Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. »Geh nicht fort.«

Er wiederholte den Refrain, mit geschlossenen Augen, und ein

glückliches Lachen um den Mund. Seine Seele schweifte am blauen

Mittelmeer und weckte Träume auf.

»Geh nicht fort — —.«

Er schüttelte übermütig den Kopf, sang und spielte. In der Ferne verlor

sich das Raunen des Rheines, aus dem Garten zog der Blumenduft zu ihnen

herein, und die Nacht war weich wie ein verschleierter Frauenblick.

»Jetzt sind wir ganz allein auf der Welt,« sagte Frau Amely ...

=XIII=

Vier Tage später kehrte Lüttgen nach Godesberg zurück. Er war von

einer lauten Jovialität und sonnte sich in der Erinnerung an seine

Geschäftsreise. »Den Engländer hätten wir. Es war ein Stück Arbeit.

Einen halben Tag am Konferenztisch, wie zwei kaltblütige Spieler Zug um

Zug gegeneinander gesetzt, und zum Schluß hatte ich doch meinen Willen.

=Business is business.=«

Die Frau und der Freund brachten seinem Überschwang geringes Interesse

entgegen. Als Otten am Nachmittag eine Rheinfahrt zu dritt ablehnte,

bemerkte Lüttgen die Reserve. Seine Heiterkeit machte einem forschenden

Erstaunen Platz. Dann wurde er still und in sich gekehrt. Am Abend

trennte man sich mit erkünstelter Höflichkeit.

Nach schlafloser Nacht, die erst gegen Morgen einen schweren,

zermürbenden Schlummer brachte, kam der Fabrikant auf die Veranda und

fand den Frühstückstisch leer. An den hingeworfenen Servietten sah er,

daß Frau Amely und Otten nicht auf ihn gewartet hatten. Er ließ sich

vom Diener den Tee bringen und fragte nicht nach ihrem Verbleib.

Der Tee wurde kalt. Er saß noch immer grübelnd nach vorn gebeugt und

suchte die Gedanken dort wieder aufzunehmen, wo sie ihm der dumpfe

Morgenschlummer abgenommen hatte. Die Figur seiner Frau verbannte er

mit einem Zucken der Mundwinkel. Blieb der Freund — —! Wie weit mußte

er sich mit ihm auseinandersetzen ...?

»Gar nicht,« flog es ihm durch den Kopf. »Was geht dich die Frau

an? Sie hat ihr Leben, und ich habe meines, das ist seit Jahren

Gewohnheitsrecht geworden. Ich spielte eine lächerliche Rolle, wollte

ich jetzt dagegen aufstehen. Und doch — ~muß~ ich jetzt dagegen

aufstehen. Bisher handelte es sich um Courmacher, die mir genau so

gleichgültig oder so widerwärtig waren wie sie. Das hob sich auf, und

ich verlor nichts dabei. Jetzt aber —«

Er zog sein Taschentuch und wischte sich langsam die Stirn.

»Nun? Was denn: jetzt aber? Verlierst du jetzt etwas? Joseph Otten

könnte sich ebensogut mit Luft beschäftigen, so wenig existiert die

Frau für dich. Du hast sie zufällig im Hause, das ist alles. Und er

reist in den nächsten Tagen sowieso. Soll ich wegen bloßer Luft den

Freund aus meinem Leben jagen, der das Intermezzo vierundzwanzig

Stunden nach seiner Abreise vergessen hat? Das würde für die Siegerin

ein Gaudium sein.«

»Vergessen hat — —? Und wenn er es nicht so bald vergäße?«

»Keine Sorge.« Und wieder kam das Zucken der Mundwinkel. »Sie würde

ihn das Vergessen rasch lehren. Sie ist nicht für Freundschaften =par

distance=, und Otten binnen kurzem kein Jüngling mehr. Das entscheidet

für sie.«

Fast regte es sich wie Mitleid in ihm. Das Mitleid des nüchtern

Gewordenen mit einem armen Berauschten. »Ich liege auf einer Sandbank,

aber ich bin doch wenigstens gerettet. Und der da zappelt sich ab und

schluckt Salzwasser, wo er Schätze ans Tageslicht zu fördern glaubte.

Armer Kerl, es gibt keine Tiefen. Es gibt nur Untiefen. Ich hätt’s dir

gern erspart.«

»Erspart? Wenn ich davon weiß?«

Mechanisch wischte er über seine Stirn. Dann lächelte er verächtlich.

»Natürlich erspart. Mich kann doch eine Sache nicht beleidigen, die mir

so fern steht wie die Tageslaune dieser Frau? Ihr Schoßhündchen kann

mir doch auch keinen Ehrenhandel abnötigen. Welch ein Unsinn, sich als

Mann für eine Frau exponieren zu wollen, die einen längst nicht mehr

das geringste angeht, nicht mehr, als daß sie für die Umstehenden den

Schein zu wahren hat. Das wäre das Gegenteil, das wäre Donquichotterie

und — Unehre. Wahrhaftig, das wäre es. — — Nur eins, nur — eins ...«

Sein Gesicht zog sich zusammen. Er starrte auf die Tischdecke, auf der

sich die Sonne kringelte.

»Wenn ich schweige, da ich nichts verloren habe, so bleibe ich, wer

ich bin, und meine Ehre ruht in mir selber. Nur wenn es darüber

hinausgreift, wenn ich die Zeche der gnädigen Frau bezahlen sollte,

wenn sie mir mit ihrer Laune den Freund abtrünnig machen sollte, daß er

sich von mir abwendet wie von etwas — Unsauberem — —«

Seine Hand fiel schwer auf den Tisch.

»Dann — —!« — —

Er blickte auf und gewahrte zwischen den Bäumen des Parks Frau Amelys

weißes Sportkleid und Ottens hellen Anzug. Hastig trank er den

kaltgewordenen Tee aus. »Wie sein Lachen klingt,« murmelte er. »Ich

will mich nicht beschämen lassen.«

Er erhob sich und winkte den Ankommenden zu. Lässig erwiderten sie

seinen Gruß.

»Ihr wart wohl schon auf dem Rhein, ihr Ruhelosen?«

»Wir haben gebadet und in der Sonne gelegen.«

»Und laßt mich in den Federn.«

»Ich wußte nicht,« sagte Otten, »daß du noch für körperliche Übungen zu

haben bist.«

»Nun, nun! Mach mich nur nicht gleich zum Kinderschreck. Oder bin ich

schon ein solcher Falstaff?«

»Was hast du vor?« fragte Frau Amely. »Können wir über dich

mitbestimmen, oder ziehst du die Siesta vor?«

»Wenn ihr mich haben wollt?«

»Bitte sehr —.«

»Sehr ermutigend klingt das nicht. Aber ich halte es den Anstrengungen

des Badens zu gute. Hier ist eine gefährliche Ecke, und es muß

einer schon verteufelt gut gegen den Strom schwimmen können, um in

Landungsweite zu bleiben. Ja — was ich sagen wollte: Wie wär’s, wenn

wir heute das Mittagessen in Königswinter nachholten, das ich bei

meiner plötzlichen Abreise im Stich lassen mußte? Ihr könnt euch darauf

verlassen, daß ich nicht knauserig bin.«

»Muß es gerade Königswinter sein?« meinte Otten.

»Ich bestehe nicht darauf. Aber hast du was gegen das Prachtnestchen?«

»Durchaus nicht. Bleiben wir dabei.«

Das Wetter war paradiesisch. Die warmen Tage und Nächte hatten die

versteckteste Blüte hervorgelockt, und die Ufer links und rechts

standen im weißen Flor der Obstbäume. Die drei im Boot hatten kein Auge

dafür. Hin und wieder schlug ein Wort an und verhallte. Dann ließ auch

Lüttgen die Unterhaltung fallen.

Sie speisten am Rhein, und der Wein machte sie lebendiger. Aber die

Unterhaltung schwebte nur zwischen Otten und Frau Amely, und sie gaben

sie nicht aus der Hand. Und auf der Heimfahrt wurde es nicht anders.

