Otten nahm seine Zigarrentasche heraus. »Probiert ens selwer.«

Der Dienstmann grinste und machte einen Kratzfuß. »Ich danken auch,

Herr Doktor.« —

Eine Stunde später trat Otten in die »Ewige Lampe« ein. An

einem Tischchen entdeckte er die behäbige Gestalt des einstigen

Schulfreundes, der ihm fröhlich entgegenwinkte.

»Das war schön von dir, Joseph, daß du mir keinen Korb gegeben hast.

Nimm Platz. Einstweilen ein Glas von diesem?«

»Du bedankst dich wohl noch, daß ich ~euch~ einen Korb gegeben habe?«

Otten gab dem Kellner Hut und Mantel und rückte seinen Stuhl an den

Tisch.

»In der Tat, Joseph, das tue ich auch.«

»Sonderbarer Gastgeber.«

»Ich sag’ dir, Joseph, heute mittag, als dein Brief kam! Wir saßen

gerade bei Tisch. Ich las und gab die Karte meiner Frau. ›Aha, der

große Künstler,‹ sagte sie. ›Schreibt ab,‹ sagte ich. Sie wurde ganz

blaß vor Ärger. ›Dieser große Herr. Allüren hat der Mensch! Bedauert,

nicht Folge leisten zu können. Schluß. Als ob er an dem Abend gerade

beim Gouverneur oder beim Herrn Erzbischof speiste.‹ — ›Wird er auch

wohl, Amely.‹ — ›Albernheiten ...‹ — ›Du siehst, Amely, der Mann hat

nicht nötig, auf uns zu warten.‹ — ›Das scheint dich wohl noch zu

freuen? Manieren habt ihr Rheinländer!‹«

Der Fabrikant trank einen Schluck. »Wahrhaftig, Joseph, darin hatte sie

recht. Und es ~schien~ nicht nur mich zu freuen, es freute mich sogar

ganz gewaltig. Ich hatte sogar eine diabolische Schadenfreude.«

»Ein sehr beliebter Gast schein’ ich demnach nicht bei dir zu sein.«

»Mehr als das, viel mehr. Nur — du weißt ja, ich hab’ immer eine

geheime Liebe zu dir gehabt, aber du standst mir geistig immer etwas

zu hoch, als daß ich mich getraute. Und als du nun vor einigen Tagen

bei mir hereinschneitest und warst so ein prächtiger, frischer Kerl,

da sagte ich mir: ~Den~ Freund behältst ~du~. Den gibst du nicht für

den Hofstaat ab. Etwas muß der Mensch haben, woran er sein Herz hängt.

Prost, Joseph.«

»Du begannst deinen Satz vorhin mit ›Nur —.‹ Also?«

»Ich meinte damit: ich gönne dich ihr nicht. Nicht auf die Art, wie’s

ihr beliebt. Befehlen — und kuschen. Oder allergnädigst: Luft! Und nun

passierte es ihr zum erstenmale, daß ~sie~ — Luft war. So etwas nimmt

sie nämlich höllisch persönlich. Und darum rieb ich mir die Hände.«

Joseph Otten trank gedankenvoll sein Glas Wein. Der Kellner brachte

eine neue Flasche.

»Eine Musterehe scheint ihr mir gerade nicht zu führen, Lüttgen.«

»O doch. Musterhaft im Nebeneinander. Das ist ja heute wohl das

Neueste. Und meine Frau geht mit der Zeit, darauf kannst du dich

verlassen.«

»Sag mal, Lüttgen, beichtest du mir nicht etwas viel?«

Der Fabrikant wandte dem Fragesteller langsam sein rotes, fleischiges

Gesicht zu. »Nein, Joseph.«

»Das ist kategorisch. Aber steht dir unter den alten Freunden keiner

näher?«

»Sie sind alle zu meiner Frau übergegangen.«

»Mann, dann geh du doch auch zu deiner Frau über.«

Lüttgen zog die Stirn zusammen. Eine Weile spielte er mit seinem Glas.

»Glaubst du etwa, daß ich das nicht versucht hätte? Oder weshalb,

glaubst du, daß ich sie vor drei Jahren geheiratet hätte, nach meiner

glücklichen ersten Ehe? Die Antwort? Weil ich verliebt war. Weil ich

mich noch jung genug fühlte, dem Herzen etwas zu bieten. Weil ich so

eitel war, nun mal was Apartes haben zu wollen, und nicht auf Vermögen

zu schauen brauchte. Denn sie hatte keinen Groschen. Pardon — das

gehörte nicht hierher.«

»Und deine Ausgleichversuche sind dir mißglückt?«

»Lieber Joseph,« sagte Lüttgen, »du drückst dich sehr zartfühlend aus.

