=V=
»Wie die Wasser des Trevi heute melancholisch rauschen ...«
Joseph Otten nahm dem fettleibigen Peppe, dem Patriarchen der Osteria,
Glas und Flasche ab, schwenkte das Glas mit einigen Tropfen des
blinkenden Frascati um, die er in das schmale, weindunstdurchzogene
Zimmer spritzte, goß ein und trank Heinrich Koch zu. Wieder war es ein
Vorfrühlingstag, ein sommerwarmer Februarmorgen. Die Sonnenstrahlen
strömten durch die weit offene Tür der Osteria, kitzelten den Staub auf
Tischen und Fußboden, ließen ihn in feinen Säulen tanzen und flirren
wie eine neckische Mahnung für den Wirt, der sie gutmütig lächelnd
übersah, und trieben ein frohes Farbenspiel in den Weinresten, die
verschüttet auf den Tischen lagen, ohne daß sie einen Gast genierten.
Heinrich Koch, im langen, etwas abgetragenen Gehrock, schlürfte
langsam den Wein. »Ich höre die Fontana, wie ich sie seit Jahren höre.
Sie rinnt und verrinnt, rinnt und verrinnt — höchstens, daß ich das
~Ver~rinnen jetzt deutlicher höre.«
»Oho! Damit hat es noch lange Zeit.«
»Ich war es nicht, der die melancholische Note ins Gespräch trug.«
»Ich auch nicht.«
»Also war es die Treviflut. Trink, Joseph, der Frascati spült das
nichtsnutzige Gehirn rein. Du bist gestern beim Botschafter zu sehr
gefeiert worden.«
»Zu sehr —? Das ist kein Kompliment für meine Kunst.«
»Nein,« sagte Koch und schenkte sein Glas voll, »von deiner Kunst habe
ich nicht gesprochen. Sie steht außerhalb dieses Frühschoppens, denn
dazu ist sie mir doch zu heilig. Wenn es für dich darin noch eine Höhe
zu erreichen gab, du hast sie erreicht. Sie ist gereift wie ein edler
Wein. Voll und feurig .... Sonderbar, ist es dir nicht auch mehr als
oft aufgefallen, daß man den besten Wein in den — in den ungeniertesten
Kneipen trinkt?«
»Prosit, Hochwürden. Ich wittere es: jetzt kommt’s.«
»Schön, wenn du es hören willst. Den Künstler ›=hors concours=‹. Der
Mensch gefällt mir nicht so recht.«
»Hm — —. Du meinst damit: der Mensch ist dir gestern auf der Soiree zu
sehr gefeiert worden.«
»Das wäre nicht so schlimm. Nur — daß es dem Herrn Doktor Otten gar
nicht unlieb zu sein scheint.«
»Lieber Heinrich, deine Freundschaft und tiefen Kenntnisse in Ehren.
Aber ob ein Zölibatär in diesen Dingen die richtige Entscheidung zu
treffen vermag —«
»Ich denke gar nicht daran, eine Entscheidung zu treffen. Ich bin, wie
du es aussprachst, sozusagen doch immer nur ein Zaungast, wenn es an
die Hauptfesttafel geht. Möglich, daß auch der Neid mein Auge schärft.
Denn ich fliehe nicht umsonst meine kahle Wohnung und sitze bis tief
in die Nacht beim biederen Peppe an der Fontana Trevi oder beim
nicht minder biederen Onkel Pasquale in der Via San Giuseppe hinter
der Flasche, mir die Einsamkeit wegzutäuschen. Lassen wir das. Dir
gegenüber bin ich ohne Neid, das weißt du, und wenn dir der Padischah
als Honorar ein Passepartout überreichen ließe. Aber gerade deshalb bin
ich — deine Objektivität.«
»Hat dir die kleine ›=eccellenza=‹ so sehr mißfallen? Sie ist jung,
apart, elegant. Die Sonne Roms hat ihr Blut gekocht. Soll ich die Augen
niederschlagen, wenn sie — das Feuerzeichen gibt? Es reizt mich, zu
erfahren, welche Art Edelmetall in diesem Feuer glüht.«
»Unverbesserlicher Optimist. Du wirst Asche finden.«
»Und wenn! Ich muß von Zeit zu Zeit die Probe auf meine Jugend machen,
denn — ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich muß von Zeit zu Zeit die
Gewißheit erneuern, daß ich noch die Macht in Händen habe, die Macht
über Frauenherzen. Das stößt mich vorwärts. Und der Erfolg gibt mir
recht. Ich wandle durch einen Blumengarten, und die Blumen schmeicheln
sich mir in die Hand.«
»Und du glaubst immer noch, daß das dem Manne in dir gilt?«
»Wem sonst?«
Heinrich Koch schwieg eine Weile. Er spielte mit seinem Glas, schob es
von sich und sah den alten Jugendgefährten offen an.
