier
zur Schau stellen würde? Daß man selbst dein Totenhemd auf der Brust
zerreißen würde, um hysterischen Weibern zu zeigen, wie sich noch nach
Jahrzehnten das dichte schwarze Haar auf deiner Heldenbrust kräuselt?
Der Dank der Nachwelt für den Auserwählten ... Ruhe in Frieden. — Es
klingt wie ein Hohn.« —
Joseph Otten stand auf hoher Felsenstufe, und sein Auge suchte Syrakus.
Nicht die Häuserreihen auf der einstigen Insel Ortygia, die heute
den Namen führen wie den Schall tönenden Erzes und einer klingenden
Schelle. Er suchte Syrakus, die glänzende Stadt des Altertums, die
Gewalthaberin zweier Meere, und sein Auge schweifte über Stein und
Geröll in leeres, einsam gewordenes Land. Nur die Meere waren geblieben
durch die Jahrtausende, und die Wasser des Afrikanischen Meeres
vermählten sich flüsternd den Wassern des Ionischen Meeres wie in alter
Zeit.
Und wieder gedachte Otten des Schicksals, das mitleidslos Ruf und
Ruhm hinweggewischt. Ausgelöscht war die Spur der Städtekönigin
im Antlitz der Erde, und die Steine der niedergebrochenen Mauern
waren zerstreut in alle Winde. Weithin bis zum Horizont dehnte sich
kümmerlich bewachsenes Land, und trostlos hallten die großen Namen aus
dem Munde des Wächters, der auf der Theaterstufe neben ihm stand, den
Arm bald hierhin, bald dorthin streckte und die Stadtteile ausrief,
die, unter lastende Erde gebettet, dem Menschenwort so weit entrückt
waren: Ortygia mit der sagenhaften Quelle Arethusa, Achradina, Tyche,
Neapolis, Epipolä!
»Wo sind die Tempel der Götter? Wo ist Hierons gewaltiger Palast und
die ragende Akropolis des Tyrannen Dionys, des Mannes, der seiner
Zeit den Stempel seiner Größe gab und den die Legende verunstaltete?
Das Ödland gibt keine Antwort. Oder doch? Will es, daß du es heißer
beschwörst?«
Er stieg die Stufen hinab, deren Reste man dem Schoß der Erde entrissen
hatte, kümmerliche Reste ohne den Schmuck der feierlichen Säulen und
der heiteren Kapitäle, die einstmals hier das herrlichste Theater
Großgriechenlands schmückten. Und er stieg weiter, in den Bauch der
Felsen hinein, die vor Jahrtausenden ihre Quadern hergegeben hatten zum
Wunderbau der Stadt, in die Steinbrüche, in die Latomien.
War er der Welt entrückt? Hatte er dennoch den Pfad gefunden zum
Garten Eden, dem verschollenen? Schwindelnd hohe, glatte Felswände
bedrängten ihn links und rechts, dumpfer schlug das Herz, wie zwischen
Gefängnismauern — da — plötzlich — ein Felstor. Die Wände wichen
zurück, eine Talmulde öffnete sich, ein Kleinod, von der steinernen
Wächterkette gegen unberufenen Einblick geschützt, ein Paradies
voll Rosen und Myrten, Lorbeer und Palmen, voll Blumen und Bäumen
jeder Art. Still und weich wob die Luft. Und die Sehnsucht, die den
Menschen treibt und treibt, seit er den Garten Eden verlor und ihn
nicht wiederfinden kann mit der heimverlangenden Seele, ließ ab, den
Wanderer zu quälen. Wie in geweihter Stätte faltete Otten die Hände.
Ein Blumenmärchen ... Und unter einem Blumenmärchen schlief ein Großes,
schlief eine Städtekönigin, das alte Syrakus, den Todesschlaf. Wie
schön das war. Tot — und unter Blumen. — —
Ein neuer Steinbruch, eine neue Blumenlatomie nahm ihn auf und entriß
ihn dem Tage, der hinter ihm zurückblieb. Ein seltsam gewundener
Gang leitete ihn durch das Herz des Gesteins, und eine Erinnerung
durchzuckte ihn: Du bist im »Ohr des Dionys«. Der Führer sprach. Wie
Schreien und Toben klang es von den Wänden, deren Ende er nicht sah,
wie Jammern, Weinen, Wahnsinnslachen. Hier schmachteten die Tausende
der Athener zu Tode nach der unglücksvollen Schlacht bei Syrakus, die
Demosthenes und Nikias mit dem Kopfe zahlten. Hoch oben in der Spitze
des Felsens ein kleines Gelaß. Und die Legende will, daß der Tyrann
Dionys darin wohnte, die Gespräche der Gefangenen zu belauschen.
