»Du weißt es ja selber noch nicht, Joseph. Ich habe dich ja beobachtet
und gesehen, daß du während des Lesens gar nicht bei der Sache warst.
Lies nachher und in Ruhe.«
»In Ruhe.«
»Ich habe dir doch keinen Vorwurf machen wollen. Der Vorwurf
trifft mich ganz allein. Ich mußte als Mutter wissen, daß man eine
vierzehnjährige Tochter nicht allein auf die Redoute läßt.«
»Allein?«
»Ein Kind allein, oder zwei Kinder allein. Das ist dasselbe. Ich mußte
meine beiden Kinder kennen, meinen großen Jungen und mein kleines
Mädel, daß ein jedes für sich Allotria treiben würde.«
»Aber das hat Carmen doch nicht getan. Die Dinge liegen viel einfacher,
als du glaubst, du mußt nur den richtigen Abstand dazu gewinnen. Sie
ist eine Stunde über Zapfenstreich geblieben. Das bezeugt doch, daß
sie naiv genug ist, an der kindlichen Maskerade Gefallen zu finden.
Außerdem war Moritz Lachner an ihrer Seite, was dir doch wertvoller
sein muß, als wenn ich sie an der Hand behalten hätte, da du mich als
Hüter der Ordnung doch kaum für voll nimmst.«
»Das war ein Zufall, Joseph, ein glücklicher Zufall. Sonst nämlich
wäre Carmen sicher erst in der Morgenstunde heimgekommen. Das ist es,
was mich bedrückt gemacht hat. Sie hat dein Blut, und ich beklage es
nicht, denn ich liebe es ja doch an dir. Aber die doppelte Pflicht
habe ich, dies Temperament in den richtigen Bahnen zu halten.
Es ist etwas anderes, ob ein Mann oder eine Frau dasselbe tut.
Selbständigkeitsbestrebungen sprechen da gar nicht mit. Nur das
Geschlecht und seine Bedingungen. Was ein Mann im Überschwang sich noch
erlauben darf, muß bei der Frau schöne Form bleiben, oder sie verliert
sich und ihren Wert für andere. Und den Stil, Joseph, den vermisse ich
bei Carmen noch sehr.«
»Wie ernst du das sagst. Um einer Kleinigkeit willen, Maria.«
»Nein, um eines Zeichens willen. Du hast nicht das Auge dafür und
kannst es nicht haben, weil du deine Tochter nur zuweilen und in
gegenseitiger Sonntagslaune siehst. Ich sehe sie aber auch am Werktag,
und ich ersehne von all meiner Erziehungskunst nichts mehr, als ihr
auch für den Werktag die heitere Sonntagslaune zu schaffen. Und das ist
nur möglich, wenn ich dafür sorge, daß die Sonn- und Festtage keinen
bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Sieh, Joseph, als sie diese
Nacht heimkam, — meinst du, sie wäre überglücklich von ihrer Ausfahrt
gewesen? Zornig war sie, geweint hat sie vor Zorn, und Vorwürfe
hatte sie statt Danksagungen. Der Moritz hätte ihr den ganzen Abend
verdorben. Der Moritz hätte ihr gar nicht den roten Domino besorgt,
weil auch der Laurenz die rote Farbe getragen, sondern nur, damit er
sie im Trubel immer hätte erkennen können, um sich an sie zu heften.
Der Moritz hätte nicht geduldet, daß sie wie die anderen an fremden
Tischen Sekt getrunken hätte. Und der Moritz hätte Streit angefangen,
als doch die ganze Tanzstunde hätte in ein Café ziehen wollen. Alles
das, ohne den Begriff in sich aufkommen zu lassen, daß der Moritz mit
richtigem Taktgefühl nur Ungehörigkeiten verhindert hat. Und ich, die
Mutter, die das alles hätte voraussehen müssen, war ruhig zu Hause
geblieben. Das ist sehr beschämend für mich.«
»Nein,« sagte Otten, »das ist beschämend für mich. Ich hatte die
Aufsicht übernommen. Aber ich sehe mehr und mehr meine Talentlosigkeit
ein, Menschenkinder anders zu erziehen, als wie ich selbst bin. Damit
ist aber Menschenkindern, die noch nicht wetterfest sind, wenig
gedient, denn sie imitieren doch nur die Geste. Das seh’ ich auch ein.
