Der Dienstmann grinste und machte einen Kratzfuß. »Ich danken auch,
Herr Doktor.« —
Eine Stunde später trat Otten in die »Ewige Lampe« ein. An
einem Tischchen entdeckte er die behäbige Gestalt des einstigen
Schulfreundes, der ihm fröhlich entgegenwinkte.
»Das war schön von dir, Joseph, daß du mir keinen Korb gegeben hast.
Nimm Platz. Einstweilen ein Glas von diesem?«
»Du bedankst dich wohl noch, daß ich ~euch~ einen Korb gegeben habe?«
Otten gab dem Kellner Hut und Mantel und rückte seinen Stuhl an den
Tisch.
»In der Tat, Joseph, das tue ich auch.«
»Sonderbarer Gastgeber.«
»Ich sag’ dir, Joseph, heute mittag, als dein Brief kam! Wir saßen
gerade bei Tisch. Ich las und gab die Karte meiner Frau. ›Aha, der
große Künstler,‹ sagte sie. ›Schreibt ab,‹ sagte ich. Sie wurde ganz
blaß vor Ärger. ›Dieser große Herr. Allüren hat der Mensch! Bedauert,
nicht Folge leisten zu können. Schluß. Als ob er an dem Abend gerade
beim Gouverneur oder beim Herrn Erzbischof speiste.‹ — ›Wird er auch
wohl, Amely.‹ — ›Albernheiten ...‹ — ›Du siehst, Amely, der Mann hat
nicht nötig, auf uns zu warten.‹ — ›Das scheint dich wohl noch zu
freuen? Manieren habt ihr Rheinländer!‹«
Der Fabrikant trank einen Schluck. »Wahrhaftig, Joseph, darin hatte sie
recht. Und es ~schien~ nicht nur mich zu freuen, es freute mich sogar
ganz gewaltig. Ich hatte sogar eine diabolische Schadenfreude.«
»Ein sehr beliebter Gast schein’ ich demnach nicht bei dir zu sein.«
»Mehr als das, viel mehr. Nur — du weißt ja, ich hab’ immer eine
geheime Liebe zu dir gehabt, aber du standst mir geistig immer etwas
zu hoch, als daß ich mich getraute. Und als du nun vor einigen Tagen
bei mir hereinschneitest und warst so ein prächtiger, frischer Kerl,
da sagte ich mir: ~Den~ Freund behältst ~du~. Den gibst du nicht für
den Hofstaat ab. Etwas muß der Mensch haben, woran er sein Herz hängt.
Prost, Joseph.«
»Du begannst deinen Satz vorhin mit ›Nur —.‹ Also?«
»Ich meinte damit: ich gönne dich ihr nicht. Nicht auf die Art, wie’s
ihr beliebt. Befehlen — und kuschen. Oder allergnädigst: Luft! Und nun
passierte es ihr zum erstenmale, daß ~sie~ — Luft war. So etwas nimmt
sie nämlich höllisch persönlich. Und darum rieb ich mir die Hände.«
Joseph Otten trank gedankenvoll sein Glas Wein. Der Kellner brachte
eine neue Flasche.
»Eine Musterehe scheint ihr mir gerade nicht zu führen, Lüttgen.«
»O doch. Musterhaft im Nebeneinander. Das ist ja heute wohl das
Neueste. Und meine Frau geht mit der Zeit, darauf kannst du dich
verlassen.«
»Sag mal, Lüttgen, beichtest du mir nicht etwas viel?«
Der Fabrikant wandte dem Fragesteller langsam sein rotes, fleischiges
Gesicht zu. »Nein, Joseph.«
»Das ist kategorisch. Aber steht dir unter den alten Freunden keiner
näher?«
»Sie sind alle zu meiner Frau übergegangen.«
»Mann, dann geh du doch auch zu deiner Frau über.«
Lüttgen zog die Stirn zusammen. Eine Weile spielte er mit seinem Glas.
»Glaubst du etwa, daß ich das nicht versucht hätte? Oder weshalb,
glaubst du, daß ich sie vor drei Jahren geheiratet hätte, nach meiner
glücklichen ersten Ehe? Die Antwort? Weil ich verliebt war. Weil ich
mich noch jung genug fühlte, dem Herzen etwas zu bieten. Weil ich so
eitel war, nun mal was Apartes haben zu wollen, und nicht auf Vermögen
zu schauen brauchte. Denn sie hatte keinen Groschen. Pardon — das
gehörte nicht hierher.«
»Und deine Ausgleichversuche sind dir mißglückt?«
»Lieber Joseph,« sagte Lüttgen, »du drückst dich sehr zartfühlend aus.
