Da fiel sie ihm um den Hals. — — —

Eine Stunde später verließ Otten das Haus. Vor der Haustür traf er auf

den alten Klaus, der im gestrickten Wams nach der Wintersonne äugte und

zu dieser Beschäftigung seine langstielige Tonpfeife schmauchte.

»Kütt Ihr ooch ens noh Hus, Ihr Erumdriewer?« begrüßte er den Hausherrn

und schüttelte ihm die Hand. »Ich hann als en Seelemess’ för Euch lese

lasse wolle, äwwer der Här Pastor säht: diese Seele scheint mir nicht

ganz reinlich zu sein.«

»Der Här Pastor hät domet ~ding~ Seel’ gemeint, ahl’ Grielächer. Na, un

sons? Immer noch flöck zu Wege?«

»Ich kann nit mehr in et Wirtshus.«

»Oh! Es et schlemm? Gonn de Fööß nit mieh?«

»Die Fööß gonn schon. — Äwwer ich hann kein Geld.«

»Dat es ene bedenkliche Fall. Ich wörd’ doch ens der Doktor froge.«

»Grad’ donn ich der Herr Doktor froge.«

»Ach so,« lachte Otten, »un Ihr wollt et Rezept gleich sälwer in de

Apothek trage?«

»Geweß dat, Herr Doktor. Un ene schöne Gruß vom Här Doktor, un et wörd’

nach Bedarf erneuert werde. Ich hann Se doch richtig verstande?«

Otten griff in die Tasche. »Hier, Klaus, als Anzahlung. Und nun gebt

mal acht. Ich hab’ da einen Weg vor, und ich bin abergläubisch. Deshalb

sollt Ihr den ganzen Morgen auf mein Wohl trinken. Und noch eins, im

Vertrauen und Hand darauf: Wißt Ihr zufällig den nächsten Weg zum

Standesamt?«

»Jupp,« sagte der alte Klaus ernsthaft, »ich gonn met. Du fändst dat

allein in dingem Lewen nit.« —

Es war Mittag, als Joseph Otten von seinem Ausgang zurückkehrte. Er

war heiter, aber still. Carmen blickte bei Tisch fragend vom Vater zur

Mutter. Aber als sie die heiteren Mienen gewahrte, war sie zufrieden,

daß sie allein das Wort führen durfte. Stolz berichtete sie von der

Handarbeitsstunde, und daß die neue Lehrerin erzählt habe, daß sie

gestern einen unvergeßlichen Abend im Konzert des Herrn Doktor Otten

hätte verleben dürfen. Und es wäre eine »Offenbarung« gewesen — und

dabei himmelte die Kleine zur Decke, wie die Lehrerin gehimmelt hätte

— und dann hätte sie sie gefragt, ob sie verwandt mit dem Herrn Doktor

Otten wäre. Und sie hätte geantwortet: verwandt nicht, aber er wär’ ihr

Vater. Da wäre die Lehrerin mit so komisch gravitätischen Schritten auf

sie zugekommen, daß alle Mädchen in der Klasse ins Taschentuch gebissen

hätten vor Lachen, und hätte ihr die Hand auf den Kopf gelegt und dabei

gesagt: O du gesegnetes Kind —! — Und die Kleine wollte sich aufs neue

ausschütten vor Lachen.

»Ja,« sagte Frau Maria und strich dem wilden Kind die Locken aus dem

Gesicht, »da hat die Lehrerin recht gehabt. Du mußt dich nur danach

betragen.«

»Laß sie,« bat Otten, den ihr übermütiges Wesen heimlich belustigte,

mit einem Augenwinken Frau Maria.

»Der Moritz Lachner kam an der Schule vorbei. Er fragte mich, ob ich

heute nachmittag mit in den Dom ging’. Wenn der Nachmittagsunterricht

vorüber ist.«

»Der Moritz? Wie kommt Saul unter die Propheten?«

»Er will Historiker werden,« sagte Frau Maria, »und er erzählt dem

Kind Geschichten. Er ist sehr anhänglich an Carmen, obwohl er schon

Sekundaner ist.«

»Er drängt sich auf,« bemerkte die Kleine wegwerfend.

»Carmen!«

»Ja, darf ich denn mit ihm gehen? Nachher soll ich mit zu ihm in den

Laden. Eine ganze Sendung neuer Maskenkostüme sei eingetroffen.«

»Es scheint mir das ein ziemlich starker Gegensatz,« meinte Otten.

