Joseph Otten bewegte die Lippen. »Gibt es etwas Rührenderes?«

»Ich will täglich beten, daß sie so rührend bleibt,« sagte Frau Maria

leise.

»Fürchtest du ihretwegen? Ich fragte dich vorhin schon.«

»Noch nicht, und doch — schon. Sie ist ihren Jahren voraus und hat eine

Liebe für das Außergewöhnliche.«

»Meine Tochter — —,« meinte Joseph Otten, und es war ein sonderbarer

Tonfall in seiner Stimme. Dann beugte er sich schnell nieder und

drückte einen Kuß auf jedes Kinderbeinchen. Frau Maria breitete sacht

die Decke über die Schlafende.

»Maria,« begann Otten und stockte.

»Sprich, Joseph.«

»Je länger du die Meine bist, Maria, umsomehr habe ich dir zu danken.

Das Konto schwillt von Jahr zu Jahr. Du willst nicht, daß ich davon

spreche. Weil wir erwachsene Menschen waren, als wir den Lebensweg

miteinander begannen, und jeder wußte, was der andere dazu mitbringen

würde. Ich spreche also nicht davon. Aber wenn du einen Dank verdienen

willst, der über alles hinausgeht, Maria, dann behüte mir die dort,

Maria. Und sollte ich einmal Schiffbruch leiden, rette mir nichts als

das Kind.«

»Von mir aus soll nichts versäumt werden, Joseph. Ich verspreche es

dir.«

Er drückte ihre Hand. »Hast du einen Wunsch? Ich möchte dir etwas so

ganz, ganz besonders Liebes tun. In dieser Stunde mehr als je. Hast du

einen Wunsch?«

Sie sah ihn an, schüttelte den Kopf und umschlang ihn.

»Du weinst — —?«

Sie hob ihm ihr Gesicht zu und zeigte ihm ihre Augen.

»Diese lieben, sehnsüchtigen Frauenaugen,« sagte er. »Ich werde wieder

lernen, darin zu lesen —.«

»Tu das, Joseph.« Sie nahm das Licht und wartete.

»Ist unser Schlafzimmer immer noch hier oben?«

»Es ist alles an seinem Platz geblieben, während du fort warst. Selbst

der alte Klaus.«

»Der alte — Klaus? Auch der noch treu? Und ich —?«

»Bleibe du dir selber treu, Joseph. Und wir hier — bleiben es für dich.«

»Menschenkinder, wie schön ist es zu Haus —!«

Sie nahm leise seine Hand, und wie träumend schritt er neben ihr her in

ihr gemeinsames Zimmer.

=IV=

»Carmen — —! Carmen!«

Frau Maria, im weichen Morgenrock, rüttelte lachend das Kind.

»Siebenschläfer, willst du denn heute gar nicht aufstehen? Es eilt

nicht mit der Schule? Und der Vater? Willst du auch nicht den Vater

begrüßen? Der wird aber einen schönen Begriff von seiner Tochter

bekommen.«

Das Mädchen saß aufrecht im Bett. »Der — Vater?« Verwundert rieb es

sich die Augen, besann sich, warf die Decke zurück und sprang aus dem

Bett. »Der Vater ist da?« jubilierte es. »Schnell, Mutter, bring mich

zu ihm!«

»Erst den Schlaf aus den Augen waschen. Frisieren und fix und fertig

anziehen. Der Vater soll doch sehen, was für ein Fräulein seine Tochter

geworden ist.«

»Mutter, das dauert so lange. Gelt, du hilfst mir schnell.«

Das zwitscherte und lachte in der Giebelstube in einem Wettstreit, als

wäre Frau Maria über Nacht auch zum Kinde geworden. Eine Viertelstunde

später standen sie in der Türe zum Wohnzimmer, beide in kaum

verhaltener Erregung. Joseph Otten saß im Sofa, die Morgenzeitung in

der Hand. Der Frühstückstisch war gedeckt, und die Blumen auf dem Tisch

schufen ein farbenfrohes Bild.