Lüttgen suchte sofort sein Zimmer auf, um sich umzuziehen und sich

vor Erkältung zu schützen. »Ihr werdet wohl zehn Minuten ohne mich

auskommen können.«

Otten und Frau Amely saßen auf der Terrasse und vermieden es, sich

anzusehen.

»Das alles war häßlich,« sagte endlich der Mann.

Sie wandte ihm langsam den Kopf zu. »Und in dieser Häßlichkeit lebe ich

jahraus, jahrein. Du empfindest sie schon nach wenigen Tagen.«

»Er kann nichts dafür. Es ist seine Natur, die ihm im Wege steht.«

»Und die meine? Soll sie daran stumpf und dumpf zu Grunde gehen? Wenn

einer in den Hintergrund treten muß, so soll es doch in aller Welt

nicht der wertvollere Mensch sein, der es muß.«

»Bist du so sicher —«

»Daß nicht er der wertvollere Mensch ist? Ja! Dessen bin ich sicher.

Und wenn du es noch nicht erfahren hast, so liegt das daran, daß seine

alltägliche, niederziehende Art schon allzusehr auf mich gewirkt

hat. Joseph! Weshalb bist du nicht früher gekommen! Damals, als der

Unterschied noch viel klarer zu Tage trat als heute. Wo es für dich ein

einziges gewesen wäre: Sehen und Erkennen. Wo du mich einfach auf die

Arme genommen hättest, um mich aus all den Erniedrigungen, die ich von

dem Mann, dem seine Natur im Wege steht, erdulden muß, herauszuheben.

Soll ich mit ihm trinken? Soll ich mit ihm Witze machen? Soll ich mich

an seinen Hals hängen, wenn er plump und zärtlich wird? Soll ich das —

auch jetzt noch?«

Otten atmete schwer. Es wurde eine spannungsvolle Stille. Dann sprach

er.

»Wenn du das, was du mir heute und in den letzten Tagen von ihm und von

dir gesagt hast, auf deinen Eid nehmen kannst — so sollst du es nicht.«

»Ich nehme es darauf.«

»Gut. Du wirst mich, wo es not tut, an deiner Seite finden. Im übrigen

muß er es jetzt schon wissen.«

»Es wird ihn kalt lassen, und er wird kein Wort daran wenden. Da hast

du seinen Charakter.«

»Damit fiele jede Schonung fort. Ich glaube dir.« — —

Von diesem Tage an unterließ es Lüttgen, an den Wanderungen und

Segelfahrten teilzunehmen. Nur einmal stellte er den Freund im Garten.

Es währte nur einige Minuten.

»Es ist nicht ganz so gekommen, wie ich es mir gedacht hatte. Euer

Seelenbündnis geht weit.«

»Wenn das etwa eine Beschuldigung deiner Frau sein soll, so fällt sie

auf dich zurück.«

»Das würde mich interessieren. Du darfst mir ruhig eine Philippika

halten.«

»Ich fühle mich nicht dazu berufen. Wenn du nicht selbst empfindest,

was du an deiner Frau versäumt hast? Ein so reiches Wesen,

erziehungsfähig wie kein zweites. Aber man muß die eigene Erziehung

dem Ziele anpassen.«

»Mit anderen Worten: ich bin ein stumpfsinniger Wüterich.«

»Gegen dich selbst vielleicht.«

»Gott bewahre dich, daß du es aus lauter Erziehungseinsicht auch

einmal gegen dich wirst. Es gibt Katzennaturen, die lassen sich

dressieren, aber nicht erziehen. Eines Tages zeigen sie doch ihre

Raubtierinstinkte.«

»Laß das, bitte.«

»Mit Vergnügen. Mir täte es nur um den Freund leid, der die Erfahrungen

umsonst haben könnte.«

Otten teilte einiges aus dieser Unterhaltung Frau Amely mit. Sie legte

ihre Hand auf die seine und sah ihn an. Und in ihm wuchs die Abneigung

des Starken gegen den Schwächling. Die feste Hand tat’s, und er hatte

sie.

Lüttgen bemerkte es schnell, wie sich der Freund von ihm zurückzog.

Und er spürte die Mißachtung heraus. Tiefer und tiefer grub sich der

Haß gegen die Frau in ihn ein. Sie traf die Schuld, nur sie. Sie

hatte die Ritterlichkeit des Mannes durch eine Verstellung der Dinge

für ihre schlechte Sache zu gewinnen gewußt. Sie hatte den Gatten so

preisgegeben, daß auch der Freund ihn preisgeben mußte. Mißachtung.

Weiter ging es nicht.

Er ging umher, und sein Haß grübelte: »Was tu’ ich? Was tu’ ich, um

diesen Verlust wettzumachen? Der Mensch ist mir so sehr ans Herz

gewachsen, wie mir die Frau abscheulich ist. Ich strafe mich selbst,

wenn ich ihn treffe. Denn sie allein hat die Verantwortung. Sie hat

ihn schon jetzt betrogen, wie sie ihn belogen hat. Und nun hält

er seine Ritterlichkeit für engagiert. Würde ich an seiner Stelle

anders gehandelt haben? Nein. Oder — vielleicht nein. Das ist ja

so nebensächlich, denn ich lasse es ja zu, daß er sich die Finger

verbrennt, wenn er absolut nicht anders will. Aber — mißachten? Mich

mißachten? Nach alledem, was ich unter dieser Frau ausgestanden habe,

auch noch von dem einzigen Menschen, an dem ich hänge, mißachtet

werden?« Es tanzte ihm in bunten Lichtern vor den Augen. »Ich muß mich

wehren,« murmelte er, »ich muß mich wehren.«

Und von Stund’ an suchte sein Haß.

Wo er ging und stand, glaubte er den Triumph der Frau zu empfinden:

»Jetzt nehm’ ich dir auch den Freund, jetzt nehm’ ich dir auch den

Freund. Wer ist nun der Reichere von uns beiden, du Bettelmann?«

Seine Gedanken jagten hin und her. Nur nicht die letzte Planke

verlieren!

Und er sah sie am Rhein. Hand in Hand standen sie und lachten sich an,

als gäb’s auf der Welt nichts außer ihnen. Der Atem kroch ihm zurück.

Die Brust schmerzte ihn. Er wollte seine Stimme hören und konnte nicht.

Und plötzlich wachte es in ihm auf, das Bild, das er gesucht hatte.

Seine Brust hob sich hoch, und es kamen Laute über seine Lippen, die er

nur selbst verstand. »Ich hab’s — ich hab’s. Ich muß ihn ihr nehmen,

glatt — weg — nehmen. Mitten aus ihrem Triumph heraus — weg! Weil du

ihn mir genommen hast — dafür — nehm’ ich ihn — dir! Nicht seinetwegen.

Deinetwegen!«

Mit einer langsamen Gebärde fuhr er sich über die Augen. Die bunten

Lichter tanzten nicht mehr. Er sah den klaren Tag. Und er wandte sich

ab und ging ruhigen Schrittes dem Landhaus zu und riegelte sich in

seinem Zimmer ein.

»Es ist lange her,« sagte er sich, »daß ich das Schießzeug nicht mehr

in der Hand gehabt habe,« und er betrachtete den polierten Lauf. »Seit

meiner letzten Übung bei den Deutzer Kürassieren nicht mehr. Und das

ist bald schon nicht mehr wahr. Ruhe, mein Junge. Es wird nicht darauf

ankommen, daß ~einer~ fällt, sondern — daß ~er~ fällt. Das Gottesurteil

bin ich! Vergiß das nicht. Nur so hat es Sinn. Hat die Affäre so lange

gedauert, kann sie noch ein paar Tage länger dauern. Damit ich mich

einüben kann und — treffen. Nicht dich, Jupp. Sie — —!«

Wenn das Segelboot auf dem Rhein schwamm, ging er in den Park, stellte

die Scheibe auf und maß die Schritte ab. Die schwerfällige Hand

zitterte, als er sie zuerst erhob. Die Kugeln saßen in der Baumrinde.

Aber zähe blieb er beim Werk. Und als die erste Kugel im Scheibenrand

saß, glitt ein Lächeln über sein rotes Gesicht ...