»Aber da es zu Studienzwecken geschieht, darfst du mit. Die Kunst ist

so ernst wie der Dom und so heiter wie eine Maskerade. Als Hauptsache

aber: heute ist ein Feiertag.«

»Ein Feiertag?« zweifelte die Kleine.

»Ein ganz neuer: Maria und Joseph! — Sag’s keinem wieder.« — —

Carmen Otten war an diesem Nachmittag unaufmerksam in der Schule. Sie

horchte verstohlen auf die Glockenschläge, die über die Dächer der

Stadt hinhallten, und war die erste, die im Laufschritt die Schulpforte

verließ. An der Ecke der Hohestraße traf sie auf Moritz Lachner. Ohne

anzuhalten, machten sie sich auf den Weg, doch kaum, daß sie wenige

Schritte getan hatten, wurden sie von Laurenz Terbroich angerufen.

»Wo wollt ihr hin?«

»In den Dom.«

»Der Moritz auch? Wenn der nur hereingelassen wird.«

»Geh mit,« sagte das Mädchen ängstlich, und er ließ sich bereit finden.

»In den Dom darf jeder, der sich anständig beträgt,« wies Moritz

Lachner ihn finster zurück, »ich brauch’ dich nicht.«

»Ich geh’ in den Dom, meine Andacht verrichten. Du nicht.«

»Was weißt du von meiner Andacht?«

Aus der Hohestraße herrschte dichtes Gewühl. Aber es war ein

gemütliches Tempo darin. Der Schwarm von Menschen, der sich auf dieser

trotz ihrer Enge beliebtesten Verkehrsader Kölns dahinschob, war des

Schauens wegen unterwegs, staute sich vor den glänzenden Auslagen und

bog, ohne ärgerlich zu werden, anderen Trupps aus. Über den Straßendamm

zog eine alte Frau einen Leierkasten. Ein Invalide schritt nebenher,

drehte den Schwengel und entlockte dem Instrument das schöne Lied »Ich

weiß nicht, was soll es bedeuten ...« Die Leute auf den Trottoirs

pfiffen es mit. Eine Kleinstadtidylle im stärksten Verkehr der

Großstadt.

Moritz Lachner zog das Mädchen, das neben der Orgel herlaufen wollte,

eilig mit. »Das schickt sich nicht für dich, Carmen. Weil dein Papa

eine so bekannte Persönlichkeit ist.« Über den Wallrafsplatz gelangten

sie zum Dom. Sie staunten, wie sie es immer taten, zu der schwindelnden

Höhe hinauf.

»Das sind Stein gewordene Gedanken,« sagte Moritz Lachner.

»Das sind Pfeilerbündel,« erklärte Laurenz Terbroich.

»Weißt du, wo der Dom herstammt?« fragte Moritz das Mädchen. »Aus dem

Siebengebirge, aus dem Drachenfels. Aus dem Leib des Berges hat man die

Steine gebrochen.« Und sie traten ein. Auf den Zehenspitzen schlichen

sie durch die ragenden Gänge. Und sie erschauerten vor der Weihe des

Ortes. »Daraus hatten die Franzosen,« flüsterte Moritz, »als sie zur

Zeit der großen Revolution nach Köln kamen, ein Heumagazin gemacht.«

»Und das Blei haben sie von den Dächern gestohlen,« entrüstete sich

Laurenz. Das Mädchen hörte nicht hin, es wies auf die farbensprühenden

Glasmalereien der unzähligen Kirchenfenster. »Das sind Szenen aus der

Bibel und der Heiligenlegende,« flüsterte ihr Moritz zu.

»Das brauchst ~du~ uns doch nicht zu sagen,« trumpfte Laurenz ihn

ärgerlich ab. »Du bist doch nicht mal getauft.« Mit erschrockenen

Augen starrte Carmen auf den ungetauften Freund. Sie hatte Angst, mit

ihm weiterzugehen. Die Heiligenbilder schauten so sonderbar herüber.

»Wer ist denn der da?« fragte sie scheu und deutete auf ein mächtiges

Standbild.

Moritz wartete ab, bis Laurenz seine Unkenntnis eingestehen mußte.

