Joseph Otten nahm sein Glas, und lächelnd hob er es auf. »Gilt es so?«

Er trank, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Gilt es nicht?«

fragte er.

Sie nickte nur, nahm ihm das Glas aus der Hand und trank es leer. Und

schweigend gab sie es ihm zurück. Wenige Sekunden hielt er ihre Finger

in seiner Hand. »Das war ja ein Brüderschaftstrinken — —?«

Mit dem Abendzug langten die Gäste an. Ein halbes Dutzend Herren

der Kölner Fabrikantenkreise. Aus der Haft der Kontore entflohen,

brachten sie eine Laune mit, daß die Halle von ihren gewaltigen Stimmen

erdröhnte.

»Ein Abend, nur unter uns Mädchen!« rief Terbroich und kniff die Augen.

»Wir nehmen dem Joseph die Beichte ab, zu Nutz und Frommen.«

Frau Amely blieb nur zu Tisch. Spöttisch gingen ihre Blicke in der

Runde. Otten saß neben ihr. »Was belustigt Sie?«

»Daß man Ihnen die Beichte abnehmen will, lieber Freund. Ich stellte

mir vor, Sie stünden auf und redeten diesen lüsternen Männlein frisch

von der Leber von Ihrem großen, freien Leben. Tun Sie es nicht. Sie

bliesen in sieben Gehirnlein wie in leere Eierschalen. Aber wenn Sie

sie anlügen, in der Art, als ob Sie im Grunde genau wie jene wären und

verstellten sich zuzeiten nur aus Abenteuerlust — o, man wird in Ihnen

einen Gott sehen und Sie als Kölner feiern.«

»Die Tafel ist zu Ende. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, gnädige Frau.

Oder ich bin zum Erzählen — zu eitel.«

Sie wandte den Kopf nach ihm und sah ihn fest an. Dann hob sie die

Tafel auf.

Lüttgen verschwand sofort in der Küche, um die Spitzen der Maikräuter

selbst in die Bowle zu tauchen. Die Herren drängten auf die Veranda und

setzten die Zigarren in Brand. Otten gab der Hausfrau das Geleit bis

zur Treppe.

»Gute Nacht,« sagte sie und wartete.

Er schüttelte den Kopf und zog sie in den Arm, wie man ein Kind in den

Arm zieht. Seine Hand lag eine Sekunde lang auf ihrem Herzen. Aber er

küßte sie nicht.

»Bring dies unruhige Herzlein zur Ruhe,« sagte er, und sie huschte

hinauf.

Als er zur Gesellschaft zurückkehrte, fühlte er erst, wie ihm das Blut

wirbelnd durch die Adern ging.

Mit vollen Lungen sog er die zärtliche Frühlingsluft in sich ein, und

während sein Herz ungestüm pochte, blickte er mit einem verlorenen

Lächeln in die Weite. — — —

=XII=

Der Morgen dämmerte herauf, als die Gäste die Villa verließen, um den

Frühzug nach Köln zu erreichen. Und die volle Sonne strich golden durch

die Fenstergardinen, bevor Otten in seinem Zimmer erwachte. Sein Kopf

war frei. Die nächtliche Sitzung hatte ihm nichts anhaben können. Die

Erlebnisse des letzten Tages standen klar vor ihm.

»Sie ist eine geübte Schachspielerin,« sagte er sich und dachte an

Frau Amely. »Erst konstruierte sie das kleine Briefgeheimnis und band

mir damit ganz nebenbei die Hände. Und folgerichtig entstand aus dem

kleinen Geheimnis ein größeres. Frauen sind die geborenen Vertreter des

Schneeballsystems. Ein Nichts wächst unter ihrer Hand zur Lawine. Und

wir geraten in Schuld aus purem Kavalierbewußtsein. Jetzt wasch’ ich

mir die Augen klar und nehme die Zügel. Auf, Joseph!«

Auf der Terrasse wurde er mit Neckereien bewillkommnet. Frau Amely

saß in einer luftigen Batistmatinee am Frühstückstisch. »Wir sind

hier auf dem Lande, Herr Doktor, da haben die ländlichen Gewohnheiten

Geltungsrecht. Im übrigen betrachte ich Sie als bereits zum Inventar

gehörig. Nehmen Sie Tee?«

»Ich rate dir vorher zu einem Kognak,« meinte Lüttgen und rieb sich die

Stirn. »Meine Großmutter pflegte zu sagen: Das Hündchen, das uns in

der Nacht gebissen hat, muß uns auch zuerst am Morgen beißen.«

»Trank denn auch deine Großmutter schon?« fragte Frau Amely gelassen.

