Als Joseph Otten mit seiner kleinen Truppe den Festsaal betrat, zog er
sich die Kapuze seines Dominos fester über die Augen. Ein prickelnder
Strom durchrann ihn, ein übermütiges Gefühl, jung sein zu dürfen, und
ein Mutwille, es auch zu sein! Die Geigentöne fingen sich in seinem
Ohr und ließen die Gedanken hüpfen, die schönen Gestalten der Frauen
umgaukelten sein Auge, blitzartige Blicke aus Seidenlarven kreuzten
sich und wirbelten das Blut hoch, und das Klingklang-Gloria der
Becherfreuden läutete im Hintergrund von allen Tischen. Er gedachte
schnell noch ein paar Verhaltungsmaßregeln zu geben, da huschte es
schon wie eine rote Flamme an ihm vorüber, ein roter Teufel und ein
roter Domino, Walzertakte, Viola, Baß und Geigen, Gesang, Gelächter und
Sprachenverwirrung.
»Punkt zwölf Uhr an dieser Tür, Moritz. Wenn wir uns verfehlen, direkt
nach Hause!«
Der schwarze Domino neben ihm glitt stumm von dannen.
»Dieser köstliche Lärm macht betrunken,« dachte Otten, »diese Farben,
diese gelösten Glieder und Sinne.«
Eine Mädchenschar umzingelte ihn. Tirolerinnen, Zigeunerinnen,
Schulmädchen in kurzen Röckchen und langen Seidenstrümpfen, Tafel,
Schwamm und klappernde Griffelbüchse an der Seite. Sie sangen ihm das
alte Liedchen in die Ohren, das er im Kreis der Gespielen als Kind auf
der Gasse gesungen hatte, das Liedchen von
»Bloh, bloh Fingerhot,
Hätte mer jet, dat wär wal got,
Blumen alle Tage — —«
Und die Jahre waren nicht gewesen, er spielte als ausgelassenes Kind
im Mädchenkreis auf der Gasse, die Wechselstrophen fanden sich mühelos
ein, und er sang zurück:
»Schäflein, Schäflein, knie dich,
Knie zu meinen Füßen
Und erlaube mir das Recht,
Deinen Mund zu küssen.«
Er breitete die Arme aus und man stieß ein Schulmädel hinein und stob
auseinander. Einen Augenblick hielt er die junge Brust fest an der
seinen, dann walzte er mit seiner Beute in weitem Schwung in das Gewoge
der Tanzenden.
»Für einen Domino hast du eine sehr ausgebildete Stimme,« lachte sie in
seinem Arm.
»Für ein Schulmädel bist du meiner Treu auch nicht zurückgeblieben.«
»Das sieht nur so aus,« kicherte sie.
»Ich hab’s auch im Gefühl,« schloß Otten und zog sie im Tanze näher
heran. Sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und summte beim Tanz
die Melodie ...
»Halt, Maske.«
Er ließ seine Tänzerin los und wandte sich um. »Ah — —! Meinen Respekt,
schöne Herzogin.«
»Kennst du mich?«
»Ich kenne dich, denn du bist in jedem Weibe. Du bist die Eva, der es
heute gefällt, als Herzogin von Berg zu tanzen.«
»Und wenn es mir gefällt, mit dir zu tanzen?«
»Herzoginnen sind später meist vergeßlich. Aber auch ich habe gefürstet
Blut. Denke daran.«
»Willst du?«
»Die Stunde will es.«
Er schlang den Arm um ihre Taille, die umso zarter erschien, als über
den Hüften der gebauschte Rock sich schürzte.
»Du hast einen eisernen Griff,« sagte sie und bog sich im Tanz zurück.
»Mit was für Geschöpfen hast du im Leben getanzt?«
»Mit Mädchen, welche Männer lieben ...« sang er ihr ins Ohr.
»Männer? Wo sind sie? Ich habe eine Neugier, einen Mann kennen zu
lernen.«
»Heirate, schöne Herzogin.«
»Das tat ich schon. Und ich wurde neugieriger als je.«
»Armer Herzog.«
»Hältst du ihn für ärmer oder mich?«
»Ihn! Wen anders als ihn! Denn er hat ein weißes Weib mit rotem Blut
und weiß es nicht.«
Die Geigen jubelten auf, und die Menge jubelte mit. Ein Freudenrausch
lag in der Luft. Er lag in Kopf und Herz.
