Da nahm er sie fest in die Arme und blickte über ihr Haar hinweg, damit
sie ihrer Bewegung nachgeben konnte.
»Wollen wir jetzt Carmen besuchen?«
»Sie ist eine Langschläferin,« sagte sie und trocknete sich heimlich
die Augen. »So große Fräulein besucht man eigentlich nicht am Bett.«
»Es scheint, daß ich mir hier erst wieder Respekt verschaffen muß.«
»Tritt leise auf. Wir gehen in ihre Kammer.«
Sie nahm das Licht und ging voraus. Und während er ihr leise folgte,
staunte er über ihre Selbstbeherrschung, und es durchzuckte ihn wie
ein Stolz, daß die Seele dieser Frau nichts wußte als sein Bild.
Er berührte ihre Schulter, und sie blickte nach ihm zurück. Eine
Sekunde zögerte ihr Fuß. Und er beugte sich vor, mit bittenden Augen,
stützte ihren Arm, der das Licht hielt, und wartete. Da lehnte sie den
Hinterkopf gegen seine Brust. So küßten sie sich. — —
Sie traten leise in die Kammer und sahen sich mit flimmernden Augen um.
Kaum erkannte er sein Kind wieder. Der dunkle Lockenkopf, der da in den
Kissen lag, zeigte eigene Züge. Lieblichkeit und Eigenwillen. Aber der
Eigenwille herrschte vor. Und der Mann am Bette dachte an die Worte des
alten Klaus: Akkerat wie ihr Vadder ...
»Sie wird sehr selbständig werden,« sagte Frau Maria draußen. »Man
möchte Kinder immer am liebsten klein behalten.«
»Freu dich, daß sie so aufblüht. Die Rasse läßt sich nicht
unterkriegen.«
»Darum trauere ich nicht,« meinte Frau Maria. »Es ist etwas anderes,
etwas, wofür ich schwer die Worte finde. Die Mutter fühlt, daß das Kind
mehr und mehr ihrer Sorge entwächst.«
»Ja,« erwiderte Otten nachdenklich, »darin muß für die Eltern eine
Lebenstragik liegen, daß sie zusehen müssen, wie die Kinder sich
ablösen, wie der Teil ihres Selbst für sich ein Ganzes wird.«
»Wenn beide Eltern leben, ist es minder schwer. Man rückt noch um ein
weniges näher zusammen und verdeckt sich so die Lücke. Nun, darüber
vergehen noch Jahre.«
»Daß wir zusammenrücken?«
»Bis die Lebenstragik der Eltern, wie du es nennst, an uns herantritt.«
Frau Maria stellte das Licht auf den Tisch ihres Schlafzimmers. »Du
siehst abgespannt aus, Joseph. Ich lass’ dich jetzt allein.«
»Du glaubst doch nicht, daß ich jetzt noch schlafen werde?«
»Tu es mir zulieb, Joseph. Wenn du aufwachst, bist du erst wirklich
daheim, und die alten Traumbilder sind in die Ecken gescheucht. Versuch
es.«
»Die alten Traumbilder? Alte oder neue, unter mein Dach sollen sie mir
nicht folgen.«
»Tu es mir zulieb,« bat sie noch einmal.
»Wenn du es so bestimmt möchtest ... Aber nur auf das alte Kanapee
dort. Und nachher ein Bad.«
»Ich werde dich wecken, Joseph.«
»Nein,« sagte er, »es ist noch eine Bedingung dabei. Du mußt bei mir
sitzen bleiben. Ich kann nicht sofort einschlafen. Und ich will deine
Hand in der meinen fühlen.«
»Das ist ja, als hättest du eine stille Absolution nötig.« Ein leises
mütterliches Lächeln zog über ihr Gesicht. »Nun, leg dich hin.«
Er entledigte sich seines Rockes und streckte sich auf das alte
Ledersofa. »Ah,« machte er dabei, »wie gut!« Und sie legte ihm eine
Decke über, rückte einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm.
