Otten gab ihm die Hand. »Wir verstehen uns noch immer.«

»~Und~ immer, Joseph.«

Terbroich war ein wenig trinkselig geworden. »Erzähl, Joseph, erzähl

doch. Wieviel Male hast du das gesungen: Gelobt seist du, Maria? Im

weltlichen Sinne natürlich. Alles zu seiner Zeit, und hier sind wir

unter uns.«

Otten sah mit glänzenden Augen über den Tisch. »Ach ja, das Leben ist

schön. Wundervoll die Ausfahrt und selig die Heimkehr. Was dazwischen

liegt — geht dich nichts an.«

»Dann erzähl von der seligen Heimkehr.«

»Ich vergönne dir noch das letzte Glas.«

»Jawoll, damit du wieder vergleichenderweise singen kannst: Gelobt

seist du, Maria. In jeder Stadt, in jeder Stadt. Selbst in Köln.

Joseph, du hast Geschmack.«

Joseph Otten erhob sich. »Das einzige, was mich immer wieder an dir

interessiert, ist deine gewöhnliche Gesinnung.«

Frau Maria war ins Zimmer getreten. »Frau Otten,« rief Terbroich und

hob sein Glas, »Sie beide haben es gut. Trennung und Brautstand,

Brautstand und Trennung! Das hält jung und neu!«

»Die Herren wollen sich verabschieden, Maria,« sagte Otten und zuckte

mit keiner Miene. »Medardus ist bereits in Abschiedsstimmung. Heinrich,

du bringst ihn wohl nach Hause. Ich danke dir und weiß es zu schätzen.

Ich bin so wonnig müde, wie ich es nur als Junge war.« — —

Er hatte seine Gäste zur Haustür begleitet und kehrte zurück. Langsam

Stufe für Stufe. Als müßte er sich zu dem Alleinsein mit der Frau, die

ihn dort oben seit zwei Jahren erwartete, sammeln, als müßte er ihr

jetzt — und ihr allein — den Erwarteten heimbringen.

Sie stand im Zimmer und sah ihm entgegen. Und auch er stand und nahm

das Bild in sich auf. Einer suchte in den Zügen des anderen die

Erinnerung und ihre Versprechungen ...

Joseph Ottens Brust weitete sich. Er hob die Hände und trat einen

Schritt vorwärts. Da war sie bei ihm und legte ihre Hände in die

seinen. Auge in Auge standen sich die beiden Menschen gegenüber, daß

sich ihre Stirnen fast berührten. Und beide sahen, daß ihre Lippen

zitterten.

»Küß du mich zuerst,« sagte er leise, »das ist wie eine Vergebung aller

Sünden.«

Da löste sie ihre Hände aus den seinen, legte sie ihm um den Kopf und

küßte ihn lange auf den Mund.

»Nun bist du zu Hause, Joseph.«

»Ich danke dir,« sagte er erschüttert. »Du machst es mir immer wieder

leicht.«

»Ich tu’ nichts, als dich erkennen, Joseph.«

»Aber diese Erkenntnis schmerzt dich auf die Dauer.«

»Wer ein größeres Glück genießt als andere, muß auch größere Schmerzen

ertragen können.«

»Ob es ein großes Glück für dich ist? Ich ruchloser Mensch?«

»Ja!« rief sie heftig, »ja, ja! Zweifle nicht daran! Und nun bist du

hier — —«

Er trat einen Schritt zurück. Er hielt sie an den Armen und betrachtete

sie staunend. Die hohe, volle Gestalt, den weißen Hals und den dunklen

Kopf, den Ernst auf der Stirn und die Freude in ihren Augen.

»Bist du gewachsen, Maria?«

»Nein, nein.«

»Aber schöner geworden, noch schöner.«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 17 / 54 题