Sie bog sich zurück. »Gut, daß wir allein sind. Ich log.«

»Das tat auch das erste Weib, und es schadete ihrer Schönheit nicht.«

»Als ich Sie gestern sah, wollte ich Sie erobern. Es ist mir geglückt.«

»Euch erobern zu lassen, habt ihr verlernt. Aber ich lasse mir mein

Recht nicht nehmen.«

»O — nicht so stolz. Unsere Zeit ist gekommen.«

»O — nicht so stolz. Sie wird an Fahnenflucht zu Grunde gehen. Mit

Wonne. Lesen Sie Aristophanes.«

»Selbst Männer führen heute die Sache der Frauen.«

»Sie sind auch danach. Herostratennaturen, die anders nicht von sich

reden machen können und im trüben fischen.«

»Ach,« machte sie, »ich dachte, man müßte euch großen Männern

imponieren. Wie fang’ ich’s an?«

Er erhob sich und breitete die Arme. »So!« sagte er und lachte sie an.

Sie trat einen Schritt zurück, um sein Bild aufzunehmen. Er hörte ein

Knistern, wie von angespannter Seide. Dann schloß er die ausgebreiteten

Arme. Er fühlte seine Gefangene ...

»Jetzt räche ich Thusnelda, schöne Römerin.«

»Barbar — —,« gab sie zurück und schloß die Augen. — — — — —

Es ging auf Mitternacht, als Otten die Via San Giovanni entlang

schritt. Ihn dürstete.

»Daß sie sich alle gleich sind, wenn die Sinne sprechen. Wieder

eine Puppe, mit Häcksel gefüllt. Und jedesmal erwarte ich die große

Offenbarung. Aufgespielt, Bajazzo!«

Aus der Weinstube des Zi Pasquale scholl feuchtfröhlicher Gesang.

Deutsche Burschenlieder. Rheinlieder.

Otten stutzte. »Nur das jetzt nicht. Nur nichts Deutsches jetzt. Und

nichts — vom Rhein. Da gibt es Leute, die an mich glauben.«

Er wandte sich und suchte die Weinstube Peppes an der Fontana Trevi

auf. Von ferne schon hörte er das Rauschen der Trevifluten. Und

plötzlich gab er den Gedanken an Wein und Gesellschaft auf.

»Wenn ich endlich wieder — nach Köln reiste —.«

»Ich glaub’ fast — mein Schiff — trägt unsichtbar schon — den

Heimatswimpel. Es muß ins Dock.«

Er starrte in den Wasserstrudel. Es überlief ihn kühl.

»Aber nicht abtakeln. Jung bleiben. Wiederkommen.«

Er warf über die Schulter ein Geldstück in das flutende Wasser. »Es ist

ein alter Aberglaube,« dachte er, »und wer von dem Wasser trinkt, den

zieht die Trevinixe zurück. Es ist gewiß schön in der Heimat, und man

kann in Frieden alt und grau dort werden — —. Aber ich will doch lieber

trinken.«

Er beugte sich über den Beckenrand und trank ein paar Tropfen des

niederströmenden Wassers.

»Ich komme wieder.«

=VI=

Joseph Otten hatte Rom ohne Abschied verlassen. Nur Heinrich Koch

hatte er durch ein lakonisches Billett, das nichts als die Worte

enthielt: »Ich werde doch wieder einmal nach Köln gehen,« lebewohl

gesagt. Als er sich um neun Uhr Abends in seiner Schlafwagenkabine zur

Ruhe ausstreckte, tat er es mit dem Gefühl eines Mannes, der nichts

sehnlicher wünscht, als zehn Stunden lang einen solid bürgerlichen

Schlaf zu tun. Der Wunsch ging ihm in Erfüllung. Traumlos schlief er

wie in der Knabenzeit nach einer langen Fußwanderung. Beim Erwachen

fand er sich nicht gleich zurecht. Er machte Toilette, trat auf den

Gang hinaus und öffnete ein Fenster. Der Zug fuhr durch eine Station.

Otten erhaschte den Namen. Es ging auf Mailand zu. Und auf einmal

überkam es den Mann wie eine Schulbubenfreude, heimzureisen, während

sich die Zurückgebliebenen den Kopf zerbrachen.

Die Freude währte noch an, als der Zug Mailand verlassen hatte und den

Como- und Luganosee passierte. Die Vorfrühlingssonne lag in glänzenden

Streifen auf dem Gewässer. Dann umfing den Eilzug die Alpenregion. Ohne

Übergang fast war es wieder Winter geworden.

