»Ist jemand bei Ihnen? Mir war schon die ganze Zeit so.«
»Maria — —,« sagte Otten leise, und seine Stimme vibrierte.
Ein atemloses Schweigen erfüllte das Haus bis in den Giebel. Der alte
Klaus verschwand lautlos in seinem Zimmer. Und nach einer Spanne, die
sich dehnte und dehnte, fragte Otten: »Bist du noch da?«
»Warte, ich komme.« Und die Schritte huschten zurück.
»Nein,« sagte Otten, »ich komme.« Und langsam stieg er die Treppe
hinauf zur Giebelstube. Durch den Türspalt fiel das Licht einer Lampe.
Und in dem Lichtkreis stand Maria und nestelte hastig den Morgenrock
zu, den sie übergeworfen hatte. Da trat er ein.
Sie ließ die Hände sinken, hob den Kopf und sah ihn an. Ihr Gesicht war
schneeweiß.
Und er stand und nahm ihren Blick entgegen und fühlte die brennende
Röte in seinem Gesicht.
»Wie der Dieb bei der Nacht, Maria.«
»Du bist — gekommen.«
»Wir wollen kein gemästetes Kalb schlachten, Maria. Die Rolle des
verlorenen Sohnes liegt mir nicht. Ich bin gekommen.«
Nun bemerkte er, wie blaß sie war. Er streckte die Hände aus. »Ich habe
dich erschreckt.«
Sie legte ihre Hände in die seinen. Ihr Blick heftete sich immer noch
an sein Gesicht. »Bist du — gesund?«
»Mütterchen,« sagte er und zog sie näher, »muß ich denn krank sein,
wenn ich heimkomme?«
»Ich hatte es — fast — gewünscht — —«
»Maria — —! Und wenn ich’s wäre?«
»Leg dich hin, Joseph. Wir sprechen bei Tag weiter.«
»Willst du mich nicht küssen?«
»Ich dachte — du würdest — —«
»Komm,« sagte er nur ...
Er fühlte, wie ihre Lippen zitterten. Da küßte er sie behutsam auf die
Augen. Und auch hier spürte er das Zittern. »Traust du dich nicht,
Maria? Bin ich dir so fremd geworden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es wird wohl die Freude sein. Ich fass’ es
noch nicht.«
»Die Freude? Ich hab’ dich nicht verwöhnt. Also ist es ein Vorwurf, und
ich verdien’ ihn.«
»Nein, nein!« Und plötzlich zog sie seinen Kopf nieder und küßte ihn
lange auf den Mund. »Willkommen, Joseph.«
»Willst du mich hier behalten?«
»Du sollst nichts versprechen.«
»Ich will es auch nicht. Nur wünschen will ich. Deinetwegen. Und
Carmens wegen.«
»Sie ist kein Kind geblieben.«
»Umsomehr werde ich von nöten sein.«
»Der Vater ist von nöten, Joseph.«
»Ja, darauf werde ich mich nun wohl besinnen müssen. Ich glaube, ich
habe hier manches nachzuholen. Und nicht nur in der Vaterrolle. Wenn
ich nun diese Augen hier wieder glänzen machte?«
»Sie blicken nicht immer so. Laß es Tag werden.«
»Aber wenn sie geweint haben. Und dazu sparst du dir die Nacht auf.
Wenn du allein liegst, Maria, und dich um einen Menschen sorgst, der es
nicht verdient. Ich seh’ es. Auch diese Nacht hast du geweint.«
»Ich spürte dich so greifbar nahe. Das war wohl, weil du auf der Reise
zu mir warst.«
»Ich bin schon gestern abend gekommen, Maria.«