Frau Maria lächelte. »Du bist ein eitler Mensch.«

»Und es sind dir keine Hindernisse in den Weg gelegt worden?«

»Wegen der Firmelung? Nein.«

»Dem Kind nicht. Aber der Mutter?«

»Ach, Joseph,« sagte Frau Maria abwehrend, »was bedeutet das? Mir kann

das doch nichts anhaben. Ich lass’ mir doch mein Leben, das ich eines

Tages schön und später für lebenswert befunden habe, durch äußere

Einflüsse nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Sei unbesorgt. Ich nenne

heute nicht schwarz, was ich gestern weiß nannte.«

»Also hat dir die Seelsorge stark zugesetzt?«

»Der Pfarrer kam häufig ins Haus. Dann hin und wieder einmal. Zuletzt

blieb er fort. Es lohnte nicht.«

»Es lohnte nicht,« wiederholte Otten. »Und alles, was dazwischen liegt,

ist damit abgetan. Wie groß muß dir das erscheinen, was sich für dich

lohnt.«

Sie antwortete nicht. Sie fühlte, daß ihr Tränen kommen würden, und

die Nacht war doch vorbei. Der Tag aber machte andere Rechte an sie

geltend. Und heute zumal. Es würden doppelte Mutterpflichten werden,

für das Kind, das in die Jugend hineinwuchs, und für den Mann, der aus

der Jugend nicht herauswachsen wollte und konnte.

Sie beugte sich über ihn. Er war eingeschlafen. So ruhig atmend lag er,

als hätte kein Sturm über ihn Gewalt, als wäre er des Wächters sicher.

Knabenhafter Friede mischte sich mit den kühnen Manneszügen. Und Frau

Maria dachte: »Das ist eine der Stunden, in denen er mir ganz allein

gehört. Auch seine unruhige Seele. Jetzt halt’ ich sie in Händen.« —

Das Tageslicht fiel durch die Spalten des Fenstervorhangs. Frau

Maria hatte geträumt. Sie sah den Mann, dem sie sich unwiderruflich

anheimgegeben, um fünfzehn Jahre jünger. Als Neuerwecker des deutschen

Liedes zog er aus, und sie glückberauscht an seiner Seite. Ein Frühling

war über die Lande gekommen, über ihr Herz. Kein Mensch hatte ein

solches Blühen erlebt als nur sie. Als nur sie! Das strich man nicht

aus einem Leben, wollte man nicht seinen ganzen Inhalt preisgeben.

Und die Frau las in den Zügen des vor ihr Liegenden und las und las,

und immer mehr las sie den Frühling ihres Lebens heraus, träumend in

Erinnerungen, dankerfüllt, daß sie sie zu eigen hatte.

Als Verkünder des deutschen Liedes war er ausgezogen — als Künstler

kehrte er heim.

Nein, das war nicht die Erfüllung aller Hoffnungen. Und dennoch der

besten: er fand zu ihr heim. Mochte er sonst sein, wer er wolle. »Ich

weiß nichts, als daß ich ihn lieb behalten muß.« — —

Im Zimmer Carmens regte es sich. Die Frau horchte auf. Sie hörte die

Tür gehen. Und leise löste sie ihre Hand aus der des Schlafenden, erhob

sich und ging hinaus.

»Guten Morgen, Mutter. Es ist spät geworden.«

»Guten Morgen, Kind. Du trinkst ein Glas heiße Milch. Denke dir, ich

habe den Kaffee vergessen.«

»Aber Mutter! Und wie du ausschaust! Wie ein junges Mädchen!«

»Wie eine alte, verträumte Frau.«

»Sind die auch glücklich?«

»Ausruhen können, Kind, ist immer schön, wenn man einen Rückblick hat,

der lohnt.«

Sie blieb bei der Tochter, bis sie den Schulweg angetreten hatte. Eine

mädchenhafte Röte überzog ihre Wangen, als sie leise ins Schlafzimmer

zurückkehrte. »Sie soll ihren Vater frisch und strahlend sehen,«

gestand sie sich. »Das mag Eitelkeit sein. Trotzdem, ich will es.

Es gehören die Augen einer Frau dazu, um den Mann immer im gleichen

Bilde zu sehen. Die Augen einer Frau, die mit dem Mann eine gemeinsame

Geschichte hat.«

Still setzte sie sich auf ihren alten Platz, nahm die Hand des

Schlafenden in die ihre und horchte auf seine Atemzüge. Wie eine

Pflegerin saß sie da, die nichts will als die Gesundung. »Denn ich hab’

ihn nur lieb ...« murmelte sie.

=VIII=

Zwei Tage hatte Joseph Otten sein Haus in der Rheingasse nicht

verlassen. Eine wohlige Abspannung war über ihn gekommen, hatte Körper

und Geist gleichermaßen ergriffen und jenen Zustand feinsten Genießens

heraufbeschworen, den der Rekonvaleszent lächelnd in sich aufnimmt,

wenn er in der augenblicklichen Schwäche die Kräfte zurückfluten

und neu sich sammeln sieht. Das erste Wiedersehen mit Carmen war

für ihn eine kleine Überraschung gewesen. Daß es für ihn eine

Enttäuschung bedeutet hatte, wollte er sich nicht gern eingestehen. Der

Freudenausbruch des Mädchens, der ihn zuerst entzückt hatte, war allzu

rasch dem Interesse an allerlei Tagesfragen gewichen, der Vater spielte

die Rolle des Besuchs, auf den nicht zu rechnen ist, die Tochter

nickte ihm freundlich zu, fand aber wenig Veranlassung, sich mit ihren

Wünschen an ihn zu wenden, und es war offensichtlich, daß sie verlernt

hatte, seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in Rechnung zu stellen.

