Sie reichte ihm freundlich die Hand. »Grüß den Herrn Doktor schön.«

»So was!« sagte Frau Maria, als sie das Zuklappen der Haustür vernommen

hatte. »Nun läßt er sich auch noch verführen. Ein Stündchen ... Und

er hält Wort. Aber« — sie schüttelte den Kopf — »aber sie werden ihn

mit einem Stündchen nicht loslassen, sie werden einfach mitkommen, ich

weiß das ja von früher ...« Sie zog die Augenbrauen zusammen. Nur einen

Augenblick lang, und sie schüttelte die kurze Verstimmung ab. »Es ist

ja doch nur die Wiedersehensfreude. Die anderen wollen auch ihr Teil.

Der Joseph gehört vielen.«

»Vielen — —?«

Nun lachte sie ganz leise in sich hinein.

»Sie sollen alle kommen.«

Die Hausfrau regte sich in ihr. Sie ging ins Speisezimmer und musterte

den Tisch. Zwei Gedecke lagen aus. »Ich werde also verzichten

und noch ein drittes Gedeck hinzufügen. Joseph — Terbroich — und

Professor Koch.« Sie traf die Anordnungen und war befriedigt, daß die

Delikatessen reichten. »Es sind verwöhnte Zungen, die Kölner.«

In der Küche stellte sie noch ein paar Flaschen kalt. Dann lauschte sie

hinaus. Der alte Klaus kam von oben.

»Hat es so lange gedauert?« fragte sie mitleidig.

»Ratsch, war sie eingeschlafen,« berichtete der Alte und klappte sich

mit dem Handrücken gegen den gähnenden Mund. »Aber et Schlafen sticht

an. Ich hann gedrömelt.«

»Gehen Sie schnell zu Bett, Klaus. Der Herr hat sich den Hausschlüssel

holen lassen.«

»Dat wor ene kloge Gedanke,« lobte der Alte mit dem Egoismus des

Siebzigers. »Zwei Jahr — oder zwei Jahr un eine Dag — dat macht beim

Wiedersehen nix aus. Schlaft wohl, Frau.« Und er stapfte zufrieden die

Treppe hinunter und suchte sein Lager.

»Nun schläft alles,« dachte Frau Maria, als sie wieder vor ihrem

Arbeitstischchen saß. »Nur ich wache im Hause. Und so wird er mich, als

was er mich zurückließ, als Wächterin des Hauses, auch bei der Heimkehr

wiederfinden.«

Einige Male klapperten noch Schritte Vorübereilender über die

Rheingasse. Dann wurde es still. Aber die Frau am Arbeitstischchen ließ

sich durch die Stille nicht zu Träumereien verlocken. Sie hatte das

Schulkleid des Kindes über den Schoß gebreitet und nähte die zerzausten

Schleifen fest.

Nun lauschte sie ... Vom Heumarkt her kamen Schritte. Männerstimmen

klangen durch die Luft. Ein Lachen flog voraus. — Da packte sie das

Kleidchen weg und erhob sich. Und mit einem Male kam eine grenzenlose

Befangenheit über sie, daß sie aus großen, bangenden Augen ziellos um

sich blickte, daß ihr Lächeln eine Sekunde lang wie ein Weinen wurde

und die Kehle sich zuschnüren wollte. Unten drehte sich der Schlüssel

im Schloß. Schritte von Männern auf der Treppe. Einer den anderen in

großen Sätzen vorauf. Die Türe zu ihrem Zimmer öffnete sich, schloß

sich sofort.

»Joseph — —!« schrie sie auf. — —

Er hielt sie fest. Der Schlapphut war ihm abgefallen, der Mantel von

der Schulter gerutscht. Der Siegesübermut schwand. Eine mächtige

Bewegung ging durch den Mann. Und sie preßte den Kopf gegen seinen Arm

und fühlte wie eine Erlösung, daß Lachen und Weinen sich befreit hatten

in dem einen Aufschrei: Joseph! —

»Bist arg böse?« fragte er. — »Hast auf mich geschimpft?«

Sie hob den Kopf, um zu sprechen.

»Herr Gott noch mal,« murmelte er und preßte seine Lippen auf die

ihren. — —

Von draußen pochte es an die Tür. Sie überhörten es. Dann pochte es

lauter.

»Soll ich sie herausschmeißen, Maria?«

»Ach, du —!« verwies sie ihn.