»Stille Absolution ...,« griff er ihr Wort auf und faßte auf der Decke
ihre Hand. »Du hast es getroffen, Maria. Es wird sehr wenig Anlaß sein,
sie laut und stolz zu verkünden, denn es wird auch eine sehr leise
Beichte sein.«
»Schlaf,« sagte sie, »du hast nichts zu beichten. Wenn du nachher die
Augen aufschlägst, lachst du dich selber aus.«
»Es ist immer dasselbe. Wie es um dich steht, kommt für dich nicht in
Betracht. Du suchst nur, es mir leicht zu machen.«
»Wer weiß den Beweggrund,« erwiderte sie. »Vielleicht bin ich eine
größere Egoistin, als du denkst. Vielleicht mache ich es dir nur so
leicht, um es mir nicht — schwerer zu machen.«
»Du wirst mir noch einreden, du seist eine arge Sünderin und ich sei
ein Heiliger.«
»Nein, Joseph, das werde ich dir nicht einreden. Deine Heiligkeit«
— sie lächelte vor sich hin — »ist mir gewiß nicht unbekannt. Und
die meine — ich hab’ in den vielen Jahren, in denen ich allein saß,
gelernt, auf mich zu achten, damit mir meine Empfindungen nicht zu
jeder Zeit davonliefen. Das ist meine Heiligkeit.«
»Du bist zehnmal stärker als ich.«
»Zehnmal schwächer. Sonst hätte ich die Schutzwehr nicht nötig.«
»Und wenn du sie nicht hättest? Was wäre dann gewesen?«
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihre Brust hob sich, als wollte
sie eine Last abschütteln.
»Laß das, Joseph!«
»Sag es mir,« bat er und streichelte ihre Hand.
»Was dann — gewesen wäre?« wiederholte sie stockend. »Wenn du
heimgekommen wärst wie jetzt, und ich — hätte dich in meine Kammer
eingelassen? An den Hals hätt’ ich mich dir geworfen, an den Hals! Ohne
Scham, ohne Stolz! Wie eine Verdurstete hätt’ ich mich meinem Mann an
den Hals geworfen. Herr Gott!«
Die Erregung schüttelte sie. Sie sprang auf und ging bis in die Ecke
des Zimmers. »Still,« sagte sie, »antworte nicht. Jetzt um Gottes
Willen nicht antworten. Wo käm’ ich hin, wenn ich meine Ruhe verlöre?
Wohin kämen wir alle? Und eins will ich vor den anderen Frauen voraus
haben, die sich um dich drängen: mich selbst!«
Sie hatte sich beruhigt und kehrte zurück. »Siehst du, Joseph, damit
halte ich uns das Haus.«
»Es ist wie Weihnachten,« sagte Otten, »als ich noch ein Junge war. Das
ganze Jahr hatt’ ich Unfug getrieben, vor dem Klingelzeichen macht’ ich
ein fromm Gesicht, spürte plötzlich starke Gewissensbisse und kriegte
für diese geringe Anstrengung den Schoß voll Geschenke.«
»Und dann spieltest du nach rechter Jungensart doch am liebsten mit den
Geschenken, die dir nicht gehörten.«
»Ja, das tat ich, und es ist an mir hängen geblieben.«
»Die Menschen sind schuld,« verteidigte sie ihn, »sie haben dich
verwöhnt, ob mit, ob gegen deinen Wunsch.«
»Bande!« stieß Otten hervor. »Sie will den Künstler gar nicht anders.
Sie macht uns zu dem, was wir werden, durch ihre verdammte Sklaverei.
Bleib bei mir sitzen, Maria. Der eigene Weihnachtstisch ist doch der
beste. Es schwebt selbstlose Liebe darüber.«
»Du sollst jetzt schlafen, Joseph.«
»Ach du, Maria, es tut so gut, auf andere Leute schimpfen, wenn man
sich selber nicht ganz sauber fühlt ...«
Dann betrachtete er sie verstohlen, während er ruhig atmend lag. Die
Jahre hatten ihr wenig angetan. Um die Augen ein paar kaum sichtbare
Runen, um den Mund eine tiefer gezogene Spur — aber die aufrechte
Haltung des Körpers und die ernste Ruhe des Kopfes lenkten den Blick
von den Einzelheiten auf das Gesamtbild. Und er drückte, einer heißen
Wallung folgend, fest ihre Hand, die er noch immer hielt.
»Auch du hast Kämpfe gehabt, Maria, und sie waren schwerer als meine.
Weil du dich nicht mitteilen konntest.«
»Ich habe dir regelmäßig berichtet, Joseph.«
»Ja, wenn du schreiben konntest: das ist nun geordnet, oder: es lohnt
nicht der Mühe darauf einzugehen.«
»Es ist doch ein Glück, daß ich Arbeit habe.«
»Das ist bei dir die Umschreibung für Sorge. Von mir will ich nicht
sprechen. Aber Carmen? Sie hat dir viel zu schaffen gemacht.«
»Sie ist in dem Alter, das an alle Mütter größere Anforderungen stellt.
Weshalb sollte mich eine Ausnahme treffen?«
»Sah sie hübsch aus, als sie zur ersten Kommunion ging?«