Unruhig sah Joseph Otten zum Fenster hinaus. Vor ihm baute sich die

majestätische Scheidewand des Gotthard auf. Schneebedeckt lagen die

Joche, unheimlich glitzernd die Eisfelder. Und unaufhaltsam, immer

tiefer ging es hinein in die totenstille Winterwelt. Eisige Kälte

drang dem unruhigen Beobachter ins Blut, und doch war es warm im

Speisewagen, in dem er sich zum Mittagessen niedergelassen hatte,

und der rote Neufchâteler, der vor ihm im Glase funkelte, feuriger

Art. Aber ein unerklärliches Angstgefühl war nicht zu bannen. »Was,

Teufel,« dachte der Mann, »treibt dich vom Frühling hinweg in den

grauen deutschen Winter? War es bisher nicht immer umgekehrt der Fall?

Wenn man achtundvierzig Jahre zählt, ändert man nicht ungestraft seine

Gewohnheiten.«

Als der Zug in Airolo hielt, dachte er einen Moment daran,

auszusteigen. Der Bergriese schien sich höhnisch vor ihm aufzurecken,

der Eingang zum Tunnel schien ihm der Höllenschlund, und von der

Steinwand flimmerte es ihm entgegen, ein Hexensabbat feuriger

Buchstaben, die er mühselig in eine geordnete Reihe zu bringen

trachtete, bis er den Schreckensspruch aus Dantes Göttlicher Komödie

entzifferte: Laßt jede Hoffnung hinter euch, die ihr eintretet ...

»Ich hätte nicht reisen sollen,« murmelte er. »Man verläßt Rom nicht

um einer Laune willen, wenn man nicht weiß, wann und wie man es

wiederfindet.«

Der Zug fuhr langsam durch den Bauch des Berges, der zwei Welten trennt

und verbindet. Und wieder wurde es Licht. Göschenen ruhte friedlich im

Winterkleid.

»Sieh da,« sagte Otten zu sich und rieb sich die Augen, »hinter

dem Berge wohnen auch Leute. Und es fährt sich genau so leicht von

Göschenen nach Airolo wie von Airolo nach Göschenen. Diesen Beweis

gedenke ich anzutreten. Freute sich nicht schon Till Eulenspiegel

deshalb so unbändig, wenn er einen unangenehmen Berg heraufkraxelte,

weil ihm nachher der liebliche Rückweg winkte? Till, heute fühle ich

mich dir geistesverwandt. In diesem Sinne sei’s gewagt!«

Aber in Basel beredete er sich dennoch, eine Fahrtunterbrechung

eintreten zu lassen. »Zwei Nächte im Schlafwagen sind nicht unbedingt

notwendig, wenn man an keine Zeit gebunden ist. Morgen mit dem Frühzug

reise ich frischer.«

Die Grenze hatte aufs neue ernüchternd auf ihn gewirkt.

»Ich komme als Gatte und Vater,« ironisierte er, als er im Hotelbett

den Morgen erwartete. »Noch dazu als Vater einer Tochter, die mit

ihren fast vierzehn Jahren Anforderungen an das erzieherisch wirkende

väterliche Beispiel zu stellen berechtigt ist. Ist das wirklich schon

der Zeitpunkt, an dem eine Etappe — und nicht die häßlichste des Lebens

— wiederum als abgeschlossen zu betrachten ist? Während man sie noch

bis ins Unendliche verlängern möchte? Während man Blut und Mark noch

ganz anders spürt als in den grünen, unkundigen Jünglingstagen? Während

man jetzt erst — jetzt erst so recht — verstehen gelernt hat, was es

heißt: Und setzest du nicht dein Leben ein, nie wird dir das Leben

gewonnen sein? — —! Joseph, du stehst am Scheidewege. Unvorbereitet wie

immer, und wie du es früher liebtest. Ihr guten Götter, helft! ›Das

Schlimmste und das Dümmste, das trag’ ich geheim in der Brust!‹« — —

Die Beklemmung, die ihn befallen hatte, war nicht gewichen, als er

sich am Morgen erhob. »Wenn ich erst den Rhein sehe, wird’s besser

werden,« tröstete er sich.