»Entschuldigung. Das war nur so eine Sentenz.«

Otten nahm ein Glas Tee. »Man kann doch nur gebissen werden, wenn man

wirklich getrunken hat. Aber das war doch nur ein verschämtes Nippen

diese Nacht.«

»Dann bekommt das Verschämte eben meiner Natur nicht.«

»Umgekehrt. Deine Natur ist so zart besaitet, daß sie gegen die

geringste Verletzung der Ästhetik demonstriert.«

»Gott, meine zarte Natur!« klagte Lüttgen und schlug sich auf die

breite Brust.

Frau Amely blickte unter niederfallenden Augenwimpern prüfend von einem

zum anderen. »Ich schlage einen Kompromiß vor,« meinte sie und dehnte

sich. »Wir nehmen das Segelboot, kreuzen auf dem Rhein bis Nonnenwert,

landen später in Königswinter und steigen zum Drachenfels hinauf. Wer

frische Luft braucht, kommt auf seine Kosten, und wer alte Träume und

Rheinmärchen zu jungem Leben erwecken will, dürfte auch nicht zu kurz

kommen. Ich bitte um Abstimmung.«

»Mit Freuden angenommen,« rief Otten, und sie nickte ihm zu.

»Die Kreuzfahrt auf dem Rhein unterschreibe ich unbesehen,« gestand der

Hausherr zu, »auch das Landen in Königswinter. Aber der Aufstieg —? Man

könnte auch reiten oder fahren.«

»Romantiker,« lachte Otten.

»Kompromiß gegen Kompromiß. Ihr holt mich, wenn ihr euren romantischen

Gefühlen genuggetan habt, ganz einfach in Königswinter ab. Ich habe

in kühler Laube inzwischen Zeit, sorglich das Programm des Abends

zu entwerfen. Denn diese Glut, mit der der Mai eingesetzt hat, muß

bekämpft werden.«

»In einer Viertelstunde reisefertig,« entschied Frau Amely, erhob sich

und reichte Otten die Hand.

»Ich möchte Sie mitnehmen, wie Sie sind,« sagte er. »Die Schiffer im

kleinen Schiffe würden an den Ufern verkünden, wir hätten eine Nixe

gefangen.«

»Noch sind Sie auf dem Festlande, Herr Doktor,« rief sie ihm, schon in

der Türe, zu. »Nur im Wasser sieht man den Fischschwanz nicht.«

Er blickte auf ihre schlanken Füße und die federnde Fessel. »In der

Tat, Lüttgen, der Mai ist verzaubert. Das ist Juliglut.«

»Und dabei trage ich noch ein Öfchen im Kopf. Wie gut, daß ich nicht

=cavaliere servente= bin.«

Nach einer Viertelstunde trafen sie auf der Terrasse zusammen. Frau

Amely im Sportkostüm, die Mütze ins Haar gesteckt. Otten im leichten

Anzug und Kalabreser. Nur Lüttgen erschien, wie er gewesen war.

»Du hast dich nicht umgezogen?« fragte die Hausfrau erstaunt.

»Pech!« stieß der Fabrikant kurz hervor. »Das heißt — es kann auch

Glück sein. Es handelt sich um einen bedeutenden Abschluß. Soeben

telephoniert mich die Fabrik an. Ich muß schleunigst hin.«

»O — —,« bedauerte Otten, »damit wäre die Fahrt ins Wasser gefallen.«

»Kannst du nicht mit der Abreise bis zum Abend warten?« fragte sie

rasch.

