„Nie wo anders.“
„Erzähle weiter, Renée.“
Renée sagte: „Manchmal bei ruhiger See fahren wir ganz weit ins Meer
hinein nach irgend einer Insel zu, und dann haben wir Essen und Wein im
Boot, und wenn wir zurückkommen, ist es schon Nacht. – Ich glaube, auf
dem Wasser ist die Nacht sehr schön.“
„Ja,“ sagte Yvonne.
„Ich glaube, man könnte draußen bleiben, bis es Tag wird, wenn man
Kissen mitnähme und Decken. – Du liegst dann im Boot, und ich mache dir
von Decken und Kissen ein ganz ordentliches Lager, ganz so schön wie
dein Bett.“
„Ach, viel schöner als mein langweiliges Bett,“ sagte Yvonne.
Renée lachte. „Natürlich. O, ich kann es mir so schön ausdenken: über
dir stehen die Sterne.
„Dann sollst du auch deinen Kopf in meinen Schoß legen oder in meine
Hände.“
„In deine Hände, Renée?“
„Vielleicht wäre dir das gar nicht so bequem, wie ich eben dachte,“
sagte Renée.
„O, es wäre gewiß wunderschön.“
Immer sah Renée ihre schönen, stillen Hände – aber manchmal bewegten
sich doch ihre Hände. Wenn es schon dämmrig war. Und einmal, als Renée
zufällig hinsah, da bebten sie – nur ganz wenig, aber so, daß Renée es
sah.
„Was hast du? Hast du Schmerzen?“
Yvonne schüttelte den Kopf. „Nein, keine Schmerzen. Es ist nur
Ungeduld.“
„Warum liegst du so viel im Zimmer? Das ist dir nicht gut, glaube ich,
Yvonne.“
„Bald stehe ich auf,“ sagte Yvonne.
Alle Tage kam Geldern. Renée sah ihn nie. Sie wartete immer auf ihn und
wollte ihn sprechen, fragen – aber er lief mit einem Gruß und wenigen
Worten davon. Wie sonderbar er war. Renée dachte: Ob er mir irgendwie
böse ist? – Einmal traf sie ihn, als er ging. Sie sagte: „Sie dürfen mir
nicht fortlaufen, Herr von Geldern. Ich muß einmal sprechen mit Ihnen.“
Er stand vor ihr und schwieg. Renée meinte, daß er sie sonderbar ansähe.
Denn er hatte das Gesicht halb weggewandt, und dennoch blickten seine
Augen auf Renée.
„Was ist es, was hat Yvonne?“
Geldern sah vor sich nieder. Er stieß seinen Stock auf die Spitze seines
Schuhs nieder, immer wieder mit einem kleinen, irritierenden Laut
stampfte er den Stock nieder.
„Ich weiß, daß Sie mir dabei etwas verstecken, Herr von Geldern. Ich
sehe, daß sie krank ist.“
Er lachte auf: „Sehn Sie das wirklich? Sahn Sie das auch, als Sie es
zuließen, daß Yvonne am Spätabend vom Hotel nach Hauteville ging?“
„Nein. Ich wußte ja nichts. Aber nun sehe ich es doch.“
„Gut dann. Warum fragen Sie mich noch?“
„Ich werde Yvonne selber fragen.“
Geldern griff nach ihrer Hand, er sprach in großer Erregung: „Sie dürfen
das nicht, Fräulein von Catte, versprechen Sie es mir. – O, Sie dürfen
nicht.“
„Dann sollen Sie es mir sagen.“ Geldern nickte. Sie gingen den
Wiesenweg, der zum Bahnhof führt.
„Yvonne will nicht, daß Sie es erfahren. ‚Sie sollen Renée die Freude
nicht verderben‘, sagt sie. ‚Denn Renée denkt es sich gerne aus. Renée
denkt sich so gerne Märchen aus von dem Leben. Sie sieht doch bald
genug, wie es ist. Renée soll Freude haben, Renée soll nicht beschwert
werden.‘
„Yvonne sagt: ‚Wenn ich sterbe, darf Renée nicht hier sein. Nein. Sie
würde das schwer vergessen, weil es sehr schrecklich aussieht. – Sie
soll es auch nicht gleich erfahren. – Man soll es ihr zusammen mit
irgend einer großen Freude sagen. Man muß eine Freude finden für sie.‘“
Geldern schwieg, dann kam ihm das Schluchzen und Tränen.
Renée weinte nicht. Sie ging fort.