Nun irrten die Kugeln nicht mehr ab. Er hatte ja Tage für sich. Es

störte ihn keiner, und keiner fragte nach ihm. Und es kam die Stunde,

wo Kugel auf Kugel das Zentrum durchbohrte. Das war der glückseligste

Augenblick seines Lebens.

Der Segelwind war abgeflaut. Das Boot kroch langsam heran. Den Insassen

war es lieb, noch nicht landen zu müssen, allabendlich schoben sie die

Landung hinaus.

»Du darfst noch nicht fort,« sagte Frau Amely und legte den Kopf an

Ottens Brust. »Du bist jetzt nur an mich gebunden.«

»Sei vernünftig, Amely. Wir dürfen nicht wie Chacun und Chacune denken.

Das ist ja so billig.«

»Gar nichts denken. Still. Nur deinen Kopf hergeben. So — — jetzt lieg’

ich gut ...«

Das Boot schwamm auf der Höhe des Parkes. Frau Amely fuhr auf. »Hörtest

du nichts?«

»Einen Schuß —«

Sie horchten beide. Die Schüsse fielen in regelmäßiger Reihenfolge.

»Da übt sich irgendwer im Scheibenschießen,« sagte Otten, und Frau

Amely legte sich in seinen Arm zurück. Ihre Augen küßten sich, bevor

sich die Lippen berührten. Und während sie sich, weltvergessen, im

schmalen Boot aneinander anschmiegten, pfiffen vom Ufer, Schuß auf

Schuß, die Kugeln, die für ihr Herz waren. — —

»Ich gedenke morgen heimzureisen,« eröffnete Otten am Abend dem

Hausherrn.

»Darin kann ich leider nicht so ohne weiteres willigen.«

»Du scherzest wohl. Ich bin über Gebühr geblieben und fühle es selbst.

Es bleibt also bei morgen.«

»Und wenn ich dich bäte? Du hast mir lange nichts mehr zu Gefallen

getan. Ich möchte — deinen guten Willen sehen.«

»Ich kann nicht, Lüttgen.«

»Ja — des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Dann reisest du also

morgen. Aber erst mit dem Abendzug. Ich hatte euch versprochen, wenn

ich den Engländer zu fassen kriegte, sollte es ein Festlein setzen, wie

wir noch keins erlebt haben. Nur unter den Intimsten des Hauses, genau

wie an dem Tage, an dem du ankamst. Du erinnerst dich doch? Die Herren

sind zu morgen mittag geladen.«

»Du verfügst da zwar über meinen Kopf weg, aber —«

»Das nimmt man wohl unter Freunden nicht so genau.«

»Wenn dir also ein Gefallen damit geschieht —«

»Ohne dich wäre mein Arrangement hinfällig. Ich hatte in den letzten

Tagen den Kopf noch voll von Geschäftssorgen. Gott, das ganze Leben ist

Geschäftssache. Aber nun sind die Berechnungen, die ich aufzustellen

hatte, fertig, ich kann mich in letzter Stunde noch um dich kümmern und

bin so heiter wie in meinen besten Tagen.«

»Ich werde deine Frau von meinen geänderten Reisedispositionen in

Kenntnis setzen.«

»Da erscheint sie gerade, um gute Nacht zu wünschen. Höre, Amely, unser

Freund wird morgen noch an einem kleinen Herrenessen in unserem Hause

teilnehmen. Die Zusagen habe ich bereits. Die Küche wird von Bonn

geliefert, der Koch kommt gleich mit. Es ist dir doch recht, daß wir

auf diese Weise Otten bis zum Abend behalten?«

»Ah —!« sagte sie erstaunt. »Das ist eine angenehme Überraschung.«

»Und nun wollen wir alle zu Bett gehen. Gute Nacht, Otten. Schlafe

wohl. Das wird morgen ein schwerer Tag.«

Sie reichten sich die Hände und suchten ihr Zimmer auf. Irgendwo schlug

unverdrossen eine Nachtigall. — — —

Die Gäste saßen bei Tisch in der Halle. Man hatte an der Veranda die

Leinenjalousien herabgelassen, um sich vor der Flut des Sonnenlichtes

zu schützen. Nun herrschte eine zitternde Dämmerung. Die Sektbecher

waren den Rheinweinrömern gewichen, die Rheinweinrömer aufs neue den

Sektschalen. Die Herren hatten Blumen ins Frackknopfloch gesteckt,

wurden ausgelassen und tranken der Frau des Hauses zu, die in

herabfallendem Kleide, die zarten Schultern entblößt, träumerisch neben

Otten saß.

»Vergiß mich niemals,« sagte sie leise. Und Otten drückte in stummem

Einverständnis ihre Hand.

Lüttgen trank hastig. Sein Gesicht hatte eine dunklere Röte als sonst,

und er war so gesprächig, daß es auffiel.

»Kein Wunder!« rief Terbroich. »Der Mann kann es sich leisten. Stößt

auf einen Schlag seinen ganzen alten Vorrat ab.«

»Jetzt muß es sein,« sagte sich Lüttgen und erhob sich. Der Diener, der

die Obstschalen in Bewegung gesetzt hatte, verschwand. Sein Herr hatte

ihm kurz zugenickt.

»Eine Festrede? Ruhig allerseits! Der Hausherr hat das Wort.«

»Ja — eine Festrede,« sagte Lüttgen, spielte mit seinem Glas und reckte

den schweren Körper. Nun hatte er sich in der Gewalt. Seine Augen

sahen ruhig von einem zum andern. »Eine Festrede. Und in der Tat, so

absonderlich es auch erscheinen mag: der Hausherr hat das Wort. Unser

geschäftskundiger Terbroich pries mich eben glücklich, daß ich auf

einen Schlag meinen ganzen alten Vorrat abgestoßen hätte. Aber er irrt

sich. Das Lager ist noch nicht geräumt.«

Er nahm sein Glas und trank es aus. Keine Zwischenbemerkung fiel.

»Na, und heute möchte ich es gänzlich räumen. Es ist Bruchware, aber

auch dafür finden sich ja Liebhaber. Damit sie mir einerseits nicht

gestohlen wird und ich anderseits nicht in Versuchung komme, jemanden

damit übers Ohr zu hauen — denn beides ist gleich beschämend für einen

soliden Geschäftsmann — gebe ich sie gratis her. Wer will?«

Das war keine Festrede. Und der Mann, der jetzt mit drohenden Augen

über den Tisch hinsah, kein lustiger Tafelredner. Ein beklommenes

Schweigen lief um die Tafel.

»Wer will?« wiederholte Lüttgen und erhob seine Stimme. »Keiner?

Wahrhaftig keiner? Auch du nicht, Otten?«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß ich dabei bin, meinen alten Vorrat abzustoßen,

mein Lager zu räumen. Verstehst du das?«

»Setz dich. Dir ist der Wein in den Kopf gestiegen.«

»Also betrunken. Möglich, daß ich das nicht erst heute bin. Aber ich

gebe dir mein Wort: keinen roten Groschen gäbe ich in diesem Augenblick

für deine hellseherische Nüchternheit.«

»Bist du zu Ende?«

»Sofort. Du brauchst nur zu sagen, ob du willst. Weshalb zögerst du?

Ihr seid euch doch schon lange einig.«

»Das ist nicht wahr!« rief Frau Amely. Totenblaß kauerte sie in ihrem

Stuhl.

»Ich bitte um Verzeihung. Was ist nicht wahr? Daß du ihn mehr liebst

als dein Leben?«

»Es ist nicht wahr!« — — —

Angstgejagt kam die Abwehr. Ein verzweifeltes Aufbegehren. »Es ist

nicht wahr —«

Und zwischen diesen Worten hatte Otten sich wiedergefunden. So

blitzschnell und lachend die Tage und Wochen von Godesberg vor ihm

aufgestiegen waren, so blitzschnell und hohnlachend sanken sie unter,

und keine Welle kräuselte sich über dem Grab. Ein Abenteuer. Nichts

mehr. Und das schlechteste fürwahr.

Blaß, aber stählern in jedem Nerv, erhob er sich, rückte den Stuhl zur

Seite und stand neben der Dame des Hauses.

