»Vielleicht, daß er sich nicht hat anmelden können ...«
Hinter ihnen kicherte jemand. Es war Laurenz Terbroich.
Mit sprühenden Augen fuhr sie zu ihm herum.
»Du ~sollst~ nicht lachen!« Und sie stampfte mit den Füßen wie eine
Wilde. Da brach sein Lachen ab.
»Du,« sagte Moritz und machte ein fröhliches Gesicht, »um halb acht
beginnt das Konzert. Jetzt ist es sieben. Wollen wir zum Gürzenich
laufen. Wenn er aus dem Wagen steigt, kriegen wir ihn zu sehen.«
»Du willst mich uzen.«
»Wenn du’s nicht glaubst, da an der Säule kleben die Plakate.«
Ehrfürchtig gingen sie hin und lasen. »Liederabend von Dr. Joseph
Otten. Im Saale des Gürzenich.« Zweimal und dreimal lasen sie. Das
Mädchen erschauerte und blickte mit fiebrigen Augen auf das Papier.
»Der Vater — —« Und wortlos trollten sie sich durch die Martinsstraße
nach dem Wunderbau mittelalterlicher Gotik, einst »der Herren
Tanzhaus«, dem Gürzenich.
Eine Horde Gaffer drängte sich an der Eingangstür: Frauen
in Umschlagtüchern, Kinder auf dem Arm; Kleinbürger, die zum
Abendschoppen strebten; Eckensteher in Schiffermütze und buntgestickten
Plüschpantoffeln. Der Joseph Otten sang! Auf den Jupp waren sie stolz.
Es war »ene Köllsche Jung«!
Die Kinder hatten sich in die vordere Reihe gedrängt. Die kleine,
schlanke Carmen hielt sich fest an Moritz Lachners Hand. Wagen
auf Wagen fuhr vor. Herren in vornehmer Haltung, Damen in großer
Konzerttoilette entstiegen ihnen und eilten, durchs Portal zu kommen.
Denn die Zaungäste kritisierten scharf und laut. »Jessesmarijusepp, die
hätt’ sich äwer fies fein angedonn.« »Süch ens, die meint, sie wär’ em
Huchsommer. Madam, Sie werde sich verkühle!« »Achtung, Här, der Kopp
oder der Zylinder!«
»Das war mein Vater,« sagte Laurenz Terbroich, als der geradgereckte
Herr, dem der Zuruf gegolten hatte, im Portal verschwunden war.
Es schlug halb acht. In raschem Trab kam ein Wagen heran und hielt.
Ein hochgewachsener, früher Vierziger sprang elastisch heraus, gab dem
Kutscher Weisung und wandte sich dem Eingang zu. »Guten Abend, Herr
Doktor Otten,« scholl es hinter ihm her. Da wandte er sich lachend um,
grüßte mit dem Schlapphut und winkte mit der Hand. Im Begriff, ins
Portal zu treten, blickte er noch einmal über die Schulter, als sei ihm
vorhin irgend etwas aufgefallen. Sein stahlblaues Auge traf die Kinder,
suchte die erglühende Carmen heraus. Eine Erinnerung ging durch seinen
Blick, ein Erkennen. Ein Aufstrahlen, und ein Nicken hüben und drüben.
Dann war er im Gürzenich verschwunden. — —
»Das war ~mein~ Vater,« sagte die Kleine triumphierend zu Laurenz
Terbroich. Und die beiden liefen hinter dem Volk her, um zu hören, was
gesprochen würde.
Moritz Lachner blieb allein vor dem Gürzenich zurück. Seine Seele war
mit dem bewunderten Manne hineingegangen, und er wartete, daß er sie
ihm wieder herausbrächte. — —
=II=
Im ersten Stockwerk des Ottenschen Hauses waren seit Beginn der
Dämmerung die Rouleaus herabgelassen. Die rotbeschienenen Säume
verrieten, daß in der Wohnung frühzeitig die Lichter angezündet
worden waren. Hin und wieder zeichnete sich hinter den Vorhängen der
Schattenriß einer Frau, der erst kürzer, dann länger verweilte und sich
wieder verlor ...