Folglich bin ich aus Selbstliebe auf dem besten Wege, mein Töchterchen
zu verwirren und bestenfalls ihren Trotz zu stärken. Maria, damit die
Kleine eines Tages den Menschen, die sie liebhaben, weniger Sorge macht
als ich denen, die mich lieben, trete ich beschämt von der Erziehung
zurück. Hoffentlich hat mein Beispiel noch nicht zu sehr Bresche
gelegt.«
»Sind wir nun wieder gut Freund?« fragte sie.
»Wichtiger scheint mir die Frage, ob du nun wieder ~mein~ guter Freund
bist.«
»Dein bester, Joseph. Daran wird nichts je etwas ändern.«
Er zog ihre Hand an seine Augen. »Setz dich zu mir. Wir wollen
zusammen lesen, was der Agent schreibt. Natürlich, da hat er schon die
ganze Tournee fix und fertig. London, Manchester, Glasgow. Und zur
Butterwoche nach Rußland: Moskau und Petersburg. Garantierte Pauschal
für jede Stadt. Das lob’ ich mir. Telegraphische Zusage erbeten, um
abzuschließen. Nächste Woche in London erstes Konzert. Ich würde also
Anfang Mai zurück sein.«
»Ich freue mich darauf, Joseph.«
»Daß ich abreise oder wiederkomme?«
»Auf das, was für dich dazwischen liegt.«
»Ja — — ich muß den Luftstrom spüren. Das ist nun einmal so. Ich
glaube, meine Lungen haben doppelt so viel Sauerstoff nötig als
andere Lungen. Zufuhr, Zufuhr, Zufuhr! Oder ich quengle im schönsten
Sonnenschein, daß ich ein Greis werde und nicht die Hand vor Augen
sehe. Maria, ob dies gesteigerte Lebensbedürfnis so sehr beneidenswert
ist?«
»Ja,« sagte sie und drückte ihm die Hand. »Wenn es Menschen haben, die
ihm gerecht werden können.«
»Nur gerecht?«
»Die alles — aus derselben Freude heraus tun. Man muß ihr glückliches
Lachen hören. Deines hör’ ich immer.«
Da zog er sie an sich. Sein Kopf lag still an ihrer Brust. »Gute Mutter
— —.« — —
Joseph Otten war abgereist. Von England her flatterten fröhliche
Briefe und Karten ins Haus. »Mein Agent, der mit mir reist, ist so
vergnügt, daß er singt. Da ich besser singe, muß ich also noch viel
vergnügter sein.« Und ein anderes Mal: »Daß wir nie klug werden, hat
der liebe Gott gewiß aus Güte so eingerichtet, damit uns auch etwas
für die späteren Jahre bleibt. Oder, damit wir nicht von vornherein zu
viel Unfug anrichten. Später regulieren die Zahnschmerzen den Appetit.
Diese Engländerinnen, Maria! Als ich jung und töricht war, hielt ich
sie für Überbleibsel aus der Eiszeit. Heute, da sie zu meiner reiferen
und gefesteten Persönlichkeit (bitte nicht ›Kunst‹ zu lesen) Vertrauen
fassen, merke ich, daß Eis glühend heiß auf der Zunge brennen kann.
Kann —? Könnte! Die Zahnschmerzen rebellieren gegen zu viel Süßigkeit!
— Und ich bin gerettet.«
Frau Maria las und schüttelte den Kopf. »Ich glaub’s nicht. Seine Zähne
sind sein Stolz.«
Von Moskau aus schrieb Otten an Frau Amely.
»Verehrte Frau und Freundin! Hier ist es so barbarisch kalt, daß
die Frauen selbst über ihrer Seele Pelze tragen. Das mag für den
Draußenstehenden genügen, sich die Hände daran zu wärmen. Nicht mehr.