»Es ist der Geruch des Lorbeers, der die Frauen zu dir zwingt, Joseph.
Damit ist alles gesagt.«
Joseph Otten trommelte mit den Fingern hart auf den Tisch. »Das heißt
zu Deutsch: wenn mein Stern sinkt —«
»Geht eine neue Gruppierung am Sternenhimmel vor sich.«
Joseph Otten lachte. »Ich werde die Konstellation noch einige Zeit
mitbestimmen. Ich habe meine Zeichen. Beruhige dich.«
Die Treviflut rauschte von der Fontana herüber. Sie saßen und horchten
auf die einwiegende Melodie.
»Wie lange ist es, Joseph, daß du nicht in Köln warst?«
»Drei Jahre,« antwortete er kurz.
»Und drei Jahre hast du die Maria nicht gesehen und die Carmen? Daß du
das aushältst!«
»Es war die längste Trennung bisher. Ein Engagement reihte sich an das
andere. Es waren Strapazen. Ich suchte in Italien Erholung.«
»Ich kann mir diese Gründe nicht vorstellen.«
»Gründe? — Ja, wenn ich Gründe hätte. Die würd’ ich schon aus der Welt
schaffen. Denn ich wüßte keine Menschen, die ich so lieb hätte wie
die beiden in Köln. Aber — es ist eine Verlegenheit — —. Ich — ach,
Heinrich, weshalb soll ich mich vor dir verstellen — ich habe keine
Seßhaftigkeit. Ich muß wechselnde Bilder um mich haben. Mein Blut muß
in Wallung bleiben. Ich muß das Gefühl haben, frei über mich verfügen
zu können, will ich bleiben, der ich nun einmal bin. Das aber läßt
die Ehe nicht zu. Ich bin inkonsequent gewesen, als ich mich band.
Ich tat’s, um eine Liebe mit einer anderen zu vergelten. Aber die
Konsequenzen dieser Bindung im bravbürgerlichen Sinne auf mich zu
nehmen, das bedeutete für mich die größte Inkonsequenz meines Lebens.
Das will zu Ende gelebt sein, wie es begonnen wurde. Alles andere wäre
Scharlatanerie, Pose schlimmster Art, ein Belügen meiner selbst und
anderer, die das Recht hätten, nun einen neuen Menschen von mir zu
verlangen, den ich beim besten Willen nicht präsentieren könnte.«
»Ich hätte dich für einen bedeutenderen Lebenskünstler gehalten. Um
rückhaltlos nur den eigenen Wünschen zu folgen, dazu bedurfte es keines
Joseph Otten. Dazu reicht zuletzt eine gewöhnliche Portion Leichtsinn
aus.«
»O nein, mein Alter, es gehört mehr dazu, wenn der Gewinn dem Einsatz
entsprechen soll.«
»Der Gewinn! Revidiere mal deine Gewinne. Du kannst die armen Seelchen
in eine taube Nuß stecken, und sie wird dennoch taub bleiben. Fahr
nicht gleich auf. Du könntest Namen nennen, wenn das nicht gegen
deine Kavalierstugenden ginge, Namen von Frauen und solchen ohne den
Frauentitel, die in der Bewegung der Zeit eine Rolle spielen. Was
beweist das? Höchstens doch, daß auch sie sich vor den Konsequenzen
drücken und nur den Gewinn einstreichen wollen. Einer betrügt den
anderen. Fühlst du das denn nicht heraus?«
»Nein. Ich fühle nur heraus, daß dein Verständnis für diese Dinge nicht
ausreicht.«
»Dem könntest du ja leicht zu Hilfe kommen. Aber du wirst dich hüten.