Wieder schaute er zum Wagenfenster hinaus, Stunde für Stunde, und

wieder eilten seine Gedanken rückwärts statt vorwärts. Dann zwang

er sich, an Maria zu denken, an ihre stillen, vor Freude glänzenden

Augen, an den Jubel des Kindes. Heiß stieg es in ihm auf. Er hatte ihr

eine andere Stimmung ins Haus zu tragen. Resignation war daheim zur

Genüge aufgespeichert. Lachen sollte durchs Haus schallen, das Lachen

von drei Menschen, jungen, jung gebliebenen. Selbst der Brummbaß des

alten Klaus erhielt eine veredelnde Note. So mußte es sein, so sollte

es werden. Eine fröhliche Stunde in Köln — und der Bann war gebrochen.

Ja, das war’s. Noch einen freien, fröhlichen Abend der Vorbereitung,

der Akklimatisierung. Und dann — ins alte Geschlechterhaus, in die

Rheingasse.

Vom Mainzer Bahnhof gab er eine Depesche auf. »Medardus Terbroich,

Köln, Ringstraße. Ankomme sieben Uhr mit Basler Schnellzug. Hole mich

Bahnhof ab. Joseph Otten.«

Mit einem Schlage war die verlorene Stimmung zurückgekehrt. Nun zog er

doch nicht als Lebensinvalide in die alte Vaterstadt. —

Der Zug lief auf der Deutzer Seite ein. Mit alter Elastizität sprang

Otten aus dem Wagenabteil, beorderte einen Dienstmann, sein Gepäck in

die Aufbewahrungshalle zu tragen, und wandte sich Terbroich zu, der

diesen ersten Anordnungen des Heimkehrenden mit vielsagendem Lächeln

folgte.

»Inkognito, Joseph?«

»Nur heute abend. Ich fühl’ mich noch nicht widerstandsfähig nach so

langer Abwesenheit.«

»Verstehe. Ich und was folgt, wir sollen sozusagen die ersten Stationen

zum Kalvarienberge bilden. Was befiehlt der große Maëstro, das zunächst

geschehen soll?«

»Irgendwohin. Wo unverfälschte Kölner Luft weht. Damit hab’ ich’s

eilig.«

»Das Hänneschen-Theater ist leider geschlossen.«

»Bring mich in eine Kölner Kneipe, Hanswurst. Ich trag’ noch den Wein

aus der römischen Campagna auf der Zunge. Entwöhne mich. Gib mir den

Kölner Biersäuerling. Das schafft kühlere Gedanken.«

»Hast du so heiße zurückgelassen?«

»Du wirst deine Neugier zügeln müssen. Aber gottlob, du wenigstens hast

dich nicht geändert.«

»Ich hatte schon kommen wollen. Besonders, als ich gestern eine

Depesche in der ›Kölnischen‹ las, daß du auf dem Feste beim Botschafter

der Gegenstand großer Ovationen gewesen seiest. Das muß famos sein.

Deine Ovationen sind Herzenssache. Und so ein römisches Herz — Hand

drauf, Joseph, das nächste Mal!«

»Du bist ein Geck,« sagte Otten lachend. »Klär dir dein Terrain selber

auf.«

»Ich habe so viele Rücksichten zu nehmen. Ich bekleide so viele

Ehrenpöstchen. Da darf man sich nicht zu sehr exponieren. Aber auch im

Schatten läßt sich’s tafeln. Es muß eben einer die Rolle der spanischen

Wand übernehmen. Na, Joseph, das sollen jetzt schöne Tage werden, und

der Karneval steht auch vor der Tür.«

»Da meldet er sich schon.«

Auf dem blauen Postbriefkasten, der an einem der Häuser hing, thronte

ein kleiner Junge, klapperte mit seinen Holzpantinen gegen die Hauswand

und sang aus vollem Halse. Ein paar andere, die kaum in den ersten

Holzpantinen zu Hause waren, sprangen wie Stehaufmännchen um den

Briefkasten herum und jauchzten das Lied mit.