Ausgleichversuche! Soll also heißen: Unterwerfungsversuche. Beruhige

dich, ich habe sie unternommen, täglich, stündlich. Denn ich liebte ja

diese Frau. Und um wahr zu sein: ihre wechselnden Stimmungen waren für

mich, der ich von komplizierteren Frauennaturen so gut wie gar nichts

kannte, ein Reiz. Soeben noch ein hochmütiges, herrschsüchtiges Weib,

dem es Freude machte, mich mit ihren geistreichen Bosheiten bis aufs

Blut zu peinigen, war sie eine Stunde darauf ein kleines, hilfloses

Mädchen, dem es Freude machte, sich auf meinem Arm durch die Stube

schleppen zu lassen. Dieser beständige Umschwung hielt mich in Atem.

Ich kam überhaupt nicht mehr zu mir selber, und das war der tiefere

Sinn. Diese Frau brauchte für alle Lebenslagen einen guten, treuen

Bernhardiner. Sie richtete mich ab.«

»Auch ein Bernhardiner kann eine Heldenrolle spielen, mein lieber

Freund.«

»Aber nur ein abgerichteter. Und auf Kommando.«

»Einer muß in der Ehe das Kommando führen.«

»Auch das zugegeben. Du siehst, ich bin nicht kleinlich. Aber ich

fragte mich bald: Wo ist denn hier die Ehe? Wo ist denn hier überhaupt

noch eine Gemeinschaft, und wenn’s eine Gedankengemeinschaft gewesen

wäre? Ich hatte tagsüber auf den Werken zu schaffen. Die Konjunktur

der letzten Jahre forderte den ganzen Mann. Donnerwetter, ich hab’ den

Karren weitergeschoben. Und wenn ich Abends heimkam und suchte ein

fröhlich Geplauder, um mich von Grund aufzufrischen, so wurde mein

Geist gewogen und zu leicht befunden. Ich weiß, ich bin keine Leuchte

auf literarischem Gebiet. Aber es gibt ja auch noch andere Gebiete. Ich

weiß, ich bin kein Causeur. Aber muß man denn beständig Perlen speien?

Ein paar liebe Worte, sollt’ ich meinen, sind auch keine leichte Ware.

Joseph, bis dahin glaubte ich ein Gott weiß wie stolzer Mensch zu sein

und — wenn ich durch die Fabrik schritt — Berechtigung dazu zu haben.

Dieser Stolz war mir bei der Arbeit von nöten, wie mir nach Feierabend

die Fröhlichkeit von nöten war. Ich wurde eines anderen belehrt.

Der Stolz war rheinischer Fabrikantendünkel, die Fröhlichkeit dick

aufgetragene Schminke, das geistige Manko zu verdecken. Ich lernte, daß

ich sowohl des Schwungs wie der Tiefe ermangelte, ich lernte, daß ich

— von meinem Verständnis für die höhere Schlosserei abgesehen — ein

geistiger Plebejer sei. Und meine Freunde, die auf die schönen Augen

meiner Frau Schwüre leisteten, lernten das ebenfalls — von mir glauben

...«

Otten blickte auf die Tischplatte. Nun hob er den Kopf. »Sie ist sehr

schön, deine Frau — —. Eigenartig stilisiert schön. Und geistvoll.

