Yvonne sagte: „Es ist nicht gut, nicht gut.“

Dann – was geschah? Renée saß neben ihr, lange neben ihr, während sie

schwiegen, während es ganz dunkel wurde draußen.

Renée sah sie an. Sah ihr weißes Gesicht und die geschlossenen Augen – –

Dann stand Renée auf, weil es schon spät war, und ging, ging durch den

Garten fort und nahm von den Blüten, die über den Weg hingen, die

streichelte sie.

Am nächsten Tag sprach Doktor von Geldern Renée an: „Nun, Ihre Frau

Schwägerin erzählte mir, daß Sie gestern in Hauteville waren. – War es

schön?“

„Ja,“ sagte Renée und lächelte.

„Wie ging es ihr?“ – „Gut wohl,“ sagte Renée.

Er frug, ob sie im Garten gewesen wären, wie lange Renée da war, und

Renée sprach davon, hörte sich zu, hörte ihren glückseligen Worten zu.

„Und nun?“ frug Geldern. Renée sah ihn an, erschrak. Sie sagte: „Ich

weiß nicht, ob ich wiederkommen soll.“

„Mögen Sie mich ein Stück begleiten, Fräulein von Catte?“ frug Geldern,

„ich gehe eben hinauf nach Hauteville.“

Renée ging mit ihm. – „Ich muß gekränkt sein,“ begann er, „daß Sie nun

so ganz ohne meine Vermittlung zu Ihrem Ziel gelangt sind. Ja, wir

vermitteln so gerne. Irgend etwas von der Freude dessen, der es uns

schuldet, kommt dann auch zu uns. – Es ist dies: Ich kenne keinen

Menschen wie Yvonne Capeller. Nein, nein. Denn die Einsamen, die ich

kenne, sind einsam auf eine sehr andere Weise. Sind es ^faute de mieux^.

Weil das Leben ihnen sich versagte oder weil sie in irgend einem Sinne

nicht weiterkommen konnten. _Sie_ nicht. Sie ist mit Willen einsam. Sie

ist es in einer stillen und selbstverständlichen Art. So als wären alle

andern spielende Kinder und sie der einzige ernste Mensch – aber

vielleicht ist das ein sehr dummer Vergleich.“

Renée sagte: „Ja, man fühlt es. Da ist eine Stille und dann diese

Einsamkeit, von der Sie reden, die ist um sie herum, und es macht

traurig und sehr hoffnungslos. Man fühlt es so, wie sehr anders stark

und still und schön sie ist als wir.“

Sie waren nah dem Garten, dort trennten sie sich.

Renée sah, wie Doktor von Geldern hineinging, hörte, wie er die Tür

schloß. Er mußte zurückkommen. Gewiß, er würde kommen.

Renée wartete. Manchmal sah sie die Allee herunter. Nichts – niemand.

Sie wartete viele Stunden.

Abend war es, als er zurückkam. So tiefer Abend, daß Renée ihn nicht

einmal kommen sah, sie hörte seine Schritte, unruhige Schritte. Er kam

durch die Allee und bog ein in den Kiesweg draußen – er sah nicht auf.

„Doktor von Geldern.“ – „Sie? Wo kommen Sie her?“ – „Ich wollte Sie

fragen,“ antwortete Renée. „Es geht ihr nicht gut,“ sagte Doktor von

Geldern. „Ich soll Ihnen Grüße sagen. Sie will einige Tage zu Bett

bleiben.“

„Ist es schlimm?“ frug Renée. Doktor von Geldern sah sie an. Ein

sonderbar gequälter Ausdruck war in seinem Gesicht, aber er lächelte

doch. Er antwortete: „Nein, es ist wohl vorübergehend.“

„Was haben Sie, Doktor von Geldern? Was ist?“

Er wandte den Kopf zur Seite, als er weitersprach.

„Was soll denn sein? – Habe ich irgend etwas gesagt? Nun, das ist, ich

bin etwas präokkupiert. Im Kurhaus sind eben ein paar sehr schwere Fälle

– ja, das geht einem dann so im Kopfe herum.“ –

„Wir wollen übermorgen abreisen, denke ich,“ sagte Sarah. „Ich meine so:

ein paar Tage Genf und dann Dijon-Paris. – Nun, was denkst du, Renée?“

„O, ich möchte noch bleiben.“

Sarah sprach dagegen. Das Essen war so langweilig und schlecht hier.

Mein Gott, und diese ewige feuchte Luft. „Meine Erkältung,“ sagte Sarah,

„hat sich in letzter Zeit verschlimmert.“

„Aber zuerst tat dir das Klima doch gut,“ meinte Renée, „und gerade

Paris!“

Sarah antwortete gereizt. Das könnte sie doch wohl besser beurteilen, da

Renée noch niemals in Paris gewesen sei. Sarah sagte: „Wenn du Dinge von

mir verlangst, die meiner Gesundheit schaden, dann muß ich dir eben

entgegentreten. Ich kann auch das viele Alleinsein nicht aushalten.“

„Aber ich bin doch da.“

Sarah fuhr auf: „Ja – ja, du läufst den ganzen Tag mit diesem faden

Doktor um den See herum. – Das ist eben nicht das Richtige für einen

Patienten: – das Alleinsein.“

Renée war sehr niedergeschlagen, und sie wußte gar nichts zu entgegnen.