»Racker,« dachte Otten, »ich werde dich schon wieder einfangen.« Und

er begnügte sich zunächst, mit wachsendem Wohlgefallen die Grazie des

Mädchens und den bunten Wechsel ihres Temperaments zu beobachten. »Ich

habe sie doch richtig getauft,« sagte er sich mit heimlichem Behagen.

»Carmen! Das Lied! In jedem Gewande ist sie es. Bald ein naives

Volksliedlein, bald ein fortstürmender Triumphgesang, bald — wer weiß,

wie bald — ein heißes Liebeslied.... Nun, der Meister wird sich finden,

der ihren Sinn auf die richtige Harmonie stellt. Nur Geduld wird er

haben müssen, denn das Material ist so spröde wie kostbar.«

Am Abend des zweiten Tages saß Otten allein im dämmerigen Zimmer, als

Carmen von einem Ausgang zurückkehrte und ins Zimmer trat.

»Hallo, Kleine.«

»Gott, wie du mich erschreckt hast! Bist du es, Vater?«

»Du hast wohl ein schlechtes Gewissen? Komm doch mal näher.«

»Du kannst mich ja doch kaum sehen. Es ist ja beinah’ dunkel.«

»So, damit rechnest du also. Aber ich werde es machen wie der alte

König, der eine junge Frau genommen hatte und dem verliebten Pagen

nachlief, den er vor ihrer Tür betraf.«

»Das ist lustig.«

»Das ist sehr traurig, aber ich will es dir doch erzählen, damit du

einsiehst, daß es ein Vertuschen nicht gibt. Als der verliebte Junge

vor seinem Verfolger in den Schlafsaal entwischt war und sich zwischen

den anderen Pagen schlafend stellte, ging der alte, weise König von

einem zum andern und legte jedem die Hand aufs Herz. Und siehe da, ein

Herz schlug ganz ungestüm. ›Hab’ ich dich?‹ sagte der alte, weise König

und nahm das Herzchen beim Ohr.«

»Au, Vater.«

»Au, mein Herzchen, laß es dir eine Lehre sein. Die alten, weisen

Könige leben noch.«

Sie faßte seine Hand, die ihren Ohrzipfel hielt. »Der alte König war

nur so weise, weil er früher auch mal Page war.«

»Daß dich das Mäuschen beißt! Solche Logik verbitt’ ich mir.«

»Und du warst auch mal Page. Sonst wüßtest du das alles nicht.«

»Aber man schämt sich hinterher seiner Pagenstreiche. Und das vermisse

ich doch sehr bei dir.«

»Vater,« lachte sie leise und drückte ihren Kopf gegen seinen Ärmel,

»ich möcht’ dir auch mal die Hand aufs Herz legen.«

»Willst du schweigen! Es ist doch ein Glück, daß es dunkel ist....

Mädel, ich glaub’ fast, du wärest besser ein Junge geworden.«

»Dann hätte ich dein Kamerad werden können.«

Er nahm sie fester in den Arm. »Hätte dir das Freude gemacht? Mit

deinem Vater durch die Welt zu ziehen?«

»Du mit der Mandoline, Vater, und ich mit dem Tamburin. Und kein

Mensch, der uns was zu sagen hätte. «

»Und Abends im Städtlein,

Da kehr’ ich durstig ein —«

summte Otten. »Die Sterne stehen am Himmel und winken zu neuen,

unbekannten Fernen, und wir flüstern noch im Schlaf: morgen — morgen

kommen wir zu ~euch~!«

»Ach, Vater —«

»Hast du mich lieb, Töchterchen?«

»Jetzt wieder. Nun behandelst du mich nicht als kleines Mädchen. Das

geht doch nicht gut.«

»Und weshalb soll das nicht gehen?« fragte er erstaunt.

»Du bist doch nie zu Hause gewesen. Vor der Mutter brauch’ ich mich

nicht zu genieren. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich weiß nun

mal nicht anders, als daß sie immer zu mir gehört hat. Verstehst du?«

»Närrchen,« sagte er, hob ihr Kinn und küßte sie. »Ich gehöre auch

dazu.«

Sie erwiderte nichts. Aber sie schlang die Arme um seinen Nacken und

schwang sich auf sein Knie.

»Was? Doch noch ein Schoßkindchen? Solch ein großes Frauenzimmer!«

»Es sieht ja keiner. Ich freue mich, daß du da bist.«

»Mit einem Male? Ich hatte schon die Hoffnung verloren.«

»Ach du! Du verlierst nie die Hoffnung. Ein so berühmter Mann wie du

hat ein Zauberstäbchen.«

»Das möchtest du wohl auch haben?«

»Ich bin furchtbar stolz auf dich. Ich höre immer zu, wenn die Leute

von dir sprechen. Und sie sprechen immer so Interessantes von dir.«

»Na, na,« machte er zweifelnd.