Ausgleichversuche! Soll also heißen: Unterwerfungsversuche. Beruhige
dich, ich habe sie unternommen, täglich, stündlich. Denn ich liebte ja
diese Frau. Und um wahr zu sein: ihre wechselnden Stimmungen waren für
mich, der ich von komplizierteren Frauennaturen so gut wie gar nichts
kannte, ein Reiz. Soeben noch ein hochmütiges, herrschsüchtiges Weib,
dem es Freude machte, mich mit ihren geistreichen Bosheiten bis aufs
Blut zu peinigen, war sie eine Stunde darauf ein kleines, hilfloses
Mädchen, dem es Freude machte, sich auf meinem Arm durch die Stube
schleppen zu lassen. Dieser beständige Umschwung hielt mich in Atem.
Ich kam überhaupt nicht mehr zu mir selber, und das war der tiefere
Sinn. Diese Frau brauchte für alle Lebenslagen einen guten, treuen
Bernhardiner. Sie richtete mich ab.«
»Auch ein Bernhardiner kann eine Heldenrolle spielen, mein lieber
Freund.«
»Aber nur ein abgerichteter. Und auf Kommando.«
»Einer muß in der Ehe das Kommando führen.«
»Auch das zugegeben. Du siehst, ich bin nicht kleinlich. Aber ich
fragte mich bald: Wo ist denn hier die Ehe? Wo ist denn hier überhaupt
noch eine Gemeinschaft, und wenn’s eine Gedankengemeinschaft gewesen
wäre? Ich hatte tagsüber auf den Werken zu schaffen. Die Konjunktur
der letzten Jahre forderte den ganzen Mann. Donnerwetter, ich hab’ den
Karren weitergeschoben. Und wenn ich Abends heimkam und suchte ein
fröhlich Geplauder, um mich von Grund aufzufrischen, so wurde mein
Geist gewogen und zu leicht befunden. Ich weiß, ich bin keine Leuchte
auf literarischem Gebiet. Aber es gibt ja auch noch andere Gebiete. Ich
weiß, ich bin kein Causeur. Aber muß man denn beständig Perlen speien?
Ein paar liebe Worte, sollt’ ich meinen, sind auch keine leichte Ware.
Joseph, bis dahin glaubte ich ein Gott weiß wie stolzer Mensch zu sein
und — wenn ich durch die Fabrik schritt — Berechtigung dazu zu haben.
Dieser Stolz war mir bei der Arbeit von nöten, wie mir nach Feierabend
die Fröhlichkeit von nöten war. Ich wurde eines anderen belehrt.
Der Stolz war rheinischer Fabrikantendünkel, die Fröhlichkeit dick
aufgetragene Schminke, das geistige Manko zu verdecken. Ich lernte, daß
ich sowohl des Schwungs wie der Tiefe ermangelte, ich lernte, daß ich
— von meinem Verständnis für die höhere Schlosserei abgesehen — ein
geistiger Plebejer sei. Und meine Freunde, die auf die schönen Augen
meiner Frau Schwüre leisteten, lernten das ebenfalls — von mir glauben
...«
Otten blickte auf die Tischplatte. Nun hob er den Kopf. »Sie ist sehr
schön, deine Frau — —. Eigenartig stilisiert schön. Und geistvoll.
Beides weiß sie.«
»Von ~meinem~ Geistesreichtum habe ich schon gesprochen. Und meine
Schönheit —? Ich weiß, daß ich ein dicker, vollblütiger Kerl bin. Aber
das sah sie ja auch, bevor sie mich heiratete. Nun war ich unelegant,
ohne Manieren. Alle meine Lieblingsgewohnheiten wurden nacheinander
durchgenommen und mir verleidet. Andere Ambitionen konnten nicht
geweckt werden. Ich war auch zu störrisch dazu. Die Freunde umringten
meine Frau, deren Launen sie für himmlisch erklärten, um nicht als
Dummköpfe zu gelten. Ich wurde Portier. Auch ein schöner Posten. Aber
er wurde mir zur Last. Gottlob, daß du gekommen bist.«
»Ich habe dich ruhig angehört,« meinte Otten nach einer Pause, »und ich
kann mir wohl denken, daß selbst den Stärksten und Zurückhaltendsten
Stimmungen überrumpeln können, in denen er Dinge preisgibt, die man
sonst geheimzuhalten pflegt. Ihr steht augenblicklich in Kampfstellung
zueinander. Ihr seid gereizt und übertreibt daher. Und in kurzer Zeit
vielleicht schon, lieber Lüttgen, möchtest du das heutige Gespräch
ungeschehen machen. Das ist dann ein peinliches Gefühl, aber es soll
auch das einzige sein, denn ich werde die Dummheiten vergessen haben.