Nicht öffnen! oder die Motten fliegen, und es riecht nach Kampfer.
Nun, das mag in einer Stadt, in der man Stearinkerzen wie Knackwürste
verzehrt, weiter nichts auf sich haben, aber — ich bin nicht in dem
Tal geboren. Ich bin aus einem Lande — mag es in Deutschland, mag es
anderswo liegen — in dem sich die Blumen an Düften überbieten. Streift
man über ihre Blütenblätter, so wandert der Duft lange mit. Und eine
Rosenart gibt es dort, nicht la France und nicht Dijon und Maréchal,
ein einzelnes Exemplar, von einem Blumenkenner ›Herzogin von Berg‹
getauft. Welche Farbe? Sie hat noch nicht Farbe bekannt. Nein, nein,
gewiß nicht. Die Farbe muß sich noch klären. Und der Dornen an ihrem
schlanken Stamm sind noch zu viele. Nicht zum Schutz. Wer sich in einer
Dornenhecke verschanzt, an dem geht der Tag vorüber. Und doch hat sie
einen Duft, der mehr sein könnte als einst Erinnerung. Einmal streifte
ich ein Blumenblatt. Das war wie eine kühle, glatte Schulter. Und der
Duft blieb gefangen in meiner Hand und lockt mich von der eisigen
Moskwa in den rheinischen Frühling, der nun bald aus dem Siebengebirge
aufbrechen wird, Godesberg zu schmücken. Ich halte den Duft in meiner
Hand, und ich reichte die Hand nicht weiter, damit er sich nicht mit
dem Alltagsgeruch des Kampfers mische. Möge die Rose ebenso denken.
Einzelexemplare haben die stärksten Pflichten: die Völker zu segnen und
die Throne zu lieben. Das klingt wie Realpolitik, ist aber Idealismus.
Ich bitte Sie, von den Grüßen, die ich Ihnen sende, dem Chef des
Hauses, meinem lieben Freunde, einen Teil gütigst überweisen zu wollen,
und salutiere jeden angewärmten Gedanken, den Sie persönlich für mich
in diese Schneewüste senden. Ihr ergebener Joseph Otten.«
In Petersburg erhielt er Antwort.
»Hochgeehrter Herr Doktor! Ich finde Ihr Schreiben nicht sonderlich
schwerwiegend. Es ist eine alte Weisheit, daß man sich in der Kälte
am lebhaftesten nach Wärme sehnt und beim Anblick von Eisblumen nach
Frühlingsrosen. Und wenn es selbst ein so entwicklungsbedürftiges
Exemplar wie die ›Herzogin von Berg‹ wäre. In solchen Fällen ist man
nicht wählerisch. Dies =ad I=. Und =ad II=: Ich habe mir erlaubt,
die Grüße nicht in Portionen zu zerlegen und auszuteilen. Abgesehen
davon, daß ich wegen der Adresse des ›Chefs des Hauses‹, der mir als
solcher völlig unbekannt ist und bleiben wird, in Verlegenheit geraten
wäre, hege ich nun einmal die Ihnen bekannte Antipathie gegen alle
Halbheiten. Haben Sie an den Fabrikanten Herrn Karl Lüttgen zu Köln
am Rhein Grüße zu bestellen, so findet sich dafür wohl im Zarenreiche
noch eine Postkarte. Ich hoffe, es belastet Ihre Seele nicht, daß ich
die unter meiner Adresse einlaufenden Grüße für mich behalte. Übrigens:
in einem stimmen wir doch überein. In dem Gedanken an den Einzug des
Frühlings in Godesberg. Suchen Sie keine Rätsel hinter diesem Satze.
Für Menschen, die die Völker segnen und die Throne lieben, gibt es
keine. Wenn Sie das als einen ›angewärmten Gedanken‹ nehmen wollen, so
wird dies Zeichen einer hochkultivierten Intelligenz mit besonderer
Zuneigung erfüllen Ihre nicht minder in der Barbarei befindliche