Der alte Klaus hatte in der Haustür seine Pfeife ausgeraucht. Während
er von dem langen, dünnen Tonstiel ein Stück abbrach, um ein frisches
Mundstück zu bekommen, trat er auf die Gasse und blinzelte zu den
Fenstern des Stockwerks hinauf. Kopfschüttelnd stopfte er mit dem
Daumen den Pfeifenkopf, brachte den überflüssigen Tabak sorgsam wieder
in der Hosentasche unter, knickte ein Bein, um an dem gespannten
Schenkel ein Schwefelholz in Brand zu setzen, schmatzte den ersten
Rauch aus dem Rohr, spuckte und ging kopfschüttelnd ins Haus hinein.
Als sich die Haustür schloß, erschien hinter dem beleuchteten Vorhang
hastig der Frauenschatten, verharrte einen Augenblick reglos und
schwand.
Von den Türmen der Stadt schlug es halb acht Uhr. Die hohe Kastenuhr im
Eßzimmer der Wohnung tat gleichzeitig einen dumpfen Schlag. Die Frau,
die an der geschweiften Säule des breiten, flämischen Büffetts lehnte,
hob einen Moment den Kopf, als ob noch etwas folgen müsse. Und schon
pinkte hell aus dem Nebenzimmer eine Rokokouhr.
»Alles geht seinen geregelten Gang,« dachte sie und legte die Hände wie
einen Reif um die Stirn, als sollten widerspenstige Gedanken zur Ruhe
gebracht werden. Dann ließ sie müde die Arme sinken.
»Er kommt nicht,« sagte sie laut. »Nun könnte ich eigentlich die Lampen
löschen.«
Ihr Kleid raschelte, als sie ein paar Schritte tat. Sie sah an ihm
hinab. Es war ein weißer Brokat, der die kräftige Gestalt fest
umschloß. Ohne einen Ausschnitt zu zeigen, ließ er den Hals frei. Eine
Kette großer, blaßroter Korallen hing über der Brust. Nur dieser eine,
erlesene Schmuck.
Sie strich mit der Hand über den Stoff.
»Wie lang’ ist das her,« kam ihr in den Sinn, »daß ich dies Kleid
zum erstenmal trug. Er wollte mich in keinem anderen sehen. Jedesmal
sollte ich es tragen, wenn er heimkehrte, jedesmal wie eine Braut ...
Das Kleid ist wie neu geblieben. Ich hab’ es also nicht oft zu tragen
gehabt.« —
»Ach, nicht so!« wies sie sich selbst zurecht. »Ich hab’s gewußt. Und
ich freu’ mich doch, daß es so ist, wie’s auch ist.«
Sie ging in ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen durch das Zimmer. Ihre
Augen hatten den Hausfrauenblick zurückgewonnen, und ihre Hände suchten
Beschäftigung, rückten an den blumengefüllten Kristallvasen, dem
schönen Tafelporzellan, und ruhten nicht, bis eine neue Harmonie die
festliche Anordnung schmückte. Von der Balkendecke herab streckte der
massive Leuchter sechs lampenbewehrte Arme ins Zimmer. Alle Lichter
brannten. Der ganze Raum war voll Erwartung.
Als die Frau den Blick hob, ging ein Lächeln über ihr Gesicht. An der
Wand hing ein Bild, das Bild eines Mannes in Havelock und Schlapphut.
Aus lachenden Augen schaute er in die Welt.
Sie trat näher heran. Sie betrachtete es, als wäre es ihr ein Neues.
»Man kann das Bild nicht ansehen, ohne froh zu werden ...«
»Liebster — —«
Dann wandte sie sich zum Tisch zurück, hob die Arme und drehte die
Gashähnchen der Lampen ab. Bei der letzten zögerte sie, und der Arm
blieb gereckt. Leise knisterte an ihrem Leib die Seide.
»Vielleicht kommt er doch noch. Dann soll es wenigstens nicht ganz
dunkel sein in seinem Haus.«
Und noch einen Blick über die Tafel werfend, ging sie mit ihrem ruhigen
Schritt ins Nebenzimmer, setzte sich an ihr Arbeitstischchen und nahm
ein Kinderkleidchen in den Schoß, das der Ausbesserung bedurfte.
