Wie ein Hohnlachen fuhr es über die Hörer in Frack und Seidenrobe. — —

Er hatte geendet. Der Deckel klappte zu. Und langsam wandte sich Otten,

öffnete, die Benommenheit der Hörer nutzend, die Tür zum Korridor und

trat hinaus, um sich Hut und Mantel reichen zu lassen.

Neben ihm stand die Frau des Hauses.

»Sie kommen wieder.« Das klang wie ein Befehl.

»Gute Nacht, gnädige Frau. Sie haben zu viel Geist für einen Aventurier

meines Schlages.«

»Reden Sie nicht.«

»Und — zu zarte Schultern.«

»Das gebe ich zu.« Und ihr Lachen klingelte ihm in den Ohren. »Gute

Nacht.«

Er stieg die Treppe hinab, reichte dem Diener ein Trinkgeld und

wanderte durch die nachtdunklen Straßen.

»Ich bin in Köln,« sprach er vor sich hin.

Er lachte hart auf.

Mit gefurchter Stirn schritt er weiter.

»Ein Narr wartet auf Antwort.«

=VII=

Der alte Klaus hatte den kurzen Schlaf des Alters. Die Jahreszeit

sprach für ihn nicht mit. Schlug es vier Uhr von den Kirchtürmen, so

regte sich der einstmalige Schiffer in ihm, der auch im Ruhestand

die Gewohnheit der Stundeneinteilung festhält. Er machte Licht,

kontrollierte seine Uhr, zog brummelnd die Hosen über und zündete Feuer

im eisernen Trommelöfchen an. Bis das Kaffeewasser im Topf brodelte,

rauchte er sinnend die erste Morgenpfeife.

Heute wollte das Wasser nicht so schnell zum Kochen kommen. Aber der

Alte hatte Zeit. Er langte vom Bort ein abgegriffenes Büchelchen

herunter, das handlich zwischen Töpfen und Tabakskasten steckte,

befestigte die Brille hinter den Ohren, leckte den breiten Daumen

an und blätterte die Seiten um. Buchstabe für Buchstabe las er

die Historie von seines großen Ahns Nikolaus Gülich, Band- und

Manufakturwarenhändlers zu Köln, Heldentaten, Untaten und ruhmreichem

Tode durch Henkershand auf freiem Platze, zu seinem ewigen Andenken

genannt Gülichsplatz. Ein Lächeln der Befriedigung auf den verwitterten

Zügen, hielt der Alte seine Morgenandacht ...

Plötzlich schob er mit einem Ruck die Brille auf die Stirn. Hatte es da

nicht geklopft? Von draußen ans Fenster geklopft? Und jetzt klopfte es

wieder. Leise, aber bestimmt.

Der Alte erhob sich, legte das Buch sorglich auf den Schemel und

schlurfte zum Fenster. Er öffnete und suchte mit geschärftem Blick in

der Dunkelheit. Draußen stand ein Mann, den Hut in die Augen gedrückt.

»Wer is da?«

»Ein armer reisender Handwerksbursche bittet um Herberge.«

»Ich glöw, du bis besoffe. Hier is kein Schlafstell’.«

»Beim heiligen Christoph, aller Vagabunden Schutzpatron, laß mich

herein, Klaus.«

»Materdeies, der Jupp! Jitz äwwer flöck!«

Vorsichtig, um die Ruhe des Hauses nicht zu stören, schlurfte er zur

Haustür, öffnete leise und ließ den Herrn eintreten. Und leise schloß

er die Tür zum Flur, als sie im Zimmer standen.

Joseph Otten warf Hut und Mantel aufs Bett, stellte sich an den Ofen

und rieb sich die Hände. Der Alte sah zu.