Denn es müßte auf Kosten deines Siegergefühls geschehen.«
»Du gefällst dir in Rätseln.«
»Ist das so schwer? Oder glaubst du, daß diese Frauen dir gegenüber
nicht dasselbe Siegergefühl hätten?«
»Pah!«
»Damit bläst du den Staub von den schönen Bildern nicht herunter. Der
haftet fester.«
»Du hast heute deinen sentimentalen Tag, Heinrich. Das liegt an diesem
jungen Vorfrühlingstag. Mich stachelt die erste warme Sonne auf zu
neuen Erlebnissen, dich schlägt sie nieder, weil du keine alten hast.
Das ist es. Denn im Grunde genommen ~spürst~ du die Sonne gerade so
sehnsüchtig wie ich.«
Heinrich Koch blickte an seinem langen schwarzen Rock hinab, der keine
sorgende Hand verriet. Seine Lippen preßten sich aufeinander. »Ich
habe kein Weib,« sagte er dann. »Aber hätte ich es, ich wüßte den
Unterschied zu machen zwischen Weib und Weibern.«
»Die Frauen von heute sind anders geworden, als unsere Mütter waren,
Heinrich. Und wir sind es auch.«
»Wir — das unterschreibe ich. Der Kampf um den Erwerb ist heißer
geworden, und damit auch die Gier. Das geht immer Hand in Hand. Aber
daß die Frauen anders wie unsere Mütter werden könnten? Ach, du meinst,
im äußerlichen Behaben, auch in der wissenschaftlichen Fortschulung,
beides zusammengenommen in der Emanzipation? Aber doch wahrhaftig nicht
im Mutterwerden.«
»Auch darin. Weshalb nicht?«
»Weil im Liebesleben ein Teil der passive sein muß, und weil die Natur
diese Stelle der Frau zugesprochen hat. Man kann gegen die Naturgesetze
verstoßen, aber man kann sie auf die Dauer nicht wegdisputieren. Weil
sie das Ewige sind.«
»Weshalb soll nicht auch den Frauen die Aktivität in ihrer Liebe
zugesprochen werden?«
»Sobald ihr euch herbeilaßt, Unterröcke anzuziehen. Sonst ist der
heilige Spaß beim Teufel.«
»Mein lieber Heinrich, es stehen Frauen an der Spitze, die geistvoller
sind als wir beide.«
»Geistvoll. Aber auch reizvoll? So jung, so schön, so lieb und
umworben, daß sie die Wahl haben unter Männern von Schrot und Korn? Da
hapert’s. Altes oder dürres Holz brennt am leichtesten, mein lieber
Joseph. Und es weiß auch, weshalb. Stellt mir statt eurer Agitatorinnen
Mädel und Frauen an die Spitze, die über die Leibes- und Seelentugenden
verfügen, wie ich sie schilderte, und die sich dennoch aus purster
Begeisterung für die Sache ausbieten, und ich will mich auf der Stelle
bekehren.«
»Ausbieten? Du weißt wohl nicht, was du sprichst. Eine jede Frau hat
das Recht, das Glück zu erfahren, das ihre bevorzugtere Schwester
erfährt.«
»Schön gesagt. Das müßte dann aber auch für alle Männer gelten, für
alle! Oder die Gleichstellung wäre schon wieder illusorisch. Ich
bezweifle nur, daß die Frauen darauf eingingen.«
»Und was Jugend, Schönheit und Gesinnungsadel betrifft,« fuhr Otten
unbeirrt fort, »so ist daran unter den Frauen, die sich von der
Schablone befreiten, kein Mangel, das kann ich dir versichern.«
»Und — die Treue?«
»Sie sind so treu wie wir!«
»Das heißt also: ausgeschlossen.«
»Können wir nicht auch treu sein? Übrigens, wenn du bei uns die Treue
für ausgeschlossen hältst —«
»Bei uns? O nein. Bei euch! Das ist ein Unterschied. Nur bei euch
Menschen der ›wechselnden Bilder‹, der ›Wallung des Bluts‹, der
Menschen mit dem umgekehrten kategorischen Imperativ, wenn so was wie
Selbstkultur auftaucht.«
»Wir sind mündig. Es gibt ein Selbstbestimmungsrecht.«
»Laßt es euren Töchtern passieren,« sagte Heinrich Koch trocken.