Beides weiß sie.«

»Von ~meinem~ Geistesreichtum habe ich schon gesprochen. Und meine

Schönheit —? Ich weiß, daß ich ein dicker, vollblütiger Kerl bin. Aber

das sah sie ja auch, bevor sie mich heiratete. Nun war ich unelegant,

ohne Manieren. Alle meine Lieblingsgewohnheiten wurden nacheinander

durchgenommen und mir verleidet. Andere Ambitionen konnten nicht

geweckt werden. Ich war auch zu störrisch dazu. Die Freunde umringten

meine Frau, deren Launen sie für himmlisch erklärten, um nicht als

Dummköpfe zu gelten. Ich wurde Portier. Auch ein schöner Posten. Aber

er wurde mir zur Last. Gottlob, daß du gekommen bist.«

»Ich habe dich ruhig angehört,« meinte Otten nach einer Pause, »und ich

kann mir wohl denken, daß selbst den Stärksten und Zurückhaltendsten

Stimmungen überrumpeln können, in denen er Dinge preisgibt, die man

sonst geheimzuhalten pflegt. Ihr steht augenblicklich in Kampfstellung

zueinander. Ihr seid gereizt und übertreibt daher. Und in kurzer Zeit

vielleicht schon, lieber Lüttgen, möchtest du das heutige Gespräch

ungeschehen machen. Das ist dann ein peinliches Gefühl, aber es soll

auch das einzige sein, denn ich werde die Dummheiten vergessen haben.

Im Grunde deines Herzens nämlich bist du ja doch stolz auf deine Frau

und liebst sie über die Maßen.«

Der Fabrikant schob sein Glas zur Seite und legte seine Hand auf die

Hand des Freundes.

»Ich nehme als selbstverständlich an, Joseph, daß das, was hier

gesprochen wird, unter uns beiden bleibt. Es ist das erste Mal, daß ich

die Maske des heiteren Haus- und Eheherrn so gänzlich beiseite lege.

Und ich setze sie schon wieder auf, sobald wir das Lokal verlassen.

Aber ich will auch einen Menschen für mich haben. Einen Menschen für

mich, bei dem ich hin und wieder mal vor Anker gehen kann, damit ich

mir nicht selber zum Spott werde. Und nun schau mich mal ganz ruhig an.

Ich bin ganz normalen Geistes. Und mein Verhältnis zu meiner Frau will

ich dir jetzt in drei Worten erleuchten, denen nichts an die Seite zu

stellen ist: Ich — hasse — sie.«

»Lüttgen.« rief Otten, erschüttert von der Ruhe des Mannes.

»Ich hasse sie. Das ist der Rest, an den sich meine Selbstachtung

klammert.«

Eine Minute ging hin. Das Schweigen wurde drückend.

»Wir sind verdammt ernst geworden, Lüttgen,« sagte Otten dann.

»Verzeih. Das lag durchaus nicht in meiner Absicht. Und ich hoffe, nun

wird’s für mich auch in meinem Hause heiterer werden. Ich hoffe auf

dich.«

»Du denkst doch nicht daran, daß ich in eurem Hause aus und ein gehe?

Vorhin erst freutest du dich über meine Absage.«

»Das tat ich, mein lieber Joseph, und tu’ es noch. Sie sieht daraus,

daß du die Leute auf ~dich~ zukommen läß’t. Das ist sie nicht gewohnt.

Und wenn du ein andermal kommst und dann viele Male, werden wir beide

Arm in Arm durch den Saal marschieren, und ihr Hochmut wird an dir

klein werden.«

»Lieber Lüttgen, das ist keine Rolle für mich. Ich habe der Dame des

Hauses, in dem ich verkehre, meinen Respekt zu erweisen.«

»Das darfst du. Du darfst ihr selbst den Hof machen. Du darfst sogar

ihr Freund werden, denn sie hat Eigenschaften, die das erklärlich

scheinen lassen. Ich bin ja nicht blind. Nur soll sie dabei erfahren,

daß du in erster Linie — ~mein~ Freund bist.«

»Und davon versprichst du dir so viel?«

»Für jetzt nicht, aber für mein Alter.«

»So bescheiden also kann man werden,« dachte Otten, »daß man von den

Jahren, die da kommen, nur noch Ruhe wünscht ...«

»Was meinst du?« fragte Lüttgen und zog die Uhr. »Wir gehen noch

hinüber ins Domhotel. Uns tut eine andere Umgebung not, wenn wir

auf eine andere Stimmung reflektieren. Hier ist die Luft jetzt mit

Trauertönen geschwängert. Weg damit.«

»Ja,« sagte Otten und erhob sich, »gehen wir.«

Als sie über die Straße schritten, Otten elastisch, der Fabrikant

schwerfällig, schob Lüttgen den Arm in den des Freundes.

»Neben dir komme ich mir wie ein Greis vor. Ja — das war einmal.«

»Trink nicht so schwere Sorten,« erwiderte Otten, »das macht

sentimental.« — — —

Der nächste Tag war ein Sonntag. Otten war übernächtig am

Frühstückstisch erschienen und hatte alsbald einen längeren Spaziergang

unternommen, um sich zu erfrischen. Die Gedanken sprangen in seinem

Hirn hin und her. Er wollte sie ordnen.