»Du kannst es mir glauben. Und ich weiß, daß mich alle meine

Freundinnen um dich beneiden.«

»Schmeichlerin,« knurrte Otten. »Du schmeichelst wohl nur so schön,

weil du dir schmeichelst.«

»Hast du auch Prinzessinnen kennen gelernt? Oder interessieren sich die

nicht für uns?«

»Mein liebes Kind,« sagte Otten, »jeder Mensch sehnt sich in seinem

Unverstand am meisten nach dem, was nicht für ihn ist. Wenn wir uns

ein Märchen ausdenken, muß es eine Prinzessin sein, und wenn eine

Prinzessin ein Märchen spinnt, muß es ein Gänsejunge sein. Aber bald

schon, und wir bekommen die Prinzessin und die Prinzessin bekommt uns

über.«

»Wann soll das kommen?«

»Wenn der holde Unverstand schwindet. Wenn wir sehend werden und der

schadenfrohe Tag uns das Spielzeug aus den Händen schlägt. Wer dann

noch nicht klug ist, rennt hinter neuen Märchen her. Es gibt eben so

viele Prinzessinnen und so viele Gänsejungen.«

»Erzähl doch.«

»Kind, nach so etwas fragt man nicht. Kleine Mädchen haben hübsch

Fastenspeise zu essen.«

»Ich bin kein kleines Mädchen.«

»Verzeihung, mein Fräulein, aber ich wußte nicht, wie ich Sie als junge

Dame anders behandeln sollte.«

Plötzlich lachte sie in sich hinein.

»Was hast du, großer Racker?«

»Mir fiel nur eine Geschichte ein, weil du von Fastenspeise sprachst.

Der alte Klaus hat sie mir erzählt.«

»So, so. Eine Geschichte vom alten Klaus. Ist sie auch fromm?«

»Sie ist von einem Mönch aus einem Kloster im Siebengebirge. Wie heißt

er doch?«

»Cäsarius von Heisterbach.«

»So heißt er. Soll ich sie dir erzählen?«

»Du fieberst ja darauf. Und tugendhaft ist sie? Nun, ich werde sehen,

ob ich mich daraufhin beruhigen kann.«

»Hör zu, Vater. Beim Dechanten von Sankt Andreas kehrten einmal an

einem Fasttag einige Mönche ein, die er zu Tisch lud. Da aber keine

Fische im Hause vorhanden waren, sprach er zu seinem Koch: ›Wir haben

heute keine Fische, aber es sind einfache Klosterbrüder, und sie

haben Hunger; da wird es ein Fleischgericht auch tun. Du mußt aber

die Knochen sauber herausnehmen und es so kneten und klopfen, daß es

aussieht wie ein Fisch. Dann tust du brav Pfeffer daran, bringst die

Schüssel auf den Tisch und sagst dazu: Gesegne der Herr euch diesen

Butt allesamt!‹«

»Carmen, Carmen — —!«

»Der Koch tat genau nach Auftrag, und sobald er gesagt hatte: ›Gott

gesegne euch diesen Butt,‹ begaben sich die Mönche ans Essen, und es

mundete ihnen vortrefflich. Der fromme Betrug blieb ihnen verborgen,

und obgleich der Butt seltsam schmeckte, so war der Geschmack doch

nicht unangenehm. Fragen wollten sie nicht, ob er vielleicht aus der

See herkomme, weil sie den Wirt keiner Unwahrheit zeihen mochten. Wie

aber der Grund der Schüssel schon sichtbar war, fischte einer der

Mönche mit dem Löffel ein Schweinsöhrchen, und der andere zog ein

Schnüßchen hervor. Lächelnd sahen sich die beiden an und zeigten ihren

Fund. Der Dechant aber sagte scheinbar erzürnt: ›Esset doch in Gottes

Namen weiter! Mönche sollen nicht vorwitzig sein. Butte haben doch auch

Ohren und Schnüßchen!‹«

»Nun? Nun?« Otten lachte, daß ihm die Tränen kamen.

»Also aßen sie die Ohren und Schnüßchen ohne Gewissensbedrängnis,«

schloß das junge Mädchen, und ihr klingendes Lachen mischte sich mit

dem des Vaters.

»Und die Nutzanwendung für mich? Denn das hast du doch bezweckt?!«

»Mönche und junge Mädchen sollen nicht vorwitzig sein.«

»Das stimmt! Nun also? Das stimmt doch?«

»Und deshalb kannst du mir ruhig erzählen, was du willst. Ich werde es

—«

»Nun, was wirst du —«

»Ich werde es für einen Butt nehmen.«

»Mädel!« rief Otten und nahm sie beim Kopf. »Durchtriebenes

Frauenzimmer. Ist das deine Tochter, Joseph Otten?«

Er wiegte sie auf dem Schoß hin und her. Und summte dazu, als gälte es

ein Wiegenlied.

»Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen beßren findst du nit ...«

Frau Maria trat mit der Lampe ins Zimmer. Überrascht schaute sie, vom

rötlichen Lichtschein umflutet, von der Schwelle auf das Bild.

»Was treibt ihr beide denn im Dunkeln?«

»Wir erteilen uns Unterricht, Frau. Kannst dran teilnehmen.«

Frau Maria trug die Lampe auf den Tisch und zupfte den Schirm herunter.

»Daran teilnehmen? An eurem Unterricht? Ich habe meinen Kopf für euch

Feuerköpfe nüchtern zu halten.«

»Wird auch anerkannt, Hausengel. Aber ich muß doch auch meinerseits

etwas für die Erziehung meiner Tochter tun.«

Sie suchte im Zimmer ihre Handarbeit und strich im Vorübergehen über

sein Haar. Mit der stillen, liebkosenden Gebärde, wie sie Mütter haben.