Acht schlug es von den Türmen, und dumpf und hell befleißigten sich
die Uhren in der Wohnung, nicht hinter den beamteten Kameraden
zurückzubleiben.
»Jetzt hat er die ersten Lieder gesungen,« sagte die Frau und ließ
die Arbeit sinken. »Nun wird er gefeiert ...« — »Gott im Himmel,«
unterbrach sie sich, »acht Uhr! Und Carmen ist noch nicht im Hause. Wie
konnt’ ich nur über den Vater das Kind vergessen.«
Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. Die Rheingasse lag
still. Sie horchte angestrengt in das Dunkel, aber nur das Rauschen des
Rheinwassers, das gegen das Bollwerk schwankte, fing sie auf.
»So lang’ ist sie doch noch nie ausgeblieben,« murmelte sie. »Und
gerade heute ... Wär’ doch das Kind hier.«
Noch ein paar Minuten blieb sie. Dann schloß sie das Fenster. Sie
schauerte in den Schultern und wußte nicht, ob es von der Winterluft
oder einem Angstgefühl kam. »Gerade heute ... Ich hätte es daheim
halten sollen. Wenn er nun gekommen wär’.« Dabei fiel ihr der alte
Klaus ein, und sie atmete erleichtert. »Er wird das Kind bei sich
haben. Nun wird’s aber Zeit, daß ich es hol’ — —«
Der alte Klaus Gülich saß in seinem Stübchen zu ebener Erde, das ihm
als Hausmannswohnung angewiesen war, spießte mit dem Taschenmesser
das letzte Stückchen eines Käses auf und schaute dabei verlorenen
Blickes in sein Schoppenglas Wein. Irgend etwas suchte er in seinen
Erinnerungen, und das forderte Zeit, denn er hatte auf ein langes Leben
zurückzuschauen und war ein gutgerechneter Siebziger.
»I ja,« nickte er vor sich hin, »die hätt’ ming Frau werde müsse, dat
wor ene leckere Puht. On lew hät die mich gehatt, esu lew wie keen
Minsch op der Welt. Wenn ich mich doch, Düwel noch ens, op ehre Name
besinne künnt’!«
Es klopfte. Und gleich ein zweites Mal.
»Angtreh!« rief er ärgerlich und streckte das Kinn vor.
»Guten Abend, Klaus. Ist das Kind bei Ihnen?«
»Uns’ Carmche?«
»Also auch hier nicht. Und es ist acht Uhr vorbei. Es wird ihm doch
nichts zugestoßen sein? Klaus, was meinen Sie?«
»Ich meine, et Carmche is augenblicks lebendiger als sing Mutter.«
»Wissen Sie das bestimmt?« Sie legte dem Alten die Hand auf die
Schulter, und der Alte spürte durch das gestrickte Kamisol, wie diese
lange, schlanke Frauenhand zitterte.
»No, no, no,« beschwichtigte er und erhob sich so schnell, wie es ihm
die müden Füße erlaubten. »Wat sinn denn dat för Sache? Jung’ Frau,
jung’ Frau! Dat wor doch früher uns’ Art nit? Nerve! Setzen Se sich ens
en der Sessel. Su, ganz gemötlich — —«
Sie ließ es sich gefallen, daß er sie in den Sessel drückte. In ihrem
weißen Kleide saß sie und bot ein seltsames Bild zu der schlichten
Umgebung.
»Nun sagen Sie, wo Sie Carmen gesehen haben.«
»Se is mit Terbroichs Laurenz op der Heumarkt gelaufe. Auch
möglich, zum Gürzenich. Un weil ich den vörwetzige Rotzjung, den
Terbroichs Laurenz, nit leide mag, hann ich den Lachners Moritz
hingerhärgeschickt. Dä paßt op.« Und mit väterlicher Fürsorge fuhr er
fort: »Sie dürfe sich beruhige, Frau Otten. Et passiert nix.«
»Ich schäm’ mich,« sagte sie plötzlich. »Ich darf doch nicht die Ruhe
verlieren.«
Der Alte sah sie respektvoll an.