»Darf ich Ihnen meinen Arm geben, gnädige Frau. Es geht hier unten

etwas zu wild für Sie zu.«

Und willenlos legte sie ihren Arm in den seinen und ließ sich

hinausgeleiten. An der Treppe gab er sie mit einer Verneigung frei.

Kein Wort wurde mehr gewechselt. Er wartete, bis sie ihr Zimmer

erreicht hatte, und ging dann auf das seine. »Bestellen Sie, bitte, den

Herren,« sagte er dem Diener, den er herbeigerufen hatte, »ich bliebe

hier oben.«

Eine Viertelstunde wartete er. Seine Gedanken beschäftigten sich mit

so fernliegenden Dingen, daß er sich selber verwunderte. Dann hörte er

Schritte auf dem Korridor. Es pochte an seiner Tür.

»Herein!«

Es war Terbroich und ein junger Fabrikant.

»Kommen wir ohne Umschweife zur Sache, meine Herren,« bat Otten

freundlich. »Herr Lüttgen hat Ihnen einen Auftrag gegeben?«

»Zu meinem Bedauern, lieber Joseph,« begann Terbroich feierlich,

»siehst du in mir den Beauftragten. Du wirst mir deshalb nicht zürnen,

aber ich konnte es bei Lage der Dinge nicht abschlagen.«

»Bitte,« wehrte Otten ruhig ab. »Dein Auftrag.«

»Herr Lüttgen wünscht von dir Satisfaktion mit der Waffe. Eine andere

Genugtuung könne er nicht akzeptieren.«

»Ich bin bereit.«

»Es besteht der Wunsch, daß die Angelegenheit so sehr als möglich

beschleunigt werde.«

»Das trifft mit meinem Wunsch zusammen.«

»Also morgen früh halb sechs Uhr hier im Park? Es ist der sicherste und

entlegenste Ort.«

»Übermorgen. Das weitere läßt sich wohl mit meinem Vertreter

verhandeln, den ich mir sofort suchen werde.«

»Würden Sie,« fragte der junge Fabrikant höflich, »vielleicht meine

Dienste annehmen? Ich bitte, ganz über mich zu verfügen.«

»Sie sind sehr freundlich, und ich nehme mit Dank an. Sie schenken mir

wohl noch einige Minuten. Adieu, Terbroich, ich möchte noch mit dem

Nachmittagszug nach Köln.«

»Adieu, Otten. Ich hatte nur meinen Auftrag zu erfüllen.«

Er nickte Terbroich zu, und die beiden Herren blieben eine

Viertelstunde allein. Kurz darauf betrat Otten den Bahnhof, löste

ein Retourbillett Köln-Godesberg und fuhr heimwärts. Als er eine

Stunde später den Kölner Bahnhof verließ, beherrschte ihn nur noch der

eine Gedanke: Haltung! Nicht weich werden. Jetzt ist Marias Ruhe das

wichtigste.

Er stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, zwang sich zu einem

strahlenden Gesicht und klingelte am Vorplatzgitter. Frau Maria öffnete

selbst.

»Da bin ich!« rief Otten und zog sie schnell in die Arme.

»Wandervogel — Wandervogel — —!«

Er hielt ihren Kopf so lange gegen seine Brust gepreßt, bis er seiner

Bewegung Herr geworden war. »Da bin ich, Maria— —«

»Bleibst du jetzt? So komm doch endlich herein, daß ich dich betrachten

kann. Seit ich dich in Godesberg weiß, geh’ ich keinen Tag mehr aus,

aus Angst, ich könnte dich verpassen. Hab’ ich nicht recht gehabt? Du

kommst und bist da. Gott sei Dank, daß du es bist.«

»Hast du dich um mich gesorgt?« fragte er und streichelte ihr Haar. Nun

saßen sie im kleinen Zimmer, und sie haschte nach seinen Händen und

hielt sie fest.

»Erst laß dich anschauen. Fühlst du dich nicht wohl? Es ist so unruhig

in deinen Augen.«

»Diese unglaubliche Hitze. Der Umschlag war nach Rußland etwas stark.

Hast du ein Glas Wasser?«

»Warte. Ich mache schnell eine Zitronenlimonade zurecht. Die kühlt am

besten.«

Sie ging, kam nach wenigen Schritten zurück und umfing ihn jäh. »Mein

Joseph!« Dann verließ sie schnell das Zimmer.

»Herr Gott,« dachte Otten, »das ist nicht zu ertragen. Alles andere,

nur nicht diese immer sich gleich bleibende Güte. Ich sitze hier wie

ein Einbrecher in meinem eigenen Hause.«

Sie trat in die Tür, frisch und erregt wie ein junges Mädchen. Und er

nahm ihr das Glas ab, sah sie mit dankbarem Blick an und trank es auf

einen Zug leer. »Daß man nie einsehen wird, daß es uns zu Hause am

wohlsten ist ...«

»Bleibst du, Joseph?«

»Ja, nun kommt das Geständnis. Ich muß morgen noch einmal hinüber.

Lüttgen tut’s nicht anders, es gibt noch ein Nachtfest zum Schluß. Zu

einem Abschluß aber gehören Schwanenlieder, und ich wollte hier unter

meinen alten Noten wählen, um das richtige Programm zusammenzustellen.«

»Das hätte ich doch auch gekonnt.«

»Ich hatte Sehnsucht,« sagte er, und er fühlte, daß er wahr sprach.

»Und es war ein freier Tag, Maria, der sollte euch gehören, dir und

Carmen. Ist sie nicht zu Hause?«

»Sie sitzt auf ihrem Stübchen und lernt und strebt. Ich wollte dich nur

die ersten Minuten für mich allein haben. Verwundere dich nicht, ich

bin eine egoistische Frau ...«

Sie drückte noch einmal hastig ihr Gesicht an das seine. »Nun können

wir zu ihr gehen.«

Oben in ihrem Giebelstübchen saß Carmen, schlank und rank, einen

ernsten Ausdruck im Gesicht, und studierte Latein. Als die Tür ging,

wandte sie sich nicht um. Sie las mit halblauter, monotoner Stimme die

Regeln der Grammatik. Lächelnd blickte Frau Maria zu ihr hin, und über

Ottens Stirn glitt eine Röte. »Carmen,« sagte er ganz leise, und die

Stimme gehorchte nicht und blieb nicht fest.

»Vater!«

Grammatik und Vokabularium sausten ins Zimmer, sein großes Mädel hing

ihm am Hals.

»Kleinchen, Kleinchen — nein, nein — Großes, mein Großes — —«

»Der Vater! Hach du! Wo bleibst du? Wo hast du gesteckt? Ich will zu

Pfingsten eine Reise mit dir machen!«

Er küßte sie wie ein kleines Kind. Er konnte sich gar nicht satt

küssen. War denn das Mädel über Nacht so groß und schön geworden?

Hatte er sie früher nie so geliebt? »Kann kommen, was will,« ging es

ihm durch den Kopf, »das bleibt von mir, das bleibt. Und ich habe doch

nicht umsonst gelebt.«

»Kinder, macht euch fertig! Wir wollen ins Freie! Recht wie ein solider

Bürgersmann mit Weib und Kind. Wir essen in der Flora, und wenn wir

zurückkommen, musizieren wir noch ein Stündchen, daß sich der Frühling

wundern soll!«

»Nun ist mein Latein zu Ende!« rief Carmen übermütig, sammelte die

verstreuten Bücher auf und holte den Hut vom Haken. »Der Frühling will

es.«

Frau Maria nahm des Gatten Arm. Mit heiterem Stolz schritt sie an der

Seite ihres Mannes durch die Straßen. In den andern Arm hängte sich

Carmen ein. Ihre Blicke musterten unaufhörlich die Passanten, ob sie

auch bemerkten, daß Ottens kämen. Ihr Redefluß versiegte nicht einen

Moment. So boten die drei Spaziergänger das Bild eines gefestigten

Familienglückes, und Otten empfand es wie einen Hohn und doch wie eine

süße Wonne, die er für nichts auf der Welt jetzt hergegeben hätte. Sein

Herz begann ruhiger zu schlagen, sein Gehirn arbeitete regelmäßiger.