Schnell ging sie. Im Wald stand sie still. Dann kam es, daß sie wankte
und daß ihre Füße begannen zu zittern, als verschöbe sich der Boden, auf
dem sie stand – sie griff nach den Baumstämmen, irgend ein großer Stamm
hielt sie auf.
„Wenn ich sterbe“ – Renée sprach es sich vor. Es klang, aber es wollte
nicht hinein in ihr Herz. Ihr Herz hörte es nicht, es lächelte dazu, es
lächelte zärtlich, ihr Herz. –
Sie _mußte_ es auffassen, sie mußte es richtig überdenken, eins nach dem
andern. Sie dachte, wie weiß und still Yvonnes Hände waren. War das,
weil sie sterben würde?
Waren ihre Augen so weich und schön, weil sie sterben würde – und sprach
sie darum so sanft und leise?
O, war all diese süße Schönheit vom Sterben gekommen?
„Bist du müde, Renée?“
Renée sah sie an. Renée war bei ihren um ruhigen Gedanken. „Nein,“
antwortete sie.
„Erzähle, Renée, wo werden wir im Sommer sein?“
Renée versuchte zu lächeln, sie konnte lächeln, ihr Herz glaubte es ja
gar nicht.
„Gehn wir am Ende da in meine Heimat,“ sagte Renée. „Dann nehmen wir
irgend ein Haus, das an einem See steht, weißt du, das tun wir wegen der
Abende. Denn da geht die Sonne unter ganz rot wie von Feuer und schöne,
feurige Lichter kommen auf die Kiefern. Die Stämme können aussehn wie
Fackeln, wenn die Sonne so untergeht –.“
„Das ist schön, wenn die Bäume Fackeln sind.“
„Willst du das sehn – ja – o, schön ist es,“ sagte Renée, und wieder
lächelte sie, denn ihr Herz war leicht und zärtlich.
„Und warum sollten wir nachts in das Haus gehn. Wir haben da einen
offenen Balkon am See, – da schlafen wir. Und ehe man einschläft, sieht
man nichts als Sterne, denn man liegt und hat das Gesicht nach dem
Himmel gewandt.
Und morgens, wenn man aufwacht, dann ist der Himmel weiß-blau und ein
wenig dunstig noch – und seitwärts verblaßt ein weißer Mond.“
„O, wie schön du sprichst, Renée. Ich liege mit geschlossenen Augen und
denke deinen Worten nach, ich lebe in ihnen, so als wäre ich blind und
nur du sähest.“ Yvonne lächelte. „So weit geht diese wunderliche
Täuschung, daß ich die Luft solcher Sommernächte spüre.“
„O, die ist gut und weich,“ sagte Renée, „die spürt man kaum. Gar kein
Schirokko ist da, der diese dumpfen Stöße tut.“
„Nein, die Winde in Deutschland sind nicht böse und unheimlich. Sie
kommen groß dahergefegt und machen es kalt und wirbeln mit trockenen
Blättern. – Und wenn sie sich warm anfühlen, dann ist es, weil die Sonne
so warm ist,“ sagte Yvonne.
Renée schwieg. Renée wollte doch weiter erzählen von zu Hause, von
Groß-Gehren, das sie Yvonne zeigen würde, sie hatte doch weiter sprechen
wollen, und nun schwieg sie, warum schwieg sie? – Eine Angst stieg auf
in ihrem Herzen, eine unruhige Angst. Ihr Herz wollte weinen.
Renée stand auf und ging zum Fenster. Sie stand dort. Nicht daß sie
weinte, richtige Tränen waren es nicht, nur sie fühlte, daß ihre Augen
zitterten, und gewiß sah ihr Gesicht traurig aus, obwohl sie das gar
nicht wollte.
Eine Regenzeit kam. Eine Zeit, wo der See unten schwarz aussah oder grau
mit weißen Schaumkämmen. Tag und Nacht raschelten die Bäume im Garten
ihre Zweige aneinander, Tag und Nacht klapperte der Regen auf der
Steinterrasse, rauschte der Regen. –
Yvonne lag unruhig. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah hinaus,
immer hinaus, so, als müsse sie einem Dinge nachsehen, das draußen
verginge in den Kronen der großen Bäume.
Geldern war bei ihr. Er ging nicht mehr fort. Er war in ihrer Nähe. Er
stapfte hin und her vor der Terrasse im Regen. Das Wasser prasselte auf
seinen Hut und Mantel.
Manchmal stand er still und sah auf das Haus.
„Erzähle mir, Renée, sag etwas, du sprichst nicht.“