»Un do meint manch eine, dat wör alle Dag Zuckerlecke, Danze un Kirmeß.«
»Es ist viel mehr, Klaus.«
»Sie hann ooch nix öwermäßig zo lache.«
»O doch, das wißt ihr andern nur nicht.«
»Jung’ Frau,« meinte der Alte ruhig, »wenn ich dodrop et heilige
Sakrament nehme künnt’, säßen Sie jetz nit beim ahle Klaus em Stübche.«
Einen Augenblick blieb es still zwischen ihnen. Dann sagte die Frau mit
dem Versuch eines scherzenden Lächelns: »Sie haben mich vorhin wohl
belauscht? Klaus, das war die Vorfreude.«
»Der Herr Joseph is äwwer nit gekumme,« beharrte der Alte.
»Er hat nicht gekonnt, Klaus. Gestern hat er in Frankfurt gesungen und
bis vor wenigen Tagen in München. Ich hab’ doch einen Brief bekommen,
in dem er mir alles schrieb.«
»Der Herr Doktor is zwei Johr von Kölle fort gewese. Da is et mit enem
Breef nit gedonn.«
»Ach, Klaus, er wollte ja auch vor dem Konzert noch herkommen, wenn er
den richtigen Zug bekäm’. Aber die Menschen hängen sich ja alle so an
ihn und wollen ihn feiern. Das seh’ ich ein.«
»Ich nit, ich weiß Gott nit. Een Stündche hätt’ hä sich schon abspleiße
könne.«
»Für so kurze Zeit will er den Haushalt nicht beunruhigen.«
»Un die Haus~frau~? Die duht er auf die Weis’ weniger beunruhige.«
»Ach, Klaus, die Hausfrau — —«
Der Alte stutzte. Er blinzelte ein paarmal mit den Augen und blickte in
die Stubenecke.
»Ich bin seine Cousine. Daß ich ebenfalls Otten heiße, macht die Sache
nicht anders.«
»Ihr seid sing Frau. Cousine kennt der Joseph Otten nit.«
»Nein,« sagte sie, und es flog ein Schimmer über ihre Augen, »die kennt
er nicht.«
Der Alte sah verblüfft auf. Dann kratzte er sich hinter den Ohren. »Ich
hann woll jet Dommes gesagt?«
»Nein, nein. Es war schon recht so. Seine Frau bin ich, und ich hab’
ihn und die Carmen. Das ist ein glückliches Gefühl, Klaus, und ich
hab’s immer und immer, auch wenn er jahrelang fort ist. Gerade deshalb.
Da hab’ ich für ihn mitzusorgen, denn ohne Sorge kann ich doch nicht
sein. Er ist ein Wandervogel, Klaus, er muß in alle Welt schweifen und
singen, singen und weiter schweifen, aber wenn er heimkommt, bringt er
auch das Glück der ganzen Welt ins Haus. Welche Frau kann das sagen
...?«
»Sie haben ihn arg lieb, den Jupp,« sagte der alte Klaus. Er hatte
hochdeutsch sprechen müssen.
Sie lehnte sich zurück, damit er ihr Gesicht nicht sähe. Die Seide
spannte sich. Es war Kraft in dem Frauenkörper.
»Und Sie — Klaus?«
»Ich hann ihn doch schon zu de Nönncher gedrage, als hä noch en Dotz
wor un et Stillsitze lerne sollt.«
»Er hat es nicht gelernt, Klaus.«
»Enä. Un öwer et Paternosterbete is hä auch nit herausgekomme.«
»Manchen schadet das nicht, Klaus. Es gibt Menschen, die können tun,
was sie wollen, und es ist, als trügen sie ein heimlich Gebet in sich.
Da wird schön, was bei anderen häßlich wäre.«
»Mr nennt dat: eine Schutzengel. Äwwer de Schutzengel sinn Sie.«
Sie schüttelte nur den Kopf.