Die Erlebnisse der letzten Stunden fielen von ihm ab, ein seltenes

Wohlbefinden, das nur sich selbst Genüge tun will, drang in ihn ein,

ein Ausruhen im Augenblick, der sich ihm schenkte.

Der große Garten der Flora stand in Blüte. Ein Duften von Strauch zu

Strauch, von Weg zu Weg. Und auf den Wegen wandelten hübsche Frauen

und Mädchen in luftigen Frühjahrskleidern, und alle hatten denselben

lächelnden Zug im Gesicht, den der Frühling heraufbeschwört, und man

weiß nicht, woher und weshalb. Nie war Otten der Garten, nie war ihm

Köln so wundervoll erschienen ....

Und die Heiterkeit der Gemüter hielt an, während sie an einem der

gedeckten Tischchen saßen und die Delikatessen verzehrten, die Carmen

auswählen durfte, und den Wein aus den geschliffenen Gläsern tranken,

die der Marke zukamen. Sie hielt an, während sie heimwärts wanderten,

Arm in Arm, wie sie gekommen waren, und während Otten am Klavier saß

und lange, stille Weisen spielte, die Frauen links und rechts neben

ihm. Und sie verschwand erst, als wäre sie verscheucht, als er sich zu

Bett gelegt hatte mit einem letzten freundlichen »Gute Nacht, Maria«.

Wild stob es durch sein Hirn, machte ihm das Herz rebellisch, tanzte

einen Hexensabbat in Brust und Kopf. Was war gewesen? Was hatte

er getan? Untreu war er sich gewesen, gegen seine Natur hatte er

gefrevelt, ein Schäferspiel in blutigen Ernst verkehrt, weil — ja weil

er sich zum Amboß hergegeben hatte, für eine kleine, lüsterne, feige

Frau, er, der sonst nur den eigenen fröhlichen Hammerschlag kannte —

weil er den Freund hatte fallen lassen um eines bißchen verlogenen

Evatums willen. Untreu sich selbst. Daran mußte er scheitern. Er konnte

nur in der Sonne leben.

Er horchte. Auf die Atemzüge Marias .... Sie schlief selig an seiner

Seite, und er hatte ihr doch nur so kurz gute Nacht gewünscht. Wie kam

ein Mensch wie er zu einer solchen Frau? Wie durfte er zu einer solchen

Frau kommen, da er gezwungen war, mit der schlechtesten Arm in Arm in

die Schranken zu treten? Und plötzlich stand der Moment wieder vor

ihm, da die andere, die sich ihrer Umwelt so weit voran, so überlegen

dünkte, angstverzerrt in sich zusammengekrochen war, leugnend wie ein

Spießgeselle, alle Würde von sich werfend, sklavisch wimmernd vor der

Bedrohung ihrer Existenz, die sie von der bisher so verachteten Umwelt

bezog — ah, nicht weiter denken, nicht weiter. Ihm schnürte sich die

Kehle zu.

Wie sollte ein Mann mit der Scham im Nacken mit einer Maria weiterleben

— —? Ihre Frauenliebe hatte ihn stark gemacht — ihre Frauenliebe hatte

ihm die Jugend bewahrt über die Jahre hinaus — an einem Weibchen war er

gescheitert.

Das war so erbärmlich, daß selbst Maria ihm nicht helfen konnte, nicht

helfen durfte. Oder — er hatte ins Altenteil zu kriechen. »Meine

reine Maria,« murmelte er. Und dann lag er mit weitgeöffneten Augen,

zusammengepreßten Lippen, und wartete den Morgen ab.

Auch dieser Morgen kam. Früh ging Otten aus. Er hatte eine Anzahl

Papiere zu sich gesteckt und begab sich zu seinem alten Notar.

»Ich habe einen schlechten Traum gehabt, lieber Freund,« scherzte er,

»und Sie wissen, wir Künstler sind ein abergläubisch Volk. Wenn wir das

erste graue Haar entdecken, reißen wir es aus und glauben, nun wären

wir wieder jung und die Welt nähme uns dafür. Aber dann kommt ein Tag,

an dem wir entdecken, daß wir uns sämtliche Haare ausraufen müßten, um

wieder jung zu werden. Irgendwo sagt uns jemand adieu. Und wir machen

noch einmal unsere schönste Verbeugung.«

»Ach du lieber Gott, Herr Doktor, die machen wir alle, wenn Ihnen das

ein Trost ist. ›Nur das Alter ist jung, und die Jugend ist alt,‹ hat

uns schon Schiller zum Trost gesagt. Und alter Wein — Sie werden es

merken — hält die Konkurrenz des Mostes dreimal aus.«

»Auf alle Fälle, Herr Notar.«

»Auf alle Fälle ist immer das beste. Ein Testament?«

»Eine Schenkung. Hier ist mein Vermögensnachweis. Ich möchte, daß

diese Summe zur freien Verfügung Frau Maria Ottens von heute an bei

Ihnen deponiert bleibt, bis Sie mit Frau Maria Otten über Anlage und

Zinsenauszahlungen und was sich sonst ergeben wird, konferiert haben.

Stellen Sie mir zuliebe die Dokumente sofort aus, damit ich meine

Unterschrift geben kann. Ich muß am Nachmittag verreisen.«

Später stattete Otten dem alten Klaus einen Besuch ab. Der Alte ging

verlegen um seinen Freund und Gönner herum. »Geweß, et is en Schand,

dat ich Reißaus nehm. Äwwer et is nit zu vermiete, et is bald esu en

ahl Barack, als wie ich bin. Un et is doch nu mal Familieneigentum. Et

Alter macht eigensinnig, un sing eigne Scholl möcht mer doch zu gern

beim Sterwen unger de Föß hann.«

»Ich besuch’ dich, Klaus.«

»Jupp, ding Hand drop!«

»Hast du Ersatz? Jemand, auf den man sich verlassen kann, auch wenn der

Herr nicht daheim ist?«

»Ich gonn nit us dem Hus, als bis ich ene tüchtige Ersatzmann gestellt

hann. Verloß dich drop, Jupp.«

»Na — denn adschüß, Klaus. Und viel Glück für Zons.« — —

Gegen Abend nahm er Abschied von Maria und Carmen. Sie brachten ihn

zum Bahnhof, und er täuschte sie durch sein fröhliches Geplauder über

nichtige Dinge. Er hatte Carmen abgeküßt und wandte sich Maria zu.

»Einsteigen!« riefen die Schaffner und schlugen die Türen zu. Da riß er

sie leidenschaftlich an sich. »Leb wohl!« stieß er hervor.

Sie sah ihm mit erschreckten Augen nach, bis der Zug in der Ferne

verschwand. Und diese erschreckten Augen verfolgten ihn bis Godesberg.

»Die Frau in ihr — ~meine~ Frau in ihr — hat mich — verstanden. Helf

ihr Gott.«

In Godesberg trat der Stationsvorsteher auf ihn zu und grüßte ihn

freundlich.

»Frau Lüttgen ist gestern abend nach Italien gereist. Aber Herr Lüttgen

ist in seiner Villa.«

Auf und davon hatte sie sich gemacht. Ohne Besorgnis um das Schicksal

der Männer, die sich in ihrem Rücken rauften. Nur in Besorgnis um ihr

eigenes, kleines Existenzchen. Bravo! Bravo!

Er suchte einen Gasthof auf und legte sich gleich zur Ruhe. Um fünf

Uhr in der Frühe stand er vor dem Hotel. Sein Zeuge erwartete ihn.

Sie gingen langsam und schweigend die Straße entlang, ließen bald die

letzten Häuser hinter sich und betraten gegen halb sechs Uhr den Park.

Zwei Stunden später schaffte man Joseph Otten nach Bonn in die Klinik.

— —

=XIV=

Das Lebensbuch Joseph Ottens wies eine Lücke. Und diese Lücke war eine

Kluft, über die keine Hand hinüberreichte. Zwei Jahre waren vergangen,

und da sie inhaltlos gewesen waren, hatten sie sich wie ein Keil

zwischen das Gestern und das Heut geschoben. Es mußte mit der Gegenwart

neu paktiert werden.