Der Morgen rückte vor. Carmen war zur Elfuhrmesse in den Dom

gegangen, und Frau Maria saß untätig in ihrem Sessel und hielt ein

Feierstündchen. Sie liebte die hellen Sonntagmorgenstunden, die klarer

scheinen als die Morgenstunden anderer Tage. Sie nahm ein stilles

Leuchten daraus für die Woche mit.

Unten schlug die Klingel an. Der alte Klaus, der auch seine Feierstunde

hielt, öffnete die Haustür. Leichte Schritte kamen die Treppe herauf.

Nun klingelte es am Korridorpförtchen. Frau Maria erhob sich, um

nachzusehen.

»Herr Doktor Otten zu Hause?«

»Mein Mann ist ausgegangen. Ich bin ~Frau~ Otten. Wollen Sie

nähertreten?«

»Sehr gern.«

Im Zimmer wies Frau Maria auf einen Stuhl. »Kann ich meinem Mann etwas

ausrichten, gnädige Frau?«

»Frau Lüttgen. Der Name wird Ihnen wohl bekannt sein als der eines

Freundes Ihres Mannes.«

»Ich hörte ihn gestern. Die Herren hatten eine Verabredung.«

»So geht es. Auch ich hörte erst gestern von Ihnen. Sonst wäre mir

sicher nicht der Fehler passiert, Sie nicht ebenfalls zu unserem

kleinen Fest zu bitten.«

»Ich wußte gar nicht, daß mein Mann eine Einladung angenommen hatte.

Aber ich gehe so wenig aus, daß es wirklich keiner Entschuldigung

Ihrerseits bedarf.«

»Die Einladung angenommen? Nein, Sie irren. Er hat sie ziemlich

kurzgefaßt abgelehnt. Und deshalb sehen Sie mich hier. Ich hatte mir

eine so hübsche Überraschung ausgedacht. Ich wünschte mit Herrn Doktor

Otten als wanderndes Sängerpaar aufzutreten, als Harfner und Mignon.

Es ist ein kleines Kostümfest, und nun macht Ihr zürnender Gatte einen

Strich durch die schöne Rechnung.«

»Nein,« sagte Frau Maria, »wie sollte er Ihnen zürnen? Er ist kaum eine

Woche von einer mehrjährigen Kunstreise zurück und wird sich noch etwas

müde fühlen.«

»Von Ermüdung habe ich am ersten Abend nicht viel an ihm bemerkt. Das

spricht die sorgende Hausfrau.«

»Er war bereits bei Ihnen?« fragte Frau Maria freundlich.

»Am Abend seiner Ankunft. Und das hat er verschwiegen? Das ist so recht

Männerart.«

»Ich bin nicht neugierig,« sagte Frau Maria lächelnd.

Frau Amely Lüttgen stutzte. Ihre klugen, grauen Augen hafteten an den

ruhigen Zügen der Frau, die sich so leidenschaftslos zu geben wußte.

»Das versteh’ ich nicht,« sagte sie. »Oder aber — wir müßten dieselbe

Tugend vom Mann verlangen können.«

»Nicht neugierig zu sein? Damit hätten wir doch nichts gewonnen.«

»Nichts —?«

»Höchstens, daß man den Mann um nichts eifersüchtig machte. Wenn Sie

das meinen?« Frau Maria lachte.