Otten sah auf. Eine Röte lief über seine Stirn. »Was soll das? Du
willst mir die Laune verderben.«
»Laßt es euren Töchtern passieren,« wiederholte der andere. »Und
seid ihr im stande, euch auszudenken, daß auch eure Töchter
dasselbe Leben leben könnten wie ihr, mit demselben ausgedehnten
Selbstbestimmungsrecht, und es wird euch nicht plötzlich schwarz vor
den Augen, dann darfst du mich ruhig dem vatikanischen Museum als
lebendige Mumie überweisen lassen, die überfällig ist.«
Otten erhob sich. »Das geht zu weit,« sagte er. »Auf das Gebiet der
Sophismen folge ich dir nicht.«
»Das ist keine Antwort. Denn der Sophist, der vor den Realitäten den
Kopf in den Sand steckt, bin nicht ich.«
»Peppe, zahlen!«
Heinrich Koch zog den Unwirschen auf seinen Platz zurück. »So entlass’
ich dich nicht, Joseph. Zeig, daß du eine Ausnahme bildest, und ich
finde mich damit ab. Aber stelle dich nicht mit in die Regel. Das
verkleinert dich, und ich kann meinen einzigen Freund nicht klein
sehen. Lebe, wie du willst, aber hänge den Dingen kein Mäntelchen um,
wie es die kleinen Menschentierchen müssen, um ihren wild gewordenen
Instinkten ein Relief zu geben. Das hast du nicht nötig. Denn du gibst
mehr, als du empfängst. Deshalb gib aber auch mit offenem Visier.
Wenn sich diese Weibchen an dich werfen, nur weil sie den Geruch des
Lorbeers verspüren und sich mit dir ausputzen möchten, laß sie nicht
im unklaren darüber, daß du sie richtig einschätzest — als =quantité
négligeable=. Und wir haben unseren prachtvollen Joseph Otten wieder,
dessen helles Lachen auf dieser Welt so viel wert ist wie ein Kirchgang
des tugendhaften Jünglings. Prost, Joseph!«
»Heinrich,« lachte Otten, »ich weiß nicht, hast du nun Moral oder
Unmoral gepredigt. Aber der Pfeil sitzt. Und mit diesem Glas Frascati
wasch’ ich die letzten Spuren des Unsinns aus der Kehle, den ich vorhin
hinaufbefördert habe. Ach, du, die liebe Sonne!«
»Du bezahlst die Flasche,« bestimmte Koch. »Ich habe mich trocken reden
müssen.«
»Peppe! Eine zweite! ... Nur eins, Heinrich —« und des Mannes lachende
Augen wurden ernst, »das mit — mit unseren Töchtern, das darf zwischen
uns nicht wiederholt werden. Meinetwegen nicht und — Marias wegen
nicht.« Er griff sich in den Halskragen. »Das ist dein Beweis. Maria.
Also! —«
Heinrich Koch sah den alten Jugendkameraden liebevoll an.
»Joseph,« sagte er und legte seine Hand auf die des Freundes, »ich
würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«
»Später. — — Ich hab’ ja selbst Sehnsucht, mich mal wieder in die
Rheingasse zu schleichen und in die Fenster hineinzusehen. Ob sie
gesund sind, die große Maria und die kleine Carmen. Nur einen
tiefen, umfassenden Blick, und dann weiter. Denn was ich dir sagte,
Heinrich: ich werd’ der Verlegenheit nicht Herr. Der Verlegenheit,
ganz regelrecht verheiratet zu sein wie der richtige Bourgeois und
von Rechts wegen Sonntags mit Frau und Kind in die Flora oder in den
Zoologischen spazieren zu müssen; jedenfalls aber die Verpflichtung zu
haben, zu Hause zu hocken, bis wieder ein Konzert mich erlöst! Wenn
ich daran denke, bricht mir der Angstschweiß aus, und ich fühle mich
als komische Figur. Das wäre aber gerade das Letzte, wozu ich Neigung
hätte.«
»Ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«
»Ja, ja, auf der Durchreise vielleicht. Aber vorher noch einen Atemzug.«
»Denk dir die Freude deiner Beiden. Und es gibt keine größere Freude
als die eigene an der Freude geliebter Menschen.«
»Heinrich, du wärst ein vortrefflicher Hausvater geworden.«
»Das ist möglich. Ungleich verteilt sind des Geschickes Gaben.«
»Kannst du nicht —« Otten stockte.
