»Das Kleid — sieh da, das Kleid. Du bewahrst alles treu im Sinn. Selbst
Nebensächliches, wenn es mich freute.«
»Deine Freude ist doch nichts Nebensächliches für mich.«
»Wie wohl das tut, dich anzusehen — —«
»Nicht so —«
»~Doch~ so!«
Kaum vermochte sie zu atmen, so fest hatte er sie an sich gezogen. Aber
sie rührte sich nicht an seiner Brust. Sie lag ganz still, als läge sie
so Abend für Abend. Und schloß die Augen vor seinen Liebkosungen.
»Bist du müde?« fragte er.
Sie verneinte lächelnd. »Aber du wirst müde sein. Die lange Fahrt, das
Konzert, die Freunde —«
»Ich werde dir alles erzählen.«
»Morgen. Ein andermal. Du bist jetzt müde.«
»Ach du,« sagte er, »diese selige Müdigkeit.«
Den Arm um sie gelegt, wanderte er mit ihr durch das Gemach, trat er
mit ihr in das Nebenzimmer.
»Hier hast du gesessen,« sagte er und stand vor ihrem Sessel still,
»und auf mich gewartet. Wie oft hab’ ich dich, wenn ich herdachte, hier
sitzen sehen. Immer wollte ich eine Pause machen, immer mir Urlaub
geben und ihn bei dir verbringen. Aber das rebellische Blut jagte mich
immer wieder in den Strudel ... Setz dich hin,« bat er und zog den
Sessel heran, »so wie du all die Tage gesessen hast. Du sollst spüren,
daß es heute anders ist. Nein, nein, ich will mich auf den Teppich
legen, mich recken und strecken, den Kopf in deinem lieben Schoß.
Weshalb vergönne ich mir das so selten ... ich bin selber mein größter
Feind.«
Sie beugte sich zu ihm nieder und legte ihm ihre kühle Hand auf die
Augen. »Joseph, hör mich einmal an. Wenn du dich anklagst, um mich zu
trösten — das brauchst du wirklich nicht. Ich gehöre dir doch nun schon
zwölf Jahre. Meinst du denn, ich wäre in dieser langen Zeit so klein
geblieben, daß ich nicht einen Unterschied zu machen verstände zwischen
dir und anderen Männern, die Frauen haben? Ich bin mit sehenden Augen
in mein — ja, in mein Glück gegangen. Denn wenn ich alles überdenke
und vergleiche, so ist es mein Glück. Ich hätte nie einen anderen Mann
liebhaben können als dich. Schön, wenn du es hören willst: andere
Männer mögen mehr Tugenden haben, was man so Tugenden nennt. Aber dafür
sind sie auch nicht — der Joseph Otten. Sieh, das verstehe ich. Und
weil du der Joseph Otten bist, da muß ich wohl auch — deine Fehler
liebhaben.«
»Ich fürchte, es wird außer den Fehlern nicht viel bleiben, Maria.«
»Das laß meine Sorge sein. Menschen, die eine Mission haben, können
keine Alltagsmenschen sein, und daran halte ich fest, wenn sich die
Fehler zu häufen scheinen. Du gehörst der Welt.«
»Mit meiner Kunst! Aber nicht mit meinem Menschen. Das ist es ja
gerade.«
»Als ob ihr das trennen könntet.«
»Ich kann’s nicht, Maria. Und die, die draußen um mich herum sind,
wollen’s noch weniger.«
»Deshalb bleibe ich ja doch, was ich bin, Joseph.«
»Was bleibst du?! Der Hafen für das vom Sturm zerpflückte Schiff. Die
Krankenstube für den zerzausten Soldaten.«
»Wenn es Soldaten geben soll, muß es auch Krankenschwestern geben.«
»Soldaten und Künstler sollten keine Frauen an sich ketten.«
»Doch, Joseph. Sie müssen einen Hafen wissen, in dem sie von ihren
Wunden genesen können, um — neue Kräfte zu neuer Ausfahrt zu sammeln.«
»Du glaubst also nicht an mein Bleiben?«
»Nein, Joseph,« sagte sie und sah mit einem tapferen Lächeln in sein
verfinstertes Gesicht. »Daß du jetzt, wo du müde bist, den ehrlichen
Wunsch hast, daran glaube ich. Aber eines Tages — ja eines Tages würde
ich dich selber fortschicken müssen, um dich — zu behalten.«
»So einer bin ich?« spottete Otten bitter.