»Das ist der heilige Christoph,« sagte er, »das ist der Schutzpatron

aller Handwerksburschen.« Laurenz Terbroich rümpfte die Nase. »Ich

dacht’s mir doch. Ein Heiliger für gewöhnliche Leute. ~Wir~ haben

ganz andere.« Sie betrachteten die Standbilder der zwölf Apostel

und kamen zum abgeschlossenen Chor. Carmen mühte sich, durch das

Gitter zu blicken. »Wir können nicht hinein, es kostet zu viel

Geld,« meinte Laurenz und ging weiter. »Was mag da alles drin sein,

Moritz ...« — »Die Schatzkammer,« berichtete er geheimnisvoll.

»Der goldene Dreikönigsschrein steht drin, ganz mit Edelsteinen

überzogen, und der enthält die Gebeine der heiligen drei Könige aus

dem Morgenland, die die Kaiserin Helena einst nach Konstantinopel

gebracht hatte, und von dort sind sie nach Mailand gekommen, und nach

der Zerstörung Mailands hat sie der Kaiser Friedrich der Erste dem

Kölner Erzbischof geschenkt.« »Jesus, wie klug du bist,« sagte die

Kleine und griff heimlich nach seiner Hand. Da freuten den Moritz seine

christkatholischen Kenntnisse.

Zwei alte Nönnchen trippelten vorbei. Vor jedem Gegenstand machten sie

halt, knicksten und sahen sich selig lächelnd in die Augen. Dann machte

ein scharlachroter Domschweizer die Runde, spähte mit scharfem Blick

nach den Liebespärchen, die sich, als Säulenheilige, hinter die Pfeiler

drückten, streifte die Kinder und brummte etwas vor sich hin. Am Altar

wurde eine Messe gelesen.

»Komm,« sagte Moritz Lachner kleinlaut, »jetzt müssen wir beten oder

heraus.« Und sie schlichen zum Portal und kamen ins Freie. Laurenz

Terbroich war bereits verschwunden. Er hatte Kaffeedurst verspürt.

»Gehen wir jetzt zu euch, Moritz?«

Der Knabe bejahte lebhaft. Er ließ ihre Hand nicht mehr aus der seinen,

bis sie das windschiefe, vom Obergeschoß zusammengedrückte Häuschen in

der Obenmarspforten erreicht hatten.

Ein kleiner, graubärtiger Jude in speckigem Rock, ein rundes

Seidenmützchen auf dem Kopf, kam eilig in den Laden, als die

Türklingel bimmelte. »Ah,« sagte er strahlend, »unser Moritz. Und das

kleine Fräulein Otten. Nein, es ist ein großes Fräuleinchen geworden!«

Das Mädchen gab ihm verschüchtert die Hand und blickte den Freund dabei

an. »Wir waren im Dom, Vater, und jetzt will ich der Carmen die neuen

Kostüme zeigen.«

»Im Dom!« verwunderte sich der Simon Lachner. »Ist der Moritz nicht

ein gescheiter Mensch, Fräuleinchen? Alles weiß er, alles kennt er,

die Steine sprechen zu ihm und die Vergangenheit, im Tempel und im

Dom. Er ist der Gescheiteste auf der Schule und will ein studierter

Herr werden. Er wird’s, er wird’s. Nein, nein, Fräuleinchen, wegen des

Umgangs mit dem Moritz braucht sich nicht einmal das Kind vom Doktor

Joseph Otten zu schämen.«

»Sie tut’s ja auch nicht, Vater.«

Er tätschelte dem Jungen das Gesicht. »Geht, Moritzchen, unterhaltet

euch. Ich bring’ was für deinen Besuch.«

»Er ist so seltsam, dein Vater,« sagte die Kleine, als sie auf dem

Kostümlager standen, und lachte nervös.