»Nein,« sagte Koch. »Und käm’ ich auch los, ich kann meine
Kirchengeschichte nicht im Stich lassen. Die vatikanischen Archive
müssen mir offen bleiben. Nachher — ist es zu spät.«
»Da verpfuschest du dir nun mit den Schmökern dein Leben.«
»Und du?« Ein feiner Spott zuckte um Kochs Lippen. »Laß gut sein,
Abenteurer sind wir alle.« Er nahm sein Glas und stieß es gegen das
des Freundes. »Also, wer’s am längsten aushält. Den soll der andere
beweinen. Prosit!«
»Oder beneiden. Prost!«
An der Tür der Osteria drängten sich Köpfe. Ein Flüstern war und
unterdrücktes Gelächter. Dann schob sich ein Trüpplein Männer in den
Eingang, und der vorderste, mit beiden Händen den Philosophierenden auf
die Schultern schlagend, rezitierte mit schmerzlichem Pathos: »Wenn der
Vater mit dem Sohne — auf dem Zündloch der Kanone — ohne Sekundanten
paukt — glauben Sie mir, meine Herren, das wird ein verlorener
Vormittag.«
»Peppe, Wein!«
»Peppe, eine Schachtel gerollter Sardinen. Und Wein für mich und meine
Katze männlichen Geschlechts.«
»Kinder, das ist ja der reine Frühling! Wird das ein gesegneter
Karneval!«
»Doktor, Ihr Wohlsein. Gestern beim Botschafter haben Sie Rom auf die
Köpfe gestellt, soweit es weibliche waren.«
»Im Vatikan ist das Konzil zusammengetreten. Man will Sie heilig
sprechen, um Ihr irdisches Teil vor dem Andrang zu schützen.«
»Und die Augen der Schönen nachdrücklich auf das Seelische in Ihnen zu
richten.«
»Wohlsein, Herr Professor Koch! Wir haben Sie im Verdacht, daß Sie
bereits ausgesandt sind, die Verhandlungen mit dem =corpus delicti=
einzuleiten.«
Der Tisch der Freunde war bis auf den letzten Platz besetzt.
Zwei römisch-deutsche Journalisten ließen ihr Feuerwerk los. Sie
apportierten die Stichworte, die sie sich zuwarfen, mit einer
Geschicklichkeit, wie sie nur jahrelange Übung bei Vater Peppe oder
Onkel Pasquale hervorzubringen vermocht hatte. Und eine Anzahl junger
Maler und Bildhauer bildeten den lärmend respondierenden Chor. Der
Wein zog in glitzernden Rinnsalen über den Tisch. Hin und wieder
schwenkte einer sein Glas in die Stube aus. Der beizende Geruch
italienischer Zigaretten legte sich über die Tafelrunde. Und draußen
plätscherte die Fontana Trevi und lachte die römische Sonne.
»Was habt ihr vor?« rief Joseph Otten in das Stimmengewirr. »Wollt ihr
Frühlingsanfang um sechs Wochen vordatieren? Wollt ihr den Lenz, den
lieblichen Knaben, aus der Campagna hervorzulocken versuchen: ich bin
dabei!«
»Meister,« staunte ein junger Maler, »Ihr seid ein Gedankenleser.
Zwei stattliche Karossen werden in einer Viertelstunde vor dieser Tür
halten, um uns zu entführen.«
»In die Campagna?«
»Was Rom zu heißen verdient, wird am Nachmittage draußen sein.«
»Wo speisen wir? Vor der Porta San Giovanni? In der Faccia fresca? Es
ist Sonntag und ein Sonnentag dazu!«
Jubelnd wurde Ottens Vorschlag aufgegriffen. »In der Faccia fresca! Die
Augen auf! Die Herzen auf! Die Magen nicht vergessen! Kommen Sie mit,
Professor? Die Geschichte der Kirche wird aufatmen! Leben und leben
lassen!«
Koch dankte. Er habe noch eine wichtige Prüfung vor.