»Es brauchte ja nicht immer ›um nichts‹ zu sein.«

»Sie scherzen, gnädige Frau.«

»Hören Sie mal, dies Thema interessiert mich. Aber Sie interessieren

mich doch noch viel mehr.«

»Damit Sie keine Enttäuschung erleben, schlage ich Ihnen lieber vor,

bei dem Thema zu bleiben.«

»Im Ernst, Frau Otten, Sie verlangen doch nicht, daß wir Frauen

Menschen zweiter Klasse werden?«

»Im Gegenteil. Menschen erster Klasse. Damit der Mann einen Maßstab

behält.«

»Der Mann! Immer der Mann! Ist seine Person wirklich so wertvoll, daß

sie mit so zarter Rücksicht behandelt werden muß?«

»Als Vater unseres Kindes, sollt’ ich meinen. Wenn man von seiner

Person absehen will.«

»Des Kindes!«

»Sie sehen, bei dem Wort stockt schon unser Eifer. Im Grunde ist es

doch ein ganz einfaches Exempel, wenn wir wollen.«

Das ruhige Gleichmaß in der Frau reizte die Besucherin, das Thema noch

nicht fallen zu lassen. »Sie sagten: das Kind. Gewiß, darin pflichte

ich Ihnen bei. Das Kind ist heilig. Aber gerade darum müssen wir frei

in der Wahl seines Vaters sein können.«

»Ich glaube nicht daran,« erwiderte Frau Maria, »daß das Kind in der

Geburt heilig ist. Ich glaube aber daran, daß die Mutter es heilig

machen kann. Durch ihr Beispiel. So weit das ausreicht. Die Erziehung

macht den Menschen.«

»Demnach erscheint es Ihnen auch unfaßlich, daß sich eine Frau einem

Manne gesellt, ohne — wie sage ich — ohne Formalität?«

Über Frau Marias Stirn zog sich eine feine Röte, die sich mehr und mehr

vertiefte.

»Wie sollte mir das unfaßbar erscheinen? Aber man müßte den Mann so

sehr lieben, daß man ihn auch — zu jeder Stunde heiraten würde.«

»Tut’s das wirklich?« fragte Frau Amely spöttisch.

»Ich sagte ›auch‹. Das bedeutet: man muß wissen, daß man verbunden

ist, — so — oder so. Man muß wissen, daß man das, was man tat, aus

einem großen, gewaltigen, wunderbaren Triebe heraus tat, und nicht

aus Widerstandslosigkeit gegen sich selbst oder, umgekehrt, aus eitel

Berechnung und Vernünftelei. Unsere Kinder haben Blut nötig, und das

Blut kommt aus dem Herzen.«

»Solch ein Herz kann sich auch verbluten.«

»Verbluten wohl. Aber das Blut kann nicht wässerig werden, dadurch,

daß man nach hierhin und dorthin abgibt. Das würde ein elendiges

Menschengeschlechtlein werden.«

»Und an sich selbst, an Ihre eigenen Rechte denken Sie gar nicht?«

»Verzeihung,« sagte Frau Maria und erhob sich. Unten hatte die

Türklingel angeschlagen. Carmen kam lustig aus der Messe.

»Meine Tochter Carmen,« präsentierte Frau Maria das Mädchen. Und Carmen

knixte und reichte die Hand.

»Was für ein intelligentes Köpfchen,« sagte die Besucherin staunend.

»Ich werde dich einmal in meinem Wagen abholen.«

»Ach ja — bitte.«

»Schau mal nach dem Vater aus, Kind. Er wird am Rhein entlang

zurückkommen.«

Carmen stürmte hinaus.

»Und solch ein sprühendes Wesen soll nun in die alte Schablone gepreßt

werden, nur weil’s das Herkommen so will?«

»Sie halten mich für rückständiger, als ich bin, gnädige Frau. Ich

bin eine unbedingte Anhängerin der neuen Zeit, die von uns Frauen

eine Erneuerung und Weiterbildung in allen Wissenschaften fordert, je

nach der persönlichen Befähigung natürlich. Hat Carmen erst mit ihrem

jetzigen Schulstudium abgeschlossen und hält ihre Befähigung stand, so

wird sie den Gymnasialkursus absolvieren, der jetzt eingerichtet ist.

Wir bleiben also nicht stehen, gnädige Frau.«

»Und in der neuen Ethik?«

Frau Maria lächelte vor sich hin. »Daß Sie daran so festhalten. An dem

Worte ›neu‹. Sie bleibt ja doch dieselbe. Immer die, die ~wir~ für

gut und schön halten, und immer die, die ~andere~ für gut und schön

halten. Das wird sich niemals ändern. Nur, daß man bisher kein Wesen

davon machte, wenn man die eigene für besonders schön hielt. Daraus

wurde Poesie. Trägt man aber die Poesie auf den Markt, so muß wohl

Marktgeschrei daraus werden. Deshalb sollte man die neue Ethik nicht

immer so laut verkünden.«

Frau Amely zog die Augenbrauen hoch.

»Sei dem, wie ihm sei. Der Erfolg wird Recht sprechen. Aber

jedenfalls,« und sie erhob sich rasch, »haben wir uns nicht über

Dienstmädchensorgen und die billigsten Bezugsquellen unterhalten. Bei

einem ersten Besuch! Wir sind also wirklich bildungsfähiger als die

Männer, die über die Weinpreise noch nicht hinausgekommen wären.«

»Die armen Männer,« lachte Frau Maria belustigt.