»Er arbeitet nur für mich,« erwiderte Moritz, »und er denkt nur an

mich.«

»Ich glaube, mein Vater denkt draußen nie an mich.«

»Doch, doch. Nur anders. Unsere Väter vergessen uns nie. Einmal zeigt

es sich immer.«

Dann tummelten sie sich in dem von einem Öllämpchen spärlich

erleuchteten Raum herum, und Carmen drückte sich ein Diadem ins Haar,

ließ sich einen golddurchwirkten Purpurmantel über die Schultern

legen und hielt Hof ab wie eine Königin. Ein Pagenwams mußte Moritz

überziehen und wieder eine blecherne Ritterrüstung, in der er

verschwand, und während sie auf einem Haufen alter Kleider thronte,

ließ sie sich schwärmerische Gedichte von ihm aufsagen und Uhlandsche

Balladen. Die Stimmen der Kinder drangen bis zum alten Simon, der an

der Tür horchte und bei den pathetischen Deklamationen des Jungen

heftig mit dem Kopfe nickte, sich dann während einer Pause schlurfend

entfernte, um in der verräucherten Küche Feigen, Datteln und Apfelsinen

auf einen Teller zu häufen, den er den Kindern mit Spendermiene brachte.

»Wer zu meinem Moritz kommt, findet, was er nur braucht,« erklärte er

dem staunenden Mädchen.

Moritz Lachner brachte die kleine Freundin nach Hause. Ihm war ganz

traumselig zu Mute, weil es seinem Gaste so sehr bei ihm gefallen

hatte, und er drückte ihre schlanken Fingerchen.

»Da sind wir,« sagte er. »Gute Nacht, Carmen.«

»Gute Nacht, Moritz.« Sie überlegte. »Ich möcht’ dir einen Kuß geben,

aber wenn’s der Laurenz erfährt —« Sie lief ins Haus, und Moritz

Lachner war zufrieden, daß sie doch den Wunsch gehabt hatte, und

trollte sich heim. — — —

Weihnachten ging vorüber. Täglich fegte der alte Klaus knurrend den

Schnee vom Trottoir, um nicht von der Polizei in Strafe genommen zu

werden. Und eines Tages zog er sich seinen altväterischen Bratenrock

an. Ohne daß die Öffentlichkeit davon erfuhr, sollte er mit aufs

Standesamt. Er und der Herr Professor Koch fungierten als Zeugen.

Es war am Abend des Tages. Joseph Otten saß im Zimmer seiner Frau. Sie

hatte den Arm um ihn gelegt.

»Nun? Zufrieden, Maria?«

»Jetzt bin ich wunschlos.«

»Mein altes Mädchen, wer kann sich vor seinem Tode glücklich preisen?«

»Ich, Joseph. Das Leben hat mir sein Schönstes gegeben.«

»Bin ~ich~ das?«

»Ach du — nicht spotten jetzt ...«

»Carmen!« rief Otten. »Die heilige Familie muß doch beisammen sein.«

Und er hob sie auf den Schoß und ließ das große Mädchen auf seinen

Knien reiten. Aber trotz seines Spottes, er fühlte sich warm und wohl.

Und täglich, wenn es dämmerig wurde und er die Bücher schloß, in

denen er studiert hatte, wenn er am Klavier saß und in die Dämmerung

hineinphantasierte, während draußen der Nordost an den Fensterläden

rüttelte, wenn er zu Tisch gerufen wurde und er nachher, Frau Maria

im Arm, im Sofa lehnte und oft auch von der abenteuerlichen Welt

berichtete, wiederholte er es sich und der dankbaren Frau: »Das Beste

ist, zu Nest geflogen zu kommen.« — — —

Zuweilen war er mit Heinrich Koch zusammen, der sich aufs neue einen

langjährigen Urlaub von der Kirchenbehörde erwirkte, um in Rom, in

den vatikanischen Archiven, an der Geschichte der katholischen Kirche

weiter zu schreiben. »Wenn man Kirchenhistoriker ist,« pflegte der

Gelehrte zu sagen, »gerät einem ein Schuß fröhlichen Heidentums ins

Blut. Das macht für den geregelten Kirchendienst unbrauchbar. Die

Geschichte erkennt kein Dogma an.«

Selten traf er Terbroich. Das verkappte Jesuitentum war ihm widerlich.

Frau Maria ging nach wie vor den Erfordernissen des Hausstandes nach.

Sie genoß die Stunden und Tage, die ihr die Gegenwart des geliebten

Mannes schenkte, wie Feste, die kommen, damit man lange an ihnen zehrt.

— — —

Der Rhein führte Hochwasser, und die Kinder liefen ans Bollwerk, um

die Eisschollen schwimmen zu sehen. Ein paar warme Tage lösten die

Regenzeit ab. Die Wasser beruhigten sich, und die Schiffahrt wurde

wieder eröffnet. Mit vollen weißen Segeln zogen die Schiffe zu Tal,

vorüber an Kölns altersgrauen Mauern und Türmen. Unter Volldampf

brachten kleine, muntere Dampfer die langen Schlepperzüge zu Berg und

grüßten die Stadt mit einem gellenden Pfiff.