»Unmöglich. Es ist ein englisches Lieferungsgeschäft. Unser Vertreter

in London kommt allein nicht damit zu Rande.«

»Der Herr Doktor könnte am Abend mit dir nach Köln fahren.« Das klang

so selbstverständlich, daß Otten überrascht aufsah. »Natürlich fahre

ich mit,« erklärte er ohne Besinnen, »auch auf der Stelle, wenn du

schon den Mittagszug benutzen willst. Ist es mir möglich und der

verehrten Hausfrau angenehm, kehre ich morgen oder übermorgen mit dir

zurück.«

»Das wäre noch schöner,« polterte der Fabrikant. »Wir sind doch keine

Babies. Ihr macht ruhig euren Ausflug, und in ein paar Tagen bin ich

wieder mit von der Partie.«

»Ob Herrn Doktor Otten mit dieser Verbannung gedient ist? Du verfügst

nur so über ihn.«

»Wenn ich ihn jetzt aus den Fingern lasse, bekomme ich ihn in Jahr und

Tag nicht wieder zu sehen. Abgemacht, Joseph, du bleibst. Hier draußen

in dieser Abgeschiedenheit kümmert sich kein Teufel um den anderen, und

deiner Frau will ich gern Grüße die Hülle und Fülle bestellen. Es wird

Zeit. Das Boot müßt ihr selbst losmachen. Johann ist mit der Tasche

auf den Bahnhof und löst mein Billett. Adieu einstweilen. Glückt das

Geschäftchen mit den englischen Vettern, so wollen wir ein Festchen

feiern, das sich gewaschen hat.« Er reichte seiner Frau die Hand und

schüttelte die des Freundes kräftig. »Jupp, wenn du dein Gesicht sehen

könntest! Na, adieu. Auf Wiedersehen!« Er schob den Hut in den Nacken

und ging schweren Schrittes durch die Gartenpforte. Sein mächtiger

Körper verschwand bei der nächsten Wegbiegung.

»Kommen Sie,« sagte Frau Amely und lief dem Gast voraus durch Garten

und Park bis zum stillen Rheinufer. Otten folgte ihr langsam. Als er

ankam, hatte sie bereits das Seil losgeworfen und stand, die Segelleine

in der Hand, im Kahn. Ohne ein Wort zu sprechen, stieg Otten nach, nahm

ihr die Segelleine aus der Hand und wies sie ans Steuer. Das Schifflein

glitt leicht durch die plaudernden Wellen. In grünsprossendem Flaum

lag die Landschaft, von weißen Kirschblüten, rosigen Apfelblüten weit

hinaus bestreut. Kein Laut nah und fern. Und bei einer jähen Krümmung

des Stromes hob sich das baumbestandene Eiland Nonnenwert wie eine

Insel der Vergessenheit aus den grünen Wassern.

»Du — —,« kam es leise von der Steuerbank.

Otten zog die Leine durch den Ring. Es wehte nur ein geringer Wind.

Dann kehrte er sich seiner Begleiterin zu.

»Bitte?« sagte er nur.

»Bin ich plötzlich so verabscheuungswürdig?«

»Darf ich mir die Frage gestatten, weshalb Sie Ihrem Manne die

Unwahrheit sagten?«

»Das habe ich nicht getan.«

»Indirekt. Indem Sie ihn durch die Aufforderung, mich mit nach Köln

zu nehmen, zu der Meinung veranlaßten, es läge Ihnen nichts an meiner

Gesellschaft.«

»Tut es das denn?«

»Wegscherzen läßt sich meine Frage nicht.«

»Nun gut denn. Habe ich so Schlimmes verbrochen? Oder sollte ich

eigens darauf hindeuten, daß ich mich auf das Alleinsein mit Ihnen

freute? Er hätte Sie mir bestimmt nicht gegönnt, Sie mitgenommen, und

ich könnte mir, statt endlich eine Stimme aus meiner Welt zu hören, von

Johann oder der Köchin den Klatsch von Godesberg erzählen lassen.«

»Wir geraten immer tiefer in die Heimlichkeiten, Frau Amely, und ohne

allen Grund.«

»Nicht philosophieren und nicht moralisieren. Das Boot ist zu leicht,

der Rhein zu grün, der Himmel zu blau und die Sonne — ach, diese Sonne!