Der Tag war da, an dem er die Festung Ehrenbreitstein verließ, die

er ein Jahr vorher bezogen hatte. Ein Hindämmern war es gewesen, ein

Abstreichen auf dem Kalender von Tag zu Tag. Vom Stadturlaub hatte er

keinen Gebrauch gemacht, die Spaziergänge zwischen den Wällen hatten

ihm genügt. Dann lehnte er an der Mauer und schaute hinunter ins

Rheintal und ins Tal der Lahn und wandte wieder den Kopf und folgte dem

Stromlauf nach Norden und suchte den Horizont ab nach den Schwurfingern

des Kölner Doms, die ihm seine Phantasie vorspiegelte. Ein Gleichmaß

von Stunden und ein Gleichmaß von Gedanken, und keine Stunde und keine

Gedanken, die weiter wiesen. Das Jahr, das diesem voraufgegangen war,

hatte ihn gleichgültig gemacht gegen das kommende.

Er hatte in der Klinik gelegen, und die Kugel war ihm aus der Brust

gezogen worden. Die Lunge war nur gestreift, aber die größte Ruhe

wurde ihm auferlegt, damit die Wunde glatt vernarbte und keine Folgen

eintreten konnten, die ihn an der weiteren Ausübung seines Berufes

gehindert hätten.

Otten hatte zu den Anordnungen des Professors kein Wort der Entgegnung

gefunden. Er ließ den Arzt an sich herumhantieren, folgte jedem Wink

und lag, wenn er allein war, reglos in den Kissen und starrte zur

Zimmerdecke. Ein einziges Wort war in seinem Kopfe haften geblieben,

und das Wort wälzte er hin und her und beleuchtete es von allen Seiten.

Seine Kunst war in Gefahr. — —

In einer Nacht — die Wärterin schlief auf dem Sofa in seinem Zimmer —

wuchs die Frage riesengroß und schreckhaft vor ihm auf. Seine Kunst in

Gefahr! Alles andere hatte er vorher in Gefahr gebracht, sein Weib,

sein Kind, seinen Ruf und den Ruf anderer. Aber in der Ausübung seiner

Kunst hatte er immer aufs neue die fröhliche Spannkraft gefunden, die

ihm das Geheimnis verlieh, wieder gutzumachen, auszugleichen, die

Menschen für sich zu gewinnen. Und das Geheimnis seiner angestaunten,

elastischen Jugend. Kunstinvalide werden, bedeutete für ihn mehr, es

bedeutete für ihn — Lebensinvalide werden. Was blieb, war das Alter.

Der Schweiß bedeckte seine Stirn und seinen Körper. Aus dem Deckbett,

aus der Tapete, aus allen Ecken des Zimmers krochen kleine, krumme,

graue Männchen, humpelten an Stöcken heran, wackelten mit den Köpfen,

grinsten ihm vertraulich ins Gesicht und kletterten ihm mühsam auf die

Brust. Da stieß er den ersten Verzweiflungsschrei aus, den ersten und

einzigen. Und die Wärterin fuhr auf, eilte an sein Bett und machte in

der Nacht den Arzt mobil.

Allerlei Gestalten waren in der Folgezeit wie Schemen an seinem Bett

vorbeigezogen, und einige Male, wenn er die Augen geöffnet hatte, waren

über ihm Augen gewesen, die nur Maria gehören konnten. Dann hatte sich

die flatternde Unruhe in ihm verstärkt, und dem Arzt war der Grund

nicht entgangen.

»Alles, was ein seelisches Leiden hervorrufen könnte, müssen wir von

ihm fernhalten, gnädige Frau. Sie sind viel zu tapfer, um die Wirkung

Ihres Hierseins nicht einzusehen. Ich werde Sie rufen lassen, sobald

die Genesung da ist und unser Patient nach Ihnen verlangt.«

Und Frau Maria war still, wie sie gekommen war, nach Köln zurückgekehrt.

Langsam war Otten gesundet. Und eines Tages verlangte er selber nach

einem Menschen. Er wünschte den Studiosus Lachner an seinem Bette

zu sehen. Auf dem Universitätssekretariat erfuhr man seine Adresse,

und am Nachmittag saß Moritz Lachner am Bett seines Kindheits- und

Jünglingsideals, blaß und mit verschlagenem Atem.

»Na, na, na, — sehe ich so graulich aus?«

»Nur noch etwas — hager, Herr Doktor.«

Otten strich sich mit der Hand über die eingefallenen Wangen. Nase und

Backenknochen sprangen scharf hervor. »Laß mich nur erst wieder auf den

Beinen sein. Wandervögel kannst du nicht in Käfigen halten. Aber wirf

sie nur zum offenen Fenster hinaus, und sie werden sich schon auf ihre

Flugkraft besinnen. Hast du ein wenig Zeit für mich übrig, Moritz?«

»Meine Zeit gehört Ihnen, Herr Doktor.«

Otten nickte schweigend. Seine Hände spielten auf der Decke. »Warst du

kürzlich in Köln?« fragte er unvermittelt.

»Sie meinen die Rheingasse, Herr Doktor. Ja, ich war dort.«

»Ich meine die Rheingasse — — Was für ein feines Ohr du für

Zwischenfragen hast. Wir werden uns gut verständigen, Moritz.«

»Frau Doktor und Carmen sind gesund. Sie leben zurückgezogen.«

»Ich glaub’s — —«

»Darf ich auch von — von Ihrem Gegner sprechen?«

»Von — wem? Er ist nicht mehr mein Gegner, mein Junge. Aber ich wüßte

nicht, was es von ihm zu hören gäbe.«

»Er wird einen steifen Arm zurückbehalten, Herr Doktor,« und des

Studenten Augen funkelten vor Genugtuung.

»Du bist nicht gescheit. Ich war’s, der die Zeche bezahlen mußte.«

»Nein,« sagte Lachner, »er war bereits verwundet, bevor Sie getroffen

wurden. Er ließ es sich nur nicht merken, um noch zum Schuß zu kommen.

Es ist der linke Arm.«

»Herr Gott im Himmel,« sprach Otten vor sich hin, »welch ein Haß muß

den Mann beseelt haben —«

Als Moritz Lachner keine Anrede mehr hörte, stand er leise auf. Otten

lag mit geschlossenen Augen. »Auf morgen, Herr Doktor, wenn ich darf.«

Und als keine Antwort kam, verließ er auf den Zehenspitzen verstört das

Zimmer. Es war ganz still. Hin und wieder streifte eine Rosenranke vom

Spalier das Fenster. Und Otten öffnete weit die Augen und murmelte:

»Wie muß er mich gehaßt haben ... Das macht mich noch kleiner ...«

Am nächsten Tage begrüßte er Lachner mit freundlichem Gesicht.

»Setz dich näher heran, Moritz. Ich hatte gestern einen kleinen

Schwächeanfall, aber er kommt nicht wieder. Mein Wort darauf. Und nun

laß die ängstliche Miene beiseite. Zeig, daß man Vertrauen zu dir haben

kann und ein ernstes Wort mit dir sprechen, das in normalen Zeiten der

Altersunterschied zwischen uns nicht gut zulassen würde. Kann ich das?«

»Ja, Herr Doktor.«

»Ich bin nämlich all mein Leben so reich an Freunden gewesen, daß ich

dem zusammengewürfelten Haufen keinen rechten Wert beimaß und mich

heute kaum auf ein ehrliches Gesicht besinnen kann, das mir oder dem

ich außerhalb des =dulci jubilo= etwas zu sagen hätte. Nur Heinrich

Koch, Hochwürden. Du kennst den Professor. Aber er weilt in Rom, leidet

selber am Leben, und ich möchte ihn nicht behelligen. Tu mir also den

Gefallen und sei einmal zwanzig Jahre älter. Ich brauch’ dich.«

»Herr Doktor — —« Und Moritz Lachner schob ruckweise seine Hand auf der

Bettdecke vor. Otten nahm sie, klopfte sie und ließ sie fallen. Eine

lange Pause trat ein.