»Wahrhaftig. Es sind arme Teufel. Und sie sollen es wissen.«

»Nehmen Sie meinen Mann aus.«

»Sie machen mich wirklich begierig, ihn näher kennen zu lernen. Er muß

die Tugenden wie Orden auf der Brust tragen.«

»Kennen Sie nicht den starken Wahlspruch der Engländer, gnädige Frau?

=Right or wrong, my country?= So denke ich über meinen Mann.«

»Ich hätte fast den Zweck meines Herkommens vergessen,« sagte Frau

Amely. »Wollen Sie mir helfen, Ihren Mann umzustimmen? Und werden Sie

mir ebenfalls die Freude machen?«

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, an mich zu denken. Aber ich

kann mich des Abends nicht gut von meinem Kinde trennen. Wir leben so

zurückgezogen, daß Carmen gerade am Abend ganz auf mich angewiesen ist.«

»So schicken Sie Ihren Mann allein. Sagen Sie ihm, daß ich darauf

rechnete, daß er mir nicht die Harfner- und Mignon-Idee verdürbe. Ich

würde mich als Mignon so entzückend wie möglich machen. Ganz allein ihm

zuliebe. — Vielleicht hilft das.«

»Es wäre wenigstens die heftigste Beschwörung.«

»Adieu, gnädige Frau. Es war eine reizende Stunde bei Ihnen.«

»Adieu, gnädige Frau.«

»Sie werden jetzt öfter von mir hören. Das haben Sie nun davon.«

»Ich werde mich gern daran gewöhnen.« — —

Frau Amely schritt die Gasse hinunter und bog am Rheinufer ab. Frau

Maria sah ihr vom Fenster aus nach.

»Das ist nicht nur Kleidereleganz,« sagte sie, »das ist vererbte

Kultur.« Und sie bewunderte die feine Körperlinie und die Art des

Gehens. »Körperkultur. Und die Gedanken werden davon abhängig gemacht.

Das ist das Geheimnis.«

Sie kehrte sich langsam ab, um in die Küche zu gehen. Es wurde Zeit,

die Anrichtung des Mittagsmahls zu übernehmen. Ihr Blick fiel in den

Spiegel.

»Du gehörst Joseph Otten und keinem sonst,« und sie nickte der großen,

ebenmäßigen Figur, deren Bild der Spiegel zurückwarf, zu. »Das ist eine

bessere Freiheit. Keinem sonst ...«

Eine halbe Stunde später kam Otten heim. Carmen hing an seinem Arm. Der

Spaziergang hatte ihn erfrischt, er war munter und wortreich.

»Du hast Besuch gehabt, Maria? Carmen erzählte mir von einer Dame, der

lauter Pelzschwänzchen von der Schulter gebaumelt hätten. Das Mädel

will partout auch so einen Pelz.«

»Bist du ihr nicht begegnet?«

»Wie, ging sie denn, mich suchen?«

»Sie ging von hier aus das Rheinufer entlang. Ob das dem Rhein gegolten

hat?«

»Schelm, du willst mich wohl eitel machen? Wer war’s denn?«

»Kennst du eine gewisse Mignon?«

»Nur die eine, von der man nie recht weiß, ob sie ein Jung’ oder ein

Mädel ist.«

»Und den Harfner kennst du auch?«

»Auch den Harfner.«

»In welchem Verhältnis steht denn der zur Mignon?«

»Das wird ihm wohl selbst schleierhaft sein. Ist er der Vater, der

Geschäftsführer oder — der Liebhaber?«

»Wäre das nicht eine passende Rolle für dich?«

»Höre mal,« sagte Otten und griff ihr unters Kinn, »wenn sich bei mir

auch schon ein paar graue Haare zeigen, so bitte ich doch sehr, mich

nicht als rätselhaften Mummelgreis zu verschleißen. Oder soll ich dir

Respekt beibringen?«

»Bleibt also noch die Mignon,« lachte sie unter seinem Griff.

»Ein Wesen, von dessen Weiblichkeit ich nicht einmal fest überzeugt

bin? O Maria, habe ich denn mit dir umsonst gelebt?«

Sie legte ihm die Hand auf den Mund. »Die Frau deines Freundes Lüttgen

war hier.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 31 / 54 题