Joseph Otten stand oft am Kai und blickte ihnen nach. Wenn Segel und

Rauch verschwunden waren, fuhr er auf, als hätte er hinter ihnen

hergeträumt. Dann ging er schnell nach Hause, scherzte mit Maria oder

übte stundenlang mit seinem Töchterchen am Klavier, wenn sie aus der

Schule heimgekehrt war.

Aber immer öfter stand er am Kai, immer länger schaute er hinter den

Schiffen her, und wenn er sich endlich mit Gewalt losriß, war sein

Schritt müde und sein Auge ohne Glanz.

Abends, in den heimlichen Stunden mit Maria, begann er plötzlich

aufgeregt zu erzählen. »Jetzt ist es im Süden Frühling. Der Ätna

hat einen saftiggrünen Gürtel umgelegt. Auf Capri blühen die Rosen.

Das Meer ist wie ein Türkis, und der Seewind trägt berauschende

Blumendüfte von der Küste. Ja — davon weiß man in Köln nichts — — —.«

Frau Maria hatte die Veränderungen von ihren ersten, flüchtigen Spuren

an bemerkt. Sie hatte es erwartet, und deshalb schmerzte es nicht. Wenn

sie Schmerz verspürte, so war es, weil sie den Mann sich quälen sah,

über sein Blut Herr zu werden. Und sie sah, daß er unterlag und sich

dennoch wehrte.

Er las ihr einen Brief vor, den er von Heinrich Koch aus Rom erhalten

hatte. »Sonnentage in der Campagna. Das blüht und schwelgt, als wäre

die Welt noch nie so schön gewesen.«

»Als wäre die Welt noch nie so schön gewesen —,« wiederholte er und

blickte über den Brief weg in die Ferne.

Frau Maria fühlte mit einem Male ihr Herz rasend pochen. Jetzt mußte es

geschehen. Und sie zwang sich mit aller Gewalt, ruhig zu erscheinen.

»Das darfst du aber nicht versäumen, Joseph.«

Es war heraus, und sie konnte lächeln, als er sie wie ein

Nichtverstehender anblickte.

»Du machst dich lustig,« kam es stockend bei ihm heraus.

»Aber es hält dich doch keine dringende Arbeit? Die

Konzertverpflichtungen für den Rest der Saison hast du auch gelöst. Ich

wüßte wirklich nicht, was dich hindern könnte.«

»Wahrhaftig — das wüßt’ ich auch nicht.«

»Du schreibst an Koch, er könnte dich in einigen Tagen erwarten.«

»Der wird Augen machen.«

»Oder möchtest du ihn lieber überraschen?«

»Ach, wenn ich die Wahl hätte — Rom bleibt Rom, aber auf Sizilien müßte

es sich jetzt herrlich streifen lassen.«

»Dann würde ich aber auch Sizilien vorziehen. Wenigstens zunächst.«

»Und von Palermo hinüber nach Tunis, wie Scipio auf den Trümmern

Karthagos zu sitzen.«

»Da will ich doch gleich deine Koffer nachsehen. Du nimmst wohl morgen

den Nachtzug. Der hat Schlafwagen.«

»Sag mal, Maria — —,« und er saß rotübergossen am Tisch, »das ist ja

gerade, als ob du mich fortschicktest.«

»Tu’ ich auch, Joseph.«

»Du selber — schickst mich fort? Weshalb denn das? Ich hab’ doch nichts

gesagt?«

»Ich ~schick’~ dich fort, damit du mir nicht fort~läufst~, Joseph.« Sie

mußte an sich halten, um ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen. »Du hast

eine kluge Frau.«

»Aber ich denke ja nicht daran, dir fortzulaufen.«

»Innerlich, Joseph. Und wenn du nicht selber läufst, so nimmt dich was

mit. Die Vorboten des Frühlings, die alte Wanderlust, der Zug nach der

Romantik des Lebens —«

»Sag nur nach Abenteuern. Herr Gott, ich bin ein Vagabund!«

»Du kannst doch nichts für dein Blut, Joseph. Vielleicht lieb’ ich dich

deshalb noch mehr. Die Sorgenkinder liebt man am meisten. Und du machst

ja auch kein Hehl aus deinem Blut. Du hast den Mut — ~du~ zu sein.«

»Landstreichermut,« sagte er, aber er lachte bereits.