»Vater ...,« sagte die Kleine zag. Und dann ein Ruf in ausbrechender

Freude: »Vater!«

Sie stürmte das Sofa, mit einem Schwung war sie auf seinem Schoß,

zerknitterte die Zeitung, küßte sein Gesicht, wohin sie traf, schrie

ihm in die Ohren und kuschelte sich aus einem Arm in den anderen.

Und er hob sie hoch und wiegte sie in der Luft, daß die langen,

schwarzbestrümpften Kinderbeine Halbkreise beschrieben. »Wildfang,

Wildfang! Ja, du lebst, das spür’ ich.« Frau Maria aber war in der Tür

stehen geblieben und rief Worte in den Tumult, die keiner verstand.

Dann reichte er ihr das Kind und ließ sich mit einem Seufzer des

Behagens in die Sofaecke fallen. »Nun alle heran, jetzt wollen wir uns

stärken.«

Das Mädchen verlangte neben dem Vater zu sitzen. »Das ist der Platz der

Mutter,« verteidigte der Vater das Recht der Hausfrau. Aber Frau Maria

ergriff für die Tochter Partei. »Heute ist Carmen an der Reihe.« Und

sie zog sich schnell zurück, um den Kaffee aus der Küche zu holen.

»Weshalb bist du nicht schon gestern morgen gekommen, Vater? Heute muß

ich den ganzen Tag in die Schule.«

»Ich bitte sehr um Verzeihung, mein Fräulein, daß ich das versäumte.

Dafür bleibe ich jetzt aber recht lange bei dir. Wenn die Mutter mich

behalten will.«

»Ach, die Mutter!« plauderte das Mädchen und warf Frau Maria einen

raschen Blick zu. »Der könntest du gar keinen größeren Gefallen tun.

Sie braucht dann doch nicht immer allein zu sein, wenn ich in der

Schule bin.«

»Weshalb geht sie denn nicht spazieren?«

»Ohne seinen Mann kann man doch nicht spazieren gehen.«

»Jetzt wird aber Kaffee getrunken, Carmen,« sagte Frau Maria energisch.

»In fünf Minuten mußt du auf dem Schulweg sein. Heute mittag kannst du

mehr erzählen.«

Das Mädchen blickte von der Seite den Vater an, streichelte ihm

heimlich den Ärmel und aß in Hast das Frühstück. In Mantel und

Pelzmütze, die Schultasche am Arm schlingernd, fiel sie noch einmal

über die Eltern her. »Ruhig, Carmen, ruhig,« mahnte Frau Maria. »Gott,«

sagte die Kleine, »ich hab’ doch fast nie was von euch.« Dann stürmte

sie davon. Otten war ans Fenster getreten, öffnete es und beugte

sich hinaus. Er verfolgte sein Kind mit den Blicken, bis es in die

Nebengasse eingebogen war. Als er das Fenster wieder geschlossen hatte

und an den Tisch zurückkehrte, lag ein nachdenklicher Ernst auf seinem

Gesicht.

Eine Zeitlang saß er ruhig in seiner Sofaecke, faltete und glättete an

dem Zeitungsblatt, zog die Augenbrauen hoch und summte vor sich hin.

»Die Kleine ist groß geworden,« sagte er plötzlich.

Frau Maria nickte ihm zu.

»Dumm scheint der Racker auch nicht zu sein,« fuhr er fort. »Sie kommt

jetzt in das grüblerische Alter, in dem sich Kinder über Sein und

Nichtsein des Storches unterhalten. Wer weiß? Vielleicht ist sie schon

weiter.« Er wartete. »Maria.« Sie sah ihn an. »Was meinst du dazu,

Maria?«

»Es ist so, Joseph.«

»Hm. Also es ist so. ... Und eines Tages wird sie mit Fragen kommen,

die die Mutter gern beantworten möchte und nicht kann. Das würde der

Mutter, wie ich sie kenne, schwere Stunden bereiten, und dem Kind

ungesundes Kopfzerbrechen.«

Durch die Stille des Zimmers gingen die Atemzüge der Frau — —.