Denn der Widerhall des geflüsterten Wortes wuchs hier zur dröhnenden
Meeresbrandung.
Schweigsam ging Otten hindurch. Und er hörte die Steine reden vom
Niedergang Athens und vom Blute seiner Edelsten, und er hörte sie reden
vom Stolz der Siegerin Syrakus, an der sich nicht minder das Schicksal
erfüllte.
»=Sic transit gloria= ...« murmelte er.
Und tiefer noch drang er ein zu der verschollenen Stadt. Es war etwas
in ihm, was ihn trieb, Tod und Vergängnis zu erforschen, während die
heiße Sonne Siziliens das Land in Flimmer badete.
Vor ihm schritt ein Kuttenträger, ein Mönch des Kirchleins San
Giovanni. An eiserner Kette schwang er ein antikes Öllämplein, und das
rotflackernde Licht beleuchtete gespenstisch die Katakombengänge. Der
abschüssige unterirdische Weg machte jäh eine Wendung, der Kuttenträger
hielt stumm die Lampe hoch, und vor ihnen verzweigte sich ein
Labyrinth. Eine Stadt breitete sich aus in Straßen und Gassen. »Hier
ist in Wahrheit das alte Syrakus,« sagte sich Otten beklommen, »ich bin
in der Stadt der Toten.«
Stille Behausungen sind es, die den Schritt zu beiden Seiten der
Gänge hemmen, den Atem schwer machen. Gräberkammer reiht sich an
Gräberkammer, Tausende reihen sich an aber Tausende. Hier schläft
ein ganzes Volk. — Dort eine Familie der Herrschenden in geräumigem
Ahnengrab, dort ein einzelner, dort ein Kind. — — Nein, sie schlafen
nicht mehr hier. Man hat ihre Knochen, ihre Heiligtümer, ihren Schmuck,
ihr Totengeld und ihre Lampen weggeführt in die Museen, in Schaukästen,
hinter Glasscheiben, und nur die leeren Gräberkammern, Tausende an
aber Tausende gereiht, erzählen dem Wanderer: »Hier hast du, was du
suchtest. Hier hast du Syrakus —.«
Die Sonne zu Häupten, durchzog Otten Kalabrien. An Tempeltrümmern,
Sarazenentürmen und Normannenkastellen vorüber zog er die endlose,
einsame Küste entlang, und der blühende Wechsel antiker und
romantischer Schönheit sagte ihm nichts, er sah nur den Tod am Werk,
den Verfall.
»Ich hätte es lassen sollen,« dachte er oft, »das Bewußtsein, das alles
nicht mehr wiederzusehen, legt mir eine graue Binde über die Augen.«
Lange Strecken hatte er mit einem kleinen Gefährt zurückgelegt, jetzt
benutzte er die Bahn bis Neapel und fuhr ohne Aufenthalt hinüber nach
Capri. Der Juni hatte die Herrschaft übernommen. Aber nicht wie sonst
um diese Jahreszeit blickte eine erhitzte Sonne auf verbranntes Gebüsch
und einen verwelkten Blumengarten. Noch hatte der Frühling Macht, ein
schwärmerischer Spätfrühling, der nicht weichen wollte von den bunten
Gestaden. Über Capri lag ein Duft von blühendem Ginster, Myrten und
Lorbeer. Schmeichlerisch strich er über das silberblaue Meer dem Duft
entgegen, den die Gärten von Sorrent als Antwort auf stummes Werben
sandten. Die Menschen aber, die jahraus, jahrein aus dem Norden kamen
und die braunen Caprioten verschwinden machten vor ihrer vierfachen
Überzahl, ließen die Dampfer nach Neapel leer zurückkehren und
behaupteten Monte Tiberio und Monte Solaro, die große und die kleine
Marina weiter, weil ihnen der Frühling das Beispiel gab. In wohligem
Hindämmern lag die Insel befangen. Man atmete nur ...