»Wetten, daß wir ihn am Abend prüfend bei Pasquale finden?«
»Da kommen die Landauer! Den Bauch geschweift, ordentlich
ausgebuchtet. Man sieht’s ihnen an, daß sie im Hinblick auf den
Transport von Kirchenvätern gearbeitet wurden, die nicht nur auf Fülle
der Gedanken hielten. Segen ihrer Korpulenz! Wir werden davon Nutzen
ziehen.«
Die beiden Kutscher, Vollblutrömer, klatschten mit ihren Peitschen.
Otten stieg in den Fond des ersten Wagens. Neben ihm nahm der junge
Maler Platz, der mit ihm das Gespräch geführt hatte. Die übrigen
verteilten sich nach Zufall und Laune. Heinrich Koch stand, das Glas
in der Hand, auf der Straße und sah sie abfahren. »Leichtfertig
Volk,« murmelte er und kehrte an seinen Platz zurück, »aber verdammt
glücklich.« — —
Die mächtigen braunen Karossiers trabten stolz durch die Sonne. Die
Stadt wurde durchquert, die imposante Komposition von San Giovanni in
Laterano tauchte auf, und der junge Maler an Ottens Seite begrüßte sie
mit dem alten Weihespruch: »Hochheilige Laterankirche, aller Kirchen
der Stadt und des Erdkreises Mutter und Haupt!«
»Verleiht das Heiligengewimmel auf dem Prachtbau dem ehrwürdigen
Monument nicht das Aussehen einer Fregatte, in deren Rahen die
Mannschaften aufgeentert sind?« rief der Journalisten einer. Und die
Porta San Giovanni lag hinter ihnen.
Otten saß still. Vor ihm breitete sich, von der Via Appia Nuova
majestätisch durchschnitten, das Panorama aller Panoramen, die römische
Campagna. Die leise Wirkung des Weines war verflogen. Andächtig wurden
seine Augen vor den Spuren eines vergangenen Weltreichs, das hier
die Sommerpaläste seiner Großen und — ihre Gräber hatte. Wie ein
Rahmen aus edelster Künstlerhand legte sich die geschwungene Linie der
Albanerberge um das Bild.
»Schauen Sie,« sagte er leise und berührte des jungen Malers Knie, »vor
solch einer Gottesschöpfung kann man gar nicht kleinlich werden. Man
sollte die Sektierer in der Kunst hierher führen.«
»Und dort haben Sie das Volk, Herr Doktor, unverändert durch die
Jahrhunderte!«
Die Wagen hielten vor einer Osteria, der Faccia fresca, deren Lauben
von schmausenden und trinkenden Menschen besetzt waren, lustigen
Kleinbürgern mit ihren Schönen, braunen Bewohnern der Campagna,
abenteuerfrohen Jüngern der Kunst. Bänkelsänger schmetterten ihre Arien
in das Stimmengewirr, Gitarre- und Mandolinespieler rissen an den
Saiten, dunkeläugige, kecke Mädel in bunter Volkstracht, die wochentags
auf der spanischen Treppe ihre Maler erwarteten, rasselten mit dem
schellenbesetzten Tamburin. Dazwischen das Aufkreischen einer Schönen,
der zu handgreiflich der Hof gemacht wurde, ein wilder Wortwechsel,
ein Aufhorchen ringsum — und aufs neue Stimmengewoge, Gläser- und
Tellerklirren, zerflatternde Arien, Mandolinengeseufze und rasselndes
Tamburin.
Die Gesellschaft hatte sich einen Tisch erobert. Das Mahl wurde
bestellt und nach wenigen Minuten serviert. Platten dampfender
Spaghetti, gebratene Hühner, Salatschüsseln, Obst und Käse. Dazu
der begnadete Weißwein der Castelli Romani. Man trank sich zu,
von einem Tisch zum andern, man bestellte eine neue Romanze, die
Musikanten wurden an den Tisch gerufen und die augenblitzenden
Tamburinschlägerinnen um die Mitte genommen. Die Lebensfreude flammte
auf. Einen wilden Juchzer sandte Otten in die sonnenzitternde Luft.