— —

Am nächsten Tag stellte sich, unerwartet, Moritz Lachner ein. Er war

aufgeregt und hatte leuchtende Augen.

»Ich wollte gern Herrn und Frau Doktor begrüßen.«

»Erfuhrst du denn schon meine Rückkehr?« meinte Otten verwundert.

»Gestern abend. Durch Herrn Gülich.«

»Durch Herrn Gülich? Wer ist das doch gleich? Ah so, der Klaus,

natürlich. Nimm Platz, mein Junge, es ist hübsch von dir, daß du an

mich denkst. Aber brauchst du denn heute nachmittag nicht zur Schule?«

»Ich habe heute morgen — mein Abiturientenexamen bestanden. Vom

mündlichen dispensiert.«

»Alle Wetter! Hand her! Meinen Glückwunsch, Moritz. Heute morgen? Und

kommst gleich hergelaufen? Anhängliche Seele du, nimm Platz.«

Auch Frau Maria gratulierte herzlich. »Und wohin soll es nun gehen,

Moritz?«

»Nach Bonn, Frau Doktor.«

»Nach Bonn — —,« wiederholte Otten. Und noch einmal leiser: »nach Bonn

— —. Junge, Junge, wie sich das ausspricht. Was das für musikalische

Worte sind. Die ganze Stube ist plötzlich wie mit Maienluft gefüllt.

Ich seh’ den Alten Zoll, und ich selber lehne oben an der Mauer, ein

Dutzend bunte Mützen um mich her, und wir singen den Vater Rhein an und

das Siebengebirge in seiner versunkenen Romantik, und kein Mensch wüßte

zu sagen, sind wir voll der süßen Jugend oder des süßen Weines. Das ist

ja eins, das ist ja einerlei! Wichtiger ist, daß noch immer die Linden

duften ›beim Ännchen‹ zu Godesberg, Lindenwirtin du junge! Moritz,

das ist mir im Leben noch nicht vorgekommen: heute beneide ich einen

Menschen.«

»Ich will Geschichte studieren, Herr Doktor.«

»Gut, daß du Vorsätze hast. Aber ~was~ du studierst, ist einstweilen

schnuppe. ~Daß~ du studierst, ~daß~ du! Und daß du in Bonn studierst.«

»Nun freue ich mich erst wirklich, Herr Doktor. Mit Ihnen hätt’ ich in

Bonn studieren mögen.«

»Wünsch dir das nicht, mein Junge. Nur der winkende Tag hat seinen

Wert. Du wärst heute höchstens wie ich — um ein Menschenalter

unvernünftiger.«

»Nein, Herr Doktor, statt des winkenden Tags hätte ich die Fülle der

Tage. Sie haben sie in Besitz genommen.«

»Komm ins Freie. Wir wollen einen Bummel machen. Es ist noch zu früh,

um einen Trunk zu tun, aber wir werden irgendwo nachher den =mulus=

begießen.«

»Wollen Sie Carmen von mir grüßen, Frau Doktor?«

»Gern, Moritz. Auf Wiedersehen.«

Das Straßenleben lenkte Otten ab. »Doch ein famoses Nest, unser

Köln. Ich lieb’ es, wenn die Gegensätze aufeinanderstoßen. Das hält

das Blut in Fluß. Diese göttliche Lebensfreude und dazu diese ewige

Himmelsbereitschaft. Da läuft schon wieder ein Trüppchen in die Kirche.

Besser ist besser.«

»Jetzt ist doch keine Messe,« sagte Moritz Lachner und zog die Uhr.

