»Meine gnädige Frau,« sagte Otten mit einer Verbeugung, »ich bin mir
wohl bewußt, daß im geselligen Kreise jeder nach seiner Begabung zur
Unterhaltung beizutragen hat. Genügt Ihnen diese Unterhaltung, ich
stehe zu Diensten. Ob Ihnen meine Begabung genügen wird — das hängt von
Ihrer Gewöhnung ab.«
»Ich fürchte, Ihren Geschmack zu sehr zu beeinträchtigen,« meinte sie
mit einem feinen, spöttischen Lächeln, knixte und zog sich durch die
Portiere in den Salon zurück.
Otten stieg das Blut in die Schläfen. Was sollte das? Hatte er dieser
Frau einen Anlaß gegeben? Wodurch? Durch sein saloppes Erscheinen etwa?
Dadurch vielleicht, daß er die Aufmerksamkeit von ihr abgezogen hatte?
Oder spielte sie die geistreiche Frau, die sich daran ergötzt, Männer
schwach werden zu sehen, um unverwundet von dannen zu kommen? »Dazu
diese zarten Schultern. Dieses viel verschweigende, nervöse Gesicht.
Wahrhaftig, dieser infame Gegensatz ärgert mich am meisten.«
»Joseph,« sagte der Hausherr und trat mit gefülltem Glase zu ihm, »ich
habe eine unverschämte Bitte.«
»Er tut’s nicht,« rief Terbroich. »Die Wette ist gewonnen. Er singt
nie, wo er eingeladen ist.«
Joseph Otten schüttelte den Ärger ab. Sich in die Ecke stellen zu
lassen von der kleinen, mokanten Person? Das wäre das erste Mal. Singen
oder zechen jetzt! Wohl denn: Singen!
Ohne Antwort zu geben, ohne sich umzublicken, schritt er durch den
Salon in den leeren Musiksaal. Er schlug den Bechstein auf. Seine Hände
griffen in die Tasten. Totenstill wurde es. Joseph Otten sang.
»Nach Frankreich zogen zwei Grenadier’ ...«
Er sang sie nicht die Grenadiere, er lebte sie. Er ließ die Klagen
des Müden von dem ungebrochenen Aufbegehren des alten Feldsoldaten
verschlingen. Er ließ aus zerlumpten Kleidern heraus den Mann erstehen,
der nur die Tat sucht.
»Was schiert mich Weib, was schiert mich Kind!«