»Ihr Männer seid Egoisten. Weil ihr alle dasselbe Manko in euch
verspürt, haltet ihr gegen uns zusammen. Ihr redet so viel und so laut
von der Liebe, damit wir glauben sollen, sie wäre so und ihr verständet
sie.«
»Belehre mich eines besseren, und du hast deinen ersten Schüler.«
»Mit Keckheit kommst du den Dingen nicht auf den Grund. Wenn ihr
angreift, ergeben wir uns. Aber wenn ~wir~ befehlen, ~verschenken~ wir.
Ahnst du den Unterschied?«
»Nein, hohe Frau. Denn wenn ihr euch ergebt, beginnt für den wahren
Ritter des Turniers zweiter Teil. Durch seinen Adel die Ergebene in
eine Schenkende zu wandeln. Aus Winterhaft den schüchtern knospenden
Frühling zu locken, den Frühling zur Sommersonnenglut zu steigern und
den Sommer zur süßen Reife des Herbstes. Nur die Entwicklung macht
glücklich und hält uns voll spannenden Lebens. Ein Geschenk? Morgen ist
es alt.«
Sie promenierten durch die Reihen der Paare, die Zufall, Wissen oder
lustige Intrige zusammengeführt hatte.
»Sei ehrlich, Domino. Du sagst es selbst: der Wechsel macht glücklich.
Das Suchen und Sichsteigern. Und ihr laßt euch an der Oberfläche
genügen. Wir aber —«
»Ihr trinkt das Blut.«
»Wir trinken das Blut.« —
Sie saßen an einem Tischchen, und Otten füllte zwei Champagnergläser.
Sie sah ihm auf die Hand. »Habe ich dich erschreckt?«
»Du führst sonderbare Gedanken in deinem Köpfchen spazieren. Laß mich
in dein Herz sehen. Ich sehe nur die weiße Haut.«
»Sie spricht mehr als das Glaubensbekenntnis, das wir im Munde führen.
Unter Rassemenschen. Aber wo sind sie?«
»Der eine trinkt dem andern zu, wenn es auch kein Blut ist.«
Sie hob ihr Glas und trank unter der Seidenlarve. »Kein Blut — —! Das
Wort hat dich also doch erschreckt. Oder dich stutzig gemacht. Weshalb,
wenn wir beide uns zur selben Rasse bekennen? Wenn ich diese Schale
Wein liebe, so trinke ich sie aus. Bis auf den letzten Tropfen. Sieh
her. Und wenn ich einen Menschen liebe, soll ich nur nippen? Auf morgen
die Schale Wein zurückstellen und auf übermorgen? Damit der Wein sauer
wird oder ein anderer ihn mir wegtrinkt? Belügen wir uns doch nicht
mit schönen Worten. Menschen wie wir lieben nicht das erstbeste. Wir
lieben im anderen etwas, was wir nicht besitzen, was wir haben möchten.
Und wenn wir schenken, wissen wir, daß wir tauschen und daß uns im
Tausch ein Gewinn bleibt. Das Blut des anderen macht uns stärker, sein
bestes, sein tiefstes. In diesem Sinne trinken wir Blut, — wenn wir
lieben.«
»Und wenn der eine — ausgetrunken ist?«
»So bleibt er auf dem Platze. Kein schöner Sterben in der Welt ....«
Otten beugte sich vor. Aus den Augenlöchern der Seidenmaske traf ihn
ein aufzuckender Blick.
»Das mag ein schönes Spiel sein, kühne Frau. Aber es ist keine Liebe.«
»Nicht die Liebe von Schulmädchen mit zwanzigjähriger Brust und
Flatterröckchen. War deine Tänzerin von vorhin ein Examen wert? Nicht
die Liebe aus der Zeit, da der Großvater die Großmutter nahm. Nein,
~unsere~ Liebe.«
Otten trank sein Glas aus. Bis auf den Rest. »Streiten wir nicht über
das Wort. Wenn du es für dich in Anspruch nimmst, soll es Liebe heißen.
Aber deine Liebesberechnung hat einen Gedankenfehler.«
»Der wäre?«
»Sie könnten ~beide~ auf dem Platze bleiben. Der eine ~und~ die andere.
=Finis Poloniae!=«
»O,« lachte sie auf — — »ich kenne mich.«
»Aber du kennst noch keinen Mann. Noch nicht! Wir gingen davon aus!«
»Und du, stolzer Domino, sprichst nur immer von ihm und zeigst ihn
nicht. Das ist Männerart, und bei dir — verzeihe — kompliziert durch
den Sänger.«
»Du — weißt, wer ich — bin?« fragte Otten langsam.