»Fastelowend kütt eran ...!«

»In vierzehn Tagen,« sagte Medardus Terbroich und strich sich

schmunzelnd Schnurr- und Spitzbart. »Komm, wir gehen über die

Schiffsbrücke.«

Es war ein abendliches Gewimmel. Fabriken und Kontore hatten Feierabend

gemacht, und über die Schiffsbrücke zog es wie eine lange, schwarze

Prozession. Am Zahlhäuschen staute sich ein Knäuel. Die Hintenstehenden

drängten. In der Ferne hatte ein Dampfer gepfiffen, und das Mittelstück

der Brücke sollte ausgefahren werden. Die schon auf der Brücke standen,

setzten sich in Trab, um trotz des Geschimpfes der Brückenbediensteten

noch hinüberzukommen. Am Zahlschalter, an dem das Brückengeld in

Empfang genommen wurde, wetterte ein Handlungskommis über die langsame

Abfertigung. »Ärgere dich nit, Mensch,« meinte das Billettmädchen

gelassen, »et schadet deiner Schönheit.« Ein Schmunzeln ging durch

die lange Reihe. »Dich möcht’ ich lew hann,« sagte der Nächste am

Zahlbrett. Und prompt kam die Antwort: »Ha, das glauben ich auch!«

In einer Seitengasse, die auf den Domplatz mündete, machten die Freunde

halt. »Hier hinein?« fragte Terbroich, und Otten bejahte. Es war ein

altes, unscheinbares Haus. Auf der Diele wurden Fässer gerollt, die

leeren seitlich aufgetürmt, die vollen auf Bänke gehoben und eilig

angezapft. Übertriebene Höflichkeit wurde nicht geübt. Wirtsleute und

Bedienung verließen sich auf die werbende Kraft ihres Stoffes.

Das lange, schlauchartige Lokal war dicht gefüllt. Im Hintergrund

hatten die Seßhaften Platz genommen, Stammgäste, die einen

Jahresnachweis führen konnten, eingeborene Bürger, Beamte jeder

Rangklasse. Im Vorderlokal saßen die Passanten, die nur auf eine oder

zwei Schoppenlängen vorsprachen und sich dazu durch ein Röggelchen

mit Holländerkäse stärkten. Standesunterschiede wurden nicht beliebt.

Der Dienstmann rückte seinen Stuhl neben eine Magistratsperson, der

Mann in der Arbeitermütze trank neben dem Mann im Zylinder. Dicker

Zigarrenrauch schwamm in wolkigen Schichten über den Köpfen. Die

Schankburschen in blaugestricktem Kamisol, Schurz und Lederriemen

drückten sich durch die Stuhlreihen, ersetzten die leeren Schoppen

schleunigst durch gefüllte und ließen keine Stockung im Betrieb

aufkommen. Und hinter dem kleinen Büfett thronte auf einer Estrade die

dicke Wirtin mit einer Gemütsruhe, als pflege sie von ihrer Höhe aus

Gnadenerlasse zu erteilen. »Der Herr möchten zahlen, Pitter.«

Otten und Terbroich hatten an einem Seitentischchen Platz gefunden. In

durstigem Zuge leerte Otten sein Glas, schüttelte sich und ließ sich

ein frisches reichen. »Ich glaub’, das reinigt selbst die Kleider.«

»Weißt du noch,« meinte Terbroich, »wie wir das erste Bier getrunken

haben? Als zahlende Gäste? Wir waren Sekundaner und hatten auf dem Eis

ein paar Mädel aufgegabelt, denen unsere Mützen mächtig imponierten.

Um als Kavaliere vor ihnen zu bestehen, luden wir die Damen zu einem

Imbiß, als wenn wir gewohnt wären, täglich um diese Stunde unseren

Schoppen zu uns zu nehmen. Dabei schlug uns das Herz bis in den Hals,

als wir in der Altstadt das elendeste Kneipchen aufsuchten. Ich ging

voran.«

»Und verschwandst durch die Hoftür, während wir drei armen Seelen

zitternd den Wirt erwarteten. O Medardus, du hast dich in dieser Sache

nicht mit Ruhm bedeckt.«

»Ich wollte doch nur Geld von zu Hause holen,« verteidigte Terbroich

sein erstes Abenteuer.

»Dort, wohin du dich verschämt zurückzogst, war jedenfalls keins zu

finden.«

»Ich kletterte über den Zaun —«

»Und grinstest dann durch das Fenster. Am nächsten Tage kassierte ich

deine Schulden durch eine Tracht Prügel bei dir ein, da du die bare

Genugtuung verweigertest.«

»Davon ist mir nichts bekannt,« lenkte Terbroich ab und prostete den

Jugendfreund höflich an.

Am nächsten Tische war man aufmerksam auf die beiden Herren geworden.

Man sandte respektvolle Blicke herüber und flüsterte sich in die Ohren.

Das Stammtischgespräch verstummte auf einen Augenblick.

Terbroich bemerkte es geschmeichelt und gab sich eine vornehm-lässige

Haltung. »Wir werden erkannt,« sagte er leise.

Otten schaute sich um. Sein lachender Blick flog über den Stammtisch,

und als ein paar der Abendschöppler Miene machten, ihn zu grüßen, kam

er ihnen zuvor.