»Na, ja. Ich hab’ sie mitgenommen. Könnt hereinkommen!« rief er und zog

die Taschenuhr. »Eine halbe Stunde. Dann bitt’ ich mir Feierabend aus.«

»Das langt nicht,« rief Medardus Terbroich von der Türschwelle zurück.

»Eine Stunde fällt wohl noch ab.«

Joseph Otten sah Maria an. Die nickte ihm zu.

»Also eine Stunde! Oder ich mach’ von meinem Hausrecht Gebrauch.

Klebpflaster — —«

»Verzeihen Sie, Frau Otten,« sagte der zweite der Herren und schüttelte

die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. »Ich wär’ nicht so unhöflich

gewesen, Ihnen zu so später Stunde Unruhe ins Haus zu tragen. Aber

da Medardus nicht abließ, dacht’ ich: geh mit und üb dich in der

Christenpflicht, ihn zu gegebener Zeit nach Hause zu schaffen.«

»Guten Abend, Hochwürden.«

»Wirklich, Frau Otten, das sollte zwischen uns doch überflüssig sein.«

»Also guten Abend, Herr Professor. Und guten Abend, Herr Terbroich.«

»Guten Abend, Frau Otten. Und was der Heinrich Koch vorhin von

Christenpflicht und Nachhauseschaffen zu äußern geruhte — ja, wenn

ich nicht die felsenfeste Überzeugung hätte, daß ein geistlicher Herr

überhaupt nicht lügen könnte —«

Joseph Otten fuhr sich durchs Haar. Und Frau Maria öffnete die Tür zum

Speisezimmer. »Wollen Sie nicht näher treten, meine Herren. Sie sehen,

ich habe auf Sie gerechnet.«

Medardus Terbroich strich sich seinen eleganten Schnurr- und Spitzbart.

»Alle Wetter, Sie haben auf uns gerechnet? Zu viel Güte, Frau Otten.«

Und er verbeugte sich.

»Du scheinst das wirklich als ein Kompliment zu nehmen, daß die

verehrte Hausfrau auf dich gerechnet hat, mein lieber Medardus,« lachte

Koch heiter. »Sollte sie dich nicht vielmehr erkannt haben?«

»Meinst du? — Die Kirche hat natürlich überall Freitisch.«

»Überall? — Ich werde mich morgen zu ~dir~ zum Essen einladen. — Sehen

Sie doch, wie er die Farbe wechselt!«

Joseph Otten war durch die Zimmer geschritten. Er fühlte sich zu Hause,

sofort, und das dankte er Maria. Ein wohliges Gefühl durchrann ihn,

fast wie ein Geborgensein. Bei ihr! Wieder einmal bei ihr. Nein —

~endlich~ wieder bei ihr ... Er wandte sich. »Zu Tisch!« rief er. »Die

Stunde vergeht, und ohne Salz und Brot will ich euch nicht heimsenden.

Was! Da sind ja nur ~drei~ Gedecke —«

»Ich hab’ schon mit dem Kind gegessen,« flüsterte sie ihm zu.

»Und willst uns jetzt allein lassen?« Er verstand sie. ›Es dauert nicht

lange,‹ sagte sein Blick. ›Verzeih mir. Ich war ein Dummkopf!‹ Und dies

stumme Geständnis tat ihr wohl.

»Guten Abend, meine Herren.«

»Was? Sie wollen uns verlassen?«

»Ich komme wieder, wenn Sie gespeist haben. Ich möchte nur Carmens

Schularbeiten begutachten.«

»Ich kann Ihnen das nicht verdenken, Frau Otten. Unseren guten Medardus

eine Klinge schlagen zu sehen, dazu gehört ein tapferes Herz.«

Joseph Otten hatte die Gläser gefüllt. Er nahm sein Glas und hob es

gegen Maria. Wortlos. Und trank es in durstigem Zuge aus. — Die Herren

waren allein.

»Hochwürdiger Heinrich,« meinte Terbroich spitz, »du könntest deine

Witze vor — nun, vor einer Dame doch wohl unterlassen.« Er hielt eine

Gänseleberpastete dicht vor die Augen und nahm die Hälfte.