»Keine Messe? Ist es noch nicht so weit? Übrigens: seit wann

interessierst du dich für den Katholizismus?«

»Ich interessiere mich für jedes Glaubensbekenntnis. Ich soll doch mit

den anderen leben.«

»Hör mal, Moritz, das war ein gescheites Wort. Wer mit seinem Nächsten

als Bruder leben will, sollte vor allem den Herrgott seines Bruders

kennen lernen, und er hat den Faden zu seiner Seele. Aber in der

Beziehung steckt unsere hochgepriesene moderne Zeit noch immer im

dicksten Mittelalter, und die Schule hüllt sich in heimtückisches

Schweigen. Ist das nicht ein klägliches Zeichen? Unsere gebildeten

Schüler lernen den Kultus von Isis und Osiris und die Molochsgebräuche

auswendig, daß sie sie des Nachts wie ihr eigen Vaterunser aufsagen

können. Aber der junge Katholik weiß vom Protestanten nicht viel mehr,

als daß er ein Ketzer ist, und Wesen und Gebräuche der katholischen

Kirche bleiben dem jungen Protestanten unheimliche Rätsel. Mit den

Jahren wird das Brett vor dem Kopf noch etwas dicker. Von der jüdischen

Religion will ich gar nicht sprechen. Wenn nur der zehnte Teil von dem

wahr wäre, was über euren armen Talmud gelogen wird, müßtet ihr wie die

Katzen in den Rhein. Heilige Mystik! Den Menschen soll’s gruseln, damit

er bei der Stange bleibt. Und unser Griechenhimmel ist dennoch voll von

Göttern!«

Moritz Lachner schritt, ein glückliches Leuchten in den Augen,

neben dem Idol seiner Kindheit her. Daß es auch das Idol seiner

Jünglingsjahre bleiben würde, das spürte er in dieser Stunde. So frei

werden, so warmherzig in der Freiheit! Wie er ihn liebte! — — —

»Was spintisierst du, Moritz? Deine Gedanken flattern wohl um Bonn?«

Hastig wehrte der junge Mann ab. »Ich dachte nur daran, ob sich das,

was Sie mir soeben erschlossen, nicht zur Grundlage einer — einer

Kulturgeschichte machen ließe.«

»Mir scheint es wirklich,« meinte Otten, »als ob ein Jude noch am

ehesten berufen wäre, eine europäische Kulturgeschichte objektiv zu

schreiben. Er ist an den Kämpfen der herrschenden Parteien am wenigsten

beteiligt gewesen, ihm konnte es zuletzt gleich sein, ob Doktor Luther

oder Doktor Eck recht behalten würde, ihm kann es — die Vornehmheit

seiner Gesinnung vorausgesetzt — nur darauf ankommen, zu bestimmen:

welche Aufgaben sind gelöst, welche Lösungen sind verhindert worden?

Das Resultat aber zeigt den Weg, den wir gehen müssen.«

»Dann müßte die geistliche Verfolgungssucht zuerst aus der Kultur

ausgeschaltet werden.«

»Verfolgungssucht in religiösen Dingen schafft immer Unfreiheit,

niedere Instinkte. Ein Glaube, der jeden anderen wütend ausschließt,

muß in sich selbst zum Aberglauben werden, genau wie ein Geschlecht,

das immer nur unter sich heiratet, entartet.«

»Das werde ich bei meinen Arbeiten nicht vergessen, Herr Doktor.«

»Schau dir Köln an, wie es vor hundert Jahren, wie es zu Ende des

achtzehnten Jahrhunderts aussah. Das ist ein Schulbeispiel. Nur

durch die Unduldsamkeit seiner geistlichen Behörden war es zu einem

schmutzigen, finsteren Nest herabgesunken, das kaum vierzigtausend

Menschen beherbergte. Und was für Menschen. Das ist der springende

Punkt. Die Hälfte, an die zwanzigtausend, Pöbel, die Miliz der

Orden. Und als Gardetruppe darunter fünftausend Bettler, fünftausend

Tagediebe, eine Bedrohung jeder Intelligenz, als Gilde anerkannt, nur

auf Müßiggang verpflichtet und Drangsalierung anständiger Bürger, denen

sie zum Mittagessen in die Häuser rückten ›von Gottes wegen‹! Und diese

vertierte Gesellschaft durfte selbst ihre Plätze an den Kirchentüren

erblich hinterlassen oder als Heiratsgut ihrer Töchter in Anrechnung

bringen! Erst als die französische Revolution den dumpfen Aberglauben

aus den Gassen hinausfegte, als auch die Vernunft als ein göttliches

Teil anerkannt wurde und Ehrfurcht forderte, schien die Sonne aufs neue

über Köln, und es kam ein Frühlingsdrängen, ein Frühlingswunder über

die Stadt, daß sie binnen kurzem eine Größe, Schönheit und Bedeutung

erlangte, wie es ihr in solchem Maße selbst in ihren geschichtlichen

Glanztagen nicht beschieden gewesen war. Der Bürger gab dem Bürger die

Hand aus gemeinsamem Bürgersinn! Aus gemeinsamem Kulturinteresse! Und

diese Art Religionsübung ist dem Herrgott immer die wohlgefälligste.

Wir sehen’s am Segen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor!«

»Keine Ursache. Aber wir wollen von was anderm reden.«

»Ich könnte noch lange zuhören.«

»Lieber Moritz, ich will deinem Professor in Bonn nicht vorgreifen. Der

Mann wird für seine Leistung bezahlt.«

»Dann werde ich Sie als meinen Gläubiger eintragen, Herr Doktor.«

Sie waren aus der Stadt herausgekommen und spazierten im Bayental das

Rheinufer entlang. Die graugrünen Wasser zogen fast lautlos an ihnen

vorbei.

»Weißt du, weshalb sie so still sind, Moritz? Weil sie von Bonn kommen.«

»O nein, Herr Doktor.«

»Bau auf die Erfahrung. Bonn ist die letzte Etappe ihrer ungeteilten

Jugendseligkeit. Von dort dienen sie nur noch dem Alltag, und in

Holland verrinnen sie im Sande.«

»Auch der Niederrhein hat jedes Jahr seinen Frühling, Herr Doktor. Und

man empfindet ihn noch viel stärker als in gesegneteren Ländern.«

»Ich bin hier, um es abzuwarten. Wenn’s nur kein Altweibersommer wird.«

»Schauen Sie,« sagte Moritz Lachner, »dort hinaus liegt Bonn.«

Otten klopfte dem jungen Begleiter die Schulter. »Hast recht. Dort

liegt Bonn. Für dich. Aber die Wasser, die einmal ins Strömen gekommen

sind, fließen nicht mehr den Berg hinauf. Und es ist doch ein ganz

verdammtes Gefühl, zu denken, sie fließen in die Niederlande, um

alldort im Sande zu verrinnen.«

»Aber die Straße bleibt, die sie durchzogen haben. Von der Quelle bis

zur Mündung. Und alle die Stationen.«

Joseph Otten blieb stehen. »Das hat dir ein guter Geist eingegeben.