»Das steckt im Menschen selbst drin. Das ist das Geheimnis unseres
Herrgotts, weshalb. Wir sollen nicht fragen und doch glauben. Glaube
macht selig. Ich bin’s.«
»Nä, nä,« sagte der Alte zweifelnd, »ich würd’ doch lewer ens beim Jupp
op der Busch kloppe. Hä wor fröher schon ene Dorchgänger.«
»Und doch haben Sie ihn gern gehabt.«
»No ja, hä wor ooch keene gewöhnliche Dorchgänger, hä wor su ene
staatse Dorchgänger. Ohne Fisimatente. Hä däht niemals die Unwohrheit
sage, ooch als Jung nit. Wenn se ihn attrapierte, sagt hä geradheraus:
Geweß, so is dat gewese. Un dann lachten hä, und et blew nix anders
öwrig, mer moßt mitlache.«
Die Frau im Sessel hatte seltsam strahlende Augen bekommen. Sie sah
einen wilden Jungen vor sich.
»Als er zu uns nach Koblenz kam, Klaus, war er schon der berühmte
Doktor Otten, von dem alle Zeitungen schrieben. Nicht immer gutes. Aber
daraus machte er sich nichts. Dickköpfen muß man eine Sache hundertmal
sagen, bevor sie dahinterkommen, meinte er, wenn es Angriffe regnete.
Man muß die Menschen zu ihrem Glück zwingen. — Mich hat er nicht zu
zwingen brauchen. Als er es ~einmal~ sagte, glaubte ich es.«
»Su ne Hanak!« lobte der Alte den jungen Freund. »Mr konnt ihm nix
affschlage.«
»Sie haben die ganze Jugend mit ihm verlebt, Klaus.«
»Ich wor zuerst beim ahle Otten Knecht op enem Kohlenschiff. Später
word ich von der Firma als Schiffer angestellt. Och, jung’ Frau,
un wenn ich dann mit mingem Schiff im Hafen lag, am Bayeturm, dat
wor en Gedöhns. Dann kamen der Jupp mit singer Freundschaft, un ich
moßt Harmonika spille un ihne Schabau zu drinke gewe un allerhand
Stückelcher un lustige Krätzcher verzälle, un zum Schluß dähte se
et ganze Schiff op der Kopp stellen. Wenn ich se denn flöck beim
Schlafittche nehme wollt, sprung der Jupp — ich kreeg als immer ene
Schlaganfall — in Hos und Kamisol pardautz in et Wasser, un singe beste
Kamerad, der Drickes, der Kochs Heinrich, der heut geistlicher Här un
Professor is, pardautz hinger ihm drein, im Lewen un im Sterwen, un
wuppdich krabbelten se in der Nache, dä am Schiff hing, sägten mit ihre
Taschenmetz dat Tau dörch, packten de Ruderstang un gingen heidi. Dazu
dähten sie dat Räuwerlied singe: ›Ein freies Leben führen wir!‹ Nor
der Dritte von dem Kleeblatt, der Medardus Terbroich, der feinen Här
von der Ringstraß, dä esu fromm is un su ville Milliöncher us singe
Arbeiter rusquetscht, dat wor als früher ene heimtückische Grielächer.
Meist wor ~er~ der Anführer, wenn et galt, mr ene Schabernack zu
spille, un wenn hä dat Kreppchen glücklich eingerührt hatt’ und der
Jupp un der Drickes woren als im Wasser, wofor die Bangbüx en Scheu
hatt’, un ich kamen herangelaufen, ihn zu versolle, maacht der Medardus
esu e spitz Gesicht und unschullige Äugelcher und säht seelenruhig:
›Sieh, Klaus, dort flüchtet das böse Gewissen. Ich hann et nit gedonn.
Ich gonn fott.‹ Wupp, wor he weg.«
Die Frau im Sessel lächelte. Sie hatte nur die Hälfte von der Erzählung
gehört. Sie sah den wilden Jungen vor sich und horchte auf seine
Stimme.