»Mir scheint,« sagte die bergische Herzogin und lehnte sich weit im
Stuhl zurück, »ich weiß es besser als du selbst. Soll ich es dir
offenbaren? Wenn du als Frau auf die Welt gekommen wärest, wärest du
ich. Da du aber als Mann auf die Welt gekommen bist —«
Auch Otten hatte sich weit im Stuhl zurückgelehnt, »— so habe ich das
Goethische Wort nicht vergessen. ›Die Frauen sind silberne Schalen, in
die wir goldene Äpfel legen.‹ Laß mir diesen Glauben, holde Unbekannte.
Du gewinnst dabei.«
Sie hob den Kopf. Als ob sie lauschte. Dann stand sie mit nachlässiger
Gebärde auf. »Ich finde diese Rede voll Verstand. Aber es ist Karneval,
und ich möchte des Lebens Unverstand genießen. Gehen wir.«
»Zürnt mir die unbekannte Herzogin der Frauen?«
»Sie zürnt nicht. Sie findet es nur langweilig.«
»Das ist ein Todesurteil. Und da ich nun doch in Euren Augen sterben
muß, möchte ich die Stunde genießen.«
»Frauen haben keine Logik. Aber Männer noch minder. Küsse mich also
nicht. Du gewinnst dabei.«
»Ah — kehrst du die Waffen um? Man kann auch küssen, um zu verletzen.«
Sie legte ihre Hand wie eine Klammer um die seine. »Achtung. Der Herzog
naht. Wir sprechen weiter.«
Ein schwerfälliger Domino schob sich durch die Menge. Jetzt hatte
er den Tisch erreicht. Und in animierter Stimmung schlug er Otten
schallend auf die Schulter. »Jupp, Jupp! Wat siehste schlääch us!«
»Kennt mich denn hier alle Welt? Trotz der Maske?«
»Erstens: deine Figur. Zweitens: daß meine Frau dich gekapert hat
und dich versteckt hält. Ach — Donnerwetter — ich sollte wohl nichts
verraten? Pardon. Nun ist es heraus. Schadet auch nix. Gut amüsiert
zusammen?«
»Frau Amely Lüttgen — —« sagte Otten gedehnt, beugte sich nieder und
küßte ihre Hand.
»Ich bin dabei, deinem Freunde etwas mehr Höflichkeit gegen uns Frauen
zu predigen.«
»Läßt er sich nicht um den Finger wickeln? Das ist höchst unrecht.
Vielleicht erreichst du es auf andere Weise.«
Sie lüftete für einen Augenblick die Seidenlarve. In dem blassen
Gesicht glühten die Augen. »Diese zornigen Augen weich werden sehen —
—« dachte Otten und konnte von dem nervösen Gesichtchen nicht los ....
»Jetzt ist der Reiz des Intrigierens vorbei,« meinte sie und fächelte
sich Kühlung, »und zu neuen Abenteuern ist es zu spät. In einer
Viertelstunde beginnt die Demaskierung, und bei dem Tumult möchte ich
über alle Berge sein. Fahren wir nach Hause.«
»Wir —?« wiederholte Otten.
»Wenn Sie sich zu unserer Gemeinschaft rechnen.« Der Satz hatte einen
Unterton. Und sie wußte, daß er ihn verstand.
»Otten fährt mit,« entschied der Fabrikant. »Joseph, mein Freund,
tu’s mir zuliebe. Ein Fläschlein Rauentaler daheim und ein gutes
Männergespräch.«
»Und ich?« fragte Frau Amely und ließ die Seidenlarve über die Augen
fallen.
»Ein Männergespräch,« sagte Otten, »kann nur ein gutes sein, wenn eine
Frau es leitet.«
Als sie im Wagen saßen, griff Otten sich an die Stirn.
»Was haben Sie, Herr Doktor? Ein Rendezvous vergessen? Das dralle
Schulmädchen? Die Entwicklung vom Frühling zur ›Sommersonnenglut‹?