»Ja, Maria, ich bin doch nun schon im Schwabenalter. Vor mir selber

kann ich den Fünfundvierziger nicht mehr verleugnen, höchstens vor der

Welt.« Er spielte mit den Tischtuchfransen. »Wie denkst du darüber?«

»Über — was?« sagte sie gepreßt. Das Herz schlug ihr bis in die Kehle.

Er zupfte an den Fäden. Eine Pause nur von Sekunden, und doch wollten

sie nicht verrinnen. »Ich gehöre zwar eigentlich unter Kuratel,«

versuchte er zu scherzen, »aber dann ist es schon besser, ich geb’

mich von vornherein in sichere Hände. Du würdest es mich nicht fühlen

lassen, Maria.«

Er prüfte noch immer das Gewebe der Decke, und er gewahrte nicht, wie

ihre Hände in ihrem Schoße zitterten.

»Ein Kind hat ein Recht auf Schutz. Es darf keinen Unterschied

verspüren zwischen sich und den anderen, oder es kriegt eine wunde

Stelle fürs Leben mit. Wenn man selber jung ist und seine Leidenschaft

über Kirche und Rathaus springen läßt, bedenkt man das nicht. Man freut

sich, daß man den Sprung über die Philisternasen mit Grazie vollzog.

Kindern ist solche Elastizität aber versagt. Sie haben eines Tages die

Kosten zu bezahlen. Wenn ich annehme, daß ein Mensch es wagen könnte,

unsere Carmen über die Achsel — Oho! Gibt’s nicht. Wird’s nicht geben.

Wollen wir unsere Angelegenheit formell in Ordnung bringen?«

Nun schaute er auf, und die tastende Verlegenheit wandelte sich jäh in

Überraschung. »Maria!«

Sie saß aufrecht neben ihm im Sofa. Die Hände in ihrem Schoß waren

ruhiger geworden. Wortlos sah sie zu ihm hin. Aber dieser tränenschwere

Frauenblick sagte: »Sieh, Joseph, ich bin immer stolz auf dich gewesen,

wenn es zuweilen auch etwas in mir zu bekämpfen gab. Aber heute weiß

ich, daß mein Stolz auf dich recht hatte. Das ist das Glück —«

»Du — weinst?«

Und sie konnte noch immer keine Worte finden.

Da kam ein Begreifen über den Mann. Ein Begreifen alles dessen, was die

Liebe einer Frau zu verschenken vermag, und daß die größte Liebe ist,

die unter stummen Schmerzen verschenkt und immer wieder verschenkt.

»Ich habe noch nie an einer Frau den Madonnenschein gesehen,« sagte

er leise und legte ihr die Hand aufs Haar. »Also den gibt es. Meine

Frau hat ihn. Da darf ein Mensch wie ich getrost auf Vergangenheit und

Zukunft blicken.«

»Joseph — —« erwiderte sie nur. Aber der Klang griff ihm ans Herz. Mit

ganz zarten Händen streichelte er ihr Gesicht, zog es an sich heran und

küßte ihr die Tränentropfen von den Wangen.

»Nun wollen wir sorgen, daß wir aus der Elegie wieder herauskommen.

Mein Talent gravitiert mehr nach der anakreontischen Seite. Achtung:

sind deine Papiere in Ordnung? Ja oder nein?«

»Ja.«

»Und dein Herz?«

»Auch.«

»Na, dann wickle mir mal beides in die Kölnische Zeitung, damit ich’s

aufs Standesamt tragen kann. Wird der Beamte eine Freude haben! Ja, ja,

die bürgerliche Moral — —!«

Jetzt strömte das Leben in sie zurück. Das Blut pulste ihr in den

Wangen, die Worte überhasteten sich vor Freude. Altes und Neues mischte

sie durcheinander.