»Haben Sie ihn denn nie verprügelt, den Joseph?«
Der Alte lachte in sich hinein. »Ach Frau, de Jupp kannt’ ming schwache
Seit’. Ich heißen doch Klaus Gülich. Un de Gülichs waren als kleine
Leut’ bereits vor ville hundert Johr in Kölle. Un et is als arg lang
her, do hät ein Nikolaus Gülich, ein Manufakturwarenhändler, Rebelljon
in Kölle gemach’ un die vornehme Häuser plündere un Ratsherre verhafte
und köppe lassen. Bis et Blättche sich gewandt hat un der Nikolaus
Gülich sich attrapiere ließ. Op enem freie Platz, der danach der
Gülichsplatz genannt worde is, is dann der große Verbrecher sälwer
geköppt worde. Äwwer weil hä esu ’ne Berühmtheit gewesen is, hann
die Kölner ihm en Säul’ op der Gülichsplatz gesetzt, obe dropp der
affgeschlagene Kopp in Bronce. Un ich hann als noch en ahl Buch, dat
is mr heilig wie die Bibel, denn dadrin steht et zu lesen: ›eine
Säule zu des Ächters ewiger Schande mit einer Aufzählung der Untaten
und Verbrechen desselben allda errichtet.‹ Dat Buch hann ich geerwt,
un dat is e Glöck, denn als die Franzose nach Kölle kumme sin, die
gerad ihre König geköppt hatte, wollten sie dat mit de Säul’ nit un
hann se ömgestürzt, un de schöne Broncekopp, dä doch von rechtswege
in der Familig hätt’ bleiwe müsse, is nach Paris gekumme. Un op den
ahl Nikolaus Gülich bin ich ärg stolz gewesen, un der Jupp hät dat
gewoß’, un nach jedem schläächte Uz is der Jupp gekumme und hät mich
beim Händche genomme un gesagt: ›Flöck, Klaus, jetzt gonn mr op der
Gülichsplatz. Da mußte mr von dingem Ahnherr verzälle. Ich kann et als
garnich erwarte.‹ — Dä Nixnotz!« —
»Und dann hat er in Bonn und Leipzig studiert,« nahm die Frau nach
einer Weile das Gespräch auf, »Geschichte und deutsche Literatur, und
ist der Doktor Joseph Otten geworden.«
»Ja, ja ... Phantasie hät hä gehatt.«
»Und überall in Deutschland hat er Vorträge gehalten, und überall war
ein Aufsehen, weil er die Seele der Gedichte lebendig machen wollte
über die Form.«
»Dat verstonn ich nit.«
»Vom Gedichte-Rezitieren kam er zum Lieder-Gesang. Den alten Singsang
reformieren wollte er, die Töne wieder mit Gedanken füllen. Da hat er
aufs neue studiert und studiert, bei den großen Meistern in Frankfurt
und in Mailand, denn er mußte alles kennen lernen und ließ nicht
ab, bis er alles kannte. Zehnmal soviel hat er gearbeitet als die
anderen, und als es ihm gelungen war, nannten es die Trägen und die
Gedankenlosen — Glück!«
»Un wenn et so wör! Stolz is hä nit geworde, de Jupp, ene echte
Köllsche Jung mit dem Härz op dem rechte Fleck is hä gebliwwe. Wie der
ahl Otten gestorwe is un die Firma is opgelöst worde, da hät hä zuerst
an mich gedacht. ›So, Klaus,‹ säht der Herr Doktor, ›jetz bis du minge
Hausverwalter. Un wenn du nix zu donn häs, kannste de Fremden op dem
Rhein erömgondeln. Den Nachen kannste behalten.‹ Nee, nee, nix op minge
Jupp Otten.«
Die Frau im Sessel beugte sich vor. Sie zählte die Glockenschläge.
»Neun Uhr, Klaus. Jetzt halt’ ich’s nicht mehr aus.«
Der Alte nahm seine Schiffermütze vom Riegel. »Bong. Ich gonn ens zum
Lachner in de Obenmarspforten, nachkucke.«
Da wurde heftig an der Hausschelle gezogen. Der alte Klaus hängte seine
Mütze wieder an den Riegel. Die Frau war schon auf dem Hausflur.
»Kind — — Kind — —,« brachte sie nur hervor, nahm das Mädchen bei der
Hand und lief mit ihm die Treppe hinauf.
»Mutter! Hör doch! Ich hab’ den Vater gesehen!«
»Komm, komm — —!«
Oben in ihrem Zimmer kniete sie vor der Kleinen nieder und nestelte ihr
das Mäntelchen aus. »Mir solch eine Angst zu machen. Wegzubleiben. Ohne
Erlaubnis ...«
»Aber ich hab’ doch den Vater gesehen!«
»Das konntest du doch gar nicht wissen, als du fortliefst. Ich hab’ dir
doch nichts gesagt.«
»Ja, weshalb hast du mir denn nichts gesagt?«
»Weil der Vater dich überraschen wollte. Weil er sehen wollte, wie
artig du seist. Ganz erfrorene Hände hast du und dazu die heißen
Backen. Wo bist du denn nur gewesen?«
»Am Gürzenich, den Vater sehen,« beharrte sie.
