Joseph Otten war in diesen Tagen viel unterwegs. Er schlenderte durch
die Straßen, mischte sich unter das Volk und ließ die Spannung, die
in der Luft lag, auf sich wirken. Er liebte den Fasching, und er
behauptete, er liebe ihn als Menschenfreund. »Es ist die einzige Zeit
im Jahre,« erklärte er lachend Frau Maria, »in der sich die Menschen
vernünftig, das heißt ihrer innersten Veranlagung gemäß, betragen.
Wenn sie brüllen, tun sie es nicht, weil sie es an diesem Tage dürfen,
sondern weil sie es an anderen Tagen ~nicht~ dürfen. Und wenn die Moral
wackelt, so zeigt sie nur damit, auf welch schlechten Füßen sie das
Jahr hindurch gestanden hat. Außerdem ist mir das alles persönlich eine
Beruhigung.«
»Joseph!« antwortete Frau Maria.
Er nahm sie in den Arm. »Und dir sollte es auch eine sein. Wenn ich das
ganze Jahr hindurch mehr oder minder an den Maskenscherzen im Leben
teilnehme, so müßte sich diese Frau hier, wenn sie klug wäre, sagen:
Der Unterschied zwischen dem anderen Volk und dem Joseph ist nur der,
daß der Joseph ~niemals~ aus seinem Herzen eine Mördergrube macht.«
»Ich ~bin~ eine kluge Frau.«
»Weiß ich,« sagte er, strich ihr ein Haarsträhnchen aus der Stirn und
küßte sie auf die Augen.
Der Briefträger brachte die Post, und Frau Maria ließ den Gatten
allein. Der Konzertagent schrieb wegen einer englischen Tournee. Otten
steckte das Schreiben ein. »Werd’ ich mir wohl noch überlegen dürfen.«
Dann griff er nach dem zweiten Brief. »Ein Stadtbrief? Unbekannte
Handschrift?« Er drehte das schmale Kuvert ein paarmal zwischen den
Fingern, riß es auf und zog eine lithographierte Karte heraus.
»Herr und Frau Karl Lüttgen geben sich die Ehre, Herrn Doktor Joseph
Otten auf nächsten Mittwochabend zu einer kleinen Tanzfestlichkeit
einzuladen. Bitte, Kostüm.«
Er blickte über die Karte hinweg ins Weite. Um seinen Mund zuckte
es kurz. »Sieh da — die gnädigste Frau Lüttgen ... So schnell eine
Kommandierung ... Bedaure.«
Er nahm eine Visitenkarte und füllte sie mit einer Zeile aus.
»Dr. Joseph Otten — bedauert, der freundlichen Einladung auf
Mittwochabend nicht Folge leisten zu können.«
Er kuvertierte und schrieb die Adresse. »Herrn Fabrikbesitzer Karl
Lüttgen und Frau Gemahlin.«
»Erstens,« sagte er sich, als er den Brief in den Kasten steckte,
»ladet man mich nicht wenige Tage vorher durch eine übriggebliebene
Drucksache ein, als ob ich mit beiden Händen danach greifen würde.
Zweitens: eine schöne Frau, die nur Malicen zu vergeben hat, das ist
Destillation auf trockenem Wege. Scheußlich.« —
Am Abend brachte ein Dienstmann ein Briefchen. »Ich kriegen Antwort,
Herr Doktor.« Otten sah nach der Unterschrift. »Karl Lüttgen.« Er
zuckte die Achsel. »Solche Zähigkeit.« Dann las er:
»Lieber Joseph! Du würdest mir eine große Freude bereiten, wenn Du
mir gestattetest, den Abend mit Dir gemeinsam zu verbringen. Wollen
wir uns in der Komödienstraße, in der ›Ewigen Lampe‹ treffen? Nur um
ein Dir bequem liegendes Rendezvous anzugeben. Von dort können wir
weiter. Fürchte kein Attentat wegen Deines Erscheinens respektive
Nichterscheinens am Mittwoch. Im Gegenteil. Dein Karl Lüttgen.«
Otten schüttelte den Kopf. »Dieses ›im Gegenteil‹ ist so köstlich, daß
es belohnt zu werden verdient.« Er setzte sich hin und schrieb Antwort:
»Werde in einer Stunde zur Stelle sein. Ebenfalls sehr erfreut. Dein
Otten.«
Er händigte das Billett dem Dienstmann ein, der es sorglich im Innern
seiner Mütze unterbrachte.
»Et rücht hier jet brenzlich, Herr Doktor.«