Mich faßt in diesem grauen Heimatland, über dem schon die holländischen

Nebel liegen, immer diese seltsame Melancholie, die nichts ist als

Sehnsucht nach der Farbe. Und ich brauch’ mich doch nur umzuschauen und

sehe die Spur meiner Erdentage in allen Regenbogenfarben schimmern.

Das ist sehr lehrsam. Denn man merkt, daß es auch Regentage geben muß,

um am Regenbogen zu erkennen, wieviel Sonne dahinter liegt. Es mag

undankbar erscheinen, aber am liebsten pfiff’ ich auf diese Erkenntnis

und stände dahinten, wo die Sonne scheint. Auf die Gefahr hin, ewig

unwissend zu bleiben. Na, werden wir klug!«

»Dort kommt ein Nachen.«

»Und junge Menschen darin. Jung sein heißt mit der Welt Fangball

spielen wie mit dem eigenen Kindskopf. Einmal sitzt einem die Welt auf

den Schultern, hupla, gleich wieder der Kindskopf. Komm, Moritz, es ist

nach diesem philosophischen Nachmittag höchste Zeit, daß wir das auch

wieder üben. Du bist mir überhaupt für deine Jahre viel zu alt, und ich

fühle zu meinem Schrecken, daß das ansteckend wirkt. Apage, Satana, wir

wollen auf Bonn anstoßen.«

Er faßte den jungen Mann freundschaftlich unter den Arm. »In die

nächste Herberge.«

»Herr Doktor, ich glaube —«

»Laß mich endlich mit deinem Glaubensbekenntnis zufrieden. Wenn ich zum

Weine gehe, verlangt mein irdisches Teil sein Recht. Fangball, Moritz,

die Übung beginnt.«

»Und es ist doch Carmen, Herr Doktor!«

»Wer — —?«

»Carmen und Laurenz Terbroich. Dort legen sie an.«

»In — der — Tat. Wollen hier in der Wildnis spazierengehen.

Das Fräulein mit der Schulmappe, und der Herr Lehrling mit dem

Schreibärmel. Fern der mißgünstigen Welt. Das ist rührend fürsorglich.«

Die beiden Ankömmlinge hatten unterdes den Nachen an einem Pflock

befestigt und wandten sich der Landstraße zu.

»Heda, Carmen, auf ein Wort!«

Das Mädchen fuhr zusammen. Einen Moment nur. Dann reckte es sich in den

Schultern und winkte dem Vater zu.

»Da bist du ja, Vater!«

»Bitte näherzutreten. Herr Terbroich darf sich anschließen. So, so ...

Guten Tag. Wie ich aus deinem Anruf entnehme, habt ihr mich ganz gewiß

gesucht?«

»Laurenz traf mich, als ich aus der Schule kam. Er war gerade zur Post

gewesen. Und am Hafen —«

»Liegt der auf dem Nachhauseweg?«

»Nein, aber am Hafen trafen wir doch den alten Klaus, der uns sagte, du

wärst mit Moritz spazieren.«

»Eiserne Logik. Sei’s drum. Und nun drängte euch euer kindliches

Empfinden, dem Klaus den Nachen abzubetteln und auf gut Glück hierher

zu rudern, weil ihr mich in der Einöde am ehesten vermutetet.«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Herr Terbroich,« meinte Otten ironisch, »ich hätte an Ihrer Stelle

einen besseren Zeitpunkt zur Antwort abgewartet. Schön lügen ist eine

Kunst. Ich lass’ sie gelten. Aber plump lügen ist eine Beleidigung.«

»Laurenz lügt nie, Vater.«

»Umso schlimmer, wenn er es dir überläßt. Still! Tapferkeit ist

lobenswert, Tollkühnheit eine Dummheit. Und gestern erst schienst du

mir ein ganz kluges Mädel zu sein.«

»Ach, Vater,« schmeichelte sie, »war das gestern abend schön.«

»Da hört doch die Weltgeschichte auf. Du wärest im stande, hier eine

Wiederholung zu befürworten.«

»Du, Vater, sei doch nicht böse. Um solch eine Kleinigkeit brauchst du

doch nicht gleich den alten König zu spielen, der einem die Hand aufs

Herz legt. Da gibt’s doch ganz andere Sachen.«

»Das wird ja immer hübscher. Darf ich ergebenst fragen, was das für

Sachen sind?«

»Ja,« sagte sie, warf den Kopf zurück und blinzelte den Vater an, »das

kann ich doch noch nicht wissen. Mönche und kleine Mädchen sollen nicht

vorwitzig sein.«

Joseph Otten strich sich mit der Hand über das Gesicht, um seine

Würde zu bewahren. »Mir scheint, mir soll da ein Butt mit Ohren und

Schnüßchen serviert werden.«

»Ein Butt, nur ein Butt!« rief Carmen lachend und hängte sich an des

Vaters Hals. Mit Mühe erwehrte er sich ihrer stürmischen Liebkosungen.

Aber die ernste Miene war unrettbar dahin. »Viel Talent zum

Kindererziehen ist nach dieser Probe nicht zu konstatieren,« sagte er

sich seufzend.

»Nimmst du mich mit, Vater? Wohin geht ihr?«

»Herr Doktor,« bat Moritz Lachner.

»Hast du Vorschläge zu machen? Ich höre.«

»Mein Vater würde sich sehr freuen, Herr Doktor, wenn Sie — meines

Examens wegen —« Er stockte.