»Daß du mir das nachfühlen konntest! Gestern nacht — weißt du noch —

fragtest du mich, ob ich einen Wunsch hätte. Ich hatte einen Wunsch.

Aber ich hätte ihn nicht über die Lippen gebracht. Es gibt Dinge,

die man nur denken kann, und der andere muß sie aussprechen. Sonst

haben sie ihren Segen verloren. Verstehst du das, Joseph? Ich hätte

sonst doch immer glauben müssen: Ich — ich hab’ ihn dazu gezwungen.

Das hätte mir ja die Freude an der Erfüllung geraubt. Und es war hohe

Zeit, Joseph, jetzt kann ich’s dir schon sagen. Das Kind war aufmerksam

gemacht worden, und es hat mehr Phantasie, als ich wünschte. Das Kind!

Unsere Carmen! Zwölf Jahre sind es, daß du nach Koblenz kamst. Ich weiß

Datum und Stunde. Ein Jahr waren die Eltern tot, und ich wußte nicht

aus noch ein. Nachdem wir ein paar Tage überlegt hatten — ach nein,

wir haben nicht überlegt, wir haben von der Kunst gesprochen und dem

Leben, von Sonne, Mond und Sternen — da nahmst du mich mit auf Reisen,

mit in die blühende Welt. An deiner Seite! Du, wie ich dir das heute

noch danke. Da habe ich mehr eingesammelt, als ich im Leben aufzehren

kann. Und als zwei Jahre darauf unsere Carmen kam, da brachtest du mich

hierher, ins alte Ottensche Familienhaus, von dem meine Eltern mir

schon als Kind Sagen erzählt hatten. Mit jedem Stück konnt’ ich von dir

sprechen, jedes Stück sprach mir von dir. Und ich hab’ alles gehegt

und gepflegt, daß es blieb, wie es war und am alten Orte, wo du es

schon als Knabe gewußt hattest, damit du einmal deine Schaffnerin loben

könntest. Und nun kommt die Krönung.«

Mit lächelndem Erstaunen war Otten dem Wortstrom der Erregten, deren

gleichmäßige Ruhe er so oft bewundert hatte, gefolgt.

»Liebste, Liebste, du tust ja, als setzte ich dich auf einen

Königsthron.«

»Das tust du auch.«

»Mit dieser schriftlichen und gestempelten Erklärung? O, du moderne

Frau. Mehr als ein Jahrzehnt rührt sie mit keiner Silbe daran, und ich

wähne, ich besitze in dir die Reinkultur des neuen Weibes, und mehr als

ein Jahrzehnt — ich bin jetzt sicher, daß es nicht einen Tag weniger

ist — trägt sie in ihrem innersten Herzen das richtige, altmodische

Sehnen mit sich herum, wie —«

»Wie es jede, auch die modernste Frau, insgeheim mit sich herumträgt.

Davon kommt ja keine Frau ganz los. Selbst die Freidenkendste hofft im

stillen, und wenn es nach Jahren ist. Und wenn wir Verzicht leisten,

tun wir es, um nicht zu verlieren.«

»Man kann so alt werden, wie man will, und die Frauen in Nord und Süd

studieren: ihr gebt einem immer Rätsel auf.«

»Weil ihr immer Rätsel lösen wollt.«

»Hast du mir sonst noch ein Rätsel aufzugeben?«

»Nein, Joseph, es war das einzige.«

»Dann also in Gottes Namen, du liebe, offene Seele, hol die Papiere. Du

wirst nicht lange zu suchen brauchen.«

Sie kam zurück, mit geröteter Stirn. Kopfschüttelnd betrachtete Otten

sie. »Solch eine stattliche Frau, und doch, solch ein Kind, solch ein

liebes, kleines — —«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 19 / 54 题