»Ah — —,« machte Otten und strich den Brief glatt, »das ist ein kühner
Schachzug. Stempelt über meinen Kopf weg meine Korrespondenz zu einer
geheimen. Nun heißt es Fersengeld geben oder sich schlagen. Neutrales
Land respektiert man nicht. Diese Skrupel hat unsere Kriegführung
zur veralteten Moral gelegt. Man bläst das Signal ›Avancieren!‹ ohne
Kriegserklärung, und — zum Teufel — ich will mit diesem Wiesel keinen
Krieg.«
Er ging in seinem Hotelzimmer auf und ab. »Der arme Kerl, der
Lüttgen,« dachte er. »Weshalb mußte der gute, schwerfällige Knabe
an diese stahlgefederte Fechtmeisterin kommen. Ich habe, weiß Gott,
Verständnis für ihn. Das ist keine Liebe um des Lebens, sondern um
des Lebens und Sterbens willen. Statt des Herzmuskels fordert sie
Nerven. Und Karl Lüttgen verfügt nach guter, alter Sitte nur über einen
Herzmuskel. Und den erhielt er ramponiert zurück.«
Er nahm den Brief noch einmal auf und überlas ihn. Ein Lachen ging um
seine Mundwinkel. »Mut hat sie, diese neue Inkarnation der alten Eva.
Sie weiß, was sie will. Aber sie irrt sich in den Folgerungen. Man
spielt wohl einmal aus Spielsucht. Wie Kinder, die nach Sonne haschen.
Segen jeder Erinnerung! Aber nicht aus Überlegung. Dann wird das Spiel
zum Geschäft, und es bleibt ein fluchender Betrogener. Das ist häßlich.
Und um die Schönheit soll es doch gehen. So oder so! Also — irrt Ihr
Euch in den Folgerungen, Frau Amely ...«
In Petersburg mußte Otten zwei Liederabende zugeben. Er schrieb es an
Frau Maria. »Die Petersburger sind Franzosen. Sie machen aus ihrem
Herzen keine Mördergrube. Wenn diese Menschen applaudieren, delirieren
sie. Aber auch mein Agent macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er
singt nicht mehr, er tanzt. Wenn sich aber ein Agent nicht scheut, zu
tanzen, so ist das der Beweis, daß er seinem Klienten unwiderruflich
das Fell über die Ohren gezogen hat. Nun, ich beanspruchte für die
beiden Liederabende, die nächste Woche stattfinden, einen Extrawalzer.
Der Mensch zierte sich und meinte, er sei doch noch nicht so sicher
auf den Füßen. Aber ich nahm ihn um die Taille, daß es knackte. Da
ging es. — Ich frage mich jetzt: soll ich von der heiteren Newa gleich
in das finstere Köln zurückkehren, oder soll ich vorsichtig sein und
klimatische Zwischenstationen machen? Wie denkt die sorgende Hausmutter
darüber? Ich unterwerfe mich blindlings ihrer besseren Einsicht. Und
Carmen? Ich erhoffe von Deiner Erziehungskunst, daß sie den schlimmen
Einflüssen eines so großen Bruders, wie ich es nun einmal bin, dauernd
entrückt ist. Ich habe Euch sehr lieb. Wenn das Geheimste über mich
kommt, der goldene Traum eines jeden Landfahrers, dessen Herz heißer an
der Heimatscholle hängt als das Herz des Spaziergängers vor dem Tore,
ist es das stille, wundertätige Bild Maria Ottens in der Rheingasse zu
Köln. Ave Maria ... Dein Joseph.«
Frau Maria las. Sie hatte feuchte Augen. Drüben an der Wand schaute
sein Bild ihr zu, das Bild eines Mannes in Havelock und Schlapphut. Aus
lachenden Augen blickte er in die Welt. Und wie so oft aus Liebe oder
Entschuldigung oder aus beidem zugleich, sagte sie auch jetzt: »Man
kann das Bild nicht ansehen, ohne froh zu werden.« — — —
»Mein lieber, großer Junge,« antwortete sie ihm, »ich bin glücklich
über die guten Zensuren, die Du mir einsendest. Ich bin glücklich,
und Carmen ist stolz. Das ist ein Fensterchen, durch das Du in unsere
Häuslichkeit hineinschauen kannst. Solltest Du noch mehr erblicken,
sprich es nicht aus. Aber laß mich die Arme um Deinen Hals legen.
O Du unruhiges Herz. Und je unruhiger es ist, umsomehr muß ich es
lieben. So lieben Mütter aus einem unbeschreiblichen Naturgefühl ihre
Sorgenkinder am heißesten. Nur eins wünschte ich: daß die Welt Dich
und Dein Tun so kennen und erkennen könnte wie ich. Das ist wohl recht
frauenhaft gedacht, und ich müßte eigentlich beschämt sein, an Dich
den Maßstab der Welt legen zu wollen, die nie sich klarmacht, daß die
großen Schatten von der vielen Sonne kommen. Aber im letzten Grunde
ihres Herzens ist jede Frau — lächele ruhig über mich — ein eitles
Wesen, das nur beneidet sein möchte. — Carmen ist gesund und fleißig.
Sie bereitet sich auf ihre Gymnasialklassen vor. Ihre Phantasie sieht
schon den Doktorhut. Zur Zeit zwar beschäftigst Du sie mehr, und
unermüdlich will sie von Dir erzählt haben. — Daß Du eine klimatische
Zwischenstation machst, wollte ich Dir selbst schon anraten. Kommst
Du dadurch auch später zurück — die brave Frau denkt an sich selbst
zuletzt — — —. Der alte Klaus bereitet mich schonend auf seine
Übersiedelung nach Zons vor, die wohl schon im Herbst stattfinden kann,
da er seinem Vetter nur noch bis dahin Ausstand auf Erden gibt. Er
bleibt hartnäckig dabei, daß ein richtiger Hausbesitzer anderen Leuten
nicht zur Last fallen dürfe. Es gäbe alsdann ärmere Teufel, die auch
auf Beförderung warteten. Der ehrliche Alte wird uns sehr fehlen ...
Lebe wohl, Joseph. Carmen küßt Dich. Und ich? Ich habe Dich immer lieb.
Das vergiß nicht an