»Ein Glas Wein bei euch? Abgemacht. Du hast es verdient.«

»Und Laurenz?« fragte das Mädchen schnell.

»Ich verzichte auf die Simon Lachnersche Gastfreundschaft,« warf der

junge Kaufmann hochmütig hin.

Joseph Otten runzelte die Brauen. Aber er ging über die Ungezogenheit

hinweg. »Der junge Herr Terbroich,« meinte er gelassen, »kann leider

an unserem festlichen Symposion nicht teilnehmen, da er sich des

ehrenvollen Auftrags zu entledigen hat, den Nachen zurückzubringen.

Da er nur einer schönen Regung folgte, als er der Tochter den Vater

suchen half, so wollen wir seine Uneigennützigkeit einen ganzen Sieg

erstreiten lassen. Adieu, Herr Terbroich.«

»Lauf,« rief Carmen und gab ihm einen lustigen Schlag, »du hast dich

blamiert.« Ohne weiteres hängte sie sich in des Vaters Arm. »Nehmen wir

am Severinstor eine Droschke?«

»Ich werde einen Einzug unter Trompetengeschmetter mit dir

veranstalten. Wünschest du nicht auch noch eine öffentliche Belobigung?«

Carmen hängte sich fester in seinen Arm, hielt mit ihm Schritt

und summte vor sich hin. Otten betrachtete sie verstohlen. Und am

Severinstor winkte er einer offenen Droschke. »Obenmarspforten.

Lachner.«

»Zum Jud Simon, ich verstonn, Här.«

Carmen tirilierte vor Vergnügen, und Moritz stieg mit rotem Kopf in den

Wagen.

Der Doktor wurde in vielen Straßen erkannt und begrüßt. Oft kreuzte

eine Equipage den Weg ihrer Droschke. Dann sah Carmen ihren Vater

an, ihren schönen, stolzen Vater, der jeden Gruß mit der gleichen

Liebenswürdigkeit, der gleichen Ritterlichkeit entgegennahm, und sie

lehnte sich graziöser noch in ihre Wagenecke, mit heißen Wangen und

dunkel leuchtenden Augen. Und wieder zwang es Otten, verstohlen sein

Kind zu betrachten. Trotz allem: sie machte ihm Freude ....

Moritz Lachner hockte ihnen auf dem Sitzbrettchen beklommen gegenüber.

Er kam sich vor, als ob er sich in die vielen Grüße heimlich mit

eingeschlichen hätte. Den Eindruck aber mochte er am wenigsten

erwecken, und so starrte er krampfhaft auf seine Knie.

»Na, Moritz? Junger Musensohn! Kopf hoch! Dir gehört die Welt!«

Da blickte er auf, mit großen, dankbaren Augen. Und von nun an ließ er

ruhig die Blicke wandern, erwiderte die Grüße, die Otten galten, durch

ruhiges Hutabnehmen und fühlte sich zugehörig. So kamen sie in die

Obenmarspforte.

Der kleine, graubärtige Simon Lachner wischte wieder und wieder mit den

Händen an seinem speckigen Rock, bevor er sie den Gästen zur Begrüßung

reichte. »Große Ehre, Herr Doktor, große Ehre. Ich weiß, daß sie meinem

Sohn gilt. Aber lassen Sie mir die Vaterfreude.«

»Verehrter Herr Lachner, Ihr Sohn ist ein ganz prächtiger Kerl. Das

mußte ich Ihnen sagen. Deshalb komm’ ich.«

»Auch wenn der Herr Doktor nicht sich herbemüht hätte, wär’ für mich

der Moritz ein prächtiger Sohn gewesen. Aber daß der Herr Doktor es

besonders betont, das tut mir sehr gut, Herr Doktor. Und nun ist das

Fräulein schon eine Dame und doch noch die Freundin meines Moritz.

Bitte, diese Stiege hinauf. Sie ist eng, aber das Glück sieht nicht auf

enge oder breite Stiegen. Heute kommt’s in mein Haus. Bitte, die Tür

rechts. Da wären wir. Seien Sie willkommen in meinem Haus.«

Sie saßen sich am Tische gegenüber. Der Alte hatte sein Mützchen vom

Scheitel genommen, drehte es in den Händen und sah einen nach dem

andern strahlend an.

»Herr Lachner, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Die Vorschläge des Herrn Doktor sind immer gut.«

»Wie wäre es, wenn wir auf den glorreichen Abiturienten ein Trankopfer

—«

»Ist das Ihr Ernst? Sie würden ein bescheidenes Glas Wein mit uns

teilen?«

»Sagen wir eine Flasche. Und auf die Bescheidenheit lege ich weniger

Wert.«

»Ich habe einen Italiener, ein Festweinchen, Herr Doktor. Durch einen

Geschäftsfreund in Toskana. Extra für den heutigen Tag bezogen, an dem

der Moritz mir die Freude mit dem feinen Examen bereiten würde. Der

Herr Doktor sind ja Kenner. Nein, ich hole ihn, Moritz. Du bist heute

der Gefeierte, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor, und der Erlaubnis von

Fräulein Carmen. Ohne der Gastfreundschaft Abbruch zu tun.«

Er stieg eilig in den Keller und kehrte mit einer großen,

strohumwundenen Flasche zurück. Aus einem alten Kredenzschrank suchte

er Gläser hervor. »Es ist seltenes Kristall. Venezianer Arbeit. Aber

auch der Tag ist selten, der solche Gäste bringt, und selten —« Er

schenkte ein und murmelte das letzte in den Bart.