Im Grunde deines Herzens nämlich bist du ja doch stolz auf deine Frau
und liebst sie über die Maßen.«
Der Fabrikant schob sein Glas zur Seite und legte seine Hand auf die
Hand des Freundes.
»Ich nehme als selbstverständlich an, Joseph, daß das, was hier
gesprochen wird, unter uns beiden bleibt. Es ist das erste Mal, daß ich
die Maske des heiteren Haus- und Eheherrn so gänzlich beiseite lege.
Und ich setze sie schon wieder auf, sobald wir das Lokal verlassen.
Aber ich will auch einen Menschen für mich haben. Einen Menschen für
mich, bei dem ich hin und wieder mal vor Anker gehen kann, damit ich
mir nicht selber zum Spott werde. Und nun schau mich mal ganz ruhig an.
Ich bin ganz normalen Geistes. Und mein Verhältnis zu meiner Frau will
ich dir jetzt in drei Worten erleuchten, denen nichts an die Seite zu
stellen ist: Ich — hasse — sie.«
»Lüttgen.« rief Otten, erschüttert von der Ruhe des Mannes.
»Ich hasse sie. Das ist der Rest, an den sich meine Selbstachtung
klammert.«
Eine Minute ging hin. Das Schweigen wurde drückend.
»Wir sind verdammt ernst geworden, Lüttgen,« sagte Otten dann.
»Verzeih. Das lag durchaus nicht in meiner Absicht. Und ich hoffe, nun
wird’s für mich auch in meinem Hause heiterer werden. Ich hoffe auf
dich.«
»Du denkst doch nicht daran, daß ich in eurem Hause aus und ein gehe?
Vorhin erst freutest du dich über meine Absage.«
»Das tat ich, mein lieber Joseph, und tu’ es noch. Sie sieht daraus,
daß du die Leute auf ~dich~ zukommen läß’t. Das ist sie nicht gewohnt.
Und wenn du ein andermal kommst und dann viele Male, werden wir beide
Arm in Arm durch den Saal marschieren, und ihr Hochmut wird an dir
klein werden.«
»Lieber Lüttgen, das ist keine Rolle für mich. Ich habe der Dame des
Hauses, in dem ich verkehre, meinen Respekt zu erweisen.«
»Das darfst du. Du darfst ihr selbst den Hof machen. Du darfst sogar
ihr Freund werden, denn sie hat Eigenschaften, die das erklärlich
scheinen lassen. Ich bin ja nicht blind. Nur soll sie dabei erfahren,
daß du in erster Linie — ~mein~ Freund bist.«
»Und davon versprichst du dir so viel?«
»Für jetzt nicht, aber für mein Alter.«
»So bescheiden also kann man werden,« dachte Otten, »daß man von den
Jahren, die da kommen, nur noch Ruhe wünscht ...«
»Was meinst du?« fragte Lüttgen und zog die Uhr. »Wir gehen noch
hinüber ins Domhotel. Uns tut eine andere Umgebung not, wenn wir
auf eine andere Stimmung reflektieren. Hier ist die Luft jetzt mit
Trauertönen geschwängert. Weg damit.«
»Ja,« sagte Otten und erhob sich, »gehen wir.«
Als sie über die Straße schritten, Otten elastisch, der Fabrikant
schwerfällig, schob Lüttgen den Arm in den des Freundes.
»Neben dir komme ich mir wie ein Greis vor. Ja — das war einmal.«
»Trink nicht so schwere Sorten,« erwiderte Otten, »das macht
sentimental.« — — —
Der nächste Tag war ein Sonntag. Otten war übernächtig am
Frühstückstisch erschienen und hatte alsbald einen längeren Spaziergang
unternommen, um sich zu erfrischen. Die Gedanken sprangen in seinem
Hirn hin und her. Er wollte sie ordnen.