»Guten Abend, meine Herren!«

»Guten Abend, Herr Doktor,« scholl es gemütlich zurück. Einer hob sein

Glas. »Ihr Wohlsein, Herr Doktor!«

»Ist es erlaubt?« fragte Otten.

»Große Ehre, Herr Doktor. Wir rücken zusammen. Raum für alle hat die

Erde.«

Otten wandte seinen Stuhl und rückte in den Kreis. »Das nenn’ ich eine

gemütliche Ecke. Sie haben es gut.«

»Ja, ja, so en echt Glas Kölsch, dat kann Ihne selvs der heilige Vater

nit fürsetze.«

»Dafür ist dort aber Freizeche.«

»Wenn dat allens is: Pitter, ene Runde!«

Schallendes Gelächter lohnte dem Spender. »Nix für ungut, Herr Doktor,

äwwer ich hann als esu en Freud’, den Herrn Doktor Otten bei uns zu

sehn. Da kütt et mr ratsch op enen Dahler nit an.«

Nun hatte auch Terbroich seinen Stuhl in den Kreis geschoben. »Der Herr

Doktor ist deshalb expreß von Rom gekommen.«

»Hät hä ding ärm Seel losbete müsse? Dann is die nächste Rund’ beim

Herrn Terbroich.«

Terbroich protestierte. Aber man hatte den Auftrag bereits erteilt.

»Jetzt wird mir wieder heimatlich,« sagte Otten. »Daß man das draußen

vergessen kann.«

»Aber wir haben den Herrn Doktor Otten nicht vergessen.«

»Der Prophet gilt sonst nicht viel im Vaterland. Wer einen als dummen

Jungen gekannt hat, hält es später für unter seiner Würde, sich von

dem Bild loszureißen. Daher tragen so viele Künstler ein getrübtes

Heimatserinnern mit sich herum.«

»Das mag anderwärts wahr sein, Herr Doktor. Aber wir Kölner sind immer

noch stolz auf unsere Künstler gewesen. Und um Ihnen das zu beweisen,

fordere ich die hier anwesenden Herren auf, ihr Glas zu erheben und mit

mir einzustimmen in den Ruf: Uns’ Jupp — der Herr Doktor Joseph Otten —

soll leben: hoch!«

Der Hochruf brauste über den Tisch, wurde an anderen Tischen

aufgefangen, weitergegeben, und ein paar Sekunden lang erhob sich

selbst die phlegmatische Wirtin verwundert von ihrem Thron.

»Nun singen wir,« rief ein Begeisterter — —

Da winkte die Wirtin kühl ab.

»Wir müssen weiter,« flüsterte Terbroich dem Freunde zu, der Miene

machte, seßhaft zu werden.

»Es fängt ja erst an.«

»Ich habe noch was =in petto= für dich.«

»Was Gescheites?«

»Mehr als gescheit. Du wirst dich wundern, wie klein du wirst.«

»Deine beleidigende Zuversicht könnte mich reizen. Ich bin in Stimmung,

Terbroich.«

»Ich setze meine Seele gegen deine.«

»Da werden sich die Teufel freuen.«

»Also erheb dich. Guten Abend, meine Herren. Sie müssen entschuldigen,

daß ich Ihnen den Herrn Doktor jetzt entführe. Wir haben noch wichtige

Geschäfte.«

»Lüg du un der Düwel. Guten Abend, Herr Doktor. Aufs Wiederkommen.«

»Wohin?« fragte draußen Otten und schob sich den Schlapphut aus der

Stirn. »Mensch, das hat gut getan. So eine spontane Huldigung geht

einem ins Blut wie ein übermütiger Most. Bring mich, wohin du willst.