Verstimmt zog sich Otten von dem Menschenvolk zurück. Er hatte
geglaubt, die Insel in sommerlicher Abgeschiedenheit zu finden. Und nun
überall die schwatzende, neugierige, intrigierende Gesellschaft, wie
sie sich so gern auf Capri findet.
In der blauen Luft wuchsen jenseits des Golfes die Umrisse des Vesuvs.
Der hämische Feuergeist des Berges begann sich zu langweilen in dem
Frieden der Natur, und der Träumereien müde, spie er seinen Groll hoch
in die Luft. Noch sog das Tageslicht den Feuerschein auf. Nur eine
gewaltige Rauchsäule preßte sich aus dem Kratermaul und füllte den
Himmel über sich mit Wolken. Von der Piazza des Städtchens Capri sah
man hinüber und ging weiter.
Am Spätabend wanderte Otten noch einmal hinaus zu der Mauer, die sich
hoch oben am Hang, über der großen Marina befindet. Nach dem Geschwätz
der reisenden Philister sollte die Natur zu ihm reden. Und sie redete.
Fand drüben an der in Nacht getauchten Küste ein Feuerwerk statt? Hatte
man einem weltfahrenden Heros zu Ehren den Vesuv illuminiert? Die
mächtige Pyramide ragte wie ein Zauberbild allein aus der Nacht hervor.
In kurzen Zwischenpausen quoll ein Strom von Glut aus seinem Kegel, und
den Flügel des Berges zeichnete eine flammende Kontur. Nichts sonst zu
erblicken in meilenweiter Runde. Schweigendes Dunkel, und in der Ferne,
weit überm Meer, ein feuriges, flammendes Rätsel.
Zwei Nächte kam Otten an den Platz zurück, dann gab er der Lockung
nach. Als der Frühwind über die See strich, trug ihn ein Schifflein
an den Grotten Sorrents vorbei, hinüber nach Vico equense, wo er
einen Wagen fand. Und unter Peitschengeknall und anfeuerndem Aoh!
des Wagenlenkers ging es pfeilgeschwind die Straße entlang, durch
Castellamare hindurch, vom Meere ab durch Wiesen und Felder, bis von
leichter Anhöhe das alte, wiedererstandene Pompeji aus trostlos leeren
Augenhöhlen ihm entgegenstarrte.
»Die Drahtseilbahn auf dem Vesuv ist seitens der Regierung wegen
drohender Gefahr gesperrt,« meldete zungengeläufig der Hotelier an der
Straße.
Was ging ihn das an? Umso besser nur. Er würde allein sein in der
Feuerregion. In Bosco reale nahm er gegen Hinterlegung einer Pfandsumme
einen Gaul. Die Mittagsglut scherte ihn nicht. Ritt er doch der Glut
entgegen, die geheimnisvoll die atmende Brust der Erde erfüllte, die
einen Ausbruch suchte, um sich nicht selbst zu verzehren. Das war ein
Bild, das ihm vertraut erschien.
Die Gärten blieben zurück und die immergrünen Hecken. Nach
anderthalbstündigem Ritt ein letztes, einsames Gehöft, die Casa Bianca.
Einen Schluck Lacrimae Christi mit auf den Weg, und vorwärts! Längst
war das Haus verschwunden. Er ritt über den Rücken des Berges, über das
endlose Steinfeld der Lavaströme. Kein Weg, kein Steg. Kein Baum, kein
Strauch. Braune, stahlharte, messerscharfe Lavamassen, soweit das Auge
reichte. Kein Ruf des Lebens mehr, der das Ohr erreichen konnte. Hier
schritt der Tod zu seinem Herrensitz, und hinter ihm blieb verbrannte
Wüste ....
Das Pferd suchte schauernd seinen Weg zwischen den Klippen. Trat es
fehl, sank es knietief in weiche, schluckende Asche. Ein düsteres
Lächeln um den Mund saß Otten im Sattel.