»Nun höre gut zu. Ich werde in ein paar Tagen wieder aufstehen

können und in acht oder vierzehn Tagen die Klinik mit einem Badeort

vertauschen. Dann wird wohl — die Verhandlung stattfinden, und was

dann folgt, brauche ich dir kaum zu sagen. Du bist Student. Ein Jahr

Ehrenbreitstein ist das mindeste. Hörst du auch zu?«

»Ja — —«

»Wenn von einem Menschen, der bisher nie ein Opfer für mich gescheut

hat, gewünscht wird, daß ich mich in mir selber wiederfinde,« — Otten

atmete tief — »dann lasse ich diesen Menschen bitten, mich mir selber

zu überlassen. Du sollst hingehen und es ausrichten. Du bist eine

weiche Seele und wirst die Worte finden. Auf dem Papiere wirkt so etwas

kalt und verzerrt. Und du sollst hinzufügen: Geliebt, so wie dies Wort

in Wahrheit empfunden sein will, hätte ich auf der Welt nur einen

Menschen, und sie wäre es. Und diese Liebe wäre mein Bestes und würde

mein Bestes bleiben. Deshalb könnte ich sie nicht wiedersehen — jetzt

noch nicht. Denn um leben zu können, müßte ich fliegen können und nicht

schleichen. Sie wird mich verstehen. Sie hat mich immer verstanden.«

Moritz Lachner saß, die Hände im Schoß, und reckte im Schoß an den

Fingern, um seine Bewegung niederzuhalten.

»Willst du diesen Auftrag übernehmen, Moritz?«

»Ja, Herr Doktor.«

Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge blickte fester, sein Wesen war

ruhiger. »Und für Carmen einen besonderen Gruß. Sie hat eine schlimme

Erbschaft von mir im Blut, wenn sie sie nicht zu veredeln weiß. Moritz,

du wirst von Zeit zu Zeit nach ihr sehen. Finde nicht alles schön an

ihr und halte nicht den Mund. Es stecken Werte in ihr.«

»Ich weiß es, Herr Doktor.«

»Komm morgen wieder.« —

Bei seinem nächsten Besuch fand Lachner Doktor Otten außer Bett.

Straff stand er und streckte ihm die Hände hin. »Jetzt geht’s bald

hinaus. Ich kann’s kaum erwarten. Die Brust ist so intakt, daß sie sich

am liebsten auch eine — neue Seele anschaffen möchte. Na — wird schon

werden. Zunächst: Luft, Clavigo!« Er plauderte den ganzen Nachmittag,

erzählte von den Fahrten seiner Jugend und seines Mannesalters,

aber auf das Gespräch vom Tage vorher kam er nicht zurück. Er hatte

abgeschlossen.

Ein halbes Jahr später hatte er seine Festungshaft angetreten. Und

die Tage waren dahingeschlichen wie mit Ketten belastet. Die Herren,

die das Schicksal gleich ihm für kürzere oder längere Zeit auf den

Ehrenbreitstein verschlagen hatte, verstanden sein reserviertes Wesen

nicht. Sie verkürzten sich den Tag, so gut es ging, tranken zuweilen

ein Böwlchen miteinander, machten fleißig vom Stadturlaub Gebrauch und

nahmen ihre Inhaftierung als Formsache, nicht als Strafe.

Nur Otten empfand die Schmach. Die Schmach, auf einen Flecken Erde

festgelegt zu sein, in seiner Bewegungsfreiheit, in Willen und

Selbstbestimmung beschränkt zu sein. Seine freizügige Natur gewöhnte

sich nicht an das Schablonenleben. Und wie ein Schuljunge oder ein

Rekrut »Erlaubnisse« nachsuchen — er lachte schon über den Gedanken.

So wurde das Jahr für ihn zur seelischen und körperlichen Qual, und

sie steigerte sich, wenn sich einmal ein Erinnern zum Ausgangspunkt

verirrte. Um dieses Weibes wegen! Die statt des Mutes der großen

Sünde nur Heuchelei der kleinen gekannt hatte. Und die ihn eitlen,

verblendeten Mann durch ihre Feigheit mitbeschmutzt hatte. Darüber kam

er nicht hinweg.

Und aus dieser Stimmung heraus schrieb er an Frau Maria und bot ihr

die Scheidung an. Um ihres Reinlichkeitsbedürfnisses wegen, das er

weiterhin respektieren möchte.

Sie schrieb ihm zurück, ohne weichliche Empfindelei, klar und stark.

Sie lehnte die Scheidung der Ehe ab. »Es ist noch nicht lange genug

her, als daß ich vergessen haben könnte, wie mein Herz auch ohne

staatliche Sanktion zu Dir stand. Was würde die Scheidung daran ändern,

da doch auch die ›Bindung‹ nichts daran zu ändern vermochte? Du bist

frei, wie Du immer warst. Willst Du länger draußen bleiben, willst Du

noch länger als sonst nicht zu mir zurückkehren, so weißt Du, Joseph,

daß wir uns zur Liebe, aber nicht zur Klage erzogen haben. Deshalb kann

ich zum erstenmale Deinen Wunsch nicht erfüllen. Du sollst Deinen Hafen

behalten, und wäre es nur der Gedanke, daß Du ihn hast.«

Wenige Tage vor seiner Entlassung hatte ihn ein unerwarteter Besuch

aufgeschreckt. Der Fabrikant Karl Lüttgen aus Köln ließ um eine kurze

Unterredung bitten. Sollte er ihn abweisen? Nicht doch. Es war in

seiner Art ein Tapferer. Er nahm ein Billett und ersuchte ihn darauf,

sich zwei Tage zu gedulden, da er nur gewöhnt sei, als freier Mann

Besuche zu empfangen. Er würde übermorgen mittag in Koblenz im Hotel

zum Riesen sein.

Nun war er frei. Der mächtige Felsklotz, die letzte Bastion, die ihn

bewehrte, lag in seinem Rücken. Schritt für Schritt wanderte er dahin,

die Hände im Jakett, über die Schiffsbrücke, die nach Koblenz führt,

jede Planke zählend, jedes Brückenjoch. Jeden Spaziergänger betrachtete

er, jeden Arbeiter, und alle erschienen ihm interessant. Im Hotel zum

Riesen war ein Zimmer für ihn reserviert. Er stand am offenen Fenster

und blickte auf den Rhein, der ihm dicht zu Füßen floß, als der Kellner

Lüttgen meldete. Langsam wandte sich Otten um. Und die beiden Männer

sahen sich ruhig ins Auge.

»Du bist alt geworden, Joseph.«

Einen Augenblick zuckte es wie ein leiser Humor um Ottens Lippen. »Und

du — wenig liebenswürdig.«

»Verzeih. Ich bin ein Bär. Aber es war so auffallend, daß ich erschrak.

Du fühlst dich doch nicht krank?«

»Nur krank nach anderer Umgebung. Die der letzten Jahre war Gift für

mich. Ich denke, die Sonne Italiens wird mir die Fremdkörper wieder aus

dem Blut bannen und meiner Haut ein besseres Aussehen geben als diese

Leichenfarbe.«

»Du willst nach Italien? Sie ist auch dort.«

Otten trat auf ihn zu. »Lüttgen,« sagte er, »unterlaß, bitte, selbst

die Nennung des Namens. Nicht einmal der Name existiert mehr für mich.«

»Ich habe das auch nicht befürchtet. Es wird über diesen Gegenstand

in unserer Denkweise kaum noch ein Unterschied obwalten. Deshalb laß

mich ruhig davon sprechen. Es geschieht nicht ihretwegen, sondern

meinetwegen.«

»Deinetwegen? Nimm, bitte, Platz.«

Sie saßen sich gegenüber, und die Pause, die zuerst entstand, fiel

ihnen nicht auf. Sie hatten beide warten gelernt.