Der Morgen rückte vor. Carmen war zur Elfuhrmesse in den Dom
gegangen, und Frau Maria saß untätig in ihrem Sessel und hielt ein
Feierstündchen. Sie liebte die hellen Sonntagmorgenstunden, die klarer
scheinen als die Morgenstunden anderer Tage. Sie nahm ein stilles
Leuchten daraus für die Woche mit.
Unten schlug die Klingel an. Der alte Klaus, der auch seine Feierstunde
hielt, öffnete die Haustür. Leichte Schritte kamen die Treppe herauf.
Nun klingelte es am Korridorpförtchen. Frau Maria erhob sich, um
nachzusehen.
»Herr Doktor Otten zu Hause?«
»Mein Mann ist ausgegangen. Ich bin ~Frau~ Otten. Wollen Sie
nähertreten?«
»Sehr gern.«
Im Zimmer wies Frau Maria auf einen Stuhl. »Kann ich meinem Mann etwas
ausrichten, gnädige Frau?«
»Frau Lüttgen. Der Name wird Ihnen wohl bekannt sein als der eines
Freundes Ihres Mannes.«
»Ich hörte ihn gestern. Die Herren hatten eine Verabredung.«
»So geht es. Auch ich hörte erst gestern von Ihnen. Sonst wäre mir
sicher nicht der Fehler passiert, Sie nicht ebenfalls zu unserem
kleinen Fest zu bitten.«
»Ich wußte gar nicht, daß mein Mann eine Einladung angenommen hatte.
Aber ich gehe so wenig aus, daß es wirklich keiner Entschuldigung
Ihrerseits bedarf.«
»Die Einladung angenommen? Nein, Sie irren. Er hat sie ziemlich
kurzgefaßt abgelehnt. Und deshalb sehen Sie mich hier. Ich hatte mir
eine so hübsche Überraschung ausgedacht. Ich wünschte mit Herrn Doktor
Otten als wanderndes Sängerpaar aufzutreten, als Harfner und Mignon.
Es ist ein kleines Kostümfest, und nun macht Ihr zürnender Gatte einen
Strich durch die schöne Rechnung.«
»Nein,« sagte Frau Maria, »wie sollte er Ihnen zürnen? Er ist kaum eine
Woche von einer mehrjährigen Kunstreise zurück und wird sich noch etwas
müde fühlen.«
»Von Ermüdung habe ich am ersten Abend nicht viel an ihm bemerkt. Das
spricht die sorgende Hausfrau.«
»Er war bereits bei Ihnen?« fragte Frau Maria freundlich.
»Am Abend seiner Ankunft. Und das hat er verschwiegen? Das ist so recht
Männerart.«
»Ich bin nicht neugierig,« sagte Frau Maria lächelnd.
Frau Amely Lüttgen stutzte. Ihre klugen, grauen Augen hafteten an den
ruhigen Zügen der Frau, die sich so leidenschaftslos zu geben wußte.
»Das versteh’ ich nicht,« sagte sie. »Oder aber — wir müßten dieselbe
Tugend vom Mann verlangen können.«
»Nicht neugierig zu sein? Damit hätten wir doch nichts gewonnen.«
»Nichts —?«
»Höchstens, daß man den Mann um nichts eifersüchtig machte. Wenn Sie
das meinen?« Frau Maria lachte.
»Es brauchte ja nicht immer ›um nichts‹ zu sein.«
»Sie scherzen, gnädige Frau.«
»Hören Sie mal, dies Thema interessiert mich. Aber Sie interessieren
mich doch noch viel mehr.«
»Damit Sie keine Enttäuschung erleben, schlage ich Ihnen lieber vor,
bei dem Thema zu bleiben.«
»Im Ernst, Frau Otten, Sie verlangen doch nicht, daß wir Frauen
Menschen zweiter Klasse werden?«
»Im Gegenteil. Menschen erster Klasse. Damit der Mann einen Maßstab
behält.«
»Der Mann! Immer der Mann! Ist seine Person wirklich so wertvoll, daß
sie mit so zarter Rücksicht behandelt werden muß?«
»Als Vater unseres Kindes, sollt’ ich meinen. Wenn man von seiner
Person absehen will.«
»Des Kindes!«
»Sie sehen, bei dem Wort stockt schon unser Eifer. Im Grunde ist es
doch ein ganz einfaches Exempel, wenn wir wollen.«
Das ruhige Gleichmaß in der Frau reizte die Besucherin, das Thema noch
nicht fallen zu lassen. »Sie sagten: das Kind. Gewiß, darin pflichte
ich Ihnen bei. Das Kind ist heilig. Aber gerade darum müssen wir frei
in der Wahl seines Vaters sein können.«
»Ich glaube nicht daran,« erwiderte Frau Maria, »daß das Kind in der
Geburt heilig ist. Ich glaube aber daran, daß die Mutter es heilig
machen kann. Durch ihr Beispiel. So weit das ausreicht. Die Erziehung
macht den Menschen.«
»Demnach erscheint es Ihnen auch unfaßlich, daß sich eine Frau einem
Manne gesellt, ohne — wie sage ich — ohne Formalität?«
Über Frau Marias Stirn zog sich eine feine Röte, die sich mehr und mehr
vertiefte.