Aber laß Freude bei der Sache sein.«

»Erinnerst du dich Lüttgens? Karl Lüttgens? Der mit uns auf der Schule

war? Eisenwalzwerk. Großer Industrieller. Er spricht häufig von dir.«

»Lüttgen? — Natürlich! Prächtiger Kerl. Wenn ich nicht irre, starb ihm

seine Frau.«

»Er ist wieder verheiratet. Mit einer Berlinerin. Vornehme Person,

klug, daß man vor ihrem Blick verschwinden möchte. Dabei klein, fein,

biegsam, spöttisch und —«

»Alterier dich nicht.«

»Ich kann mir nicht helfen, wenn ich sie ansehe, muß ich an die

Versuchung des heiligen Antonius denken.«

»Du heißt aber Medardus, mein Sohn. Vergiß das nicht.«

»Wollen sehen, wessen Kopf am längsten oben bleibt.«

»Ist sie jung?«

»=La femme de trente ans.= Das gefährliche Alter.«

»Schneegänse waren nie mein Fall. Frauen unter dreißig sind keine

Frauen. Gehen wir hin?«

»Wir sind auf dem Wege.«

»Unangemeldet?«

»Es ist Empfangsabend. Ich habe uns durch Laurenz ansagen lassen.«

»Durch deinen Jungen? Trägt der schon lange Hosen?«

»Der? Du wirst staunen, wie der sich entwickelt hat. Er ist sechzehn

geworden, seit einem Jahre Lehrling auf meinem Kontor, ein bildhübscher

Bengel und verdreht allen Mädels die Köpfe.«

»Es ist ~dein~ Sohn,« lächelte Otten.

Sie nahmen einen Wagen und fuhren zum Hohenzollernring. Otten rauchte

seine Zigarre zu Ende. »Hast du — zufällig einmal — meine Carmen

gesehen?«

»Letzten Sonntag im Zoologischen Garten. Laurenz hatte sie abgeholt.

Ich war auch da, des schönen Wetters wegen. Da sah ich sie promenieren.«

»Sind wohl gut Freund, die beiden?«

»Und einer eitel auf den andern. Ich sag’ dir, alle Welt dreht sich

nach ihnen um, wenn sie zusammen anmarschieren.«

»Bißchen vorzeitig,« murmelte Otten .... Der Name Marias schwebte ihm

auf der Zunge. Da hielt der Wagen schon.

Im Vorraum nahm ein Diener den Herren Hut und Mantel ab. Otten warf

einen Blick in den facettierten Wandspiegel. »Geht das an? Ohne

hochzeitliches Gewand? Ach was. =Qui vivra, verra.=«

Im großen Salon und im angrenzenden Musikzimmer saßen die Gäste und

horchten auf das Spiel einer Pianistin. Das braune Haar in tiefer

Frisur von der Wange zurückgestrichen und im Nacken zu einem schweren

Knoten genommen, die mädchenhafte Figur in einem weißen, goldbordierten

Phantasiegewand, das oberhalb der weiten Ärmel die Schultern freigab,

spielte die Dame eine virtuose Variation, ohne sich durch den Eintritt

der neuen Gäste im geringsten ablenken zu lassen. Erst, als sie an

der leisen Bewegung, die durch das Auditorium ging, fühlte, daß ihre

Zuhörer nicht mehr bei der Sache waren, schloß sie mit einem Lauf, den

sie auf hoher Note abbrach. Die Hände auf den Tasten, blieb sie sitzen

und wandte nur langsam den Kopf.

»Liebe Amely,« hörte sie über sich die Stimme ihres Mannes, »da hab’

ich aber mal eine Überraschung für dich. Es ist nur ein Schulkamerad,

aber nebenher ist es auch der Doktor Joseph Otten.«

Der korpulente Mann, dessen gerötetem Gesicht man die Freude an dem

unerwarteten Besuch ansah, klopfte dabei dem Gast kräftig auf die

Schulter. Frau Amely zuckte ein wenig. Da ließ der Gatte verlegen von

den Freundschaftsbezeigungen ab. »Meine Frau,« stellte er vor.

Joseph Otten verbeugte sich tief. Als er den Kopf hob, gewahrte er

einen verwundert forschenden Ausdruck in den Augen der Dame des Hauses.

Der Blick lief an ihm hinab.

»Ich habe Ihre Entschuldigung nachzusuchen, gnädige Frau. Ich weiß, das

ist keine Besuchstoilette.«

»Die gnädige Frau wird mir sicher nicht zürnen, daß ich den Herrn

Doktor direkt von der Bahn hierher brachte,« warf Terbroich ein.