Gott, wir sind nicht neidisch, wir fahren Sie zurück.«
»Ich habe ja meine Tochter auf dem Ball.«
»Verehrtester, Sie möchten wohl plötzlich den alten Mann spielen? Den
sogenannten Vater? Fürchten Sie nichts. Wir trinken Rauentaler und
führen ein gutes Männergespräch. Alles wohl temperiert.«
»Herzogin, Euer Spott könnte aus Jünglingen Männer, geschweige denn aus
Männern —«
»Nun?«
»Den Mann machen.«
Hatte er sich getäuscht? Ihm war gewesen, als hätten wie zufällig ihre
kühlen Finger seine Hand gestreift. Er spürte es an dem plötzlichen
Stillstehen seines Herzens. Nein — es war ein Irrtum. Sie schaute
in Gedanken verloren zum Fenster des rasch dahinrollenden Gefährtes
hinaus. Er hatte sich also getäuscht. Aber der Gedanke, daß es hätte
sein können, blieb, und er fühlte, wie das heiße Herz noch immer
unregelmäßig schlug. Torheit! Diese Frau! »Ich hasse sie,« hatte ihm
der Freund gesagt. Und er? Er haßte sie nicht. Er liebte sie noch
weniger. Aber sie war besonderer Art. Sie interessierte ihn — aus einem
Kräftevergleich.
»Der junge Lachner wird Carmen pünktlich heimbringen,« beschwichtigte
er sich. »Vielleicht sind sie schon zu Haus und amüsieren sich mit Frau
Maria über den väterlichen Durchgänger.« — Frau Maria — Carmen — Vater
— es zog ihm durch den Sinn und versank. »Sie hat ~doch~ meine Hand
gestreift ...«
»Wann soll der Kutscher Sie erwarten?« fragte ihn Frau Amely, als
der Wagen hielt. »Sie sehen, auf welchen gut bürgerlichen Ton die
Mitternachtsstunde gestimmt wird.«
»Um eins, gnädige Frau. Dann ist die Geisterstunde zu Ende.«
»Für heute. Oder für die, deren Geist nur für eine Stunde reicht.
Treten Sie ein, meine Herren. Der Kutscher hat Weisung, Herr Doktor.«
Die Herren warfen in der Garderobe nur den Domino ab. Als sie den
Salon betraten, vernahmen sie aus dem Nebenzimmer Musik. Frau Amely,
im Gewand der bergischen Herzogin, das rostbraune Haar in halblangen
Locken auf der nackten Schulter, saß im Musikzimmer am Flügel und
spielte eine wilde, eigenwillige Phantasie, aus der es immer wieder wie
ferne Geigen und Flöten erklang. Zum Hochzeitsreigen zu unheilig, zum
bloßen Tanz zu toll und kapriziös — — — Karneval!
»Komm,« sagte Lüttgen und zupfte den Freund am Ärmel, »wir haben nichts
gehört. Das kann lange dauern. Wir pilgern gen Rauental.« Die Geister
des Weines waren über ihm.
Otten machte sich mit einer mechanischen Bewegung von ihm frei. Er trat
an den Flügel. Er lehnte sich in die Buchtung. »Was ist das, was ich
spiele?« fragte ihr Blick. Und er antwortete laut: »Nur ~ein~ Gedicht
ließe sich dazu rezitieren, und Sie haben daran gedacht.« Sie nickte,
blickte ihn immer noch an und phantasierte weiter. Und er fuhr fort:
»Die Herzogin von Berg ist guter Laune, wenn sie den Erinnerungen
Audienz gibt. Oder — heißt es mehr?« Sie blickte ihn an, spielte und
lächelte.
»Das wird mir zu mystisch,« brummte der Hausherr. »Ich hole den Wein
hierher, oder er bleibt noch ungetrunken.« Und er verschwand in seinem
Arbeitszimmer.
Nun nickte sie wieder. Und in den nächsten, jauchzenden Auftakt hinein
begann Otten die Ballade vom »Schelm zu Bergen« zu sprechen, im
Sprechen zu leben.
Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten — —
— — — — — — — — — — — —
Da tanzt die schöne Herzogin.
Sie lacht laut auf beständig — —
Sie waren allein, und doch war das Zimmer mit Gestalten gefüllt, die
aus dem Klang seiner Stimme erstanden. Mummenschanz. Und sie beide
inmitten. Eine Locke fiel ihr ins Gesicht. Er trat näher und strich sie
zurück. Seine Hand lag auf ihrer kühlen, glatten Schulter.
»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Ich muß nach Hause gehen.«
Die Herzogin lacht. »Ich laß dich nicht fort,
Bevor ich dein Antlitz gesehen.«
Und die Frau am Flügel bog den Kopf nach hinten, daß sie dem Mann von
unten in die Augen sah, und wiederholte: »Bevor — ich — dein — Antlitz
— gesehen.«
Der Mummenschanz war zu Ende. Die heraufbeschworenen Gestalten
verkrochen sich in den Ecken. Sie waren allein und in der Wirklichkeit.