»Wie sollte mir das unfaßbar erscheinen? Aber man müßte den Mann so
sehr lieben, daß man ihn auch — zu jeder Stunde heiraten würde.«
»Tut’s das wirklich?« fragte Frau Amely spöttisch.
»Ich sagte ›auch‹. Das bedeutet: man muß wissen, daß man verbunden
ist, — so — oder so. Man muß wissen, daß man das, was man tat, aus
einem großen, gewaltigen, wunderbaren Triebe heraus tat, und nicht
aus Widerstandslosigkeit gegen sich selbst oder, umgekehrt, aus eitel
Berechnung und Vernünftelei. Unsere Kinder haben Blut nötig, und das
Blut kommt aus dem Herzen.«
»Solch ein Herz kann sich auch verbluten.«
»Verbluten wohl. Aber das Blut kann nicht wässerig werden, dadurch,
daß man nach hierhin und dorthin abgibt. Das würde ein elendiges
Menschengeschlechtlein werden.«
»Und an sich selbst, an Ihre eigenen Rechte denken Sie gar nicht?«
»Verzeihung,« sagte Frau Maria und erhob sich. Unten hatte die
Türklingel angeschlagen. Carmen kam lustig aus der Messe.
»Meine Tochter Carmen,« präsentierte Frau Maria das Mädchen. Und Carmen
knixte und reichte die Hand.
»Was für ein intelligentes Köpfchen,« sagte die Besucherin staunend.
»Ich werde dich einmal in meinem Wagen abholen.«
»Ach ja — bitte.«
»Schau mal nach dem Vater aus, Kind. Er wird am Rhein entlang
zurückkommen.«
Carmen stürmte hinaus.
»Und solch ein sprühendes Wesen soll nun in die alte Schablone gepreßt
werden, nur weil’s das Herkommen so will?«
»Sie halten mich für rückständiger, als ich bin, gnädige Frau. Ich
bin eine unbedingte Anhängerin der neuen Zeit, die von uns Frauen
eine Erneuerung und Weiterbildung in allen Wissenschaften fordert, je
nach der persönlichen Befähigung natürlich. Hat Carmen erst mit ihrem
jetzigen Schulstudium abgeschlossen und hält ihre Befähigung stand, so
wird sie den Gymnasialkursus absolvieren, der jetzt eingerichtet ist.
Wir bleiben also nicht stehen, gnädige Frau.«
»Und in der neuen Ethik?«
Frau Maria lächelte vor sich hin. »Daß Sie daran so festhalten. An dem
Worte ›neu‹. Sie bleibt ja doch dieselbe. Immer die, die ~wir~ für
gut und schön halten, und immer die, die ~andere~ für gut und schön
halten. Das wird sich niemals ändern. Nur, daß man bisher kein Wesen
davon machte, wenn man die eigene für besonders schön hielt. Daraus
wurde Poesie. Trägt man aber die Poesie auf den Markt, so muß wohl
Marktgeschrei daraus werden. Deshalb sollte man die neue Ethik nicht
immer so laut verkünden.«
Frau Amely zog die Augenbrauen hoch.
»Sei dem, wie ihm sei. Der Erfolg wird Recht sprechen. Aber
jedenfalls,« und sie erhob sich rasch, »haben wir uns nicht über
Dienstmädchensorgen und die billigsten Bezugsquellen unterhalten. Bei
einem ersten Besuch! Wir sind also wirklich bildungsfähiger als die
Männer, die über die Weinpreise noch nicht hinausgekommen wären.«
»Die armen Männer,« lachte Frau Maria belustigt.