Ich kann nicht genug davon bekommen. Baden möcht’ ich in ihr! Und Ihnen

geht es nicht anders.«

Sie hatten Nonnenwert umkreist, und das Boot glitt rheinab, frischen

Wind in den Segeln auf Königswinter zu. Sie richtete das Steuer fest,

stieg über das Brett und setzte sich zu ihm auf die Segelbank. Ihre

Schulter schmiegte sich an die seine, bis sie den Stützpunkt gefunden

hatte. Die Hände im Schoß saß sie und rührte sich nicht.

Ein leiser Teergeruch strich aus dem Wasser über sie hin. Aber der

feine Fliederduft behauptete sich. Und Otten wandte den Kopf und sah

langsam an ihrer Gestalt hinab. Keine Linie, die ihm entging. Von dem

schmalen, oft seltsam zuckenden Gesichtchen bis zu den Füßen, die sich

unter dem kurzen Rock hervorstreckten und sich spielerisch kreuzten.

»Nixe,« sagte er. »So feingegliedert müssen Nixen sein. Schade, daß Sie

so klug sind.«

»Nicht, nicht. In der Sonne und in der Wassereinsamkeit gibt es nicht

klug noch töricht — —«

An seine Schulter gelehnt, schlug sie die ruhigen, grauen Augen zu ihm

auf. Aber die Wimpern zitterten leise ...

»Piratenrecht,« sagte er, umfaßte ihr Kinn und küßte sie auf den Mund.

Sie hob die Arme, schlang sie um seinen Hals und blieb mit

geschlossenen Augen an seiner Brust liegen. Er fühlte die leichte Last

ihres Körpers, als ob der gleiche Blutstrom sie beide durchränne. Mit

den Fingerspitzen streichelte er ihr bleiches Gesicht.

»Liebe Freundin — —«

»Du — —! Daß du gekommen bist ... Sonst wäre ich gekommen.«

»So ungezähmt?«

»Ja!«

»Ich werde viel mit dir zu schaffen haben.«

»Kampf hält jung! Nur nicht alt werden vor der Zeit. Und wär’s in einer

Engelehe.«

»Nur nicht!«

»Hui — Grünspan, Schimmel und Motten. Dafür zum Lohn über dem Bett der

gestickte Haussegen.«

»Wie — hast — du — ge—schla—fen — mein lie—ber — Jo—seph.«

»Du — soll—test — dei—ne — Tropf—en — nehmen.«

»Wie — auf—merk—sam.«

Und mit einem Male zog sie seinen Kopf zu sich herab und drängte ihre

Lippen gegen die seinen. »Das sind meine Tropfen,« murmelte sie.

»Achtung — Königswinter.«

Sie sprang im Boot auf wie ein junges Mädchen, juchheite und schwenkte

die Mütze. Und Otten stand neben ihr, hielt sie umfaßt, schwenkte den

Kalabreser und juchheite mit. Menschen aus Stahl und Nerven. —

Sie brachten das Boot in Obhut und stiegen nach kurzer Rast durch die

Weingärten den Berg hinan, zur Ruinenwand des Drachenfels. So rüstig

schritten sie vorwärts, daß die Unterhaltung stockte und vereinzelte

Ausrufe den Inhalt ganzer Sätze zusammenfaßten. Dann strafften sich

die Leiber, und die Augen blitzten auf. Ein Aneinanderstreifen der

Hände — und weiter ging’s. Oben in der Wirtschaft fanden sie ein paar

Wandergesellschaften vor. Der weißbärtige Barde des Drachenfels saß

auf einem der Tische, zupfte die Gitarrensaiten und schmetterte mit

ausgesungener Stimme seine Rheinwarnungen unter die Pokulierenden, die

begeistert Warnung für Antrieb nahmen: »Mein Sohn, mein Sohn, geh nicht

an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut — —«

Otten und Frau Amely schauten von hoher Warte ins Land. Da lagen sie

alle zu ihren Füßen, die Städtchen und Orte altberühmten Namens, von

der Sage geweiht oder der Dichtung rhein- und weinfroher Sänger,

heilige Namen, die man ausspricht mit einer Erregung im Blut. Die

Wasserbahn des Rheins glänzte herauf, fern winkten die Inseln. Und im

Norden, scharf gezeichnet am Horizont, die steinernen Schwurfinger, die

Türme des Domes: Köln.

