»Hier!« rief die Kleine und stellte sich in Positur.
»Donnerlütsch,« wunderte sich der Alte und schlug die Hände zusammen,
»dat is doch nit uns’ Carmche, dat is doch e Engelche!«
»Gelt, Klaus? Schön?«
»Es ist ein unartiges Engelchen, Klaus, und quält seine Mutter. Bringen
Sie sie schnell fort.«
»Na denn allong.«
»Huckepack!« befahl die Kleine, und der Alte bog schmunzelnd den
steifen Nacken und ließ sie aufsitzen. Doch plötzlich warf sich das
Mädchen so jäh herum, daß der Alte nur mit Mühe die Beine erwischen und
an sich drücken konnte.
»Mutter! Gute Nacht, Mutter!« Sie umschlang sie und küßte sie
stürmisch. Auf die Augen, auf den Mund, auf die Seide, die sich über
ihrer Brust spannte. »Du! Liebe, Liebe, Liebe!« Und aufjauchzend ließ
sie sich die Treppe hinauftragen.
»Erzählen!« befahl sie und streckte sich in ihrem Bettchen.
Und der alte Klaus setzte sich geduldig auf den Bettrand und begann:
»Es waren einmal ein klein, nackig Engelchen —«
»Das ist doch eine Kleinkindergeschichte. Schäm dich doch, Klaus.«
»— und das klein, nackig Engelchen sagten zu einem alten Mann: Hä sall
sich jet schamen. Als das aber der liebe Gott hörten, da sagten der
liebe Gott: Pfui Deuwel!«
»Das ist nicht wahr. Der liebe Gott nimmt den Namen des Teufels nicht
in den Mund.«
»För gewöhnlich maag dat sing Richtigkeit hann. Äwwer wenn der leewe
Gott ens in Wut kütt wegen Ongezogenheiten von singe Menschekinder,
dann säht hä dat Schläächteste, wat hä kennt, un dann säht hä: Pfui
Deuwel!«
Die Kleine hatte sich den Schluß des pädagogischen Vortrags geschenkt.
Sie war eingeschlafen.
Und unten in ihrem Zimmer stand die Hausfrau, erregt noch immer von den
ungestümen Liebkosungen des Mädchens, erregter noch von dem, was es
gesagt hatte.
»Sie wird es morgen vergessen haben,« murmelte sie. »In ihrem Alter
verwischen sich Eindrücke schnell. Aber sie wächst heran — —«
Durch die geöffnete Tür sah sie in das geschmückte Speisezimmer, auf
das unbekümmerte Männerbildnis.
Die brautweiße Seide an ihrem Körper knisterte, als sie den Kopf hob.
»Komm bald, Joseph — —« — —
=III=
Es klingelte leise. Kaum, daß die Glocke anschlug. Der Ton konnte nicht
bis zum alten Klaus in die Giebelstube gedrungen sein, und um das Kind
durch Abrufung des Alten nicht zu ermuntern, ging Frau Maria Otten
selbst, die Türe zu öffnen. Mit abgezogenem Hütchen wartete Moritz
Lachner draußen.
»Nun, Moritz — so spät noch?«
»Der Herr Doktor schickt mich —«
»Wir wollen nach oben gehen,« sagte sie. »Es ist kalt an der Haustüre.«
Und sie ging voran. Eine Botschaft Josephs mochte sie nicht zwischen
Tür und Angel verhandeln.
Moritz Lachner folgte ihr respektvoll. Der Mutter Carmens brachte
er heiße Bewunderung entgegen. Und diese Bewunderung war wie eine
heilige Verehrung, als er hinter der großen Frauengestalt herschritt,
der der weiße Brokatstoff ein so feierliches Ansehen schuf. Nur seine
Mutter hatte er so verehrt, die, als sie noch lebte, tagaus, tagein
in dem einzigen hellen Zimmer gesessen hatte, das die Trödel- und
Maskengarderobelager des väterlichen Geschäftes übrig gelassen hatten,
den Blick auf eine Stickerei gerichtet und nur schnell und freudig
aufschauend, wenn der Sohn ins Zimmer trat. Seit sie gestorben war,
wie eine arme zitternde Zimmerpalme, gehörte seine leidenschaftliche
Frauenverehrung der ruhigen, selbstsicheren Frau in Joseph Ottens
Haus. Nicht zuletzt, weil es Joseph Ottens Haus war. Alles Eigene,
Freie und Kühne lockte seine scheue Seele.
»Der Herr Doktor hat dir einen Auftrag gegeben?« sagte Frau Maria und
setzte sich in ihren Arbeitssessel. »Warst du denn im Konzert, Moritz?«
»Ich habe draußen gewartet, bis es aus war.«
»Zwei Stunden in der Kälte? Du bist ein Schwärmer, Moritz.«
Der Knabe freute sich des freundlichen Tons. Er errötete und drehte
sein Hütchen.
»Nun?«
»Der Herr Doktor kam wenige Minuten nach den anderen. Der Herr
Terbroich war bei ihm und der geistliche Herr, der Herr Professor
Koch. Als er mich stehen sah, rief er mich heran. Er hat mich sofort
erkannt,« fügte er stolz hinzu. »›Das ist doch des Lachners Moritz,‹
meinte der Herr Doktor, und ich könnte ihm wohl einen Gefallen tun und
schnell hierherspringen und bestellen: Der Herr Doktor würde in einem
Stündchen hier sein. Er müßte nur eben noch ins Domhotel. Und ich
möchte ihm den Hausschlüssel hinbringen.«
Frau Maria hatte ruhig zugehört. Sie nahm den Schlüsselbund vom Tisch
und nestelte den Schlüssel los.
»Es war nett von dir, Moritz, daß du dir die Mühe gemacht hast. Warte.
Du bekommst ein Glas Portwein, das macht dich wieder warm.«
»Es war keine Mühe,« stotterte der Junge. »Wirklich nicht.«
Ihm wurde glühend heiß, als er den Wein trank. Aber daß es nicht vom
Wein kam, das wußte er besser. Er machte eine Verbeugung, bedankte
sich und ging mit dem Schlüssel zur Tür. Mit einem Gefühl, als wäre ihm
der Schlüssel zum Herzen dieser Leute zum Geschenk gegeben worden.