»Morjen, Här.«

»Morgen, Klaus.«

»Auch widder mal das Vergnügen?«

»Auch wieder mal.« Joseph Otten wandte sich um und sah dem Alten ins

Gesicht. »Oben,« und er nickte mit dem Kopf zur Decke, »oben alles

mobil?«

»Bestens in Ordnung.«

»Das freut mich.«

»Die Freud’ sollt’ mr verlange könne. Ich hätt’ Ihne dat äwwer auch

schriftlich mitteile gekonnt, Herr Doktor.«

»Ihr seid wohl alle — sehr zornig auf mich?«

»Kann ich nit behaupte. Der Mensch gewöhnt sich an alles.«

»Dann braucht’ ich ja eigentlich gar nicht zu stören?«

»Wenn Sie bloß komme, um zu störe — dat wird nit verlangt.«

Joseph Otten wandte sich schweigend wieder dem Ofen zu. Das Wasser im

Topf brodelte und erfüllte den Raum mit seinem Singsang. Und schweigend

langte der alte Klaus sein Kaffeebüchschen vom Bort, schüttete eine

Portion gemahlenen Kaffees in eine Steingutkanne, hob mit seinen harten

Händen den heißen Topf vom Feuer und brühte den Morgentrank. Zwei große

Steinguttassen rückte er auf den Tisch, schnitt vierkantige Stücke

von einem Schwarzbrot, zog Stuhl und Schemel heran und kehrte sich zu

seinem Gast. »Nehmen Sie Platz, Herr Doktor.«

Joseph Otten blickte auf. Der Duft des Kaffees lockte nach der langen,

nächtlichen Wanderung, die er noch unternommen hatte. Dann fiel sein

Blick auf den Alten. »Klaus,« sagte er und packte ihn bei der Schulter,

»sei nicht so bärbeißig, oder du jagst mich zum Teufel.«

»Dat hier is ~Ihr~ Haus.«

»Viel merk’ ich nicht davon bei der Behandlung.«

»Ich hann en zu steif Rückgrat, um ene Katzenbuckel riskiere zu könne.

Wenn ich äwwer von der Heimkehr des Herrn Doktor gewoß’ hätt’, hätt’

ich mich übe gekonnt.«

»Nächstens werd’ ich dir vorher depeschieren, Klaus.«

»Dat kann nit schade. Mer weiß sonst nie: is et der Här oder is et ene

Spitzbow.«

Joseph Otten ließ sich auf dem Schemel nieder und wärmte sich die

Hände an der bauchigen Kaffeetasse. Dann tat er einen tiefen Zug.

»Donnerlütsch, Klaus, dä Kaffee hat sich nit gewäsche.«

»Enä, Här, hä es esu schwatz als wie ne Mohr.«

»Süch, dä bringt mich op zartere Gedanken.« Er beugte sich tief und

griff unter seinen Sitz. »Wat es denn dat?«

Klaus schmunzelte. »Kennt Ihr dat nit mieh? Ihr hatt op mingem

Historiebüchelche gesesse.«

»Dat Büchelche mit dingem Ahn, dem staatse Nikolaus Gülich drin?«

»Datselbigte, Jupp. Un ich sehen, dat Ihr doch noch de ahle, brave Jung

sitt. Dat is mr nu doch en Freud’.«

»Verzäll mr jet von dingem Ahn. Hext hä noch ömmer op dem Gülichsplatz

erömm?«

»Hä es usgewandert un spookt jetz in Paris, weil die Franzose die

Biesterei gemach’ hann, den Broncekopp von singem Denkmal zu stehle. Nu

is Kölle öm die größte Berühmtheit ärmer.«

»Wann mr widder nach Paris marschiere, hole mr dä Kopp retour.«

»Dat soll e Wort sinn, Här. Der Gülichsplatz muß widder zu Ehre

gebrach’ werde.«

»Dadrauf häst du et Rähcht, Klaus.«

»Die Welt kennt kein’ Pietät mieh,« brummelte der Alte und trank seinen

Kaffee.

Joseph Otten saß, die Hände zwischen den Knien, und wartete. Minuten

vergingen. Dann meinte Otten, und es zuckte um seine Lippen: »Mir

scheint, nachdem wir nun ~deine~ Familienangelegenheiten erörtert

haben, könnten wir wohl zu den ~meinen~ übergehen. Also Frau und Kind

sind wohl —?«

»Die Frau is wie immer. Aufrecht un beim Tagwerk. Nix zu erinnern.«

»Und die Carmen?«

»Is nu als zur Kommunion gegange. En Mädcher wie e Fichtenbäumche. Mr

kennt sich nit aus. Kregel un stolz, en junge Dam’ un als widder e

Kind, dä Kopp voller Spän’, un wann et ihr paßt, als widder lammfromm.

Akkerat wie ihr Vadder.«

»Akkurat wie ich? Dann wird sie so schlimm nicht sein.«

»Dat weiß ich nit.«

»Klaus,« sagte Joseph Otten, »nun rede mal die Wahrheit. Hältst du —

hältst du mich für so schlimm?«

»Jupp,« sagte der Alte, »enä un eja. Süch, mr braucht nit schlimm zu

sein, äwwer mr kann so scheinen. Un et gitt Minsche, dene is et e Leid,

wenn der andere, den se als en Art Erzengel bewundere möchte, von der

Menschheit bloß för ene löstige Prinz Karneval estimiert werd. Dene

is dat e herzlich un e schmerzlich Leid. Jaja, so is dat. Un et is

schlimmer als schlimm för die, die et Leid hann, weil sie et besser

wisse, un könne doch ihre Weisheit nit an dr Mann bringe, weil — nu,

weil et der Jupp partuh nit will.«

»Ich will nicht?«

»Enä, nit öm de Welt! Hä kann sich nit herbeilasse, daröwer

nachzudenke, dat die Liebe von der Frau die Sorg öm dr Mann is.