»Jugend, du meine Jugend, ich halte dich!«
»Weiter, immer weiter, ins Glück hinein! Man lebt nicht umsonst auf
römischem Boden!«
Die Landauer fuhren vor. Die Musikanten gaben den Herren das Geleit.
Und weiter trabten die Karossiers, unwillig, sich nicht auch im Feuer
der Jugend zeigen zu können. Aber die Passage wird enger. In langer
Reihe rollen die Equipagen der römischen Gesellschaft einher. Mitten
unter ihnen Droschken voll geputzter Stadtleute. Die Via Appia ist
zur Korsostraße geworden, voll Leben und Eleganz. Fächer winken von
hüben und drüben, beringte Händchen, offen, heimlich, zögernd und
temperamentvoll. Näher schwingen sich die Albanerberge. Die helle
Februarsonne funkelt in den Fenstern von Frascati, von Albano. Eine
Stunde lang geht’s vorwärts. Verwundert starrt die erhabene Trümmerwelt
zu beiden Seiten der Straße auf das sonderbare Menschenvolk, das jetzt
nur noch Auge und Ohr für seinesgleichen hat. Da winkt das neue Ziel,
ein weißes Gebäude, die Osteria Antica. Auf dem abgeplatteten Dache,
auf der Diele, auf den Treppen sitzen römische Kleinbürger Kopf an
Kopf. Ein Wagenpark umgibt die Schenke. Neu anfahrende biegen zur Seite
und stellen sich am Straßenrande auf oder lenken in die Wiesen. Die
Kellner in Hemdärmeln laufen mit Flaschen und Gläsern, in die sie die
Finger stecken, Ungeduldige spielen selber den Kellner, erhandeln am
Weinschank die gefüllten, strohumwundenen Flaschen, Laibe Brot, Stücke
saftigen Schinkens oder riesenhafter Salami, deren Duft nach dem Orient
weist. Männer trinken und Frauen, die Ammen geben den Säuglingen die
Brust, die Kutscher kneipen und die Herrschaften. Und des Schreiens und
Gestikulierens ist kein Ende. In der Ferne eine Staubwolke, die größer
und größer wird. Räder tauchen auf, die sich in rasendem Tempo drehen.
Vornweg vier Pferdebeine, die sich krampfhaft zusammenziehen und
auseinanderschnellen. Jetzt saust es heran — ist vorüber! Der Applaus
des Publikums hinterdrein.
»Das war die =eccellenza=,« sagte der junge Maler. »Sie kutschiert
selbst.«
Otten war es, als hätte ihn ein heißer Blick gestreift. Er lachte. Dann
sah er sich nach den Gefährten um, die sich unter die Menge mischten,
blind für alles, was nicht Römerin war. »=Donna è mobile= ...« summte
er vor sich hin, gewann den Ausgang und schlenderte die Straße entlang
...
Eine Viertelstunde war er gewandert, als er den Wagen zurückkommen
sah. Der silbergeschirrte Grauschimmel streckte die Beine in ruhigem
Trab. Nachlässig hielt die Lenkerin die Peitsche. Jetzt gewahrte sie
den Spaziergänger. Sie setzte sich aufrecht, daß die Büste das graue
Fahrkleid spannte, zog die Zügel heran und hielt. Eilig sprang der
knabenhafte Groom vom Rücksitz und nahm das Pferd beim Kopf.
»Sieh da, der =maëstro= — —!«
Otten trat an den Kutschbock, zog den Hut und schüttelte die Hand, die
sie ihm reichte. »Ich such’ den Frühling, =eccellenza=.«
»Und werden ihn finden?«
»Und werde ihn finden.«
»Es ist erst Februar — —«
»Weshalb? Wenn wir ihn Mai taufen, ist es der Mai.«
»Dazu gehören Zauberkünste.«
»Als wenn sich eine Frau jemals vor Zauberkünsten gescheut hätte.«
»Wie stellen Sie sich die vor?« Unter den schweren Augenlidern huschte
ihr Blick über den Mann.
»Ich lasse mich gern überraschen, =eccellenza=.«
Sie schlug die Augen voll auf. Auf dem Grunde sah er ein Glimmern.
Unbeweglich hielt er dem Blick stand.