»Sie dürfen es laut sagen, Herr Lachner. Und selten ein wackerer Sohn.

Aber die Väter geben die Beispiele. Und deshalb bringen wir das erste

Glas auf den Vater unseres jungen Freundes Moritz. Herr Simon Lachner

lebe hoch!«

»Gott, Herr Doktor, Gott, Herr Doktor — —«

»Und nun schenke ich selber ein. Her mit dem Kristall aus Venedig.

In kristallklarer Schale edles Traubenblut. Das sei das Wahrzeichen

für den, der auszieht, ein Mann zu werden. Und wenn die Schale einmal

anläuft, der Wein darf’s nicht entgelten. Der Schale können wir den

alten Glanz geben, einem getrübten Wein nie wieder sein göttliches

Feuer. Und wenn es um dich her Schloßen hagelt, laß dir kein Wasser

in den Wein deiner Begeisterung gießen, mein Junge. Die Begeisterung

ist das halbe Leben, und die andere Hälfte ist die Kraft, die sie

erhält. Beides wünsche ich dir. Bewahr es dir als dein unantastbares

Reservatrecht, und die Jugend höret nimmer auf. Prost, Student!«

Moritz Lachner stand und atmete schwer. Dann leerte er sein Glas bis

auf die Nagelprobe.

In kleinen Zügen trank der Alte seinen Wein. Das Schlucken wollte nicht

recht.

Carmen schmiegte sich an den Vater. »Du!« stieß sie hervor und preßte

seinen Arm.

»Wilde,« und er lachte dem heißblütigen Geschöpf vaterstolz in die

Augen, »such dir ein ander Vorbild.«

»Nie!« — —

»Es ist italienisch Blut in den Kölnern, Herr Historiker,« sagte Otten,

»das muß ertragen werden.«

Draußen senkte sich der Abend. Feuchte Nebel aus den Niederlanden

schwebten über der Stadt. Die Väter und ihre Kinder merkten das nicht.

Den vier fröhlichen Menschen, die die Gläser klingen ließen, war es,

als zöge eine der lauen, gestirnten Nächte Hesperiens auf, die so jung

machen, weil ihre Sterne froh machen.

=IX=

Auf den Straßen Kölns herrschte schon Karnevalsvorfreude. Sie drang

aus den Häusern heraus, in denen Frauen und Mädchen geheimnisvoll

in Flitterzeug hantierten, um mit Zuhilfenahme vieler Phantasie

echte Zigeunerinnengewänder und Prunkbeinkleider orientalischer

Haremsfrauen erstehen zu lassen, während die Hausväter angestrengt

an ihrem Arbeitstisch saßen, um hinter verschlossenen Türen für die

nächste Narrensitzung ihres Vereins einen humoristischen Vortrag gegen

die Stadtverwaltung auszuklügeln. Die Kinder tobten mit papiernen

Geckenkappen auf den Treppen, rannten auf die Straßen und zogen

untergefaßt in langen Reihen über die Trottoirs.

»Fastelowend kütt eran,

Spille mer op der Büsse,

Alle Mädcher kriegen ’ne Mann,

Ich un och min Söster!«

Die ganze Stadt war von dem alten Karnevalsliedchen erfüllt. Die

Kleinen sangen es laut, und die Großen, die ihre Stimmen noch für die

Fastnachtstage schonten, summten es wenigstens mit, um sich die Melodie

wieder geläufig zu machen. Im Anzeigenteil der Zeitungen prangten süße

Vertröstungen, der Postassistent, der die postlagernden Sendungen zu

sortieren und auszugeben hatte, arbeitete mit Verstärkung, der Humor

hob kecker sein Haupt, und Witzworte flogen, schlagfertig pariert,

über die Straße her und hin. Abends, wenn die Läden geschlossen wurden,

blieben die Mädels länger als sonst an den Ecken stehen und flüsterten

miteinander.

»Als was gehst du?«

»Ich maachen mich ne Donna Elvira.«

»Ich maach ner Matros.«

»Puh enä. Da moßte ja en Botz anduhen.«

»Duhst du kein’ an?«

»Willste stell sinn, du nixnotzig Ding?«

»Wat denn? Nachher kriegst du akkerat su en Aschekrützcher op der Stirn

als ich.« —

In den Hinterzimmern der Bierlokale saßen die »Gecke« Kopf an Kopf,

vom Elferrat zu drastischen Herrenabenden oder Gala-Damenabenden

einberufen. In diesen Narrensitzungen wurden die neuesten

Karnevalslieder approbiert, und ein Witz galt als ein Witz, unbeschadet

seiner Saftigkeit. Die vornehmeren Häuser zeigten erleuchtete

Fensterreihen. Die Privatmaskenbälle standen in Flor, und kostümierte

Damen und Herren huschten schnellfüßig aus den Wagen ins rettende

Portal, um sich dem bewundernden »Hah!« der Straßenjungen und

eingehenden Ehrenbezeigungen zu entziehen. Walzerklänge drangen ins

Freie, und die Vorübergehenden blieben stehen, deuteten nach den

Schatten, die hinter den Vorhängen einen Geistertanz aufzuführen

schienen, lustige Brüder riskierten eine groteske Imitation, und Mütter

ließen ihre Kinder auf den Armen hopsen.

Der Abenteurer : $ Roman · 第 29 / 54 题