»Wahrhaftig. Es sind arme Teufel. Und sie sollen es wissen.«
»Nehmen Sie meinen Mann aus.«
»Sie machen mich wirklich begierig, ihn näher kennen zu lernen. Er muß
die Tugenden wie Orden auf der Brust tragen.«
»Kennen Sie nicht den starken Wahlspruch der Engländer, gnädige Frau?
=Right or wrong, my country?= So denke ich über meinen Mann.«
»Ich hätte fast den Zweck meines Herkommens vergessen,« sagte Frau
Amely. »Wollen Sie mir helfen, Ihren Mann umzustimmen? Und werden Sie
mir ebenfalls die Freude machen?«
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, an mich zu denken. Aber ich
kann mich des Abends nicht gut von meinem Kinde trennen. Wir leben so
zurückgezogen, daß Carmen gerade am Abend ganz auf mich angewiesen ist.«
»So schicken Sie Ihren Mann allein. Sagen Sie ihm, daß ich darauf
rechnete, daß er mir nicht die Harfner- und Mignon-Idee verdürbe. Ich
würde mich als Mignon so entzückend wie möglich machen. Ganz allein ihm
zuliebe. — Vielleicht hilft das.«
»Es wäre wenigstens die heftigste Beschwörung.«
»Adieu, gnädige Frau. Es war eine reizende Stunde bei Ihnen.«
»Adieu, gnädige Frau.«
»Sie werden jetzt öfter von mir hören. Das haben Sie nun davon.«
»Ich werde mich gern daran gewöhnen.« — —
Frau Amely schritt die Gasse hinunter und bog am Rheinufer ab. Frau
Maria sah ihr vom Fenster aus nach.
»Das ist nicht nur Kleidereleganz,« sagte sie, »das ist vererbte
Kultur.« Und sie bewunderte die feine Körperlinie und die Art des
Gehens. »Körperkultur. Und die Gedanken werden davon abhängig gemacht.
Das ist das Geheimnis.«
Sie kehrte sich langsam ab, um in die Küche zu gehen. Es wurde Zeit,
die Anrichtung des Mittagsmahls zu übernehmen. Ihr Blick fiel in den
Spiegel.
»Du gehörst Joseph Otten und keinem sonst,« und sie nickte der großen,
ebenmäßigen Figur, deren Bild der Spiegel zurückwarf, zu. »Das ist eine
bessere Freiheit. Keinem sonst ...«
Eine halbe Stunde später kam Otten heim. Carmen hing an seinem Arm. Der
Spaziergang hatte ihn erfrischt, er war munter und wortreich.
»Du hast Besuch gehabt, Maria? Carmen erzählte mir von einer Dame, der
lauter Pelzschwänzchen von der Schulter gebaumelt hätten. Das Mädel
will partout auch so einen Pelz.«
»Bist du ihr nicht begegnet?«
»Wie, ging sie denn, mich suchen?«
»Sie ging von hier aus das Rheinufer entlang. Ob das dem Rhein gegolten
hat?«
»Schelm, du willst mich wohl eitel machen? Wer war’s denn?«
»Kennst du eine gewisse Mignon?«
»Nur die eine, von der man nie recht weiß, ob sie ein Jung’ oder ein
Mädel ist.«
»Und den Harfner kennst du auch?«
»Auch den Harfner.«
»In welchem Verhältnis steht denn der zur Mignon?«
»Das wird ihm wohl selbst schleierhaft sein. Ist er der Vater, der
Geschäftsführer oder — der Liebhaber?«
»Wäre das nicht eine passende Rolle für dich?«
»Höre mal,« sagte Otten und griff ihr unters Kinn, »wenn sich bei mir
auch schon ein paar graue Haare zeigen, so bitte ich doch sehr, mich
nicht als rätselhaften Mummelgreis zu verschleißen. Oder soll ich dir
Respekt beibringen?«
»Bleibt also noch die Mignon,« lachte sie unter seinem Griff.
»Ein Wesen, von dessen Weiblichkeit ich nicht einmal fest überzeugt
bin? O Maria, habe ich denn mit dir umsonst gelebt?«
Sie legte ihm die Hand auf den Mund. »Die Frau deines Freundes Lüttgen
war hier.«