Un weshalw kann hä sich nit herbeilasse? Weil hä sonst der Frau

spornstreichs die Sorg affnehme wörd. Äwwer Sorgen, dat is nix för der

Jupp. Dat steiht nit in singem Lewenskontrakt. Domet kann’r nit dörch

die Welt zigeunere. Un so denkt hä: Et is ritterlicher, ich fragen gar

nit erst. Adjüs.«

Joseph Otten saß vornübergeneigt und strich mechanisch mit den Händen

über die Knie.

»Das verstehst du nicht, Klaus.«

»Nee, nee, ich bin ene ahle Schafskopp.«

»Davon hab’ ich kein Wort gesagt. Im Gegenteil, mit dem, was du gesagt

hast, hast du mehr als recht. Du hast mir nicht schlecht den Kopf

gewaschen. Alle Welt wäscht mir jetzt den Kopf. Und alle Welt meint,

der meine wär’ wie der ihre. Das ist aber der Irrtum.«

»Kopp is Kopp. Mr frisiert sich nur anders.«

»Man — sich? — Ich glaub’ eher, der Herrgott frisiert einen anders.«

»Oder der Düwel.«

Es blieb eine Weile still zwischen ihnen. Draußen trabten ein paar

belastete Menschenkinder zur Frühmesse. Ein Lehrjunge lief pfeifend

über die Gasse. Fern ein Wagenrollen. Und es war wieder still ...

»Ich bin nun mal so,« sagte Otten endlich. »Die Rechnung geht nicht

mehr anders auf ...« Sein Blick begegnete dem Blick des Alten. »Schau

mich nicht so mitleidig an. Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor.

Man hat ja nur ein Recht auf seine Lebensführung, wenn man sie nicht

bereut.«

Der Alte räumte das Kaffeegeschirr zusammen.

»Minge Broder in Zons maacht et nit mieh lang’,« meinte er nebenbei.

»Dein Bruder? Der in Zons das Häuschen hat?«

»Hä is als achzig.«

»Dann wirst du ja Hausbesitzer?«

»Einer muß dat Krömche öwernehme. Zu vermiete is in Zons nix. Et sind

zu wenig Menschen im Städtchen.«

»Und dann willst du übersiedeln.«

»Ich will ene stille Lewensowend hann.«

»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein herunter. Die Gülichs sind

eine zähe Sorte. Dein Bruder wird es noch ein paar Jährchen mittun. Und

bis dahin liegst du hier an der Kette und bellst die Einbrecher an.«

»Ich wollt’ Sie bloß drop opmerksam mache. So wat kütt öwer Nacht.«

»Und da möchtest du mich jetzt gelinde an die Kette legen?«

»Dat sinn nit minge Sache. Wer en Hus hät, der moß wisse, wat hä zu

donn hät.«

»Warten wir’s ab,« sagte Otten und erhob sich. »Fünf Uhr vorbei. Ich

möcht’ mir ein Bett suchen.«

»Soll ich Sie bei der Frau anmelde? Domet sie nit erschreckt?«

»Ich geh’ ins Hotel. Vor Mittag komm’ ich wieder. Ich weiß ja jetzt,

daß alles — wohlauf ist.«

»Ihr wißt dat. Äwwer die Frau weiß dat nit von Euch.«

Joseph Otten nahm seinen Mantel über und drückte den Hut in die Stirn.

»Ich komm’ bei Tageslicht, Klaus. Wenn die Sonne scheint, haben alle

Dinge ein fröhlicher Gesicht.«

»Dat kütt bei der Frau nit in Anrechnung. Die Frau hat en Rähcht darop,

dat mer sie nit warte läßt. Nit en einzig Minut. Ich gonn se wecke.«

»Das wirst du bleiben lassen. Ich bring’ Aufregung genug ins Haus.«

»So! Und wie nennt Ihr denn dat, wenn der Mann an der Schlafkammer

von der Frau vorbeigegange is? Dat is kein Aufregung. Enä. Dat is

Rücksicht. Äwwer Rücksicht op die eigene Gemötlichkeit. Ming Lewdag

nit Rücksicht op die Gemötlichkeit der Frau. Hotel! Nit eine Schritt!«

Otten stieg die Röte in die Stirn. Er faßte die Türklinke und öffnete.

»’Morgen, Klaus,« sagte er kurz, und es war ein hochfahrender Ton in

den Worten.

»Schließt Euch die Haustür nur selver op.«

»Mach keinen Lärm.«

Ärgerlich ließ Otten die Stubentür los. Das Geräusch lief durch das

alte Haus. Otten stand auf dem dunklen Flur und horchte. Oben öffnete

sich leise eine Tür. Schritte huschten an die Treppe. »Klaus — —?« rief

eine Stimme.

Der Abenteurer : $ Roman · 第 24 / 54 题