»Gott sei Dank, so einer bist du, Joseph.«
»Und daß du mehr gibst als ich, das ist dir einerlei? Daß ich das
Reisegeld, das du mir auf den Weg gibst, draußen vertue, verjubele —
ach, ich darf gar nicht daran denken.«
»Komm nur oft heim. Damit du dich überzeugst, daß ich noch viel mehr
Reisegeld habe.«
Joseph Otten bewegte sich nicht. Nur daß er den Kopf plötzlich fester
in ihren Schoß drückte. »Heimkehr!« dachte er. »Das ist Heimkehr.« Und
dann begann er seinen Gedanken Worte zu geben. »Ja, wahrhaftig, der
Hafen. Solange das Schifflein munter auf den Wellen schwimmt, träumt
man von der lachenden Ferne und winkenden Abenteuern. Vergessen, was
dahinten ist; willkommen, was vorauf ist. Und das Schifflein treibt
sich in allen Zonen, in allen Gewässern umher, immer lustig, immer im
Segel jeden Wind, bis es eines Tages bemerkt, daß die Schnelligkeit
nachläßt, und in einer windstillen Stunde konstatiert wird, daß auf
den fröhlichen Fahrten in aller Herren Länder Schmarotzer sich an den
Schiffsboden angesetzt haben, fressende Muscheln, saugender Tang,
Schmutz und Getier jeder Gattung, das auf fremde Kosten lebt und das
Schifflein langsam niederzieht. Hoho, sagt der Kapitän, wo ist der
beste Hafen, wir müssen mal wieder ins Dock. Und auf einmal besinnt er
sich auf die Heimat. Wenn sie zu sonst nichts taugt, zum Reparieren des
alten Kastens, zum Putzen und Scheuern taugt sie am besten. Denn die
Heimat ist wie eine Mutter, und Mütter haben den Sinn für Reinlichkeit.
Hier bin ich, Maria.«
Sie strich durch sein Haar, hin und her. Er war bei ihr.
»Es wird grau, Maria.«
»Es ist so blond und eigensinnig wie bisher.«
»Nein, nein, die grauen mehren sich. In der letzten Zeit. Und das
erinnert mich daran, daß ich müde bin.«
Sie hob seinen Kopf von ihrem Schoß. Wie ein Kind ließ es sich der
große Mann gefallen. »Komm, Joseph.«
»Maria, daß ich die beiden mit ins Haus brachte! Von Heinrich Koch
will ich schweigen, der tat’s aus Hilfsbereitschaft, weil ich den
Terbroich nicht abschütteln konnte. Der hatte sich noch kurz vor der
Hafeneinfahrt fest an den Schiffsboden gesaugt. Und daß ich dich vor
dem Konzert nicht sah! Man ließ mich in Frankfurt nicht los, und
mir machte das Festgehaltenwerden mal wieder Spaß. So sehr bin ich
verwildert. Und dann freute es mich, daß du mich zuerst im Konzertsaal
wiedersehen solltest. Das aber — das mußt du mir besonders verzeihen.
Es war beschämend zu glauben, ich müßte dich neu erobern. Für dich
beschämend.«
»Hast du die Kleine wiedererkannt, Joseph?«
»Carmen?« Er sprang auf. »Du! Du hattest sie mir geschickt?«
»Sie war ohne Erlaubnis hingelaufen. Ich war heute wohl zu sehr Frau
und zu wenig Mutter. Da war sie unbeaufsichtigt.«
»Vorne in der ersten Reihe stand sie. Als ich vorbeilief — ich mußte
mich sputen — war’s mir gerade, als hätt’ ich einen Sonnenstrahl
verspürt. So warm flitzte mir etwas durchs Blut und zwang mich, mich
noch einmal umzusehen. Da stand das Kind ...!«
»Wollen wir zu ihm?«
Er atmete tief. »Ja,« sagte er leise und lachte in sich hinein. »Es
wird immer schöner.«
Behutsam gingen sie die Stiege hinauf. Frau Maria hatte die Lichter
gelöscht und trug die Flurlampe. Er hatte den Arm um ihren Leib
gelegt. Und so traten sie an das Bett des schlafenden Mädchens.
»Es ist fast ein Fräulein geworden,« sagte er nach einer Weile.
»Sie ist nicht leicht zu erziehen,« erwiderte sie, »aber es ist Blut in
ihr.«
»Sonderbar, wie sie dir gleicht. Das Haar, die Züge. Das freut mich am
meisten.«
»Sie ähnelt mir nur, wenn sie in Ruhe ist. Sobald sie lebhaft wird und
erzählt, gleicht sie dir, daß es mich oft schon durchzuckt hat.«
»Vor Schreck?«
»Psst —! Sie bewegt sich. Das Licht blendet sie.« Und sie stellte die
Lampe auf den Tisch und kehrte zurück. Rechts stand der Vater über das
Bett des Kindes gebeugt, links die Mutter. Ihre Atemzüge wurden eins.
»Willst du sehen, wie lang der Schlingel geworden ist?« flüsterte Frau
Maria.
Er nickte. Und sie schlug die Decke zurück. Die Kleine verschränkte die
Hände hinter dem Kopf, bäumte sich ein wenig, suchte mit den Füßen und
schlief weiter. Das Nachtkleid hatte sich zusammengerollt, und lang und
schlank streckten sich die weißen Schenkel.