»Aber doch nicht bis jetzt, Kind. Das ist doch schon so lange her.«
»Dann sind der Laurenz Terbroich und ich auf der Hohestraße
gewesen. Der Laurenz wollt’ mir die schönen Läden zeigen mit den
Weihnachtsausstellungen.«
»Herrgott, in dem Gewühl!« Und plötzlich schlang die Frau die Arme um
die feingliedrige Kindergestalt.
»Hast du denn gar nicht an deine Mutter gedacht, Carmen; gar nicht an
deine Mutter?«
»Du hatt’st ja den ganzen Tag keine Zeit für mich gehabt.«
»Das ist meine Strafe,« murmelte die Frau, strich sich mit der Hand
über die Augen und erhob sich.
»Carmen,« sagte sie ruhig, »du wirst das nie wieder tun. Nie mir wieder
Sorgen machen. Du bist doch mein großes, vernünftiges Mädchen und
weißt, daß die Mutter dann allein ist. Ich will dir heute die Strafe
erlassen. Aber nie wieder etwas tun, ohne daß die Mutter davon weiß.
Ich hätte doppelt darunter zu leiden. Und nun schnell deinen Kakao. Und
dann ins Bett.«
Als die Mutter nach einer Weile mit der dampfenden Tasse aus der Küche
hereinkam, saß die Kleine, die Arme aufgestemmt, am Tisch und baumelte
mit den Beinen.
»Du, Mutter, ich stand ganz vorn, als der Vater am Gürzenich vorfuhr.
Er hat mich erkannt.«
Die Tasse zitterte und klirrte ein wenig, als sie hingesetzt wurde.
»Woher willst du das wissen ...?«
»Er hat mir zugenickt und gelacht.«
»Und — gelacht — —?«
»Weil er sich so gefreut hat, mich zu sehen.«
»Und — und gesprochen hat er nicht mit dir?«
»Du, Mutter, er kam ja schon zu spät. Alle Leute waren schon drin im
Saal. Hundert Wagen sind vorgefahren. Und die Leute waren so fein wie
bei ’ner Hochzeit.«
»Er kam zu spät,« wiederholte die Frau und atmete tief. »Ich wußte ja,
daß er keine Zeit mehr gehabt hatte.«
»Und so viele Leute standen vor dem Gürzenich, Mutter. Nur um den Vater
zu sehen. Und als er hineinging, riefen sie alle: ›Guten Abend, Herr
Doktor Otten!‹ Und da hat er wieder gelacht.«
»Hat er wieder gelacht? So fröhlich war der Vater?«
»›Guten Abend, Herr Doktor Otten,‹ riefen sie alle.«
»Da warst du wohl stolz — —?«
»Er war aber auch der schönste,« und sie aß das letzte Stück Zwieback.
»Du eitler Narr,« sagte die Frau und fuhr dem Kind durch die schwarze
Lockenfülle. Ihre Augen sahen in die Weite und trugen wieder den
seltsamen Schimmer. — —
»Mutter,« begann die Kleine aufs neue, »das ist aber doch nicht wahr?«
»Was soll nicht wahr sein, Kind ...?«
»Was der Laurenz gesagt hat.«
»Und was hat der Laurenz gesagt?«
»Er hat gefragt, und der Moritz war dabei: ›Ist denn der Herr Doktor
Otten überhaupt dein Vater?‹«
Die Frau fuhr zusammen. Ihre Gesichtszüge strafften sich. Sie tat sich
Gewalt an, den furchtbaren Schrecken zu bemeistern. »Was — ist das? —
Was führt ihr — für Gespräche?«
»Der Laurenz hat gesagt: Künstler hätten nie richtige Frauen und daher
auch keine richtigen Kinder.«
»Und da — hast du mit dem ungezogenen Jungen noch gespielt — und bist
mit ihm auf die Hohestraße gelaufen?«
»Das war doch nachher. Vorher hab’ ich ihn gekratzt und ihn in die
Haare gerissen.«
»Und der Moritz —?«
»Der hat mir geholfen.«
»Da siehst du es,« sagte die Frau und zwang den erregten Atem. »Da
siehst du es. Der Moritz ist älter und vernünftiger. Der hat seinen
Vater lieb. Und wer seinen Vater lieb hat, der weiß überhaupt gar
nichts anderes. Der würde sich schämen, auch nur im Scherz über seinen
Vater zu sprechen. Und gar über deinen Vater ...«
»Mutter,« rief die Kleine erschrocken, »ich hab’s ja auch gar nicht
getan! Und der Laurenz hat sich nur geärgert, weil ich gesagt hab’,
mein Vater wär’ mehr als der seine. Gelt, Mutter, das ist er auch?«
»Ach, du!« stieß die Frau hervor, griff mit beiden Händen den Kopf des
Kindes und preßte ihn gegen ihre Brust.
