„Findest du? Ich finde nicht.“ Sarah sagte das. Ja – hatte Renée denn
laut gesprochen? – Renée lachte über sich selbst.
„Ich finde es fürchterlich langweilig hier, und ewig geht diese dumme
‚Bise‘. Man muß fortwährend den Hut halten.“
„Nimm ihn doch ab!“ – „Wie kann ich das,“ antwortete Sarah entrüstet.
Renée ging über den Markt, weiter durch einen kleinen Wald. Sie wollte
nach dem Schlößchen. Im Bädeker stand: ‚Unweit des Bahnhofes liegt das
reizende Schlößchen Hauteville, im Rokokostil erbaut, mit schönem Park.‘
Man mußte doch das ‚reizende Schlößchen‘ ansehn.
Eine gerade, geschnittene Hecke von Taxus führte zum Portal. Renée trat
heran. Es war ein wunderhübsches, kleines Schloß, hellgetönt mit weißen
Fenstern. Es war mit lila Vorhängen dicht verhangen nach der Hofseite.
Auf dem Dach standen Figuren. Renée ging zum Eingang. Sie wollte es doch
sehn von innen. Natürlich wollte sie. Sie klingelte drei-, viermal. Die
Tür blieb verschlossen. Ein Fenster klappte, eine dicke, alte Frau
steckte den Kopf heraus. „Nix da, lassen Sie das Klingeln,“ schrie die
Alte. „Hier ist zu.“
„Ich wollte gern das Schloß sehen.“ – „Das is nu mal nicht zu sehen,“
zeterte die Alte. Dann warf sie das Fenster zu. Renée schimpfte draußen
nach der Richtung hin, wo sie herausgesehn hatte, und ging in den
Garten. Der Garten war vielleicht auch nicht zu sehen, aber da er offen
war –
Ein so schöner Garten! Er hatte gerade Hecken von Tuja, die in
Rosengänge hineinführten. Er hatte ein kleines Wasser mit Trauerweiden
darüber; die Weiden waren noch kahl. Und er hatte eine große Platane,
unter der stand eine runde, weiße Bank. Renée setzte sich. Warum etwa
sollte sie das nicht? Es war ja niemand da, und der alten Hexe konnte es
doch ganz gleich sein, außerdem merkte sie es ja gar nicht. Um die Bank
herum lagen noch die Herbstblätter. Es war ja fast noch Winter, aber der
Rasen sah bunt aus. Da waren Anemonen und Krokus, und da waren Veilchen.
Renée ging weiter, ging auf einen Hügel zu. Da stand ein kleiner
kreisrunder Tempel mit einem Dach auf sechs Säulen, und daneben war ein
riesiger Busch von dunklem Bux.
Renée stand unten am Hügel und sah es an und fand, es war sehr schön.
Lange saß sie auf den Stufen des kleinen Tempels.
Als sie zurückging, kam ihr jemand entgegen. Wer das wohl war? Eine
junge Frau, die einen braunen Pelzmantel trug. Sie stützte sich auf
einen weißen Stock, und neben ihr ging langsam und würdevoll ein großer
Hund. Sie hatte dunkles Haar.
Renée sah sie kommen, blieb an der Wegseite und ließ sie vorbei. Der
Hund wandte ein wenig den Kopf nach Renée, die Frau zog ihn am Halsband
an sich. Sie sah mit einem Lächeln an Renée vorüber, Renée blieb stehn,
sah ihr nach.
Bei Tisch war Sarah ganz lustig: „Ich habe jemanden entdeckt, mit dem es
ganz nett werden kann,“ sagte sie. Sie zeigte Renée eine
schwarzgekleidete Dame, die allein saß. „Ich habe sie heut kennen
gelernt. Sie ist begeisterte und natürlich überzeugte Spiritistin.“
Nach einer Weile fuhr Sarah fort zu reden: „Wir wollen eine Séance
halten heut nachmittag, natürlich tust du mit – du, Renée, hörst du denn
nicht?“ Renée fuhr aus irgendwelchen Gedanken: „Ich? Ach, ich würde dir
abraten, Sarah. Es ist so peinlich. Und siehst du, ich möchte so ungern
damit zu tun haben.“
„Gott, wieso denn peinlich?“ Sarah lachte. „Ich denke es mir komisch.
Ich lasse sie ruhig machen, und innerlich amüsier ich mich fein.“
„Ja schon. Aber das ist eigentlich nicht fair, wenn die Leute es doch
einmal ernst nehmen.“