Drohender reckte sich der Aschenkegel des alten Kraters vor ihm auf.
Eine Stunde noch, und das Pferd wieherte hell in die Luft. Es witterte
in der erstarrten Einsamkeit die Menschensiedlung, den kleinen Bahnhof
der Vesuvbahn.
Otten stieg ab und unterhandelte mit den Karabinieri, die den
Absperrungsdienst hatten. Die Kraterführer traten hinzu und ließen sich
gewinnen. Ein Karabiniere schritt neben dem Führer, der die Spitze
nahm. So ging es dem Schlund zu Leibe. Nur das Keuchen der Männer
vernahm man, schrittweise mußte das Terrain erobert werden. Immer
heftiger schlugen die Pulse, immer stumpfer krochen die Gedanken, die
Minuten dehnten sich, der Anstieg im heißen, gleitenden Aschenpulver
nahm kein Ende. Nun — nun! Der Führer hielt an. Keiner sprach. Und
langsam nahmen die Sinne ihre Tätigkeit wieder auf. Der Gipfel war
erreicht.
Ein kurzer Anmarsch an den Kessel. Wie Nadeln stachen die
Schwefeldämpfe in die Lungen. Höllenlärm ringsumher. Zischender,
brüllender Dampf. Irgendwoher eine Stimme: »Halt!« Ein paar Augenblicke
gewaltsamen Aufatmens — und zur Seite, einen Schritt breit von Otten
getrennt, ringelte sich ein grausiger, schuppiger Lindwurm, der neue
Lavastrom. Langsam, unheimlich schob sich der glühende, aufflammende
Brei den Kegel hinab, ein unfaßbares, höhnisches Untier. Und kurze Zeit
nur gestattete es seinen Anblick. Neue Massen wälzten sich über die
alten, und die fauchenden Schwefeldämpfe benahmen Gesicht und Atem ....
»Kein Fremder, der das gesehen hat, Herr.«
Otten nickte nur. Was wußte die Menschheit, die zahme, von dem Urfeuer
in der Brust der Erde. Was von den Gewalten, die ihren Weg gehen
müssen nach eigenem Gesetz. Aber diese Gewalten, die, sich bändigend,
den Schoß der Erde erwärmten und befruchteten, vernichteten beim
ungebändigten Ausbruch. Vernichteten — —!
»Nun, mein Krater ist erloschen,« dachte er, und wieder zog das düstere
Lächeln um seinen Mund, »ich werde kein Unheil mehr anrichten. Aber
das Bild hier — das Bild hat mir doch gut getan.«
Es wurde Abend, als Otten sein Pferd bestieg. »Jetzt erst habe ich
Abschied genommen,« sagte er sich. »Abschied und ein Gastgeschenk. An
diesem Bilde will ich meinen Lebensabend wärmen.«
Durch die braune Steinwüste, jetzt goldumrändert von der sinkenden
Sonne, ritt er zurück. Seine hager gewordene Gestalt hing lässig im
Sattel. Graue Haarsträhnen stahlen sich unter dem Hut hervor in die
Stirn. Seltsam zeichneten sich Roß und Reiter in der Luft. Als zöge ein
einsamer Abenteurer durch die Totenstille ...
Joseph Otten war in Rom angekommen, aber er ging nicht aus. Er hielt
sich in seinem alten Logis in der Via Frattina einige Tage auf,
vertrieb sich die Zeit mit Lesen und wohltuendem Hindämmern und wartete
die Antwort auf einen Brief ab, den er an den Privatdozenten Moritz
Lachner nach Bonn am Rhein gerichtet hatte. Die Antwort kam.
»Mein hochverehrter Herr Doktor,« schrieb Moritz Lachner in krausen
Krähenzügen, »als ich Ihren Brief in Händen hielt, wußte ich nicht,
ob ich lachen oder weinen sollte. Beides aus der Freude heraus. Sie
sind auf dem Wege zur Heimat! — Mein letzter Brief, den ich vor einem
Jahre an die Adresse Ihres New Yorker Agenten abgesandt hatte, blieb
ohne Antwort. Ich teilte Ihnen darin mit, wie in Köln das Leben lief,
und daß ich als Privatdozent der Geschichte an der Bonner Universität
zugelassen sei. Daß der Brief dennoch in Ihre Hände gelangt ist,
beweist mir der Umstand, daß Sie sich meines frischen Titels bedienen.