Ottens Blick haftete lange daran. »Köln — —« sagte er.

Frau Amely folgte seinem Blick. »Bis hierher reicht seine Bannmeile

nicht. Dort ist die Finsternis, hier die Freiheit.«

Aber als sie schon am Tische saßen und ihr Mahl einnahmen, sahen sie

die Schwurfinger noch vor sich.

»Ich weiß einen besseren Platz für uns, lieber Freund. Einen Platz,

der unsere Gedanken wie ein Echo zurückgibt. So still ist er, so

weltverloren.«

»Kloster Heisterbach.«

»Ja, Kloster Heisterbach. Sie kennen doch die Legende des Heisterbacher

Zisterziensermönches, der es an sich selbst erleben mußte, daß tausend

Jahre nur ein Tag sind. Ich möchte auch einmal tausend Jahre in einem

Tag genießen.«

Die raunenden Buchenwälder nahmen sie auf. Ein verlorener Wind spielte

mit der Sonne gemeinsam in dem zarten Blättergrün. Und es ging durch

die Einsamkeit wie tiefe, tiefe Atemzüge.

Frau Amely legte ihre Hand in Ottens Arm. »Ich wollte,« sagte sie, »ich

könnte mich fürchten und bei Ihnen Schutz suchen. Aber es ist zu schön

dazu.«

»Tun wir also, was der Situation entsprechender ist: freuen wir uns!«

»O — ich tu’s ja schon lange.«

»Hier herum hat Jung-Siegfried das Schwert geschmiedet, um den Lindwurm

auf dem Drachenfels zu erlegen.«

»Und mir ist, als ob hier herum noch ein anderer Siegfried durch den

Wald schritt, um sein Erlösungswerk fortzusetzen.«

»~Jung~-Siegfried?«

»Siegfried kann nicht altern. Tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.«

»Und wenn der Tag zu Ende ist?«

»Sind wir um eine Schönheit reicher, die uns hoch über die Zeitgenossen

erhebt. Denn es wandeln nicht viele auf der Erde, deren Hirn die

erneute Botschaft zu fassen vermag: Tausend Jahre wie ein Tag gelebt,

und wir kommen der Ewigkeit auf die Spur.«

»So will ich der erste sein, der bei der Ewigkeit eine Anleihe macht

...«

Sie ließ es geschehen. »Ich will mich demselben Gläubiger

verpflichten.« Und sie küßte ihn wieder.

»Du bist wie ein wilder Junge.«

»Ich weiß mit meiner Kraft nicht aus noch ein. Und wir leben auf Kosten

der Ewigkeit.«

»Wir! Wir!«

»Wir, wir, Joseph! Einer muß im andern untergehen und auferstehen.«

»Geh unter,« lachte er und beugte sich über sie.

»Ich will — auferstehen ...«

Der Wind schwieg. Die Sonne lag glänzend auf dem Boden. Und die

Atemzüge des Waldes gingen unter in den Atemzügen der beiden Menschen.

Nahe der Klosterruine lagerten sie in einem Buchentälchen. Um sie her

war das Zirpen und Tirilieren der Waldvögel, die hier ihr Königreich

hatten und der Menschenfremdlinge nicht achteten. Frühlingsblumen

sonnten sich im Moos. Warme Wellen küßten sich in der Luft.

»Wie lieb du bist .... Nun geht dein Blut so sanft und ruhig. Und doch

kann es in diesem zarten Körper branden wie eine Sündflut.«

»Weil ich das Glück will.«

»Das wollen wir alle. Glücklich machen ist auch Glück. Versuch es.«

»Bei dir?«

»Wenn wir ein besonderes Glück für uns schaffen, müssen wir zunächst

alle anderen berechtigten Ansprüche befriedigt haben. Tun wir das

nicht, so sind wir keine Ausnahmenaturen, sondern bloße Auskneifer.

Verstehst du, was ich meine?«

Sie setzte sich aufrecht, umschlang ihre Knie und sah geradeaus in den

sonnigen Wald. Ihre Brauen schoben sich zusammen.