»Brechen wir ab,« sagte Otten und trat zurück. Mit Flasche und Gläsern
klingelnd kam der Hausherr durch das Nebenzimmer. Frau Amely klappte
den Deckel zu und wandte sich auf dem Drehstuhl zu den Herren. »Ist das
der rechte Ort?«
»Wenn du es wünschest, konzentrier’ ich mich schleunigst wieder
rückwärts.«
»Nein,« bestimmte sie, »das hieße die Stimmung zerreißen. Heute ist
alles erlaubt. Die Herzogin — ist zufrieden.«
»Mein Kompliment,« lachte Lüttgen, verbeugte sich gegen den Freund
und entkorkte die Flasche. »Nun wollte ich nur, du besuchtest uns im
Frühling in Godesberg.« Er schenkte den Wein in die Gläser. »Vielleicht
hat meine Frau in ihrem Hofstaat einen Ministerposten frei. Die
Gesichter möchte ich sehen. Prosit.«
»Du würdest dich über die Gesichter nicht lange amüsieren können,
Lüttgen. Denn kraft meines Kanzleramtes würde ich zuallernächst — den
Hofstaat auflösen. Prosit.«
»Wenn ich die Ermächtigung dazu erteilte,« rief die Hausfrau. »Prosit.«
»Ich würde selbst vor der Kabinettsfrage nicht zurückschrecken, Hoheit.
Prosit.«
»Das ist ja eine prachtvolle Zecherei!« Der Hausherr füllte jedes leere
Glas. »Heut wird doch zum Reden getrunken und nicht bloß geseufzt. Du
gehörst zu uns, Joseph, zu mir, wollt’ ich sagen. Stoß an. Zum Frühjahr
in Godesberg. Mein Landhaus soll Tage erleben, die es sich nicht hat
träumen lassen!« Seine Stimmung bekam einen sentimentalen Zug. Er
erging sich in Freundschaftsbeteuerungen.
Draußen fuhr ein Wagen vor. Der Kutscher knallte mit der Peitsche.
»Die Stunde ist um,« sagte Otten, »bleib sitzen, ich häng’ den Domino
über den Arm. Gute Nacht.«
»Vergiß Godesberg nicht,« rief der Hausherr dem Freunde nach. Die
Hausfrau gab ihm über den Korridor das Geleit. »Wissen Sie, weshalb ich
den Wagen für Sie bestellte?«
»Sicher nicht, damit ich mich nicht erkälten sollte.«
»Weil ich möchte, daß Sie von hier aus sofort nach Hause fahren.«
»Der Grund?«
»Sie sollen heute mit niemandem mehr in Berührung kommen. Die Luft, die
Sie aus meinem Zimmer mitnehmen, soll um Sie bleiben. Das ist — mein
Gastgeschenk.«
»Gute Nacht, gnädige Frau.«
Er saß im Wagen und summte die Melodie, die er im Ohre hatte. Aus dem
Gürzenich, aus dem Musikzimmer Frau Amelys. Dabei hob er die Hand und
strich den Schnurrbart zur Seite. Was war das? Frau Amely — —? War sie
seinen Gedanken so nahe, daß er den feinen Duft verspürte, der von ihr
ausging? — Er lächelte. Der Duft kam von seiner Hand. Und seine Hand
hatte auf ihrer Schulter gelegen. ...
»Sie kennt alle Hexenbräuche,« sagte er sich. Und von Zeit zu Zeit
strich er sinnend über den Schnurrbart....
Daheim sah er Carmens roten Domino auf dem Sessel liegen. »Sie ist
daheim.« Er betrachtete sinnend das Gewand. »Wie groß das Mädchen ist.
Noch ein paar Jahre, und ich —« Er ließ den Domino fallen. »Nichts mehr
denken. Nichts mehr als an das Heut. Und daß ich es in der Hand habe,
es zu verlängern.«
=XI=
Es war still zwischen den Gatten. Otten saß am Tisch, öffnete die
eingelaufenen Postsachen und las sie langsam durch. Wenn er einen Brief
fortgelegt hatte, griff er zum zweiten Male danach. Er hatte die Zeilen
überflogen, ohne ihren Inhalt in sich aufzunehmen. Frau Maria sah ihm
eine Weile zu. Dann trat sie zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm.
»Joseph.«