»Berühmte Männer fallen unter das Ausnahmegesetz.«

»Sie kommen direkt von der Bahn?«

»Nicht ganz direkt. Ich habe erst meine Kölner begrüßt.«

»~Meine~ Kölner —? Ach, ich vergaß. Es soll der Sänger mit dem König

gehen.«

»Meine Gnädige,« beeilte sich Terbroich, »es war eine Ovation. Kaum,

daß wir das Lokal betreten hatten.«

»Machen Sie doch Ihren Freund nicht schlecht,« verwies sie ihn mit

spielender Ironie. »Er wird den Wert einer Kneipenovation richtig zu

taxieren wissen.«

»Ich weiß den Wert einer jeden wahren Gefühlsäußerung richtig zu

taxieren, gnädige Frau.«

»Sie leben nur selten in Köln?«

»Ich lebe in der Welt.«

»Ah — und Köln zählt für Sie zu den Außenposten.«

»Ich komme von Zeit zu Zeit, um Studien zu machen.«

»Musikalische?«

»Menschenstudien, gnädige Frau. Köln ist ein Hauptstapelplatz für Typen

jeglicher Art.«

Sie sah mit einem mokanten Zug um den Mund zu ihm auf. »Ich werde mich

also fürchten müssen.«

»Ich habe nicht den Vorzug, Sie so genau kennen zu dürfen.«

Einen Augenblick sah sie zur Seite, als suchte sie etwas. »Graue Augen

hat die Katze,« dachte Otten, »sie will mit mir spielen. Ein graues

Auge — ein schlaues Auge — —.«

»Mein Mann,« begann die Dame des Hauses nach kurzer Pause, »wird

bereits ungeduldig, daß ich ihm Ihre Gesellschaft so lange entziehe.

Ihre Freundschaft muß eine sehr bewährte sein, daß Sie so schnell schon

zu ihm eilen. Mein Mann ist darin rührend alte Schule. Freundschaft,

Liebe, Freiligrath und Rüdesheimer. Sie haben sich den Anspruch darauf

verdient. Ich beurlaube Sie einstweilen, Herr Doktor.«

»Mein lieber Joseph,« sagte Lüttgen, nahm seines Gastes Arm und drückte

ihn herzhaft. Über den Korridor führte er ihn ins Rauchzimmer, um dem

Schwarm der Gäste zu entgehen. »Du erlaubst doch, Joseph, daß ich dich

noch du nenne? Trotz der Ironie meiner Frau. Ich kann keine schönen

Worte machen, ich bin Fabrikant und basta. Aber das hindert nicht,

dir zu sagen, daß ich mich bärenmäßig freue, endlich einmal einen

vernünftigen Menschen in meinem Hause zu sehen. Sag schnell, was du

trinken willst: Rhein? Mosel? Bordeaux? Rheinwein, das ist schön! Mosel

ist Modesache, aber Rheinwein — na, wir beide brauchen uns nichts zu

sagen. Prosit, Joseph! Auf neue alte Freundschaft!«

»Prosit, Lüttgens Karl! Du imponierst mir!«

»Ach du —!« Der Fabrikant stieß seinen Gast in die Seite. »Du willst

dich wohl auch lustig machen. Aber wenn du wüßtest, wie ich schon auf

der Schule an dir gehangen habe. Nur zu schwerfällig war ich, so recht

an dich heranzukommen. Und nun — nun gehört man schon zum alten Eisen.«

»Oho! Pereat! Das sagt ein junger Ehemann?«

»Nein, mein lieber Joseph, das sagt eine junge Ehefrau.«

»Du scherzest. Ein Mann wie du. Erste Nummer in der Welt des Eisens.

Aber nicht des alten.«

»Ich kann mich in den neumodischen Kram nicht hineinleben. Trink

mal. Gelt, ein Tröpfchen? Ja, was ich sagen wollte: oft frag’ ich

mich, leide ich seit meiner neuen Ehe an Gehirnerweichung? Hab’ ich

plötzlich jedes eigene Urteil verloren? Bin ich wirklich mit dem

Dämelsack geschlagen? Wir lesen einen Roman zusammen. Meine Frau

fiebert vor Entzücken. Und mir ist zum Übelwerden langweilig zu Mute.

Ich halte den Kerl, den Romanschreiber, für einen Idioten, für einen

schlappen Hund. Meine Frau hält ihn für einen Halbgott, für einen

feinnervigen Kulturmenschen. Weiter. Wir genießen Musik. Wir Kölner

sind alle musikalisch — na, wem sag’ ich das, Meisterseele. Und nun

fegt etwas daher, duckt sich, springt mir an den Kopf, wirbelt mir

das Gehirn zuunterst, zuoberst, entläßt mich mit einem Schlag auf den

Magen, und meine Frau schluchzt vor Entzückung: Das ist Musik, das ist

Gedankenvertonung, Geistesextrakt! — Ich bin wahrhaftig ein moderner

Mensch. Sieh dir meine Fabrik an. =Lüttgen to the front!= Darauf kannst

du ruhig das Sakrament nehmen. Ich habe die modernste Fabrik. Aber

modern — zum Teufel, das ist doch nicht hysterisch! Prost, Joseph! Eine

Flasche mit Verständnis trinken, das ist nämlich gemein.«

»Ihr versteht euch nicht?«

»Meine tausend Arbeiter verstehen mich aufs Wort. Für meine Frau rede

ich kalmückisch.«

»Das wird wieder anders werden.«

»Was? Du denkst wohl, ich lamentiere? Jeder liegt, wie er sich bettet.