»Will meine Freundin nicht antworten?«

»O ja,« sagte sie, »sie will. Sie will um so mehr, als ihr diese Anrede

mißfällt, die ja auch ›mein Freund‹ lauten würde, wenn statt meiner

Herr Karl Lüttgen hier säße.«

»Das würde sie, und es würde die Wahrheit sein.«

»Sie haben eine sonderbare Art, Ihre Logik zu betätigen.«

»Frau Amely,« sagte er, »keine Kreuz- und Quersprünge. Selbst wenn ich

Sie in den Arm ziehen und diese ärgerlichen Lippen auf die sonderbare

Art meiner Logik verschließen würde, wären Sie in besserer Hut als in

der Ihrer eigenen Gedanken. So sehr haben Sie das begriffen, daß diese

Lippen ärgerlich wurden.«

»Männereinbildung.«

»Nein,« fuhr er fort, »nicht diesen überlegenen Ton, der den Ärger

über mich schlecht maskiert. Ja, was glauben Sie denn? Glauben Sie

denn wirklich, ich, Joseph Otten, würde hier liegen und sehnsuchtsvoll

in den Frühlingshimmel starren, während auf Armesweite der Frühling

leibhaftig kauert? Würde nicht mit einer einzigen Bewegung diesen

Frühling an mich ziehen und ihn nicht eher freigeben, als bis sein

Lebensgeheimnis das meine geworden? Meinen Sie denn, ich hätte keine

Augen im Kopfe, um dieses kapriziöse Menschenwunder vor mir zu sehen?

Und keinen wilden Herzschlag in der Brust, der danach verlangte, sich

auszupochen? Was ich nie getan habe, tue ich heute. Ich respektiere den

Mann, der dahinter steht. Weil er mein Freund ist, gewiß. Aber viel

mehr noch, weil er ein armer Mensch ist, der sich von vornherein in

seinen Hoffnungen betrogen sah. Hoffnungen auf dich könnte ich ihm also

nicht nehmen. Aber wenn ich dich küssen würde, so wie ich dich küssen

möchte, müßte ich — ihn fallen lassen. Und das hat er nicht verdient.

Man stiehlt keinem Bettler seinen Notgroschen.«

Frau Amely saß unbeweglich und blickte in den Wald. Dann sagte

sie langsam: »Dennoch — käme es darauf an, festzustellen, wer der

Bedürftigere wäre.«

»Er ist es. Das ist keine Frage.«

»Hör zu ... Du behauptest, er leidet unter mir, weil ich keinen Hehl

daraus mache, daß ich von seiner Existenz nur die notwendigste Notiz

nehme. Ich gebe mir keine Mühe zu einer Annäherung. Mehr noch, ich

wünsche die seine nicht. Ich aber behaupte: ich leide unter ihm! Ich

habe ihn geheiratet, weil er der große Fabrikherr war. Ich bin viel zu

stolz, das Motiv in Abrede zu stellen. Ich wollte auf die sorgenlose

Höhe, auf die ich gehörte. Das aber ist in dieser Angelegenheit der

einzige Vorwurf, der gegen mich erhoben werden könnte. Ich wollte

nicht länger mehr warten, und ich beging den vorschnellen Fehler. Was

war’s, was ich eingetauscht hatte? Lassen wir das. Du kennst ihn.

Aber ich gebe dir die Versicherung, ich habe zuerst getan, was ich

konnte, seinen Geist und seine Liebhabereien umzubilden, sie den meinen

anzupassen, denn darauf hatte ich ein Recht, weil ich ohne Phrase und

Überhebung die stärkere Individualität von uns beiden war. Einer mußte

nachgeben. Er bedauerte, er sei zu alt dazu und könne sich nicht mehr

ändern. Und ich bedauerte, ich sei noch zu jung dazu und könnte es noch

nicht. Die Liebe hätte darüber hinweghelfen können. Aber sie war ja

gar nicht vorhanden gewesen. Nein, nein, auch nicht auf seiner Seite.

Das war rheinisches Protzentum. Die Freude, ein apartes Sächelchen

zu haben, das die anderen anstaunen würden: ›Der Lüttgen — der kann

sich’s leisten. Doch ein großartiger Kerl!‹ Ich hätte eine andere sein

müssen, nicht eine Frau, die das weibliche Sklaventum als lächerliche

Farce empfindet, nicht eine Frau, die sich für ein Dutzend Ringe und

Halsketten nicht die Seele morden läßt von einem Händler, der Seele für

Luxus hält und sie in seinem Materialismus höchst störend empfindet.