»Mein lieber Medardus,« erwiderte Koch milde, »du übersiehst, daß du

selber den schlechtesten Witz machst.«

»Ich —? Wieso?«

»Allein dadurch, daß du hier bist.«

Terbroich wollte heftig entgegnen, bezwang sich aber und fand die

Pastete großartig. »Ohne die Empfindungen des hochwürdigen Herrn

Professors zu verletzen, bitte ich um ein Glas Rauentaler. Ah — — der

hat Blume, der hat Bukett. Der ist würdig, auf Kölns siegreichen Sohn

getrunken zu werden. Auf unsere heilige Jugendfreundschaft, die uns

ewig treu bleiben soll, auf die Freude, ihn, unseren Besten, wieder

unter uns zu haben und uns in seinem Ruhme zu sonnen: Prosit!«

»Mensch,« sagte Koch bewundernd, »das hast du heraus. Wenn deine

Besuche doch auch so kurz wären wie deine Toaste.«

»Bin ich dir vielleicht schon einmal lästig gefallen?«

»Einmal? Nein, du Unschuld vom Lande. Zweimal warst du erst in Rom bei

mir.«

»Ja,« lachte Otten, »anhänglich bist du. Ich kann in Paris singen oder

in London, in Berlin, in Brüssel oder Mailand — ganz egal, wenn den

Medardus eine Geschäftsreise hinführt, er logiert sich bei mir ein.

›Was willst du mit zwei Hotelzimmern?‹ sagt er dann, und sein Zug geht

immer eine Stunde vor dem meinen.«

»Dafür besoldet er aber auch die billigsten Geschäftsreisenden,« lobte

Koch. »Einer seiner jungen Leute — na, ich bin ja kein Beichtiger mehr

— hat’s mir mal privatim geklagt. ›Wir können uns noch so krumm legen,

der Herr Terbroich gebraucht noch weniger auf der Tour.‹ Mein Sohn,

antwortete ich ihm, ich will dir das Geheimnis künden. Schaffe dir in

jeder Stadt einen gastfreien Bekannten an, lasse dich nie einladen,

sondern lade dich selber ein, hör nur das ›Guten Tag‹ und nie das

›Adieu‹ und — halte zur Revanche den Daumen auf den Beutel. Also aber

wirst du ein hochvermögender Kaufmann, ein zweiter Medardus.«

»Lieber Heinrich,« meinte Terbroich und ließ sich den Kaviar reichen,

»ich will dir nicht zu nahe treten, aber aus dir spricht der Neid des

geistlichen Herrn, dem die guten Bekannten fehlen.«

»Ich habe keine guten Bekannten,« sagte Koch, »ich habe Freunde. Prost,

Joseph, alter Waffenbruder, heut hast du gesungen, nein, Lieder zum

Leben erweckt, daß mir das Herz noch jetzt erbebt, und ich selbst

diesem wackeren Medardus seine Lebenskunst verzeihe.«

»Prost, Heinrich. Das macht mich stolz.«

»Geschimpft haben ja auch einige,« berichtete Terbroich. »Das wäre kein

Singen, das wäre Deklamieren. Aber ich habe ihnen geantwortet: Das ist

die moderne Kunst, meine Herrschaften, die in der großen Welt den Ton

angibt, und vor meinem Freunde Joseph Otten liegen selbst die Damen der

höchsten Aristokratie auf den Knien.«

»Das hat dir wohl mehr imponiert als mein Singen.«

»Ehrlich gestanden: ja. Es muß doch ein wohltuendes Gefühl sein, zu

wissen: ich brauche nur den Handschuh zu werfen. Prost, Joseph. Laß

mich in deinem Schatten fechten.«

Heinrich Koch drehte ihm den breiten Rücken zu. Er strich über fein

rasiertes Gesicht und sann vor sich hin.

»Wie du die ›Grenadiere‹ sangst — mir war, als säh’ ich sie vor mir

hermarschieren, mit verbundenen Wunden und blutendem Herzen. Und mit

ihnen eine ganze Epoche. Das wuchs und wuchs und wurde greifbar und

faßbar. Und wie hast du die ›Wallfahrt nach Kevlaar‹ gesungen. Ich bin

trotz meiner Weihen nicht so fromm wie der Medardus. Aber als du die

›Wallfahrt‹ anhobst — mitten im Zuge bin ich gegangen und andächtig

hab’ ich mitgesungen: Gelobt seist du, Maria ...«

Der Abenteurer : $ Roman · 第 16 / 54 题