»Ich habe noch einen Platz im Wagen für Sie frei.«
»Auch in Ihrem Herzen?«
»Ich bin keine Wahrsagerin.«
»Und ich suche den Frühling, =eccellenza=. Muß ich weiterziehen ...?«
»Steigen Sie auf.« Und sie machte ihm Platz. »Vielleicht, daß er sich
von Ihnen anlocken läßt.«
Er legte den Finger auf den Mund. »Er ist um uns. Spüren Sie? — Nicht
verscheuchen!«
Das Pferd machte einen Seitensprung vor der niederwippenden Peitsche.
Dann zog es an. Der Groom sprang auf und kreuzte die Arme. Links und
rechts flogen die Felder der Campagna. Bald, und die Osteria Antica lag
im Rücken. Ruinen tauchten auf und verschwanden, Grabdenkmäler, in der
Ferne die melancholischen Bogen der antiken Wasserleitung, ein einsames
Kastell, und die meilenweite Steppe.
Das Pferd fiel in Schritt. Die Lenkerin lächelte vor sich hin. Sie
spürte den Blick des Mannes an ihrer Seite. Und Otten tat einen tiefen
Atemzug. Ein Rauschen war in seinem Blut, und er legte seine Hand auf
ihr Gelenk. Dort blieb sie.
Als sie sich der Porta San Giovanni näherten, senkte sich die jähe
Dunkelheit des Februarabends. Otten wandte sich um. »Die Heimat des
Frühlings ...«
Hinter ihnen stand die Campagna in Brand, leuchtete noch einmal auf und
sank ins Dunkel. »Das schafft Heimweh, wenn man wieder in Deutschland
ist.«
»Gut, daß wir den Lärm hinter uns haben,« sagte sie schnell.
»Den Lärm vergißt man. Man sieht nur noch die Farben.«
»Was bleibt uns von dem schönsten Tag —?«
»Das Geheimnis der Sehnsucht. Die Farben bleiben.«
»Ich liebe die Farben,« erwiderte sie. »Und hier sind wir am Ziel.
Nehmen Sie ein Glas Tee bei mir? Mich schauert, seit die Farben
verschwunden sind.«
»Wir tun die Tore der Seele auf und lassen heraus, was wir für
festliche Stunden ersparten, =eccellenza=.«
Das Gefährt bog in den Vorgarten einer Villa. Otten sprang vom
Kutschsitz und hob die Dame herab. Der Groom öffnete das Portal,
und sie schritten über die hallenden Marmorfliesen in ein kleines,
zartgetöntes Gemach. Lachend blickte Otten sich um. »Wie kommt mein
alter Flügelmann in solche Kompanie?«
»Sie müssen mich zwei Minuten entschuldigen, Herr Doktor.«
»Nicht umkleiden,« bat er. »Es darf kein Unterschied sein. Das wäre ein
Grenzpfahl.«
»Ich werde selbst den Tee holen. Für solch einen werten Gast.«
Er saß im Sessel und erhorchte ihre Schritte, als sie zurückkam. Sie
setzte das Silbertablett nieder, goß ein und sandte einen schnellen
Blick auf ihn hinab.
»Gleich wird mein Gatte eintreten ...«
»Nicht schlecht,« erwiderte er nur.
»Nicht schlecht? Er behauptet, daß die Wiege seiner Ahnen in Trastevere
gestanden hat. Sie wissen doch? Wo die Eifersucht zur Welt gekommen
ist.«
»Das muß für Ihren Gatten sehr interessant sein.«
»Ein solches Tete-a-tete. Fürchten Sie denn nichts?«
»Ich fürchte nur eins. Daß Ihr Gatte eintritt, bevor ich Sie geküßt
habe.«
Sie stellte das Teekännchen hin, beugte sich plötzlich über ihn und
küßte ihn aufs Haar. Er schlang den Arm um ihre biegsame Taille. Er
suchte in ihren dunklen, leuchtenden Augen.
»Wir kennen uns schon seit Tausenden von Jahren.«
»Seit gestern. Als Sie beim Botschafter sangen. Ungestümer Barbar.«
»Seit Tausenden von Jahren. Seit Erschaffung der Welt. Ich bin der
erste Mann, und Sie sind das erste Weib. Nichts anderes gibt es. Nichts
als das Paradies und diese Stunde.«