»Joseph,« sagte Lüttgen endlich, »ich wollte nicht, daß du abreisest

und mich auch ferner noch für ein blutgieriges Scheusal hältst. Es

galt damals nicht dir. Ich kannte doch ihre Evakünste und ihre

Verleumdungskünste, und ich wußte, wer sie im Grunde ihrer Seele

war. Es gibt Frauen, die kommen als Freundin irgend eines Ludwig des

Vierzehnten oder Fünfzehnten auf die Welt. Sie arbeiten sich von Geburt

an zu ihrer Bestimmung durch, und wenn sie auf diesem Wege zufällig an

einen anständigen Kerl geraten, müssen sie ihn erst demoralisieren,

bevor sie weitergehen. Mich hatte es gründlich gepackt. An dir wollte

ich mich erholen. Und da mußte es auch dich packen. Siehst du, Joseph,

ein einfacher Bruch mit ihr hätte mir mein Gleichgewicht nicht

wiedergegeben. Diese verdammten spöttischen Augen hätten mich Tag

und Nacht verfolgt. Ich mußte etwas finden, das mir das Übergewicht

verlieh, das sie bis in den Kern demütigte. Und da faßte ich den

unglückseligen Gedanken, dich herauszufordern, aus Haß gegen sie. Aus

Haß gegen sie, und weil ich dich zu gern hatte, Joseph.«

Otten nickte vor sich hin.

»~Den~ Erfolg meiner Tischrede,« fuhr Lüttgen fort, »hatte ich ja

nicht erwartet, daß sie dich verleugnen würde, daß ich nun sie nicht

mehr in dir tödlich treffen könnte. Damit fielen ja eigentlich alle

Weiterungen fort. Von dieser Jämmerlichkeit, die sie zeigte, hätte sie

sich mir gegenüber nie im Leben wieder befreien können, und es war

selbstverständlich, daß sie auf schnellstem Wege mein Haus verließ.

Aber auch deine überlegene Ritterlichkeit kam mir überraschend. Nun

konnte ich nicht mehr zurück, nun war ich aufs neue gereizt und wurde

vorwärts gestoßen. Du schienst mir in meiner blindgewordenen Wut eine

Neuauflage von ihr, und deine kühle Ritterlichkeit gegen die Dame, die

dich soeben erst verleugnet hatte, hielt ich für einen verächtlichen

Affront, verächtlich gegen mich. So kam’s. Und als du umsankst,

merkte ich erst, wie lieb ich dich hatte. Joseph, ich möchte dich um

Verzeihung bitten. Ich hab’ dich hineingerissen. Das Verwundern durfte

nicht auf meiner Seite sein.«

»Fertig, Lüttgen?«

»Ich bin fertig.«

»Ich nehme an, wir sitzen uns hier nicht gegenüber, um uns schöne

Geständnisse zu machen. Hast du das Gefühl, einen Fehler begangen

zu haben, ich« — und seine Augen blitzten auf — »habe das Gefühl in

erhöhtem Maße, ~an mir~ diesen Fehler begangen zu haben. An mir — —.

Dadurch habe ich — wer weiß es — den Übergang versäumt, ohne den ein

Leben Stückwerk ist.«

Er stand auf, und auch Lüttgen erhob sich.

»Gestern jung — heute alt. Das ist die Quittung, Lüttgen. Vielleicht

erwischen wir noch mal einen Zipfel vom Gewand der Fortuna, wenn wir

uns anstrengen. Anstrengen! Früher geschah das mühelos. Jedenfalls —

will ich mich noch einmal auf die Reise machen. Du möchtest meine Hand,

Lüttgen, und ich möchte deine. So —! Und nun ist alles abgeschlossen.

=Vogue la galère.=«

»Leb wohl, Joseph.«

»Hab Dank, und leb wohl.«

Am nächsten Tage fuhr Otten über den Gotthard nach Rom. »Ich hatte doch

recht,« dachte er, »damals, als ich unterwegs Angst bekam, aus dem

italienischen Frühling in den deutschen Winter hineinzufahren, und an

der Grenze, in Basel, Station machte. Wie werde ich Rom wiederfinden?

Was werde ich von mir dort wiederfinden? Und das ist meine Hauptsorge,

denn ich bringe so wenig mit ...«

Als er in Rom einfuhr, straffte sich seine Gestalt. Es war um die

Osterzeit, und um nicht in eines der überfüllten Hotels gepfercht zu

werden, rief er einen Kutscher an und ließ sich in ein Privatlogis

fahren, Via Frattina, nahe der Spanischen Treppe. Mit heißen Blicken

nahm er die Bilder in sich auf. Rom blieb immer Rom. Auf ihn kam’s an.

Am Abend feierte er das Wiedersehen mit Heinrich Koch. Er fand ihn bei

Peppe an der Fontana Trevi. Der feine Gelehrtenkopf hob sich überrascht

bei seinem Eintritt, die Augen leuchteten hinter den Brillengläsern

auf. »Alle vierzehn Nothelfer: der Joseph — —!«

»Guten Abend, Heinrich. Ich bin wieder im Land.«

»Den ganzen Tag über hatte ich so ein sonderbares Gefühl. Die Katze

meiner Hausfrau putzte und striegelte sich, und die Signora sagte: ›Es

kommt Besuch‹. Katzen und Weiber haben die feinste Witterung. Joseph —

Joseph — wie ich mich freue.«

Er zog ein Glas von der Mitte der Tischplatte heran, schwenkte es mit

ein paar Tropfen Wein um und goß es bis zum Rande voll. »Es gilt dein

Wohl. Trink und sei willkommen.«

»Und dein Wohl, Heinrich .... Wie das schmeckt.«

»Laß dich ansehen. Ein verwunderlicher Mensch, der nicht mehr weiß, wie

der Genzano mundet. Bist du mit Odysseus im Reich der Schatten gewesen?

Wo nur blutgefüllte Schalen die armen Teufel laben? Probier noch

einmal.«

»Du hast es, ohne zu wollen, getroffen, Heinrich. Ich komme aus dem

Reich der Schatten und strebe in die Sonne zurück.«

»Du hast dir einen ernsten Stimmklang zugelegt. Und du warst zwei Jahre

verschollen.«

»Glaubst du, daß man zwei Jahre nicht wiedergewinnen kann?«

»Ob man sie wiedergewinnen mag, ist die Frage.«

»Du bist — orientiert?«

»Warte einmal,« sagte Koch nachdenklich und rückte an der Brille. »Es

muß lange her sein, oder es scheint mir nur so, weil sich mir die

Minuten oft zu Ewigkeiten dehnen, da drang eine vage Kunde herüber.

Von irgend einem hitzigen Abenteuer, in dem Joseph Ottens Sturmpanier

flatterte. Aber ich habe dein Sturmpanier so oft flattern sehen, daß es

mich weiter nicht überraschte. Es ist — schlimm geworden für dich?«

»Dank deinem Schöpfer täglich für dein Zölibat. Und halte die Flasche

nicht fest.«

»Für mein Zölibat?« wiederholte Koch und schenkte ein. »Zwischen Serail

und Zölibat gibt es noch eine Zwischenstufe. Wir wollen das nicht

weiter erörtern, es steht unseren grauen Köpfen nicht mehr zu Gesicht.

Denn jetzt sehe ich erst, auch deine Locken mußten den Tribut zahlen,

du bist grau geworden, aber es kleidet dich.«

Otten blickte von seinem Glas auf. »Spricht man hier noch zuweilen von

mir?«

»Du mußt von Rom nicht mehr als Rom verlangen. Hier ist der

Taubenschlag der Welt. Tauben fliegen aus, und Tauben fliegen zu. Und

jeder möchte hier seine Zeit erfüllen.«

»Das heißt: ich bin in Vergessenheit geraten — —«

»Bei den Alten nicht. Aber die Jungen fordern stürmischer als früher.

Oder kommt uns das nur so vor, weil wir langsamer werden. Namen werden

jetzt über Nacht geprägt, Künstler auf den Schild gehoben, um morgen

schon eines Neuen wegen heruntergeworfen zu werden, man ist so hurtig

im Vergessen wie im Proklamieren, und augenblicklich hält unter den

Musikanten ein Münchener Heldentenor Hof, ein hübscher Schlingel,

dessen Stimme auf Weibernerven geht.«

»Hat er Verstand?«

»Ich sage dir doch: er hat Stimme.«

»Was geben die Freunde an? Fragen sie zuweilen nach mir?«

»Hier fragt man nur nach denen, die in der Zeitung stehen. Man las

nichts mehr von dir, man hielt dich für gestorben.«

»Und vergaß und ging zu den Neuen über.«

»Und ging zu den Neuen über.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 38 / 54 题