Renée griff nach ihrer Hand. Und hielt sie. Dann fühlte sie, wie diese
Hand sich regte, langsam zog Yvonne die Hand zurück. Sie sagte: „Sie
müssen gehn – o, Sie müssen gehn.“ –
Warum war Renée gegangen? – Wie – wer konnte sie gehen heißen?
Die graue Allee lag ruhig und halbverdunkelt von den Baumschatten, und
Renée ging. Wollte Halt machen, zurücklaufen – ging vorwärts, als trügen
sie fremde Füße.
Was war geschehn. – Hatte sie nicht einen Augenblick in irgend einem
Spiegel ihr eignes weinendes Gesicht gesehn, als sie vorbeilief – und
ihr Gesicht war feucht von Tränen.
Warum ging sie denn auf diesen fremden Füßen, die nicht anhalten
wollten. – –
Am kommenden Morgen wollte Sarah reisen mit dem Schnellzug. Zwei Tage
würden sie dann in Genf sein. Sarah hatte die Baronin d’Auvergnes und
einige andere Hotelgäste zum Tee, und diese Hotelgäste würden morgen an
die Bahn kommen und sie würden Blumen bringen natürlich für Sarah.
Blumen, die man nachher in der Eisenbahn liegen ließ.
Sarah sprach von Paris, notierte lange Zettel von Besorgungen und
sammelte Empfehlungen, wo man dies und das kaufte.
Sollte sie zu Frères Boiseron gehn, wirklich, also dort war die größte
Auswahl?
Baronin d’Auvergnes nannte sogar einige befreundete Häuser. Madame
François Echelles würde sich glücklich schätzen, wenn Sarah –
Renée saß in der Nähe des Fensters neben einem Neffen der Gräfin
Pourtalès und sah gedankenlos auf die Straße. Manchmal redete ihr
Nachbar sie an. Sie konnte meist nicht antworten, weil sie zu spät
aufgepaßt hatte – dann endlich gab sie sich Mühe und begann aufzupassen,
aber nun redete ihr Nachbar sie nicht mehr an, sondern verfolgte mit
krampfartigem Grinsen die Unterhaltung der andern.
Doktor von Geldern kam. Er hatte sehr lange gesagt, daß er leider sich
nicht würde frei machen können, so lange, bis Sarah gerade einen Sport
darin sah, ihn zu zwingen, daß er sich frei machte.
Doktor von Geldern überreichte Sarah Blumen. Er würde leider morgen früh
nicht mehr die Ehre haben.
„Na na,“ sagte Baronin d’Auvergnes, indem sie schalkhaft mit dem Finger
drohte. Doktor von Geldern sah ihr gerade ins Gesicht. „Frau Baronin
sind außerordentlich schelmisch,“ sagte er, „ja wirklich, indessen hier
ist es nicht am Platze.“
Baronin d’Auvergnes öffnete den Mund und schloß ihn erst nach einigen
Minuten wieder, Gräfin Pourtalès blickte ihren Neffen demonstrativ an
und hustete, und Sarah machte das sprachloseste Gesicht, das Renée je
von ihr gesehen hatte.
Geldern kümmerte sich nicht darum. Er lächelte verbindlich und setzte
sich neben Renée.
Als die Unterhaltung wieder laut wurde, sagte Renée: „Warum sind Sie so
grob gewesen, Herr von Geldern?“
„Aber diese Andeutungen sind unverschämt.“
„Alte Damen führen doch immer solche albernen Reden.“
„Zu mir sollen sie sich das eben nicht erlauben,“ sagte Geldern, „ich
bin kein solch Firlefanz!“
„Haben Sie Yvonne Capeller heute gesehn?“ frug Renée.
Er errötete und lächelte. – „Yvonne Capeller war krank heut früh. Ich
hörte von der Alten, daß Sie da waren gestern. Und nun muß Yvonne
unbedingt einige Tage liegen und Ruhe halten, Fräulein von Catte.“
„Aber ich kann auch ruhig bei ihr sitzen, nur ganz kurz, nur eine halbe
Stunde.“
„Nein. Nicht. Es wäre ihr schädlich. Nicht wahr, kann sich der Arzt
darauf verlassen?“
„Wollen Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen?“
„Weil sie ernstlich erkranken würde und weil es Gefahr für sie hätte.
Sie würde ja auch nicht ruhig zu Bett liegen, sie würde nicht.“
„Ich will gewiß nicht hingehn, wenn es so ist,“ sagte Renée.
Geldern nickte. „Sehn Sie,“ sagte er, „Yvonne will so schon niemals
liegen. Sie haßt jede Erinnerung an Krankheit und Unvermögen. Und das
Leben ist ihr so sehr bedeutungslos.“
„Ist sie sehr krank?“ frug Renée.
Geldern sah sie an, dann wandte er den Kopf – er sagte: „O nein, ich
sorge mich nur, ich habe sie sehr lieb, wie Sie wissen.“ –
Graf Pourtalès redete Renée an: Ob Renée Genf bereits kenne. Er empfahl
eine Promenade auf der Jetée, am Abend natürlich – ja und das Schloß
Rousseaus sei äußerst beachtenswert.
„Sie werden von Ihrem Hotel die Stelle am Kai sehen, wo die unglückliche
Kaiserin einer Bubenhand zum Opfer fiel,“ sagte Graf Pourtalès – „Auch
das Monument Brunswick dürfte Sie als Deutsche“ – er unterbrach seinen
Satz, sprang auf und überreichte Renée eine Karte, die ihm eben der
Kellner gegeben hatte. Renée las: Yvonne Capeller – und Geldern sah es.
„Wie,“ sagte Geldern, „meint das, sie ist hier?“ Er sprang hastig auf,
Renée folgte ihm.
Draußen kam ihr Yvonne entgegen.
Geldern ging voran, er öffnete die Tür zu Renées Zimmer, er schob ihr
einen Sessel vor.
„Was tun Sie?“ fragte er, „Yvonne, wie konnten Sie?“
Sie legte langsam die Hand auf seinen Arm, sie sagte nichts. Aber Renée
stand an der Tür. Yvonne Capeller wandte die Augen und lächelte Renée
zu.
Dann ging Geldern. Er wolle sie erwarten, sagte er.
Einen Augenblick schwiegen sie. Dann – „Ich konnte es nicht,“ sagte
Yvonne. „Ich wollte wohl. Habe ich viele törichte Dinge gesagt gestern
abend – habe ich –“
Renée kam zu ihr und nahm ihre Hand und küßte sie.
„Ich wollte ausweichen,“ sagte Yvonne, „aber es ergriff mich und brachte
mich her – du – du, Renée!“
Yvonne lehnte den Kopf zurück. Still saß sie, und sie sah Renée an mit
ihren lächelnden Augen.
Brauchte man gar nicht zu sprechen, konnte man so neben einem Menschen
sein und seine Hand halten und ihm in die Augen sehen – so wie Renée
jetzt tat – und war dann alles gut? –
„Du hast lächelnde Augen,“ sagte Renée, „von deiner Hand kommt es so gut
und warm in meine.“
„Du lachst ja mit den Augen, Renée, du bist es, die lacht.“
Renée sagte: „Siehst du den See? Bald werden die Berge rot drüben. Dann
habe ich immer an deinen Namen gedacht.“
„Nicht an mich?“