Um aber mit mir spielen zu lassen, nur spielen, dazu will ich, daß der

Partner mir ebenbürtig ist. Oder wir sind nicht unter uns, und die

Scham bleibt, und die Demütigung beginnt. Er hat mich nur demütigen

können. Er, er! Nicht ich ihn! Und wenn ich mich endlich freimachte,

so frei, wie ich heute bin, so nahm ich mir endlich mein altes Recht

zurück, mein unveräußerliches Menschenrecht.«

»Ist das — alles wahr?« fragte Otten und dehnte die Worte.

Sie wandte sich blitzschnell nach ihm um. »Würde ich sonst im stande

sein, solche Empfindungen — vor einem — dritten — auszusprechen?«

»Sie formt die Worte nach einer Augenblickslaune,« dachte Otten, und

laut sagte er: »Es gehört eine große Verlassenheit oder ein großer —

Haß dazu.«

»Haßt er mich nicht?«

»Es ist wahr,« dachte Otten, »er haßt sie nicht minder. Irgendwo brennt

es, und irgendwo ist der Widerschein.«

Sie las ihm seine Gedanken ab. »Ich weiß, daß er herumgeht und

Menschen, denen ich näher treten könnte, gegen mich einzunehmen

versucht. Er wird bei dir keine Ausnahme gemacht haben. Nun, gib

Antwort: wer verleiht dem Haß Gestalt? Wer ist der leidende Teil? Wer

hat nötig, einen Freund ganz für sich zu beschlagnahmen, ganz für sich,

damit das Leben wieder neuen Aufschwung nimmt? Du kennst mich jetzt zur

Genüge, um selber urteilen zu können. Bin ich so abschreckend?«

»Du bist eine Hexe.«

»Bleib ernst. Du bist viel zu ritterlich, um nicht zu entscheiden, wo

das Recht steht. Und wo das Recht steht, da stehst du. Da steht deine

Freundschaft ungeteilt.«

»Und doch wiesest du die Anrede ›Freundin‹ zurück?«

»Dann nicht mehr. Denn dann hat das Wort die Skala der Töne, und ich

suche mir meinen Ton.«

»Liebe, arme Freundin,« sagte er zärtlich.

»Nein — reiche!« ... Sie legte ihre Hand auf seine Augen und ihre

Lippen fest auf seinen Mund. Und es war ein Zauber im Walde wie vor

verwehten Jahrhunderten, da der Mönch von Heisterbach grübelnd durch

den Wald schritt, den Sinn des Wortes zu ergründen: Tausend Jahre wie

ein Tag — — —.

Schulter an Schulter wanderten sie schweigend den Weg entlang, und das

Staunen des Waldes lief hinter ihnen her. Frau Amely ging mit heimlich

glänzenden Augen und hoch erhobenem Haupt, und auf Ottens kühnem

Gesicht lag die Sonne des Frühlings, den er aus dem Walde heimtrug.

Es dämmerte, als sie Königswinter erreichten. Sie banden das Boot

los und kreuzten über den Rhein, dem Ufer von Godesberg zu. Aber sie

mochten nicht landen. Immer stiller wurde es auf dem Wasser, immer

stiller das Gestade auf und ab. Der frühe Mond stieg feuriggelb über

die Ruine des Drachenfels hinaus, und sein Licht gab Himmel, Strom und

Gelände einen mystischen Glanz. Die Spur, die der Nachen zog, war wie

rieselndes Silber. Wenn sie die Hände ins Wasser tauchten, die sich

gleich zueinander fanden, lag auf der Haut ein silbernes Scheinen.

Und wenn sie sich zueinander beugten, sahen sie das silberne Glänzen

tief in ihren Augen. Bis Frau Amely unter einem mahnenden Nachthauch

erschauerte. Da drehte er das Steuer, ließ die Segel beifallen und

glitt an den Strand, der den Parkrand der Villen bespülte.