Es ging wie über sie und ihren Willen hinweg.

Die Jungfer kniete vor den riesigen Koffern und legte Sarahs Kleider

hinein, die in weißen Stoffhüllen staken.

Sarah lag auf dem Sofa mit einem Buch, und manchmal sah sie gelangweilt

hinüber zu der Jungfer und den Stoffhüllen.

Renée sagte: „Laß uns dann erst übermorgen fahren. Luise wird bis dahin

auch besser fertig.“

„Ich bin noch heute abend fertig, wenn die gnädige Frau befehlen,“ sagte

die Jungfer.

Sarah lächelte Renée zu. Sie sagte: „Ich habe im Hotel bereits

bestellt.“

„Aber ich mag noch nicht. Ich mag nicht,“ sagte Renée leise und dicht an

Sarahs Ohr. Sarah lachte. „Puh, was macht man – muß man da zum lieben

Gott beten? Muß man beten: gib, lieber Gott, daß Renée keine Laune

bekommt, Amen?“

Renée schwieg. Ihr stieg eine Wut auf gegen diesen Menschen, der nichts

ernst nahm, der alles abtat mit spielerischen Worten, ein großer Zorn

gegen diese lächerliche Ohnmacht ihrer eignen Situation. Immer wurde

alles nichts vor Sarah, alles wurde zu einem kindischen Kram. – –

Renée ging nach Hauteville. Sie wollte Yvonne Capeller noch sehen. Sie

konnte so nicht fort. Die alte Frau empfing sie. Renée wartete eine

Weile im Gartensaal. Dann kam Yvonne.

Yvonne war blasser als sonst, und sie sprach sehr leise. Manchmal,

während sie sprach, stieg das Blut in ihr Gesicht und schwand wieder.

Dann war ihr Gesicht ganz weiß.

Renée sagte ihr, daß sie übermorgen fortreisten. „Kommen Sie niemals

nach Deutschland?“ frug Renée.

Yvonne Capeller lächelte und schüttelte den Kopf.

„Wo sind Sie im Sommer?“ frug Renée.

„Im Wald oder am Meer.“

Renée sagte: „Doktor von Geldern sagte, daß Sie sich nicht gut fühlten,

und nun, wenn ich hier bin, vielleicht greift es Sie an; soll ich lieber

wieder gehen?“

Yvonne wandte das Gesicht fort. Renée sah, daß sie errötete.

„Was hat Geldern Ihnen gesagt?“ frug sie.

Renée erzählte. Er hatte nichts Bestimmtes geäußert, nur – Renée

fürchtete, es würde ihr zuviel, sollte nicht Renée lieber gehn.

Yvonne antwortete nicht. Sie stand auf und ging langsam zum Fenster und

stand eben da, wo Renée den ersten Abend gestanden hatte.

Dann begann sie zu sprechen. Sie sprach leise, Renée konnte sie kaum

verstehn. Sie sagte: „Ich weiß es nicht, was Geldern Ihnen gesagt hat.

Aber eines muß ich Ihnen nun sagen, und es geht nur langsam, weil ich

fühle, dies zu sagen ist schwer.

„Ich _will_ nicht, daß Sie zu mir kommen, ich _will_ nicht, daß Sie

irgend ein Interesse an mir nehmen – will nicht! Sie sollen nicht bei

mir Halt machen, Sie sollen mich nicht lieb haben.“

O, wie sie sprach, wie stark und fein klang doch jedes einzelne ihrer

Worte.

Yvonne sah auf den Boden nieder, und ihre Arme, die sie auf das

Fenstersims stützte, bebten, während sie sprach.

Renée begriff nicht. Renée sah sie an, wie ihre Lippen aufzuckten.

Yvonne warf den Kopf zurück, ihre Augen waren geschlossen. Auf ihrer

Stirn über den Augen hing Haar, das sich gelöst hatte, einen zärtlichen

Schatten warf es auf ihr Gesicht.

„Sie sollen nicht. Ich will nicht mit dem Leben zu tun haben. Was will

es von mir? Warum schickt es Sie – Sie – o, alles was Sie tun und jedes

einzelne von Ihren Worten greift nach mir. Und ich weiß, daß Sie

fortgehn müssen.“

Renée stand auf. Ein Brausen kam in ihre Gedanken, und sie konnte den

Sinn der Worte nicht aufnehmen. Da war eine törichte und unbegreifliche

Schwäche in ihr. Was sie sagen wollte, klang nicht, wurde nicht laut –

blieb zurück in ihrem unruhigen Herzen. Sie ging zu Yvonne. Yvonne

schwieg, stand mit geschlossenen Augen, ohne sich zu bewegen, während

das Beben von ihren Armen an ihrem Körper entlang kroch.

Dann tat sie die Augen auf. Und Renée sah in ihre Augen. Brannten sie

nicht? Sie sahen aus, als ob sie ganz trocken und heiß wären.

Das Leben der Renée von Catte · 第 52 / 74 题