Und nun freu’ ich mich, daß ich dich hier habe. Du mußt häufig kommen.

Wir verstehen uns.«

Eine Anzahl Herren traten ein. »Nicht zu sagen! Wir genießen mit den

Ohren, und hier genießt man mit der Zunge. So eine Hinterhältigkeit.«

»Wenn ihr Kunstkenner sein wollt, müßt ihr der Kunst ein Opfer bringen

können. Beeilt euch! Drinnen gibt’s jetzt ein Violinkonzert.«

»Lüttgen, sei barmherzig. Ein Glas Wein und eine Zigarre. Frau Amely

sieht’s nicht.«

Vor Otten stand ein junger, hübscher Mensch. Dunkles weiches Haar fiel

ihm über die Stirn, und die großen, dunklen Augen kokettierten mit

ihrer Schönheit. »Herr Doktor,« sagte er schmeichelnd, »Sie kennen mich

ganz gewiß nicht mehr.«

»Ganz gewiß nicht.«

»Laurenz Terbroich.«

»Ach — Sprößling meines Freundes Medardus? Das ist ja schön. Wenn man

euch ansieht, merkt man, wie die Zeit vergeht und daß man auf den

Großvater zusteuert.«

»Wenn ich mit Ihnen tauschen könnt’, gäb’ ich zwanzig Jahre drum. Ihre

Erfolge! In der Kunst und im Leben!«

»Das ist die Stimme meines Medardus. Sie sind ein Schmeichler, junger

Freund.«

»Nur ein Enthusiast. Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ich möchte mit

Ihnen anstoßen.«

»Wohl bekomm’s. Also Sie streben jetzt auf dem Kontor des Herrn Papa?«

»Noch zwei Jahre. Dann geht’s als Volontär nach Paris und nach London.

Sie waren zuletzt in Italien, nicht wahr? Sind nun die Römerinnen

wirklich so schön, wie man sagt?«

»Mein Junge, die Frauen sind überall dort am schönsten, wo sie unseren

Sinnen so scheinen. Sie haben eine unbegrenzte Heimatsberechtigung.

Darin liegt ihre Schönheit und ihre Gefährlichkeit. Verstanden?«

»Ich bin in der besten Lehre,« erwiderte der junge Mensch keck.

»Dann lassen Sie sich ~eins~ sagen: Man beleidigt die Frauen, wenn

man über ihre Schönheit diskutiert. Man liebt sie, oder man liebt sie

nicht. Damit ist man am Ende.«

»Und ~wenn~ man sie liebt?«

»Ist es immer noch zweierlei, ~wer~ sie liebt. Vergessen Sie das nicht.

Guten Abend, Herr Terbroich.«

Durch die Portiere lauschte die Frau des Hauses herein. »Geben Sie auch

Lektionen in Ihrer — Menschenkenntnis, Herr Doktor?«

»Ich bin nicht so dreist, mehr als ein ewiger Schüler sein zu wollen,

schöne Hausfrau.«

»Ah — schön — —? Daraus müßte man konsequenterweise nach Ihrer Methode

folgern —«

»Sie haben gelauscht, gnädige Frau?«

»Ich besitze noch mehr Untugenden, Herr Doktor. Verachten Sie mich.«

»Ich bewundere Ihre Offenheit so sehr, daß —«

»Daß —?«

»Daß ich eine Absicht dahinter vermute.«

»Welche Absicht könnte das wohl sein? Mit Ihnen zu kokettieren? Mir von

dem berühmten Manne ein wenig den Hof machen zu lassen? Ich würde, wie

so viele, glücklich sein.«

»Ich pflege in dieser Beziehung selbständig vorzugehen, gnädige Frau.«

»Ich glaub’s, Herr Doktor. Und das Siegen ist Ihnen zur zweiten Natur

geworden.«

»Es muß Sie doch sehr interessieren, einen solchen Sieg zu sehen.«

»Alles, was von der Eva stammt, ist neugierig, Herr Doktor. Üben Sie

Mitleid. Wir sind das inferiore Geschlecht.«

Otten biß sich auf die Lippe. »Sie wünschen?« fragte er kurz.

Der Abenteurer : $ Roman · 第 22 / 54 题