Sie sprang aus dem Boot, stand einen Augenblick, als ob sie sich

besänne, und dehnte dann mit einer weit umfassenden Bewegung die Arme

gegen den bestirnten Himmel. »Ah — —,« sagte sie, »schön — — ...!« Und

ihre Stimme hatte einen dunklen, vibrierenden Ton.

»Komm hinein. Die Abendkühle ist nicht für dich.«

»Für uns beide nicht.«

Und sie gingen durch den Park und den Garten der Terrasse zu. Die Halle

war erleuchtet. Der Diener kam und fragte nach den Befehlen.

»Wir haben schon zur Nacht gespeist. Es ist gut. Keine Briefe?«

»Eine Depesche, gnädige Frau.«

Sie nahm sie und wartete, bis der Diener gegangen war. Dann öffnete

sie, las und reichte das Papier an Otten. Ihre großen, grauen Augen

hingen an seinen Mienen. Er ließ das Papier sinken. »Was nun?«

»Was nun?« wiederholte sie. »Im Text steht es deutlich geschrieben:

›Bleibe ein paar Tage länger. Fahre nur über den Kanal und wieder

zurück. Das Geschäft will es. Erwartet mich in Godesberg. Lüttgen.‹ Wir

werden ihn also erwarten.«

»Das geht unmöglich.«

»Fürchtest du dich?«

»Ja, ich fürchte — ~mich~.«

»Freilich — wir tragen die Verantwortung, wenn wir aus der Rolle

fallen.« Sie zuckte mit den Augenbrauen und schritt an ihm vorüber.

»Wie schwül es hier ist ...« Und sie öffnete weit die Tür zur Terrasse

und lehnte sich an den geschnitzten Pfosten. »Das war ein kurzer Tag.«

»Es gibt Tage, die man nicht mit der Elle mißt, sondern mit dem

Senkblei.«

»Hast du schon Grund? Wenn ich so geringe Tiefen habe, lohnt es

wirklich nicht, und du hast recht.«

Er sah zu ihr hinüber und lächelte. Und während er lächelte, sah er,

wie schön sie war. »Deine Melancholie ist ein Fallstrick, und dein Zorn

ist es auch. Jetzt wirst du noch an meine Ritterlichkeit appellieren.«

»Ich appelliere nicht.«

Er ging durch das Zimmer und nahm vom Flügel eine Mandoline. Leise

strich er mit dem Finger darüber, horchte auf und stimmte wieder. Es

war ganz still.

»Ich möchte gern eine Stimme hören, und wenn es die meine wäre.«

Von der Tür kam keine Antwort.

»Damit wir wissen, daß wir nicht gestorben sind.«

Sie rührte sich nicht.

Er zog einen Stuhl heran, setzte sich rittlings darauf und legte die

Arme über die Lehne. »Es war in Neapel. Ich saß am Meer, vor einem

Hotel der Via Partenope. Das Herz pochte und stellte tausend Fragen,

die ein Mann allein gar nicht beantworten kann. Da sang ein junges

Frauenzimmer ein Bänkelliedchen ...«

Er präludierte und sang mit halblauter, werbender Stimme:

»=Tre volte voi ho visto e sono perdutto,

E mille volte a voi ho pensato.

Tre volte vostra mano ho stretto,

E mille volte la mia ho vasato ...

Signora, dite: ›Sí‹,

A voi non costa niente,

Una occhiata solamente,

Capisco io che vol dire.=«

Schritt für Schritt war sie ins Zimmer gekommen. Jetzt lehnte sie an

seinem Stuhl. »Was sagt das Liedchen?«

»Das Liedchen? Der Sänger! Er sagt und klagt: ›Dreimal habe ich Euch

gesehen und bin verloren, und tausendmal hab’ ich an Euch gedacht.

Dreimal habe ich Eure Hand gedrückt und tausendmal die meinige

gesegnet. Signora, sagt doch ja! Euch kostet es nichts. Einen Blick nur

— und ich verstehe, was er sagen soll.‹«

Durch die offene Tür strömte der deutsche Frühlingsabend.

»Ich möchte von dir Italienisch lernen,« sagte sie leise. »Italien ist

für unsere Art die einzige Heimat.«

Er strich über die Saiten, daß sie silbern klangen.

»=Signora, dite: ›Sí‹= ...«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 37 / 54 题