»Wie lange hab’ ich dich nicht so lachen sehen. Schon deshalb.«

»Die schlechtesten Ehemänner haben die besten Frauen. Es muß wohl des

Ausgleichs wegen sein, denn die Welt ist harmonisch.« Er erhob sich,

und auch sie hatte sich erhoben. »Ernsthaft, Maria, du rätst mir selbst

— mal wieder eine kleine Fahrt zu wagen?«

»Groß oder klein, ich rat’ es dir.«

»Frau, Frau! Was für ein Prachtgeschöpf hab’ ich an dir gefangen!«

Er preßte sie in seine Arme, und sie hielt sich an seinen Schultern.

»Nur eins, Joseph —«

»Frag mich.«

»Nicht wahr, Joseph, — es war doch — ein schöner Winter zu Haus?«

»Schön? Schön? Was ist das für ein armselig Wort. Im Paradies war ich,

Maria! Und wenn ich daran denk’ — nein, weißt du, nicht morgen schon.

Ich warte noch ein paar Tage.«

Sie machte sich von ihm los. »Nein, morgen. Es bleibt dabei. Wir wollen

uns doch nicht quälen — —.« Und sie lief zur Tür hinaus. Ihre Kraft war

zu Ende. —

Bevor Otten abreiste, ging er zum alten Klaus hinab. »Heute abend

geht’s fort, Klaus.«

»Domet verzälle Sie mr kein Neuigkeit.«

»Hast du es gewußt?«

»Seit die erste Schwalw retour is, hann ich et gewoß’.«

»Adieu, Klaus. Und wenn ich länger bleiben sollt’ — gib acht auf die

Frau.«

»Dat brauchen Se mr nit extra zu sage. Adjüs, Jupp. Un komm klöger no

Hus.« —

Frau Maria kam vom Bahnhof zurück. Der alte Klaus saß bei Carmen am

Tisch und bastelte Segelschiffchen aus Walnußschalen. Als er die Frau

eintreten sah, wünschte er gute Nacht und verließ das Zimmer.

»Nun ist der Vater fort,« sagte Frau Maria und setzte sich still zu dem

Kinde. In Hut und Mantel.

»Du, Mutter?«

»Was denn, Carmen?«

»Der Laurenz Terbroich sagt, der Vater hielt’s in Köln nicht aus, weil

er hier nichts erleben könnt’.«

»Nein, Kind. Aber Köln ist zu eng für ihn. Er muß die weite Welt um

sich haben, weil er so groß ist.«

»Und der Laurenz sagte: weil draußen so viel schöne Frauen wären.«

Frau Maria nahm ihr Kind in den Arm. »Hör mich an, Carmen. Du wirst

größer und klüger. Ich kann schon manches mit dir besprechen. Dein

Vater — siehst du, dein Vater ist ein Mann, wie es ihn nicht zum

zweiten Male gibt. Ich, deine Mutter, sage dir das. Und wenn man dir

einmal etwas anderes erzählen will, glaube es nicht. Das ist gar

nicht dein Vater, von dem man etwas anderes spricht. Das ist nur ein

Doppelgänger.«

»Ein Doppelgänger?«

»Das ist ein Mann, der gerade so aussieht, gerade so sonnig und groß,

und der — zuweilen — auf Kosten des anderen — Fehler begeht.«

»Und kennt der Vater den Mann nicht?«

»Nein,« erwiderte sie trübe lächelnd, »er kennt ihn noch immer nicht.

Aber wenn er ihn erst findet, dann — ja, dann ist es vorbei mit dem

anderen — für immer.« Und plötzlich zog sie das Kind an sich und küßte

es heiß, küßte es, als ob sie den Kuß fortsetzen müßte, den sie dem

Manne zum Abschied gegeben hatte ...

»Komm, Kind, wir wollen zu Bett gehen. Ich bin heute müde.«

Als sie das Mädchen zu Bett gebracht hatte, ging sie in ihr

Schlafzimmer. Sie blickte sich um. Allein — — —.

»Es war ein Märchen,« dachte sie, »aber ich hab’ es doch erlebt.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 20 / 54 题