Die Kleine lag ganz ruhig. Sie fühlte sich wohl an der weichen,
schwellenden Mutterbrust, in der es so geheimnisvoll klopfte und
pochte. Und der kühle Seidenstoff schmeichelte ihrer Wange.
»Wie schön bist du, Mutter. Weshalb hast du dich so schön gemacht?«
»Weil der Vater kommt.«
»Dann mußt du mich aber auch schön machen.«
»O, du liebe Eitelkeit, ich bring’ dich jetzt ins Bett.«
»Wird der Vater denn an mein Bett kommen?«
»Gewiß, gewiß, er wird an dein Bett kommen.«
»Dann mußt du mir aber ein frisches Nachtkleid anziehen. Und die rote
Schleife ins Haar!«
»Willst du dann aber auch einschlafen?«
»Wenn ich kann — —.«
»Ich hol’ es dir herunter. Lauf in die Küche und zieh dich aus. Dort
ist es wärmer. Ich werde dich schnell noch waschen. Aber ganz schnell,
damit der Vater uns nicht überrascht.«
»Ich muß ihr heute den Willen tun,« beruhigte sie sich, als sie in der
Giebelstube das neue Nachtkleidchen hervorholte, und eine feine Röte
kam und ging auf ihrem Gesicht. »Ich mach’ es ja selbst nicht besser
...«
Carmen stand bereits ausgezogen vor einer kleinen Blechwanne, die sie
voll Wasser gefüllt hatte. Die Tropfen spritzten um ihre schlanken,
gelenkigen Glieder. »Du brauchst mir nicht zu helfen, Mutter, ich bin
schon fertig.«
»Ich reib’ dich ab. Du bist ein Leichtsinn.«
Sie hüllte den schauernden Kinderkörper in ein Badetuch, hob ihr Kleid,
als sie auf einem Vorlegeteppich niederkniete, und rieb die Kleine
trocken. Durch das Tuch spürte sie bald die Wärme der Glieder. Da warf
sie das Tuch beiseite, zog mit einer heftigen Bewegung das zappelnde
Kind an sich und bedeckte es mit Küssen.
»Was ist das nur,« schoß es ihr durch den Sinn, »daß man sein Kind so
lieb hat? Ist es das Kind selbst? Oder ist es der Vater —?«
»Abmarschiert,« sagte sie und schloß den Knopf des Nachtkleidchens.
»Noch die rote Schleife, Mutter.«
»Schön, auch noch die Schleife.«
»Der Klaus soll mich herauftragen.«
»Kind, jetzt gibst du Ruhe. Du mußt den Abend nicht so ausnutzen.«
»Aber wenn der Klaus mich heraufträgt, schlaf’ ich auch schneller ein.«
»Versprichst du mir das?«
»Ja — — er soll mir nur noch eine Geschichte erzählen.«
Sie ging zur Tür. »Nur damit der Joseph alles in Ordnung findet,«
gestand sie sich. Und sie rief in den Hausflur hinab: »Klaus — Klaus,
sind Sie noch auf?«
»Wat sall et sinn, jung’ Frau?« scholl es herauf.
»Klaus, die Carmen will sich nur von Ihnen ins Bett bringen lassen.«
»Op der Stell’ kommen ich.«