Ich brauche also auf seinen Inhalt nicht zurückzukommen.
Sie sind auf dem Wege zur Heimat. Immer wieder läutet mir die frohe
Botschaft in den Ohren und verwirrt meine Gedanken. Und doch wollen Sie
nicht durch die Tore der Heimatstadt einziehen, sondern außerhalb ihrer
Mauern bleiben. Ich habe nicht das Recht, zu fragen. Aber ich habe das
Recht, zu hoffen.
In der Rheingasse zu Köln ist es still geworden. Carmen hat diese
Ostern nach bestandenem Examen die Universität Heidelberg bezogen
und sich zunächst dem Studium der Kunstgeschichte ergeben. Wohin sie
ihre Studien weiter führen werden, läßt sich heute schwer sagen. Sie
verbringt ihre Ferien bei ihrer Mutter, von der sie zu erbitten wußte,
ihr Raum und Freiheit zur Entfaltung ihrer Kräfte zu gewähren. So ist
Frau Doktor Otten in Köln zurückgeblieben. Ich habe bei meinen Besuchen
nicht gefunden, daß sich ihr abgeklärtes Wesen verändert hätte. Sie ist
so anbetungswürdig wie immer.
Der junge Terbroich ist nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt
zurückgekehrt und als Prokurist in die Fabrik seines Vaters
eingetreten. Er hat an Auftreten und äußerer Gewandtheit noch gewonnen,
und die alte Freundschaft zwischen ihm und Carmen scheint noch stärker
geworden zu sein. Ein melancholischer — um nicht zu sagen blasierter
— Zug, den er sich zugelegt hat, kleidet ihn gewiß. Aber es nimmt
mich immer wieder wunder, daß sich ein Mädchen wie Carmen von diesen
künstlich zurechtgelegten Manieren täuschen läßt. Ich schreibe das
nicht aus Haß gegen Laurenz Terbroich, ich schreibe es nieder aus
unveränderter Zuneigung zu Carmen.
Und nun zum Haupt- und Schlußpunkt. Der alte Klaus lebt seit einigen
Jahren in der Tat in Zons. Sein Häuschen ist ganz schmuck und geräumig,
eine alte Verwandte, die früher einmal Köchin war, steht dem kleinen
Haushalt vor. Ich fuhr sofort nach Empfang Ihres Briefes zu ihm, und
er ist mit Freuden bereit, Ihnen die obere Etage seines Häuschens,
das den Blick über die alte Stadtmauer in die Rheinlandschaft hat,
abzutreten. Merkwürdig rüstig ist er geblieben. Nur wortkarger ist er
geworden. Und das nimmt bei seinem Alter und bei — Zons kein Wunder.
Bei Zons! Ist es wirklich Ihr Ernst, Herr Doktor, sich so abseits von
der Straße zu begeben? Das Städtchen liegt versunken und vergessen in
den Rheinwiesen, in seiner mittelalterlichen Architektur ein Entzücken
für Maleraugen, aber in seiner weltfremden Abgeschiedenheit sicher kein
Entzücken für eine so stolze, heiße Seele wie die des Doktors Joseph
Otten, der ich mich stets nur in scheuer Bewunderung nahte. Es ist kein
Überschwang, Herr Doktor. Ich bin nur meinen Idealen treu geblieben.«
»Er denkt an den Joseph Otten von einst,« und der Lesende nickte vor
sich hin. »Wie lang ist es her, daß der nicht mehr existiert.«
Moritz Lachner schrieb weiter:
»So lassen Sie mich denn annehmen, daß Zons nur den Übergangspunkt für
Sie bilden soll. Können Sie mich dort oder hier zu irgend einem Dienste
gebrauchen, so wissen Sie, daß Sie nur über mich zu bestimmen haben.
Ich sehe aufgeregt dem Augenblick entgegen, wo ich Ihnen wieder die
Hand drücken darf. — Mit den ergebensten Grüßen stets Ihr